Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1917-08-31 · 35 (31.8.1917) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
11 (1917)
Issue
35 (31.8.1917)
Date
1917-08-31
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2438141-2438623-2438658--5423-2445399
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nafional-jüdtfches Organ wocnentiich einma Redaktion: Wien 11, Zirkusgasse Nr. 33 Sprechstunden: Montag bis Freitag von 2—4. Uhr, Sonntag von 11—12 Uh! Manuskripte wer den, wenn unverlangt, ohne Rückporto nicht zurückgesand' Redaktionsschluß Dienstag um 7 Uhr FernspreclWiummer 45-3-25 Mit der Beilage; Oer Jüdifche Nationalfonds Wien, Freitag, 31. August 1911 / 13. Elul 5677 e i ns e < n u mm er 24 Heue1 Geschäftsstelle: Wien il/lt Zirkusg. 33 Geschäftsstunden: Montag bis Freitae von 9—12 u. 3—7, Sonntag von 9—12 Bezugspreise: Ganzjährig K10.— halbjährig K 5.—, verieljährig K 3.— Anzeigen und Beilagen nach Tar> Postsparkassen «Konto 133.4C4 Infi alt «Neue Pressestimmen. — Adolf Stand, Der erste Zionistenkongress. — Osias Thon, Plebiszit. — Dr. Josef Meis], Ein Beitrag zur Geschichte lllllcil l des ersten Zionistenkongresses. — Zionistisches Zentralkomitee. — Audienz einer Flöchtlingsabordnung. — Vom Inhalt des Jüdischen Nationalkalenders S. Ä. Häusler, Zum Tode David Elfis. — Aus der jüdischen Welt. — Zionisten im Felde. — Ankündigungen. — Berichte u. Korrespondenzen u. a. m. Neue Pressestimmen über den Zionismus Das jüdische Volk hofft zuversichtlich, daß nach dem Weltkrieg dem Traum seiner Jahrtausende Erfüllung werde. Es will in Palästina aufs neue Wurzeln schlagen, ln welcher Form dies geschehen mag, darüber werden die europäischen Mächte; versöhnt und "wiedervereirtt, entscheiden. Hat uns nicht Theodor Tlerzl in „Altnculand“ die jüdische Heimat in Palästina nach einem Vierteljahrhundert vorausgesagt? Es brauchte die zwanzig Jahre zionistischer Bewegung und Tätigkeit, um uns für diese historische Zeit reif 'zu machen und unseren Willen stark und klar auf dieses Ziel zu spannen. Der Gedanke eines von Juden besiedelten Palästinas ist heute über die Grenzen unseres Volkstums hinausgewachsen. Er quillt lebendig in allen Ländern auf. Mit besonderer Genugtuung erfüllt es uns, daß die Oeffentlichkeit in Deutschland dem Palästinagedanken lebhafte Teilnahme entgegenbringt. Ünser letzter Leitartikel wies auf eine Reihe von deutschen Pressestimmen hin, die dem Zionismus gewidmet waren. Tlie Diskussion wird fortgesetzt. Die Chemnitzer „Volksstimme“ bringt in ihrer Nummer vom 18. August einen neuen Leitartikel „Die internationale Nation“. Sie wünscht, daß die deutsche Politik, die es verstanden habe, mit der „roten und schwarzen Internationale“ in ihren Friedensbedingungen übereinzustifnmen,. „es fertig brächte, auch mit der dritten großen internationalen Organisation sich dauernd gutzu-stellen,- nämlich mit dem Judentum.“; „Dazu ‘gehört in erster Linie, daß die deutschen Politiker sich entschließen, die nationale Eigenart und 'die nationalen Kulttirforderungen des Judentums anzuerkennen. So wie sie das in bescheidenem Maße bisher schon getan haben, so künftig grundsätzlich. Nur dadurch können sie das Werben der Entente um die Sympathien des nationalen Judentums unwirksam machen. Dabei sollte nicht vergessen werden, daß es sich in diesen 'Fragen nicht nur um ein augenblickliches taktisches Interesse handelt. Gewiß haben wir ein Interesse daran, das demokratische Rußland, das die Juden nicht mehr verfolgt, nicht durch „strammtf“ Haltung gegen das Judentum unnötig kopfscheu zu machen. Gewiß ist unser Interesse groß an geordneten- Zuständen in den okkupierten Gebieten im Osten. Aber weit darüber hinaus geht doch die positive Bedeutungdieser Dinge, weil sie allein jn der Lage sind, für die Dauer der Türkei einen nennenswerten Zustrom von Kolonisation zu sichern. Die Türkei bedarf solcher Kolonisatoren s'ühr. Ihre Landwirtschaft w'ie ihre Gewerbe leiden vor allen Dingen unter Menschenmangel. Für die Einwanderung kommen aber in größerem Maße überhaupt 'nur die Ostjuden in Frage. Wenn die Türkei erhalten bleibt, so werden sie nur dann auch künftig dort einwandern, wenn sie auch während des Krieges das nötige Maß von Interesse und Entgegenkommen gefunden* haben. Sie werden ferner für ihre Kolonisationsarbeit nur dann die finanzielle Unterstützung ihrer, reichen Volksgenossen finden, wenn die Türkei sich nicht zum Träger eines ganz verfehlten Antisemitismus machen läßt. BisJjer hat der deutsche Einfluß und das eigene vernünftige Denken der Türken ausgereicht, um schwerere Mißgriffe zu verhüten. Es könnte aber doch noch immer sehr viel Positives geschahen, um den Juden in der Türkei ihre Lage zu erleichtern, und das sollte keineswegs versäumt werden.