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Jüdische Zeitung · 1917-08-03 · 31 (3.8.1917) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
11 (1917)
Issue
31 (3.8.1917)
Date
1917-08-03
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 'JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 31 die Lager-Kommandos der Kriegsgefangenenlager vom inspizierenden Generalmajor Urban gerichtet. Meine ‘HerrenDie gleiche Erregung und Erbitterung, die gleiche Empörung, die Sich Ihrer von den anderen Nationalitäten und Volksstämmen bemächtigt, hat sich auch meiner bemächtigt. Denn die Liebe zu seinem Volke ist etwas, was tief in der Seele jedes Menschen rilht, und es kann nur als Entartung und Verrat bezeichnet werden, wenn man seinem Volke die Treue bricht. (Beifall.) Wir von der j ü dis ch-völ k ife-ch en Richtung, die wir unser Volkstum., unsere Volksart, unsere Eigenart, unsere Nationalität ebenso hochhalten und ebenso pflegen wie Sie die Ihrige, wir haben das bestimmte Empfinden, daß uns durch diesen Befehl ein schweres Unrecht, ein "arger Schimpf angetan worden ist. Es wäre aber auch ein Wunder gewesen, wenn irgendeine gehässige Verfügung erlassen würde und die Juden davon nicht betroffen worden wären, denn an odiosen Maßregelungen partizipieren wir jmmer. (Zustimmung.;' Das ist die wahre — allerdings fragwürdige — Gleichberechtigung, die heute Seine Exzellenz, der Herr Minister des Innern, mit einer trefflichen Bemerkung gestreift hat. Es ist bekannt. daß in dem_ gegenwärtigen Kriege neben -den Ukrainern und Polen im Osten unseres Reiches speziell die Juden am meisten und schwersten gelitten haben; denn schon von Haus aus sind ja die Russen böse Verfolger der Juden. Sie wissen, welch' trauriges Schicksal die Juden unter dem' zarjschen Regime in Rußland zu erdulden hatten. Erst durch das gewaltigste geschichtliche Ereignis aller Jahrhunderte, durch die russische Revolution haben — das können wir wahmehmen — in Rußland auch die Juden ihre Freiheit erlangt. Die Verfolgung der österreichischen Juden durch die Russen hat aber auch in ihrem österreichischen Patriotismus seinen Grund, da die Russen wußten, daß die österreichischen Juden eine stets verläßliche Stütze Qesterre'ichs bilden. Deshalb haben wir Juden auch in "diesem Weltkriege unsere Pflicht und Schuldigkeit für die Monarchie im vollsten Maße erfüllt, in keinem Belange stehen wir hinter den staätstreue&en österreichischen Völkern zurück. Unsere Kaisk?r- und Staatstreue ist snriclnvörtlich. Umso ungerechter und empfindlicher trifft uns die Verdächtigung. Mit Feuer und Schw'ert hat ein rücksichtslos grausamer Feind die Bevölkerung Galiziens und der Bukowina, im besonderen 'aber die unglückliche Judenschaff. heimgesucht. (So ist es!) Nur einem lauteren Patriotismus, einem hohen Pflichtbewußfsein. einer hingebungsvollen "Opferwiliigkeit, einer intensiven Selbstzucht und der Erkenntnis von der großen Tragweite unseres Verteidigungskrieges ist es zuzuschreiben, daß mit dem Fortschreiten des Krieges die Treue und OnferwiHigkeit der österreichischen Völker immer mehr zugenommen haben. (Beifall.! Die grundlose. willkürliche Beschimpfung der Juden in dem Reservatbefehle ist leider nicht eine vereinzelte Erscheinung, sondern ein Glied einer iranzen Kette rTehässi°-er Maßnahmen gegen die Juden. Meine Herren! Sie kennen die Namen der Infanterie-Regimenter aus Ostgalizien und aus der Bukowina so das 9., 24.. 45.. 