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Jüdische Zeitung · 1917-08-31 · 35 (31.8.1917) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
11 (1917)
Issue
35 (31.8.1917)
Date
1917-08-31
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Sdk 2 J0D1SCHF 7FITUNG *5 gebracht, sondern vielfach und mehr noch'eine zersetzende, das Leben des Wirts Volke? gefährdende Wirkung ausgeübt haben. Das' jäßt sich nun einmal nicht leugnen Md wird selbst Von. gerecht und objektiv denkenden Mitgliedern des jüdischen Volkes zugegeben.“ Es ist sehr erfreulich, daß der „Reichsbote“ sich selbst gegen antisemitische 'Beweggründe verwahrt. Eine gut gemeinte Offenheit können wir vertragen, wir wollen sie aber auch erwidern. Es mag sein, daß die Juden ihren sogenannten' Wirtsvölkem „nicht nur Gutes gebracht“ haben, aber die Wirte haben sich reichlich /für den Schaden revanchiert. An der Zersetzung des Judentums hat seine Umgebung wesentlichen Anteil, Möchte doch endlich diese singuläre Auf- ' fassung des Judentums als eines zu jedermanns - Kritik und Beurteiluhg offen stehenden Gegenstandes aufbören. Wir Juden wollen als Volk nicht besser und schlechter als jedes ändere . gewertet werden. Einen sehr beachtenswerten Artikel ..‘Zionismus und deutsche Politik“, den sich auch die nicht- und äritizionjsüsdien Juden der Zentralmächte zu Gemüte führen sollten, veröffentlichen am 28. August die „Münchner Neuesten Nachrichten“ aus der Feder des bekannten Orientkenners Major 'Franz Carl Ehdres. Er schreibt: „Die Vermengung außenpolitischer Fragen mit solchen der inneren Politik oder selbst mit persönlichen Sympathien und Antipathien, ist in Deutschland leider noch sehr verbreitet und macht naturgemäß sachliches politisches. Denken und Handeln nahezu unmöglich, Zumal im gegenwärtigen Augenblick, wo es daraut ankommt, die -neuen Grundlagen deutscher Weltpofitik zu schaffen, ist es geradezu gefährlich. wenn außenpolitische Fragen nicht mit der sachlichen Nüchternheit aufgefaßt werden, die allein den Weg zum "Erkennen führt. Es wäre reizvoll all' den braven Unsinn hier zusammenzustellen, den blinder Antisemitismus schon über das Judentum und besonders über die zionistische Bewegung veröffentlicht hat- Die Frage, öb wir antisemitisch oder nicht antisemitisch sind, muß als eine Frage innerpofjfisther ganz ausschälten bei der Beurteilung des^ Zionismus und Palästinas als des Landes, itt 'dem der Zionismus sSne Ideale verwirklichen will und zum Teil unter den größten Schwierigkeiten schon verwirklicht hat. Wer zionistische Kolonisationsarbeit in Palästina gesehen und studiert hat, muß. ganz gleichgültig 'wie er persönlich dem' Judentum gegerühersteht. zugeben, daß in diesen zionistischen Kolonien blühende Kulturoasen in einer kulturlosen Wüste Entstanden sind. Bei einiger Kenntnis der Gesamttürkei kann diesem *Urteil aber noch beigefugt werden, daß es im ureigensten Interesse der Tüikei liegen muß, die kulturelle Entwicklung Palästinas durch die Juden hiebt nur zuzulassen, sondern durch vernünftige Maßnahmen zu fördern ünÜ zu unterstützen. Denn jüdische Kolonisation allein vermag Palästina zu einem leistungsfähigen Lande zu machen. Es verrät eine ganz erstaunliche Kurzsichtigkeit, wenn in pantürkistischen Kreisen die zionistische Bewegung als eine 'gefährliche bezeichnet wird, Man sah den elastisdien Typus des aus armen : Verhältnissen empoigekommenenrussischen Tali mudjünglings, der dann in Deutschland eine so I große Rolle spielte, David Wolffsötin. Man | sah den ewig aufgeregtoi, redseligen, Zerstreuten und dabei der Sache glühend eigebeneo Baurat Ortcar Marmorek. Man sah vielleicht die stärkste jüdische Persönlichkeit in der voikoni greßlichen Periode des Zionismus Nathan Bimj bäum. Man sah 'den Schöpfer des Jüdischen i Nationalfonds, der es durch eisernen Fleiß und östliche Zähigkeit -'dazu gebracht fiatte, daß er aus einem Bocher zum Heidelberger Professor I avancierte, Schapira. Man sah den berühmten Augenarzt, Professor Mandelstamm'. Man sah zwei Persönlichkeiten, die als Gegner zum1 Kongreß kamen und auf die dieser Kongreß so stark, so gewaltig, so revolutionierend wiikte, daß sie zu Anhängern wurden. Den kleinen, klugen, emsigen, vielgereisten Polyglotten Nachum Sokolow und den hohen, hageren, bla- -sierten Skeptiker mit dem ironischen Lächeln, Israel Zangwill. Man sah vor allen arideren die elastische, königlich - vornehme Prophetengestalt Theodor H c r z I s. Der Kongreß hat eine "doppelte Mission zu erfüllen: eine nach innen und eine nach außen. Nach innen hat er den Zweck, ein Programm zu schaffen, eine Organisation zu bilden, die Grundsätze für die Idee und für die Tätigkeit festzulegen, die notwendigen Institutionen ins Leben zu rufen, das Budget zu bewilligen, die Fonds zu dessen Deckung zu bestimmen, die Leitung zu wählen Und ihr das Absolutdrium1 zu erteilen. Nach außen hat der Kongreß den Zweck, der. Welt zu zeigen, daß es neben dem toten, Verschütteten oder lauen und vegetativen Judentum ein lebendiges gibt, das sich betätigen und nationale Werte schaffen will. Beide Zwecke hat daerste Kongreß in hohem Maße erfüllt. Zuerst galt es, das Programm festzusetzen. Ein Ausschuß, der aus sieben Personen bestand, hat während der Talmd es istgeradeimInteresse d e r Türk e,i*> 1 taüsdte Verhältnisse Init, als das bei rein gerhedaüerlidi ü'prin im Widähspftich zu den begermanischen Elementen der Fall ist. stehenden Verträgen mit den Zentralmächten jeijn- I Wenn in einzelnen türkischen Kreisen tn der flußrejche Kreise es durchzusetzen vermochten, Besiedlung Palästinas Tlurdh die Juden Gedaß den Juden {auch de» osmänischer Nationale fahr erblickt ■wird, so ist in er$£r Linie Urikennttät) neuerdings Landankauf in Palästina ver- I nis der zionistischen Pläne darata Schuld. Das boten ist. Baseler Programm des Zionismus ist von jeder "Das Judentum hat in Palästina wie an- 1 politischen Lostrennung Palästinas von der Tjirderswö selbst das größte Interesse Uaran, durch I kei abgekommen: Sein Grundsatz lautet: „Dir Loyalität der Regierung gegenüber sich die Exi- Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die stenzmöglichkeft zu sichern. Palästina ist «nd- Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten bleibt das Zukunftsland der Juden. Aber kein Heimstätte in' Palästina. Jude denkt daran, aus Palästina einen selbstin ganz' gleicher Weise äußerte sich . Dr. stänchgen Staat zü machen. £s handelt sich Tsdilenöw auf der großen aifi 6. Juni* In Petei sbei den politischen Wünschen lediglich um kulbürg einberufenen Delegiertenkonferenz der rusSiturelle Autonomie, die. wie die Veni'ältnisse lie- 1 schert Zionisten. Er sagte: „Fassen wir konkret gen, durchaus berechtigt sind. Die deutschen und klar unsere Wünsche zusammen. Wir hal- Sollet! wir den Bezugspreis erhöhen öder nicht? Die Druckerei hat neuerdings den Herstellungspreis unseres Blattes um .15 °/o erhöht. Wie sollen wir dm erhöhten Mehrauslagen gerecht werden? Die Frage wird Z. T. so. beantwortet, daß wir gleich anderen Zeitungen, die uns schon längst auf diesem Wege vorangegangen sind, die Bezugsgebühr hinaufsefzen sollen. Wir werden jedoch nur im äuß ersten'Falle zu dieser Maßnahme greifen. Denn nicht die Höhe der einzelnen Beträge, sondern ihre Menge muß uns in die Lage versetzen, das Parteiorgan zu erhalten und äuszugestalten, dessen Dasein jakein Selbstzweck, sondern ein Mittel ist, weitere Kreise für uns zu gewinnen. Deshalb erwarten wir von allen zuverlässigen Parteigenossen, daß sie in ihrer Werbetätigkeit nicht einen Tag erlahmen. Dann, nur dann vermögen wir von einer Steigerung des ‘Bezugspreises abzuseheri; Sie erscheint uns als nicht erwünscht, weil wir ein Volks blatt sein wollen; werbet Ihr also für Eure „jüdische Zeituijg“, damit sie im Geiste einer demoiratischen Bewegung verwaltet bleiben könne. Die Geschäftsstelle. 'Ansiedlungen sind ja musterhaft zu nennen, aber sie haben nachdem die Kapitulationen gekündigt sind keine weitere Entwicklungsmöglichkeiten. Die Schikane eines einzigen "höheren Beamten kann sie zum Tode verurteilen'. Ohne weitestgehende Staatsgarantien, die noch keineswegs vorhanden sind, ist bei der Abschaffung der Kapitulationen einerseits und den pantürkisti sehen Uebertreibungen anderseits an eine deutsche Besiedlung Palästinas ‘(ebenso wie Anatoliens) nicht mehr zu denken. Etwas gapz anderes ist es mit den Juden. Die suchen ejcie Heimat, nehmen feine osmanische Staatsangehörigkeit! an, finden einen, bereits vorhanden^ Rahmen — ich möchte sagen — kulturell und komunal organisierter Volksgenossen und bringen eine unverkennbar höhere Anpassungsfähigkeit an! örien- *) Der' Sperrdruck ist Original, wir würden auf andere' Wendungen mehr Nachdruck legen. ’D. Red. gung des Kongresses drei Sitzungen abgehalten, und das Ergebnis der vfelstühdigen Anstrengung war das berühmte Baseler Programm, das in seinem ersten Satze lautet: „Der Zionismus erstrebt für das jüdische «Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina.“ Max No rd an hatte Recht, als er am ersten Kongresse diesem Programm die wahrhaft prophetischen Worte sagte: „Nun wird es eine neue 'Bannerinschrift Israels geben, die dem Wollen und Tun unseres Stammes auf Geschlechter hinaus die bestimmte Bahn iweist.“ Zwei Jahrzehnte sind vergangen, erfahrungs- und leidensreiche Jahrzehnte fürs jüdische Volk, aber die wesentlichen Grundlagen dieses Programmes, die Basis, auf der es ruht, die Voraussetzungen, von denen es ausgeht und die Ziele, die es beinhaltet — jüdisches Volk, Schaffung einer Heimstätte, Palästina — sie bestimmen, wi'e Nordau sagt, auf Geschlechter hinaus, dem Wollen und Tun unseres Stammes die Bahn. . * Der erste Kongreß hat nicht nur das zionistische Programm, das bis heute unverändert als Glaubensbekenntnis eines jeden Zionisten feststeht, geschaffen, lölcht nur die Grundlagen der Organisation "ins Leben gesetzt, er bat auch Institutionen hervorgebracht, die ein wesentlicher Bestandteil unserer'Bewegung wurden. Eines der Hauptverdienste des ersten Kongresses1 wird es für alle Zeiten sein, 'daß er, auf den Antrag Schapiras, den 'jüdischenNationalfonds,diesen Stolz des jüdischen Volkes geschaffen hat.^ Eine wichtige Sache in jeder 'Bewegung Spielt .die Geldfrage. Eine große Volksbewegung, soll sie eben Volksbewegung sein, kann nicht auf die Gnade eines einzelnen angewiesen, von der Laune einer Person abhängig sein. Das Volk muß die Fonds hergeben, die die Bewegung zum Leben braucht. Diesen Fragen widmete der Kongreß seine Aufmerksamkeit. Man beschloß den Schekel 'einzuheben. Der Schekel, die Parteisteuer hat eine doppelte Bedeutung. 1. Eine finanzielle. Die Partei müß erhalten werden; je größer ihre Einkünfte sind, desto Wehr kann ten es für unbedingt notwendig daß die Völker die berufen sind, die Grundlagen des künftigen national-politischen Lebens festzulegen, mit dem unzweideutig äüsgespfoSieneri Willen des jüdischen Volkes, Palästina als ein nationales'Heim zu besiedeln, rechnen. Wir halten ferner 'die Beseitigung aller Hemmungen und die Schaffung 'der Garantien, die eine ungestörte und erfolgreiche Entwicklung und ■Tätigkeit im Lande sichern, für unbedingt erforderlich. Tschlenow hat damit die Ansicht des gesamten, zionistisch orientierten Judentums der Welt also einer zweifellos starken Machtgruppe