Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 36 (7.9.1917)
- Date
- 1917-09-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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IX Jahrgang — Nr. 36 National~jüdifches Organ erschein! wöchentlich einiria Redaktion: Wien II, Zirkusgasse Nr.33 Sprechstunden: Montag bis Freitag eon 2—4 Ühr, Sonntag von 11—12 Uhi Manuskripte werden, wenn unverlangt, ohne Rückporto nicht zurfickgesandt Redaktionsschluß Dienstag um 7 Uhr Fernsprech-Nummer 45-3-25 Mit der Beilage: Der Jüdifche Nationalfonds Wien, Freitag, 7. September 1917 / 20. Elul 5677 Einzelnummer 24 Heiter Geschäftsstelle: Wien ll/t, Zirkusg. 3~> Geschäftsstunden: Montag bis Freitag von 9—12 u. 3—7, Sonntag von 9—12 Bezugspreise: Ganzjährig K10.— halbjährig K 5.—, vierteljährig K 3.— Anzeigen und Beilagen nach Tan Postsparkassen-Konto 133.40* n 14- Aufruf des Engeren Aktionskomitees. — Immer — nur die Juden. — Den Herren Austerlitz und Diamand ins Stammbuch. — Recht und inila.il Vormundschaft. — Aus der jüdischen Welt — Dr. M. Levi, Mitglied des bosnischen Landtages. — Zionistische Bewegung. — Zionisten im Felde. — Nachruf auf A. Sternschein. — Ankündigungen und Berichte. Anfang August fand in Kopenhagen eine Tagung des Engeren Aktionskomitees statt, bei der beschlossen wurde, anlässlich der zwanzigsten Wiederkehr * des Eröffnungstages des' ersten Zionistenkongresses folgenden Aufruf zu - _ veröffentlichen: Zionisten! Zwanzig Jahre sind verflossen, seit auf den Ruf des unsterblichen Führers die Vertreter der Zionisten aus aller Welt zum ersten Mal im Stadtkasino zu 'Basel züsammentraten und das ganze jüdische Volk zur Einigkeit und organisierten Arbeit für die Wiedergeburt des Volkes und des Landes aufriefen. Mit Stolz und Freude darf die Zionistische Organisation heute den zurückgelegten Weg überblicken. Was in der Tiefe der Volksseele von jeher schlummerte, was auch vor Herzl in einer Reihe vereinzelter Versuche sich den Weg bahnte, das Streben nach der Erneuerung der jüdischen Nation in Palästina und durch Palästina, das ist im Laufe dieser Jahre zum unbeugsamen Volkswillen geworden, es hat die Juden der verschiedenen Länder vereinigt, eine Reihe nationaler Institutionen ins Leben gerufen, der Jugend den Inhalt und die Kraft des Lebens gegeben und ist schließlich ein Faktor der Weltpolitik geworden. Und dort im Lande Israels sind die in dieser Zeit geschaffenen Anfänge des neuen Lebens bereits so erstarkt, daß sie jedes Unwetter überstanden haben und zum Gegenstand der eifersüchtigen Liebe des ganzen Volkes geworden sind, aller seiner Schichten, auch derer, die dieses Gefühl mit Worten bestreiten. Der Zusammenhang zwischen Volk und Land, der eigentlich niemals gelöst wurde, der aber vielen Juden nur als geistiger, ja zuweilen nur als wesenloser Schatten aus ferner Vergangenheit vorschwebte, ist in unseren Tagen zu einer sichtbar wirkenden lebenzeugenden Kraft geworden. Ein jeder erkennt heute, was die Schaffung eines Zentrums in Palästina für das zerstreute Vo'k bedeutet. Darum hat es die Judenheit der ganzen Welt erschüttert, als die Kunde von dem Angriff auf die nationale Sprache im Lande Israels oder von der Gefahr, die unlängst über unserem jungen Jischub schwebte, zu ihr gelangte! Was dieser kleine Kern des neuen nationalen Lebens an Gutem und Bösem erlebt, das wird von unserem ganzen Volke mit Feude oder Schmerz mitempfunden. Und das Volk, das so empfindet, schart sich in immer dichteren Reihen um die blau-weiße Fahne. Keine Prüfungen, keine Versuchungen konnten es ablenken oder schwankend machen. Das großmütige Ugandaangebot, das so verlockend für ein heimatloses Volk sein konnte, der Tod des Führers in der Blüte seiner Jahre und seines Werkes, die Verfolgungen der Zionisten im alten Rußland — all dies konnte zeitweilig das Volkswerk schwächen, lieferte aber, auf die Dauer nur weitere Beweise der lebendigen Kraft unserer Bewegung. So wuchs mit den Jahren das zionistische Bewußtsein, erweiterte sich das Werk, erstarkten die Bande zwischen allen Gliedern des Volkes und zwischen dem Volke und dem Lande. Da kam plötzlich die Weltkatastrophe, die alles erschütterte und ins Wanken brachte- Auch uns bedrohte sie mit einer ernsten Gefahr. Alle diejenigen, die behauptet haben, der Zionismus sei ein künstliches Gebilde, dem »die innere Daseinsberechtigung und wahre Kraft fehle, äußerten die Ueberzeugung, daß nun, da alle Kräfte auf den Schlachtfeldern und hinter ihnen ganz dem Kriege gewidmet sind und sein müßen, der Zionismus bei Seite geschoben und verstummen würde. Die Wirklichkeit hat gerade das Gegenteil bewiesen. In den Schützengräben aller Fronten mit den Kampfgenossen durch Blut und Leiden eng zusammengekittet, haben die Juden dennoch und erst recht ihre Einsamkeit mit verstärktem Schmerz empfinden müssen. Und* jene grosse Sehnsucht nach dem organischen Zusammenhang mit dem einen Lande — dem alten Lande unseres Volkes — hat sich mit besonderer Stärke ihrer bemächtigt. Und was hinter den Fronten geschah, dieses Ringen aller Nationen nach eigenem nationalem Leben auf eigenem Boden förderte ebenfalls das Erstarken des zionistischen Gefühls, des zionistischen Denkens und der zionistischen Kräfte. Von allen Ländern, wo unser Volk zerstreut lebt, ertönt jetzt ein Ruf, unser Ruf: Dem Judenvolke muss der Weg ins Judenland freigemacht werden, damit beide neues Leben gewinnen. Dort will das Volk seine Kräfte konzentrieren, um endlich ein neues eigenes Leben für sich zu schaffen. Dieser Ruf ist die Forderung des ganzen Volkes geworden. Das Volk ist sicher, dass wenn diese Forderung vor den Friedenskongress gelangt, die Vertreter aller Völker, der souveränen wie auch der anderen, ihre Berechtigung anerkennen werden. Das jüdische Volk glaubt, dass der Krieg das Ende des ersten vorbereitenden Versuchsstadiums seiner Arbeit in Palästina bedeutet, und dass nach ihm das zweite einer freien grosszügigen Arbeit beginnen wird. Noch vor unseren Augen wird das Aufblühen unseres Landes beginnen und zu der Zeit, die in „Altneuland“ vorausgesagt wurde, wird ein Teil dessen verwirklicht werden, wovon der entschlummerte Führer mit solcher Sehnsucht und Liebe geträumt hat. Gesinnungsgenossen! Mit diesen Hoffnungen und Erwartungen stehen wir am Schlüsse des zweiten Dezenniums organisierter zionistischer Arbeit. Gleichzeitig geht auch das vierte Jahr zu Ende, seitdem die Organisation uns zur Leitung der Arbeit und des Schicksals der Bewegung berufen hat. Wahrhaftig, nicht leicht war die Last, die der XI. Kongress in diesen Jahren der Leitung auferlegt hat. Sie begannen mit einem inneren Kampf gegen die Stützen der Assimilation, für unsere nationale Sprache. Viel Schweres brachte uns dieser Kampf; doch er hat ein Ruhmesblatt in die Geschichte unserer Renaissance gefügt. Dann kam der Weltkrieg, der uns vor ernste und schwierige Aufgaben stellte und die Mitglieder der Leitung in verschiedene Länder zerstreute. Noch ist der Zeitpunkt nicht nahe, wo wir vor der Organisation Rechenschaft werden ablegen können. Doch, schon jetzt dürfen wir mit ruhigem Gewissen behaupten, dass wir in diesen vier Jahren in Einigkeit und sorgender Liebe zusammengewirkt haben, um das uns anvertraute nationale Eigentum zu schützen und zu erhalten, und dass wir gleichzeitig nicht aus dem Auge gelassen haben, was für die Vorbereitungen der grossen Zukunft erforderlich schien. Wir sind von dem Glauben durchdrungen, dass unser nächster Kongress das Urteil abgeben wird, dass die von Euch Gewählten in dieser schicksalsschweren Zeit ihre Pflicht erfüllt und die Wege zur lichten Zukunft freigemacht haben. Auf diese lichte Zukunft vertrauen wir nlit der ganzen Kraft unserer Seele, und in diesem Glauben wenden wir uns heute an Euch alle!