10., 41 und 77,, des 22. T.andwe'hr-Re'rimenfes und so fort, welche sich in der letzten Zeit in der zehnten Isonzoschlachtg anz hervorragend ausgezeichnet und unsterbliche Heldentaten verrichtet haben, daß ganze Abteilungen aufgerieben wurden bnd verbluteten. In diesen Regimentern wjren es hauptsächlich Ukrainer und Juden sowie tschechische Trimpen. im 24. (Kolomea), mit fast 60 Prozent Juden, durchschnittlich über 30 Prozent 'Juden, die einen beispiellosen Onfermut entwickelt haben. Und da wagi'man es, unsere Jüdischen Soldaten in diesem Weltkriege der die ungeheuersten Anforderungen an alle Völker des Reiches gestellt hat und alle ihre Kräfte, materielle, wirtschaftliche finanzielle, geistige, seelische und moralische in Anspruch nimmt, dem ganzen jüdischen Volke ..einen unauslöschlichen Schimpf an- Jödischer Nationalkalender 5678 Am 1. September erscheint zum dritten Male im Verlag der Jüdischen-Zeitung in Wien unter der bewährten Redaktion von Otto Abelcs und Ludwig Bato der Jüdische Nationalkalender. Die beiden früheren Jahrgänge haben allgemein eine so gute Aufnahme gefunden^ um mit Fug erwarten zu lassen, daß auch dii neue Folge allseitiges Interesse erwecken wird. Arnold Zweig, der im deutschen Schrifttum wie in unseren Kreisen geschätzte Dichter, äußerte sich voriges Jahr über das Unternehmen in einem Briefe an die Herausgeber folgendermaßen : „Ich habe den diesjährigen Nationalkalender langsam und sorgfältig gelesen. Ich glaube, daß man die Wichtigkeit dieses Buches in einer Beziehung, der innerpolitischen nämlich, gär nicht genug hervorheben kann — wobei ich innerpolitisch auf die innere Politik des Judentums beziehe. Ich fasse alle die Artikel, die in dieser Richtung wirken wollen zu einer einzigen, sehr nachdrücklichen Kundgebung zusammen, und sage, daß ich alle die Autoren beneide, die jetzt darauf hinwirken können, daß die Juden einmütig in Aktion treten und positiv helfen, anstatt sich jn zerteilenden Komitees zu schwächen oder gar den Seelen der Einzelnen Hilfe bringen wollen, während der Körper des Volkes verdirbt. . .“ Jeder Zeit kann das Abonnement der Jüdischen Zeitung begonnen werden. Ein neuer Monat fängt an. Drei Kronen als vierteljähriger Bezugspreis für unser Blatt ist kein Geld Der Jüdischen Zeitung als Gegenleistung für die Lektüre jeden Monat eine Krone zuzuwenden, ist keine unbillige Forderung an die Parteidisziplin. An der Agitation der anderen Parteien für ihre Presse nehmt Euch ein Beispiel! zutun? (Zustimmung.) Idi bitte zu bedenken, welchen Eindruck ein solcher Befehl auf die Armee im Felde und im Hinterlanide, wie auch1 'auf die gesamte Judenschaft machen muß, denn trotz der Vertraulichkeit, oder vielleicht gerade deshalb, erfährt davon die Außemvelt. Ich kann Ihnen auch den Autor dieses ‘ Befehls sagen, es isT dies General :Urban und der Befehl datiert aus Oberösterreich (Wels) und aus Innsbruck. Seit wann haben aber die Herren Generale das Recht, die Völker Oesterreichs zu qualifizieren, oder gar zu disqualifizieren und zu zensurieren? Ja, was ist denn das eigentlich? Kommt 'das: in irgendeinem Staate der Welt noch' 'vor? (Bravo! Bravo 1). '• Aber wir haben noch andere Dinge erlebt. Als unsere Truppen in Russisch-Polen ■ einzogen, da hat man Aufrufe erlassen üno“3iese Aufrufe in der nun 'verpönten jüdischen Schrift und Sprache veröffentlicht. Man hat der Judenschaft die Befreiung zugesichert. Man hat ihnen gesagt, man werde ihre nationale Eigenart, ihre Religion, ihr Volkstum respektieren und ihnen politische Freiheit bringen. Das haben dje deutschen und 'die österreichischen Truppen getan. ‘Kaum hatten sich aber die Oesterreicher In Russisch- Polen etabliert, so hatte man an die gemachten feierlichen Versprechungen vergessen; die Deutschen hielten ihre Zusage. Und den Juden, nämlich den Juden, nämlich den jüdischen Soldaten im Felde und den Juden daheim, wird selbst die Korrespondenz untereinander und mit ihren Angehörigen in jidischer Schrift und jidischer Sprache verboten. Nun sind aber 'die Leute keiner anderen Sprache und Schrift mächtig, das werden die Herren aus Galizien und der Bukowina bestätigen. Denken Sie sich nun einen vor dem Feinde stehenden