ausgesprochen. Merkwürdigerweise sind gerade deutsche Judert sich über die Frage zum Teil noch recht wenig klar und daher auch noch keineswegs so einig, wie es dieser für das Gesamtjudentum unendlich wichtigen Frage entsprechen dürfte. < ' Genau dieselbe politische Kurzsichtigkeit, diwir bei einzelnen türkischen Kreisen festgestelit haben, finden Wir also auch in deutschen Kreisen. Es wird beiderseits vergessen, daß die zionistische Frage, einmal vom angelsächsischen Kreise aufgegriffen. zu einer politischen Machtfrage wird und daß Deutschland und die Türkei einfach das Nachsehen haben werden, wenn Sfe nicht Stellung zu der Frage nehmen. Die Stellung kann bei der geschichtlichen Entwicklung des Zionismus nur für diesen" sein. Deutschland wird sich durch entsprechende Aufklärung widerstrebender türkischer Kreise und durch entsprechende Programmaufstellung für die Friedensveihandlungen den nicht zu unterschätzenden Dank und die noch weniger zu linterschätzenden Sympathien aller Juden der Welt ervverfien. Dieser Dank und diese Sympathien werden unvergleichlich größer sein.' als die heute •Amerika und England gegeben' wefden, von denen die Juden klar erkennen, daß das Interesse am Zionismus beim einen Wahlpolitik, beim andern ureigenstes, imperialistisches Orient-Interesse ist. - Wenn aber in Deutschland noch immer ‘Ansichten zu hören.'und Presseerzeugnisse zu lesen Sind, aus denen h'ervorgeht, daß man nur d e s- | halb den Zionismus begünstigen könne, damit alle deutschen Juden nach ‘Palästina auswanjdem. so ist das ein Zeichen hochgradiger politischer Kindlichkeit. Mit solchen Leuten, "die ihren Antisemitismus als eine weltbewegende Errungen- - Schaft betrachten und, von ihm ausgehend, Weltpclitik treiben wollen, ist ebensowenig artzusie sich ausbreiten, Wurzel fassen und sich entwickeln. 2. Eine viel wichtigere moralische Bedeutung. Deshalb legen wir so großes Gewicht dem Schekel bei und freuen uns, wenn wir im Laufe der Jahre konstatieren können, daß wir durch die Anzahl der Schekelzahler die stäikste Organisation im Judentume sind. Das hebt unsere Kraft nach innen: find stäikt unser Ans'ehert nach außen. ' * Herzl beherrschte mit seiner Persönlichkeit den Kongreß von Anfang bis zu Ende. Auf dem Kongreß Zeigte er sich' von (einer ganz neuen Seite. Er war nicht nur der erlesene Schriftsteller, der die Leser fesselt,, der elegante Mann Mann des Wortes, der die Zuhörer in seinem Banne hält, der kühne. Organisator, der großzügige Politiker, der brillante Feuilletonist, er war auch der geborene ‘Präsident. Wie der Schiffskapitän seine Kunst erst im Sturme, wenn die Elemente toben Und brausen, (zeigt, (50 beweist der Präsident seine Geschicklichkeit erst in dem Augenblick, wo die Gegensätze -aneTnanderpral- - len. Da muß man bald mit Güte die Gegner beschwichtigen, bald mit Energie sie zur Besonnenheit mannen, da muß sich Klugheit mit Feinheit paaren, 'Geschicklichkeit mit Psychologie vereinigen. Und wenn es zu wahrhaften Exzessen, zu Tätlichkeiten und Ausschreitungen kommt, wenn alles die Ruhe und das Gleichgewicht verliert, ein Mensch muß die vollständige Objektivität bewahren,— der Präsident. Die vollendete Ruhe und ein angeborenes Taktgefühl, die leisten in diesem Momente Wunder. Einer der seltenen Präsidenten, die eben mitten im Toben der Leidenschaften, mitten im Sturme der entfesselten Gefühle die Vollendete Ruhe, einer der in dem Augenblicke, wo alle Prinzipien des Artstandes mit Füßen getreten wurden, mit Vollendeter Virtuosität das Taktgefühl handhabte, war Herzl. Er war nicht nur unser großer Führer find Lehrer, er war auch unser 'großer Präsident. i ‘ Wenn ich meinen persönlichen Eindruck wie-! dergeben soll, sb muß ich sagen, der erste

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