Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 30 (27.7.1917)
- Date
- 1917-07-27
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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7ömcHirz£ims'G W7T5 : ii Ml' 1 H i. ii. i 1 :i; \ .1 il" \V > ' Hr- Seite 4 Wenn ich mich trotz der selbsterhobenen Eitawürfe doch entschloß, den Plan der Kritik zu unterbreiten, so geschah es eben aus dem Bewußtsein heraus, damit eine wohl auch heute notwendige Angelegenheit zur Sprache zu brinfen. ^Unterdessen wurde ich überrascht und -trreut, daß ähnliche Gedankengänge wie mich audi reichsdeutsche Gesinnungsgenossen "bewegen. In Nr. 25. der .„Jüdischen Rundschau" leiten Davis Trietsch und Prof. Heinrich Löwe eine Diskussion über eine jüdische Gartenstadt bei Berlin ein; ich will aut ihre Ausführungen zurückkommen, um den Wiener Gg. den Ernst der Sache vor Augen zii führen. Trietsch, den wir als seinen Befürworter des (gartenstadtgleichen) „Industriedorfes“ für Palästina s.chon längst kennen, schreibt über „die Gartenstadt als Konzentrationsform.“ „Die Hauptaufgabe der jüdischen Welt," leitet er seine Ausführungen ein, „liegt auf dem Gebiete der Organisation und Konzentration. In Ermangelung einer einheitlichen Konzentration verdienen auch mehrere und verschiedenartige Konzentrationen den Vorzug vor dem gegenwärtigen zerfahrenen Zustand; nur daß diese entweder nicht’ systematisch zustande gebracht wurden oder nicht allgemein als wünschenswert anerkannt sind/' Zu den Konzentrationen zählt fiietsch die planmäßige Siedlung in Palästina und die willkürlichen Ansammlungen von Juden in den Riesenstädten. „Eine moderne Konzeritrationsfonn vlare in der städtischen Siedlungs- :fonn der ^Gartenstadt" gegeben, für die sich j(bei uns) in letzter Zeit ein gewisses'Interesse bemerkbar macht" Sie hat, schließt Trietsch „ihre unzweifelhaften Vorzüge im Sinne feiner Konzentration gleichgearteter und ähnlich interesssi'erter Menschen, und in diesem Sinne wird man auch bei uns diesen Gedanken als einen weiteren Weg zu wünschenswerter Konzentration begrüßen/* * Mit den Ausführungen Prof. LoeweS treffen sich die meinen "in vielen Punkten. Er weist eingangs seines Artikels „Eine jüdische Gartenstadt bei Berlin" ebenso wie ich darauf hin, daß viele von denen, deren ganzes "'Streben nur hach dem Lande Jsrael gerichtet ist, voraussichtlich doch noch Jahrzehnte diese ihre Sehnsucht nicht werden erfüllen können, daß eine jüdische Gartenstadt ihnen das bieten würde, .dessen sie am' meisten in der Großstadt entbehren,“ wodurch „sie nicht von Ihrem Ziele .abgelenkt, sondern "nur dafür vorbereitet würden.“ *Er hebt -die Bedeutung der jüdischen Gartenstadt für die Jüdische' Voücsgesundheit hervor wie für unsere faeranwachsende Jugend, die durch das jüdische "Milieu den „schlimmsten Gefahren der Angleichung," (sagen wir nur getrost Assimilation), entgeht würde. Ich habe, der Phantasie eines Teiles der Leser ebenso vertrauend, wie zur Vermeidung von unbegründeten rationalistischen Entgegnungen unterlassen, über eine gedrängte Darstellung hinaus zu gehen. Loewe hat den Mut, oberflächlichen Krittlern die Stirn zu bieten und entwirft folgendes anziehende Zukunftsbild, daß ich zur "Ergänzung meines Artikels wiedergeben möchte: .JHier wird in der Mitte "der jüdischen Gartenstadt die Synagoge stehen, die in Schönheit die geistigen Bedürfnisse selbst des frömmsten Juden, befriedigen soll. Hier wird durch das Zusammenwohnen von Juden jede jüdische Gemeindeeinrichtung möglich und vorhanden sein, so daß es weder an Fleisch noch an Milch nach der vom jüdischen Gesetze bedingten Vorschrift fehlen wird. Was aber vielleicht nicht minder wichtig