Soldaten, der im: Angesichte des Todes vielleicht seine letzten Liebesgrüße den Seinen nach Hause schickt, Abschied von seinen Lieben und seinem Liebsten nehmen will, der notwendige Verfügungen öder seine letzten Anordnungen treffen will. Er will seine Angelegenheiten oder Familienintimitäten nicht preisgeben anderen unberufenen Ohren (Abgeordneter Kuranda: Und seine Kinder sterben im Flüchtlingslager!! Ja, in den mörderischen Flüchtlings- und in den Barackenlagern! . Daß der Mann nicht berechtigt Sein soll, mit den Seinjgen jn jüdischer Schrift und Sprache zu verkc-Jiren. ist das nicht eine Barbarei, eine unglaubliche Grausamkeit? Ja, es existiert wohl ein" altes Justizhofdekret aus dem Jahre 1814, welches bei Gericht den Gebrauch der jidischen' Schrift und Sprache verbietet- Diese Antiquität graben jetzt die militärischen und anderen "Behörden aus und machen von ihr Gebrauch, ohne Rücksicht darauf, daß sie die Leute, die ihr Bestes hergeben, in ihrem' tiefsten Innern verletzen. (Zustimmung.) Nun, meine Herren, ich müßte mich wiederholen und ich will auch nicht polemisieren gegen den Redner der deutschen Linken, weil ich ja die unerfreuliche Erfahrung gemacht habe, daß die Herren vom deutschen! Nationalverband als die einzige Partei ‘im 'Hause gegen den Antrag des Justizausschusses, betref¬ Das auch heuer vornehm ausgestattete, im bekannten Feldpostformat erscheinende Jahrbuch kostet bei Vorausbestellung K 3.80 M. 2.90 einschließlich Porto. ‘ Bestellungen sind gegen Nachnahme (oder Vorausbezahlung an das österreichische Postsparkassenkonto 152.492) zu richten an den Verlag der Jüdischen Zpitung in Wien, II/l., Z irkusgasse 33. Aus den sozialistischen Monatsheften Die „Sozialistischen Monatshefte“ haben von jeher den jüdischen Fragen gegenüber nicht nur eine neutrale Haltung eingenommen, sondern auch der nationaljüdischen Bewegung das größte Interesse zugewendet und ihre Leser darüber fortlaufend informiert, ns ist dies ein wohltuender Gegensatz zu der Wiener sozialistischen Publizistik, welche von Juden geleitet wird, die sich im Antisemitein und im Totschweigen oder gehässigen Entstellen der nationaljüdischen Bestrebungen nicht genug tun können. Im vorletzten Heft der Soz. Mh. hat Hermann Kran old unter dem Titel „Polen und Palästina“ einen Artikel veröffentlicht, der ein eingehendes Studium der zionistischen Literatur zeigt. Er bespricht darpi u. a. 'die Projekte von Bailod und Oettinger und kommt zum fend die Nichtgenehmigung der $ 14-Verordnung (gestimmt haben, mittels deren den aus 'Galizien und der Bukowina geflüchteten Advokaten 'verfassungswidrig die Uebersiedlung in den Wiener Gberlandesgerichtssprehgel gesperrt worden ist. Da hieß es, wir aus ‘der Bukowina und Galizien seien „Fremde“. Wir Fremde, meine Herren. Wir, deren Haus und Hof eingeäsdhert, deren Habe geraubt worden ist, deren Kinder im Felde stehen und die alle schweren "Heimsuchungen des Krieges über sich ergehen lassen müssen1. Da sind wir im1 Zentrum des Reiches, in der Hauptstadt des Vaterlandes „Fremde“. Wird so das Gemeinsämkeitsgefühl, die österreichische Gemeinbürgschaft. das Vaterlandsgefühl gestärkt? Und der Deutsche Nationalverband geriert sich als die 'Staafspartei“ par exceflence als Träger des „Treusinns“ und beansprucht deshalb Vorrechte. Fördert man etwa duirch ein solches Verhalten das pafriotische Gefühl für das Gesamtyaterland, die Eintracht zwischen den Völkern "Oesterreichs? Wir Oesterreicher haben äber ein Vaterland, das ist eben das gesamte Oesterreich. Uns ist und darf Oesterreich njeht fremde sein! Wenn wir in unserer schweren Not hierher gekommen sind, sind wir dazu gezwungen gewesen durch die katastrophalen Ereignisse. Wir haben in Galizien 'und 'der Bukowina die Mauer gegen den Westen und für den Westen' gebildet und den Feinid