“ Ebenfalls zum zweitenmal äußert sich der konservativ-christliche „Reichsbote“ in seiner Nummer'vom‘13. August über „Palästina'und den Zionismus“”. Er fördert auf, den. zionistischen Projekten der Entente den Wind aus dem Segel zu nehmen. „Was Deutschland betrifft, so ist anzunehmen, daß sein neuer Staatssekretär des Auswärtigen, der ja zuletzt Botschafter in Konstantinopel war, die Bedeutung dieser Frage würdigt. Dazu gehört auch, daß der deutschösterreichische Zionismus in seinen Plänen einer jüdischen Besiedlung Palästinas bestärkt wird. Wenn er seine Stunde erkennt, so wird es sich o Der erste Zionis enko-greß y Zum 20. Jahrestage des Kongresses. Von Adolf Stand.* *) Zwanzig Jahre sind cs her, seitdem der erste Zionistenkongreß in Basel getagt hat. Es war keine leichte Sache, einen Zionistenkongreß einzuberufen. Die Bewegung war ‘ in den Anfängen. In östlichen Ländern, wo die Juden in größerer Zahl wohnen, waren wenigstens! in größeren Städten Gruppen von Juden, die sich zum Zionismus bekannten und die untereinander im Verkehr Standen. Im Westen waren nur einzelne Personen, die sich für die Idee interessierten. Es galt also eine Verbindung zwischen allen diesen Faktoren herzustellen. Im Winter 1S9ö 97 entstand bei Herzl die Idee der Einberufung eines Kongresses. Im Februar 1S97 fanden die ersten Unterhandlungen mit maßgebenden Zionisten in Wien statt. Herzl dachte ursprünglich den Kongreß für Ende August nach Zürich einzuberufen. Er änderte diesen Plan und bestimmte München als Ort des Kongresses. Nun begännen die Schwierigkeiten. Ehe noch die maßgebenden Zionisten sich gefunden "hatten und eine Verständigung erzielten, begann bereits zuerst das unterirdische Wühlen, dann das Intriguicren hinter den Kulissen, endlich die öffentliche Hetze gegen den Zionismus. Die offiziellen Juden, an der Spitze einige führende Rabbiner Deutschlands, erhoben scharfen Widerspruch gegen die Einberufung eines Kongresses, von dem sie sagten, daß seine Ideen der Mission des Judentums widersprächen. Herzl mußte, wie es auch später war, statt sein ganzes Augenmerk auf das Schaffen und Bauen zu lenken, sich der unangenehmen und unproduktiven Arbeit der Bekämpfung von Entstellungen, der Widerlegung von Unrichtigkeiten widmen. Im Anfang war das wühlerische Treiben der dunklen Elemente von *) Gekürzter Vorabdruck aus dem nächster Tage in unserem Verlage erscheinenden Jüdischen Nationalkalender. Erfolg gekrönt. Die offiziellen jüdischen Körperschaften verwahrten sich und protestierten gegen die- Einberufung des Kongresses in München. Herzl gab nach — ich weiß nicht, ob aus Mangel an Orientierung — und beriet endlich den Kongreß für die letzten Tage des August 1897 nach Basel. * Der erste Zionistenkongreß war einer der wichtigsten, die je stattgefunden haben. Denn er hatte die schwersten Aufgaben. Er stand in der Judenheit ganz vereinzelt da; seit Jahrhunderten fehlte ein Präzedenzfall. Nie fiel es früher einem Führer der Judenschaft ein, deren Repräsentanten zu sammeln und ihnen die Möglichkeit zu geben über die Judenfrage vor aller Welt zu sprechen. Herzl konnte "sich an gar kein Beispiel im Judentum anlehnen. Außerdem mußte er erst die einzelnen Anhänger suchen. Auch andere gewaltige Schwierigkeiten zeigten sich. Im Judentum waren und sind leider noch, wenn auch durch den Zionismus gemildert, scharfe Gegensätze. Bald hieß es, hie Ost und hie West, bald hieß es, hie Orthodoxie und hie Fortschritt. Uhd bald hie Bourgeoisie uncl hic Proletariat. Der Gegensatz zwischen den Ost- und Westjuden war vor dem Zionismus so stark, daß der Ostjude den Westjuden nicht für einen Juden, der Westjude den Ostjuden nicht für einen Menschen hielt. Der Abgrund zwischen den Orthodoxen und den Freisinnigen war so groß, daß keine Möglichkeit der Verständigung zwischen den beiden Gruppen war. Der Kampf zwischen der Bourgeoisie .und dem Proletariat war ein fortwährender. Wie so manch großes, das früher für unmöglich, itnrealisierbar, unlösbar galt, gelang auch dieses Herzl. Es kamen die Ostjuden in ihrer Volkstracht und es kamen die modern gekleideten Westjuden. Der große Ruf brachte die Frommen und lockte die Freisinnigen. Die Reichen gingen nach Basel und die Armen taten dasselbe. Denn es fand sich die Plattform, die höhere Synthese, die die Leute einte, ohne daß sie ihre Grundsätze aufgeben mußten. Zionismus bedeutet nämlich-in gar keiner sagen, daß jetzt ein günstiger Moment ist, um seine Idee der Verwirklichung ein Stück näher zu bringen und dadurch den englisch-amerikanischen Machenschaften den Wind aus den Segeln zu nehmen. Im Interesse der Türkei läge es, eine solche Bewegung zu fördern; denn, wenn eine zionistische. Besiedlung unter englisch-amerikanischer Prodektion unzweifelhaft nur der Losreißung Palästinas von der Türkei dienen würde, so würde ein zionistisches Kolonisationswerk unter der Führung* der Verbündeten so gestaltet werden können, daß es die Interessen auch der Türket fördert und auch den Schein eines Gegensatzes gegen das Schutzland meidet.“ B r a 11 e r hatte in der „Vossischcu Z e i t u n g“ den ers'ten (von uns früher erwähnten) Artikel des „Reichsboten“ gewürdigt und dabei angedeutet, daß der Kern der Zionistenfreundlichkeit des „Reichboten“ wohl ein fintisemitischer sei. Darauf antwortete dieser: „Darauf möchten wir entgegen, daß wir jenen Platt keineswegs vom antisemitischen Gesichtspunkt aus empfohlen haben. Wir betrachten ihn, wie Bratter es von den Engländern anninimt, in erster, zweiter und dritter Linie itn Rahm n der national- und weltpolitischen Nützlichkeit und Notwendigkeit. Wir müssen in Palästina auch in diesem Stück der englisch-amerikanischen Politik den' Rang abzulattfen und das Wasser abzugrnbeA sHchen, und zwar um unsert- und unserer Verbündeten willen. Wenn dabei auch etwas Gutes für den Zionismus und* die Juden herausspringt, um so besser. Wir Matthen es. glauben, daß die allmähliche Verwirklichu :g des zionistischen Gedankens auch den Juden selbst zum Segen gereichen, daß es das Volk Isram von dem Bann der Fremde und des Zerstreutseins unter allen Völkern befreien helfen wird. Die Besten unter seinen Gliedern sind darin einig mit uns. Und die jetzigen Wirtsvölker werden sich freuen, wenn es den Juden in Palästina gut geht und sie immer vollzähliger nach Palästina übersiedeln; dies lim so mehr, als die jüdischen 'Gäste ihnen nicht nur Gutes Hinsicht Gewissenszwang. "Er raubt den Frommen nicht ihre Religiosität und nimmt den Freisinnigen nicht ihre Anschauungen. Beiden aber bietet er ein so weites, so gewaltiges, so schönes Feld der Betätigung, daß sie friedlich, freundschaftlich miteinander Arm in Arm, Schulter an Schulter für die hohe Idee kämpfen und arbeiten können. Diese und viele andere Hindernisse galt es zu überwältigen. Das alles geling dem weiten Blicke, dem unverwüstlichen Optimismus, der unerschöpflichen Arbeitskraft Theodor Herzls. Der erste Kongreß war die schönste Tat Theodor Herzls. Kaum war er einige Monate in der Bewegung und schon gelang ihm, was seinen Vorgängern nicht gelingen konnte. Der Kongreß war ein Erfolg. Er gab ein Programm, er schuf eine Organisation, er setzte Institutionen ins Leben. * Herrliche Tage waren es, die Aiiuistiigj iS97. Dem prachtvollen Wetter draußen entsprach die Stimmung der größtenteils jungen Leute, die sich zur Reise nach Basel vorbereiteten. Vom Westen und Osten kamen sie, die Pioniere unserer Bewegung. Einige Stunden einer zufälligen Zusammenkunft im Eisenbahnwagen schon ge.un ten, daß aus Unbekannten Freunde "wurden, aus Fremden Gesinnungsgenossen. Man schliß einen Bund, der durchs ganze Leben dauerte. Das Wort Basel wirkte wie eine Parole, widern Programm. Kaum hörte man das Wort ir. Wien oder in Salzburg, am Schalter eines Bahnhofes oder in einem Alpenhotei des Sa’zkammergutes, so wußte man, was es bedeutete. Es war nicht der leere Name einer Schweizerstnclt. es war ein Bekenntnis zum aktiven Judentum. So fanden wir uns in der letzten Augustwoche in Basel. Viele standen zum erstenmale Auge m Auge den Persönlichkeiten gegenüber, von dene; sie so viel gehört hatten. Man sah den prachtvollen Kopf Max Nordaus, des 'so viel 'gelobten und noch mehr verlästerten Pariser Sozia-kritikers. Man sah die kernige, stämmige Gestalt des russischen Zionistenführers U s s i s c h k i n. et neue Abonnenten!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.