ist: hier wird die jüdische Schule nicht bloß möglich, sondern durch die Sache selbst gegeben sein, die Schule, die am Sabbath geschlossen ist und in deren Uhterichtsplan der jüdische Unterricht nicht bloß eine geduldete Nebenrolle an letzter und unscheinbarster Stelle einnimmt Hier wird der gesamte Unterricht, der von jüdischen Lehrern und Oberlehrern erteilt wird, vom Geiste der Kultur unef-'des Judentums durchdrungen sein. "Auf solchen Schulen und in dieser Umgebung wird man" auch die hebräische Bibel und die jüdische -Geschichte gründlich kennen und verstehen 1er- -nen. — Audi die kommen auf ihre Rechnung, die das Hebräisch e als lebende Sprache pflegen 'wollen. In einem solchen Gartenstadtchen werden sich leicht und bequem üfle die zusammenfinaen, die miteinander die hebräische •Spräche sprechen und ihre Literatur pflegen wollen, und die jetzt durch die großen Entfernungen in der Weltstadt an der Betätigung ihrer gemeinsamen Bestrebungen gebindert werden. Alle Vereine werden von selbst jüdisch e Vereine sein ,und selbst ohne es besonders zu beabsichtigen, jüdischen Anschauungen und jüdischen Bestrebungen dienen An Sabbathen ünd jüdischen Feiertagen wird die Stadt einen festlichen Charakter tragen, der auch auf solche Bewohner nicht ohne Ejndruck bleiben kann, die selbst, gar kein Bedürfnis haben, das Judentum' ln der alten übeilieferten Form zu pflegen. So wird 'die Gartenstadt alle Vorzüge in sich vereinigen, die das Ghetto einstmals-besessen hat, ohne auch nur einen einzigen Nachteil zu teilen, der dem Ghetto 4odi eigen war. —Die jüdische Gartenstadt wird auch IGublokale und Säle haben, und es ist gar Glauben *S8e-ia nicht daß es gerade auf Ibre drei Kronen nicht ankäme. Bedenken Sie doch, daß bei dem allgemeinen Tiefstand des Inseratengeschäftes die Existenz unseres Blattes auf der Summe der einzelnen kleinen Beträge beruht — Fördern Sielhre eigene Presse □□ □ Rein Zweifel, daß sie der beliebteste Ausflugs!- ort aller jüdischen Großstädter sein wird, die irgendwie noch ein Interesse am Judentum haben. Die Wandervereine werden sicher hier ihr L a n dheim errichten, die Turn- und Sportvereine werden selbstverständlich in diese Gemarkung ihre Spiel- und Sportpfä tze verlegen, una die jüdischen Rudervereine werden hier ihre Bootshäuser haben. Kurzum1: Teil Abib bei Berlin — das soll aber noch kein Vorschlag zur Namensgebung dieser Siedlung sein — wird der Schwerpunkt werden, der alle jüdischen Bestrebungen mit Naturgewalt an sich zieht. Dadurch aber werden die hier zur Geltung kommenden Richtungen vorbildlich für die deutsche Judenschaft werden. Die Loge, die hier sein wird, der Literaturverei'n und die ganze jüdisch-soziale Gemeindearbeit werden den Juden, zuerst in Berlin, dann im ganzen Reiche zeigen, wie sie ihre Vereine und Gesellschaften einzurichten haben, und wie eine großzügige jüdis che Wohlfahrtspfl ege aussehen und wirken muß. Hier wird das neue jüdische Geschlecht nicht kritisieren, sondern bauen und schaffen. Hier werden jüdisches Wissen und hebräische Sprache, jüdisches Lieben und jüdisches Lehen ihre natürliche Stätte haben. In den Gärten werden neßräische Lieder gehört werden, ünd der Jude oder Nidhtjude, der in die Stadt kommt, wird empfinden, daß Judentum und Schönheit, hebräisches “ Volkstum und Arbeit innig ztisammengehören.