von Ihnen, von den Deutschen. abgewehrt. Was wäre geschehen, wenn wir die Schlacht von Limanowa nicht gewonnen, den Fein (djnicht aufgehalten hätten, und wenn der Feind bis nach Krakau vorgedrungen wäre, dem er so nahe war? Das vergißt man! An alle diese Vorkommnisse denken Sie, meine Herren Deutschen, nicht. Meine Herren! Wir wissen aber ganz wohl, woher der Wind geht. Die Herren vom1 deutschen Nationalverband haben die §, 14-Verordnung deshalb nicht aufheben wollen, weil unglücklicherweise unter diesen 600 oder 1000 vertriebenen Advokaten aus Galizien und der Bukowina auch einige hundert Juden sind! Ja, wenn ich so meine Betrachtungen anstelle, wie im „Roten Saale“, in den Couloirs und Vorzimmern des Parlamentes diese verbissenen und verbohrten Judenfeinde mit den' jüdischen Journalisten und Bankmenschen usw. so intim verkehren. (Heiterkeit und Beifall!) Aber hier int Hause ist man strammer nationaldeutscher Antisemit, die Juden sozialpolitisch und materiell zu vernichten. Haben Sie nicht gehört, wie ein katholischer Priester, der Herr Abgeordnete Dr. Krek, so warmfühlend, überzeugend und wahrhaft menschlich über die Frage der Flüchtlinge referiert hat. Und wie haben sich wieder diese Herren Nationalverbändler in der Flüchtlingsfra.ge verhalten, einer Frage, die keine politische, keine nationale‘Frage, sondern eine Frage sozialwirtschaftlicher Natur ist? Das ist der deutschösterreichische Freisinn. Ja, Freisinn für sich — aber Knechtschaft für uns. (Beifall!) Und das wollen wir uns in Hinkunft nicht mehr bieten lassen. Drei Jahre sind wir landflüchtig, will man uns auch heimatlos machen? Ich will die Geduld 'des hohen Hauses nicht länger in Anspruch nehmen, aber ich muß mich an Seine Exzellenz, den ‘Herrn Landesverteidigung-minister wenden, und zwar deswegen, damit die vielfach kränkende Behandlung,‘-die Beschimpfung der jüdischen Soldaten, ihre Zurüfksetzung und Verhöhnung, das Anrufen mit Soitznamen und dergleichen in der Armee endlich aufhört. Hierüber wird bitterste Klage geführt. Und weiters, weil mir kürzlich die Mitteilung gemacht worden ist, daß auch aus dem Landesverteidigungsministerium jüdische Unteroffiziere die als hilfsdiensttauglidh qualifiziert wurden und deshalb nur als Schreiber zu verwenden sind, 0 ort als Schreibkräfte ’zurü'ckgewiesen werden, weil im Landesverteidigungsministerium die Tendenz bestehe, keine Jüdischen Unteroffiziere zu verwenden. Unter diesen zurückgewiesenen jüdischen Unteroffizieren be- Ergebnjs, daß auch ohne forcierte Industrialisierung Palästina 1—ly» Millionen Juden ein auskömmliches Dasein bieten kann.;Es ist also töricht, von einer zionistischen Utopie zu reden; es handelt sich hier vielmehr um eine allerdings weitschauende, aber darum doch nicht weniger gesunde realpolitische Unternehm ung“. Er begrüßt am Schlüsse des Artikels die zionistische Bewegung als Sozialist, wei| sich hier „an einem bisher niedergehaltenen Volk wieder Oie Idee des SelbstbeStimmung srechtes der Nationen verwirklicht“. Im letzten Heft schreibt Leo Rose nberg über „Die Em anzipation der Juden in Rußland“. Er gibt einen Ueberblick über die Leidensgeschichte der Juden in Rußland und und ihre Befreiung durch die Revolution vom März 1917 und sägt am Schlüsse, daß die Juden Rußlands nicht in „innere Knechtschaft“ verfallen werden — gemeint ist nach diesem' Ausdruck Achad Haams die 'Assimilation — sondern als freie Nation imfreien Rußland leben werden. In 'der „Rundschau“ spricht Hubert Kuhnert über die Buberschen Arbeiten, über den Chassidismus und die jüdische Religiosität und Hermann Kranold über Elias Auerbachs Schrift „Palästina als Judenland“ die er als beste Informationsquelle über die Frage der Eignung Palästinas als Zukuuftsland der Juden bezeichnet.

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