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Jüdische Zeitung · 1917-08-03 · 31 (3.8.1917) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
11 (1917)
Issue
31 (3.8.1917)
Date
1917-08-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Nalional-jüdifches Organ Erscheint wöchentlich einma Redaktion: Wien 11, Zirkusgasse Nr. 33 Sprechstunden: Montag bis Freitag von 2—4 Uhr, Sonntag von 11—12 Ulu Manuskripte werden, wenn unverlangt, ohne Rückporto nicht zurückgesandt RedaktionsschluB Dienstag um 7 Uhr Fernsprech'Nummer 45*3-25 Mit der Beilage: Oer Jfidifdie Nationalfonds Wien, Freitag, 3. August 1917 / 15. Ab 5677 Einsetnummer 24 neuer Geschäftsstelle: Wien 11/,» Zirkusg. 33 Geschäftsstunden: Montag bis Freitag von 9—12 u. 3—7, Sonntag von 9—12 Bezugspreise: Ganzjährig K10.— halbjährig K 5.—, verteljährig K 3.— Anzeigen und Beilagen nach Tari. Postsparkassen* Konto 133.404 Tfltiolt* Aufruf. — Ein Brief aus Palästina. — Aus dem Abgeordnetenhaus. — Jüdischer Nationalkalender 5678. — Aus den sozialistischen Monatshefte" lllllCtl!• Aus der Wiener Kultusstube. — Vom Tage. — Zionistisches Zentralkomitee für Westösterreich. — Der amerikanisch-jüdische Kongreß. — Die zionistische Konferenz ln Russland. — Aus der jüdischen Welt — Berichte und Korrespondenzen. — Zionisten im Felde. — Palästinaausweis u. a. m. AUFRUF! Untei dem Zwange der Kriegsereignisse haben Tausende unserer Brüder und Schwestern in Palästina ihr in jahrzehntelanger Arbeil geschaffenes Heini verlassen müssen. Jaffa ist evakuiert. Fast die ganze jüdische Bevölkerung mußte der Stadt, deren stolzer Aulschwung ein unzerstörbares Zeugnis üdischer Schaffenskraft geworden ist den Rücken kehren. Auch aus den judäischen Kolonien mußte sich ein Teil der üdischen Bevölkerung in die Fremde begeben. Heimlos in der Heimat, dem Flüchtlingselend und verheerenden Krankheiten preisgegeben, verlangt die jüdische Bevölkerung, die ias drei Jahre lang unverzagt ausgeharrt hat unseren Beistand. Kinder und Frauen, Alte und Kranke erwarten unsere Hilfe. Fin große, schnelle, umfassende Hilfsaktion tut not Wir wenden uns an die newährte Wohltätigkeil unserer jüdischen Mitbürger mi der innigen Bitte, uns durch freigiebige Spenden diese Hilfe zu ermöglichen Beiträge ersuchen wir an das Bankhaus S. M. v. Rothschild, Wien!, Renngasse d, „für die Evakuierten in Palästina“ zu senden Wien, im Hl 191/ israelitische Allianz in Wien, II. Untere Donaustraße 33 Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien Verband der Israelitischen Humanitätsvereine ß’nai B’rith für Oesterreich Exekutivkomitee der Zionisten Oesterreichs, Ii. Zirkusgasse Nr. 33 Ein Brief aus Palästina . Von gesinnungsgenössischer Seite geht uns ein Brief zu, der die erschütterndste Kunde von dem unsagbaren Elend in Palästina gibt. Wir lassen ihn unverändert folgen; er wird in seiner schlichten, wahrhaften Schilderung der palästinischen Verhältnisse jedem ans Herz greifen. „Nun meine lieben Freunde, wollen Sie von Palästina wissen und speziell von Jerusalem. Da heißt es nun, sich mit dem ganzen Optimismus wappnen, der ja stets das Banner unserer jüdischen Sache gewesen ist, wenn man nicht bei der jetzigen Lage verzweifeln will. Der letzte Teil meiner Reise, auf dem mir die Scharen der armen Vertriebenen, aus Jaffa hegegnel s'ind, dann das Wiedersehen von Jerusalem, das ausgestorben, verödet, duster und unsäglich traurig von einer Schar verhungerter und verzweifelter Menschen bewohnt ist, hat mir einen unvergeßlichen Eindruck hinterlassen, der so 'deprimierend war, daß ich die erste Zeit gar nicht darüber schreiben konnte. Man gewöhnt sich aber an alles, sogar an den Anblick verhungernder, tatsächlich vor Hunger sterbender Menschen auf den Straßen. Es sind ja nicht mehr viel geblieben. Das letzte Jahr hat unter den Armen und Schwachen eine fürchterliche Auslese gehalten. Aber immerhin wächst die Zahl der Waisenkinder ins Schreckliche. Wir haben in unserer Schule 200 Kinder, darunter 5t Waisen. Und in welchem Zustande sind diese armen Kinder! Des Morgens kommen sie hungrig zur Schule, müssen stillsitzen und lemen, obwohl sie dazu unmöglich die geistigen Kräfte aufbringen können. Mittags bekommen sie dann eine dünne Suppe und ein Stückchen Brot, das ist in den meisten Fällen die Nahrung für den ganzen Tag! Sehr oft aber essen die Kinder nur die Suppe und stecken das Brot ein für die Geschwister zu Hause, die ja nicht einmal so viel haben! Ist das nicht schrecklich? Sollte nicht jeder, der in einem geordneten Staatswesen lebt, wo wenigstens für die hungernden Kinder gesorgt wird, sollte nicht jeder sein möglichstes tun, um hier zu helfen? Die Kinder kommen in einem Aufzug zur 'Schule, der gar flicht zu schildern ist — zerlumpt, zerrissen, in einem Zustande der Verwahrlosung, der himmelschreiend ist. Wie solt man helfen? Wie soll inan den Kindern Kleidung und Nahrung verschaffen? Diese Fragen quälen mich täglich. Wäre ich in Europa, so wäre es schon möglich, durch eine überzeugende Schilderung der hiesigen Zustände eine erfolgreiche Propaganda auszuführen, aber Europa ist weit, und ich sitze hier! — Ich spreche hier nur vom Nächstliegenden. Aber ich könnte Ihnen auch erzählen von den Krankheiten, die besonders unter der armen Bevölkerung nicht aufhören wollen, und die täglich ihre' Opfer fordern. Die hiesigen jüdischen Aerzte, die mit einer unglaublichen Aufopferung arbeiten, haben eine „Medizinische Hilfe“ eingerichtet. Sie senden Schwestern in die alte Stadt, die die Kranken besuchen und die dann die Aerzte benachrichtigen, die Kranken pi dringenden Fällen ins Spital überführen, sie verpflegen usw. Aber es sind natürlich nicht genug Schwestern und Aerzte da, es fehlt auch an deü nötigen Mitteln, um eine ärztliche Behandlung durch die notwen-< dige Verpflegung erst wirksam zu machen. Und wenn wir nun von den unmittelbaren Leiden übergehen zu den vielleicht noch schwereren moralischen, zu der beständig drohenden Gefahr der Ausweisung;, die giun [allmählich svor jsjch geht, und schon eine große Zahl einflußreicher und tüchtiger Leute von hier entfernt hat, wenn man all den Jammer bedenkt, den die Evakuierung Jaffas und die Vernichtung des Lebens in Tel- Awiw hervorgerufen hat, so müßte ich ganz und gar in den Stil der alten Propheten verfallen und Klagelieder singen. Aber wie ich Ihnen schon anfangs sagte: Wir hoffen trotz allem! Wir. hoffen daß die Zukunft Palästina und den neuen Jischub für alles Leid entschädigen wird. Mögen auch Menschenleben und Güter zugrunde gehen, das jüdische Volk und unsere Hoffnung wird dies alles überdauern. "Wie schön wäre es aber, wenn alle die Leiden bald zu Ende gingen und wir Hand anlegen könnten an den schöneren Wiederaufbau des Gewesenen! — Ich weiß, daß ich Ihnen, tneine lieben Freunde, nichts weiteres hinzuzufügen brauche. Sie werden gewiß zu helfen Versuchen.;so Viel in Ihrer Macht liegt. Ich sende Ihnen auch die Abschrift eines Briefes, der aus Galiläa hier ankam. Jerusalem wird natürlich nicht dje Mittel aufbringen können, um den Ausgewiesenen zu einer neuen Existenz zu verhelfen oder sie über die Dauer des Krieges zu erhalten. Da muß auch das Ausland helfen.“ — Aus dem Abgeordnetenhaus Rede des Abgeordneten Dr. Straucher Wir veröffentlichten in Nr. 29 einen kurzen Abriß der Rede, die der Abg. Dr. Straucher in der Sitzung vom 16. Juli als Generalredner im Abgeordnetenhaus gehalten hat- Unsem Lesern wird es willkommen sein, sie hier im Wortlaut zu finden: Hohes Haus! Alle Jene, welche in diesem hohen. Hause national fühlen und für ihr Volk ihr Bestes einsetzen, werden mich verstehen, werden mich begreifen Wenn ich heute das Wort ergreife, so geschieht es deshalb, weil in dem inkriminierten Reservatbefeh! nicht allein jene Völkerschaften genannt worden sind, die heute von 'den verschiedenen Kollegen namentlich bezeichnet wurden, sondern speziell die Juden. (Hört! Hört!) Der Erlaß datiert nicht vom April dieses Jahres, er datiert noch vom 10. März und lautet in seinem Aljnea d (liest): „Juden, Italiener und Tschechen dürfen auf Wache in diese Kriegsgefangenen-Offiziersgruppe nicht kommandiert werden.“ (Hört! Hört!) Und zuletzt unter Alinea f heißt es (liest): „Scharfe, unauffällige Kontrolle der jüdischen Wachmannschaft, sowie aller minderverläßlichen Elemente der Wachmannschaft .... “ ' usw. Dieser Reservaterlaß ist an Jede zionistische Gruppe abonniere die Jüdische Zeitung im Sammelbezug für ihre Mitglieder!

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