“ Die Redaktion der Jüdischen Rundschau kündigt für die 'nächste Zeit zwei weitere Beiträge an. Ich schließe daraus, daß in Berlin schon , eine Verständigung von Interessenten .begonnen hat, die nun mehr daran gehen, in der Presse die Trommel zu rühren. Denn' es jst nicht die Art unserer reichsdeutsch mi auf halbem5 Wege stehen zu bleiben. Ich begrüße es.'daß draußen im Reiche eine jüdische Gafferistadtbewegung einsetzt, hotte, daß ein Flinke' von Begeisterung auch aut unsere Wiener Gg. überspringe, und würde mich freuen, wenn von diesen diiiige, die ich als prinzipielle Freunde der Idee kenne, das Wort dazu ergreifen wollten — zu dem1'ausgesprochenen Zweck, eine kleine Gesellschaft zu bilden, die die Frage nadh" den Gesichtspunkten der Ausführungsmöglichkeiten energisch studierte. Es ist mir bekannt, daß nach "dem Kriege eine österreichische Gartenstadtbewegtihg — Mitglied des Vorstandes der „Deui sehen Gartenstadtgesellschaft ist, nebenbei erwähnt, Franz Opp e n h e i m er — Einsetzen wird. Ein Zusammenarbeiten und Zusammengehen mit der allgemeinen Organisation' dürfte' vielleicht im* Stände sein, durch das Gestrüpp der nicht zu verkennenden Schwierigkeiten, vor allem* behördlicherseits, durchzudringen Aber sollte es etwa aüch nicht gelingen, den Plan in seiner; Reinheit durchzusetzen, so gibt's — bei gutem1'"Willen ■—’ noch einen anderen W eg,’ der zu einem ähnlichen Ziele führen und gegenüber dem herrschenden Zustande viele VorieHe aufweisen wird Davon will idi jedodi h eute nicht sprechen. Es wird vielleicht aüftalien, daß icn von „zionistischen" -SiedUmge'n handelte. Man möge darin skejne- Engherzigkeit gegenüber der „jüdischen“ Gartenstadt,) die bei iBerlin gedaent ist. erblicken. Idh: denke, .natürlich .nicht daran,-Juden (sogar freundlich 'gesinnte Niditjuden) auszuschließen. Aber eingestandenermassen ging ich aus von: der Sorge um die Aufzucht unserer Kinder und zum: zweiten halte ich die Zionisten am' ehesten dazu fähig, den 'Anstoß zu einer solchen viel Idealismus und Zielstrebigkeit voraussefzenden Aufgabe zu geben. Loewe geht so weit, zu erklären: „Es gilt, einen Baustein für die Grundmauer des Judentums zu legen," er hält die „Kulturbedeutung, einer solchen jüdischen Gartenstadt, für die Erhaltung und das Wachstum, die Ausgestaltung .und Vertiefung "jüdischen.Lebens in Deutschland für unabsehbar.“ Wenn wir nicht der; tiefen Ueberzeugung wären, daß dasselbe für Oesterreich gälte, würden wir uns nicht zur Propaganda dieser Sache entschließen. . Idi kenne iri .unserer Gegend nur eine nach den Prinzipien der; Gartenstadtbewegung gebaute Kolonie, Gieren es in Deutschland schon viele gibt. Sie liegf in Hietzing amKüniglberg und ist übriges „judenrein." Gg., die sich eine Vorstellung von dem machen wollen, was wir wünschen, sei eTnpfohlen, eine solche nicht nur im* Bilde, wie deren das erwähnte Büchlein von Kampffmeyer Wele bringt, sondern in natura jetzt im' Sommer änzusehen. Sie werden von der „Exkursion" nicht heimkehren, ohne sich zu sagen, daß wir wohl etwas Aehnliches mit einer jüdischen Terrain- und Baugenossenschaft und jüdischen Architekten machen; könnten und sojlten. Mehr noch, wir glauben, daß sich dann in ihr Herz die Sehnsucht einnisten wird, auch' ein solch intimes Heim für sich und ihre Kinder bewohnen zu dürfen. Durch ein Versehen des technischen Personals ist bei meinem vorigen Artikel' eine Anmerkung entfallen, in der ich meine Bereitwilligkeit .anzeigte, mit den Freunden dieses Planes in Verbindung zu treten ,Sie seien hiemit aufgefordert, sich zur Beratung weiterer .Schritte zu melden. Die Redaktion der J. Z. ist so .freundlich, Mitteilungen "in dieser'Sache an mich "weiterzuleiten. Norbert Weldler.' Glossen Der Streit der Fakultäten. Vor kurzem' wurde Prof. Dr. Hans Horst May er zum Rektor än der-Wiener-Universität gewählt. Während sonst die Wahl des Rektors als ein rein formeller Akt sich ohne jede Diskussion vollzieht, ging der diesmaligen Wahl ein heftig bewegtes und sehr kennzeichnendes Vorspiel voraus. