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Jüdische Zeitung · 1917-08-31 · 35 (31.8.1917) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
11 (1917)
Issue
35 (31.8.1917)
Date
1917-08-31
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 35 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 fangen, wie etwa' mit Menschen.die, weil sie orthodox-protestantisch sind, jede politische Arbeit im Verein mit der römischen Kirche von der.Hand weisen 'würden.'All diese Privatneigunig-n oder Abneigungen haben doch mit der Politik nichts zu tun, die ihre Mittel verwenden sollt, um einen großen Zweck zu dienen.“ Gerade dieser Artikel, von dem wir eine kleine, uns nicht tangierende Polemik mit der „Germania“ gestrichen haben, spricht u. E. den Standpunkt 'der Zionisten Mitteleuropas am 'besten aus. Zum Schlüsse wäre noch zu vermerken ein Aufsatz der '„D eutschen Warte“ vom 8. August unter dem Titel „Auch Israel?“ und ein Artikel des Herrn Dr. Albrecht Wirtb in den „Leipziger Neuesten "Na c h r i c h - ten“ vom 20. Juli, überschrieben 'Die Zionistenrepublik“, der aber auf ganz ungenügender Information beruht. Wir haben somit aufs neuerliche Beweise, wie stark sich die öffentliche Meinung bei unseren deutschen Bundesgenossen mit dem Problem des Zionismus in positivem Sinne beschäftigt. Wir haben sogar sicheren Grund anzunehmen, daß das Deutsche Auswärtige Amt seit längerer Zeit den zionistischen Zukunftsplänen seine besondere Beachtung zuwendet. Nur wir österreichischen Juden harren noch der Zeichen, daß unsere maßgebenden Kreise die Zionistische Bewegung in ihrer ganzen Bedeutung einzuschätzen wissen. Hoffen wir, daß auf sie die Pressestimmen aus Deutschland Eindrude machen. Plebiszit Das Wort ist nicht übermäßig schön. Es klingt an „Plebs“ an und stammt ja auch von ihr und „Plebs“ pflegt man ja nie ohne einen Anhauch von Geringschätzung auszusprechen. Und doch liegt in dem Worte ein hoher Ton: plebi scitum — es ist dem Volke bewußt geworden, das Volk hat mit ldarem_ Bewußtsein geurteilt und gesprochen. Ich lege auf (das „Sdtum“j auf das „Wissen“ den Ton: auf das Entscheiden aus Wissen. Gewiß haben Volksurteile häufig viel Anfechtbares und Unzuverlässiges an sich. Das Impulsive, das die Massenpsydie auszeichnet und in erster Linie charakterisiert, ist Zum mindesten keine Gewähr und keine Andeutung zur Gerechtigkeit und klarer Erwägung. Die Volks-* urteile haben denn auch nicht wenig Unheil schon angerichtet. Das „Plebiszit“ aber ist eine hohe und ehrwürdige Art von Urteil, mit der inneru ' Gewähr der Richtigkeit und der unmittelbaren Wahrhaftigkeit. Der Rahmen eines Zeitungsartikels ist sicherlich nicht der geeignete Ort, um in ihm theoretische Probleme von großer Tragweite anzuschneiden. Ich möchte deswegen in diesem Zusammenhänge keinen Diskurs anfangen über das, was die seelische Einheit des Volkes bildet, welches das Verhältnis der Volksseele zur Individualseele'bildet und ob überhaupt so etwas wie eine Volksseele gedanklich konstruierbar ist. Für die Erklärung der Impulsion und Eruption gewisser Vofksurteile (vom erwähnten janfechtbaren Charakter wäre übrigens eine Auseinandersetzung über alle diese schwierigen theoretischen Probleme von ausschlaggebender Bedeutung. Lege ich aber im1 Worte „Plebiszit“ den Nachdruck auf das „scire“, auf das bewußte Entscheiden einer großen Menge von Menschen, so 'haben wir es eben mit einer Alasse von jndividuen zu tim, auf die die verschlungenen Theorien der Massenpsychologie keine Anwendung haben. Der „conserisüs“ der großen Zahl bedeutet bloß den Durchbruch einer allgemeinen Erkenntnis, die eben Gemeingut Aller oder Vieler geworden ist. Darin liegt der hohe ethische Wert und die — vielleicht darf ich auch dieses große Wort gebrauchen! — erhabene Beweiskraft des Plebiszits. Etwas Allgemeinmenschliches ist in ihm zum Ausdruck gekommen! * Unsere Freunde in Polen haben den bewunderungswürdigen Mut gehabt, eine ihi^en heilige Idee der Volksabstimmung zu ‘unterwerfen. Wir haben alle — warum sollen wir es leugnen? — mit einiger Bangigkeit dem Ergebnisse des Versuchs, der das erstemal unternommen wurde, enfgegengesehen. Ist die Masse der "Juden schon wirklich zionismusreif? Wohlgemerkt: Die Gegen-Agitation von äußerst.echts und äußerstlinks haben wir nicht einen Augenblick gefürchtet. Das wußten wir längst: weder das glänzende Schwarz von Frankfurt am Main noch das matte Schwarz "von Gora Kahvärya — schlechtweg „Ger“ genannt — haben die Herrschaft über die Seele des einfachen, unverdorbenen und nicht verwachsenen Juden. Frankfurt und „Ger“ gebärden sich nur so selbstherrlich und selbstsicher, aber ihre Armee Ist klein, sehr klein, hüben und drüben. Wir hatten nur Angst vor dem „Kozer ruach“ und der „Abodah Kascha“, vor dem „kurzen Atem“ und der „schweren Not“, aus denen heraus auch Altisrael in Egypten dem Erlösungsnlfe so stumpf-teilnahmslos gegenüberstand. Wir fürchteten, daß die armen, hungrigen und gehetzten Juden die ihnen gestellte Frage, ob sie denn eine Wiedergeburt des jüdischen Volkes in Palästina ersehnen, nicht recht verstehen werden. Dann konnte die Antwort in der Tat sehr, sehr unerquicklich ausfalfen. Oder gar — es konnte eben die Frage unbeantwortet bleiben. Nun wir haben unser Volk noch immer, bei aller glühenden Liebe, die wir zu ihm haben, bei aller Verehrung, die wir seiner urjüdischen, unverdorbenen Seele entgegenbringen, nicht hoch genug eingeschätzt. Es lebt in ihm' unendlich mehr Freiheitsdurst, unendlich mehr Sehnsucht nach - Eigenleben, als wir ahnen konnten. Das Judentum in Polen hat in seirierTGanzheit auf tünte schriftliche Frage mit klarer "Besinnung "schriftlich geantwortet, daß es sich nach Palästina sehnt, um sich dort aufzurichten. Das Judentum in Polen in seiner Ganzheit — denn nur dieWenigen sind ’abzurechnen, "die jenseits ‘alles jüdischen Lebens, und die Nichtvielen, die jenseits alles menschlichen Lebens sich befinden. Was Jude und "Mensch zugleich, ist in Polen hat sich bewußt zum Zionismus bekannt. * Dieser imposante Ausgang des Plebiszits hat uns Mancherlei gelehrt, außerdem', daß er die Bedeutung des Zionismus nach außen hin gestärkt hat. r Er hat uns gelehrt, daß die Juden von uns nicht mehr als Objekt der Agitation zu behandeln sind, sondern als Vollreife Subjekte des Handelns. Wir dürfen nicht mehr unsere Kraft iml iwe KbIiIom! JiMiteratup im Neltlrieg 1914-1916 Verzeichnis der gesamten Kriegslit ratur 2. fünfhundert jüdilche BOA« fürs Edi uni Daheim Beide Kataloge sind von ungewöhnlicher Reichhaltigkeit. Verlangen Sie Zusendung sofort von Buchhandlung R. Löwit, Wien, L Bezirk, Rotenturmstraße 22. darauf vergeuden, die Juden von der Wahrheit und einzigen Möglichkeit des zionistischen Erlösungsgedankens zu überzeugen — sie sind davon vollkommen "überzeugt. Wir müssen sie nur zur Tat führen. Sie werden folgen, denn der Weg führt zum Ziele ihrer Sehnsucht. Dann haben wir wieder "einmal erfahren, daß wir das Licht der breitesten Oeffentlichk.it niemals zu fürchten haben. Je heller es ist, desto sicherer ist unser Erfolg. Der Zionismus ist kein Blümlein, das im Verborgenen blüht. Je mehr Sonne er hat, desto voller erblüht er. Vor zwanzig Jahren geschah es zum erstenmal seit langer, langer Zeit, daß die Juden im guten und stolzen Sinne des Wortes laut wurden. So laut, daß man sie nicht nur hören konnte, sondern geradezu hören mußte. Das \var Theodor HerzFs revolutionäre Tat: er stellte die Judenfrage zur öffentlichen Diskussion. Als ob er zu den Menschen sagen wollte': bekämpft uns. befeindet uns, aber schweigt uns nicht tot. Das ist in der Tat der schrecklichste Tod, der Tod des Verg;essens, der Unbeachtetheit. Ein stolzer Mensch kann unendlich leichter den Tlaß vertragen, als die Nichtachtung. Ein stolzes Volk noch mehr. Ein halbes Jahrhundert lang haben die, die die Führung des Judentums vor dem Zionismus in Händen hatten, daran gearbeitet, daß der Name Jude aus der Oeffentlichkeit verschwinden soll. Nicht weil sie selbst abtrünnig vom Judentum waren, nein -*- sie waren innerlich ganz gute Juden. Bloß Zutrauen zu ihrer Kraft und zur Kraft ihrer gefechten Sache hatten sie nicht. Darum zogen sie das Judentum in den dunkelsten Winkel zurück. Vielleicht war darin nobh Ghettoangst. Die wir aber in einiger Freiheit aufwuchsen, wollten eben ganz in freier Luft und hellem Licht leben und wandeln, ntttsamt unserm Judentum’ und dem, was wir aus unserm Judentum noch machen wollten. Kongreß war einer der schönsten Tage meines zionistischen Lebens. Wie stark wirkten auf uns damals die Persönlichkeiten, die wir sahen, die Reden, die wir hörten. Wir sahen Sie, die Pioniere und Führer, deren Gedanken wir bis jetzt nur "lesen konnten. Damals hörten wir sie auch. Max Nordaus Rede. Sie war keine Rede, sie war kein Plädoyer, sie War "kein Vortrag," sie war ein Ereignis. Wie ein Naturelement wirkte sie. Als Noraau über die Leiden und Schmerzen der Judenheit sprach, da hörte man das Brausen eines Orkanes, 'das Toben eines Sturmes. Als er unbarmherzig die kritische Sonde an das vegetative Judentum anlegte und die zionistische Weltanschauung beleuchtete, da zuckten 'Blitze, die uns den Weg aus der Dunkelheit ins Helle wiesen. Und als er "uns die Bahn zu unserer Zukunft zeigte, erwachten wie im Frühling in' uns allen starke Hoffnungen und wir träumten am hellichten Tage mit ihm. Max Nordau sprach bald jin (dieser iRede zu .unserem kühlen ^Verstände, als er uns Ziffern über unsere Lage und Argumente über unsere Situation brachte, bald zu unserem "Gemüte, als er sich der schönen Vergangenheit widmete, bald zu unserem Herzen, als er die furchtbaren Leiden mitteilte, bald zu unserer Phantasie, als er die Möglichkeiten der Zukunft schilderte. Er erschütterte und überzeugte uns. Er zermalmte und stärkte uns. Er schleuderte uns in den Orkus der Verzweiflung und erhob uns zu Höhen des. Enthusiasmus. "Unvergeßlich wird für jeden Zuhörer die Rede Nordaus am ersten Kongresse sein. Von großer Bedeutung für den Kongreß und für die Bewegung war die Eröffnungsrede Theodor Herzls. In kurzen, knappen Worten, wie es seine Art immer war, legte er der öffentlichen Meinung die Sache des Zionismus vor. Er beginnt: „Wir wollen den Grundstein legen zu dem Hause, das derzeit die jüdische Nation beherbergen wird.“ Ein wahres, ein prophetisches Wort. Herzl, der erste Kongreß, legten wirklich den Grundstein zum Hause, das die jüdische Nation beherbergen wird. Herzl ist tot, andere sind gekommen. Der erste Kongreß ist dahin, andere folgten ihm1. Der Grundstein blieb, stark, fest, groß, unerschütterlich und auf ihm bauen und arbeiten'die Menschen und die Generationen, bis es deren Anstrengung gelingen wird, das Haus zu errichten, das die jüdische Nation beherbergen wird. Herzl staunt über die Wunder des Verkehrs, schreibt ihnen die Möglichkeit einer .Verstände gung und Verbindung zu und baut auf ihnen seine Ideen. Auch über den Antisemitismus, der für ihn einer der Gründe des Anschlusses an die Idee war, sagt er treffende Worte. Die soziale Seite der Idee, die Tatsache, daß wir Brüder auf tiefen Stufen des Elends haben, berührt er mit besonderem Nachdruck. In der Rede prägt er auch Worte, die einen bleibenden Wert erlangt und zu geflügelten Worten des Zionismus wurden. „Der Zionismus ist dje Heimkehr zum Judentum noch vor der Rückkehr ins Judenland.“ Kaum hat jemand vor ihm oder in diesen 20 Jahren seit dieser Zeit eine treffendere und erschöpfendere Definition des Zionismus gegeben. Von einer großzügigen Auffassung "der Idee spricht auch ein anderer Satz: „Nur das eine ist unverbrüchlich festzuhalten: die Basis kann nur ein Zustand des Rechtes und nicht der Duldung sein. "Mit der Toleranz und dem SchutzjudentUm haben wir nachgerade "genug Erfahrungen gemacht.“ Auch eine andere tiefe- Wahrheit enthält der kurze 'Aphorismus: „Wir wollen die Judenfrage in die Zionsfrage umwandeln.“ Ein anderer Satz: „Ein Volk kann sich nur selbst helfen; kann es das nicht, so ist ihm eben nicht zu helfen“. Lauter kurze, prägnante, aphoristische Bemerkungen. In ihnen steckt der ganze Herzl. Leicht in der Form, hell in der Auffassung, klar in der Prägung der Begriffe — das war Herzl. Künstler und Realist zugleich, Phantast und Willensmensch, der Mann der feinen Worte, aber auch der entschiedenen Tat. Nach 20 Jahren hören wir noch die Worte, mit denen"Herzl den Kongreß beschloß. Er dankte den Zionisten für ihre Arbeit und unseren Freunden für ihre Unterstützung. Er dankte auch den christlichen Zionisten, unter denen Sich Mr. Dun an t, der Urheber des „Roten Kreuzes“, befand. Ich sah ihn, Dunant, wie er die drei Tage lang mit Verständnis und mit Rührung Zeuge des erwachenden Judentums war. Wer konnte damals ahnen, daß diese Arbeit eines Sonderlings, der Gedanke des „Roten Kreuzes“, zwei Jahrzehnte später so furchtbar aktuell s.in wird? Daß dieser Gedanke in Leben umgeset/1. Millionen Menschen wird das Leben retten können. Dort Frieden bringen-wird, wo unauslöschlicher Haß ist, Ruhe, wo der Kampf blutig wütet, die Oase in der Wüste des Blutes und der Tränen, der helle Punkt am Himmel, wo undurchdringlicher Nebel ist, sein wird. So erging es Dunant, so erging es allen großen Wohltätern der Menschheit, die 'man im ersten Augenblicke für Schwärmer und Utopisten, Phantasten und Träumer hielt. Sie träumen, aber produktiv; Werte schaffend, Glück spendend, Leben fördernd sind ihre Träume. Das sind Flüge ins Wunderland, wo uns die Erlösung winkt. Ein solcher Träumer war Herzl. Langsam, langsam geht sein "Wunsch in Erfüllung. Das Protokoll des ersten Zionistenkongresses der in Basel vom 29. bis 31. August 1897 stattgefunden hat, ist, nachdem es lange Jahre im Buchhandel vergriffen war, i'm1 7a^re 1911 von der Jüdischnationalen akad.-techn. Verbindung „Barissia“ in Prag mit Erlaubnis des Aktionskomitees neu herausgegeben worden. M a \- Nordau, "3er dieser Auflage ein Vorwort widmete, nennt das erste Kongreß-Protokoll „das Textbuch des unverfälschten Zionismus“ und schildert also seine Bedeutung: „In diesem Buche glühen alle unsere Hoffnungen; hier steigen alle unsere Ahnungen und die Gesichte der Zukunft, unsere Sehnsucht, unsere Zuversicht auf: hier sind unsere Selbstverheißungen und Gelübde in Worte gefaßt.“

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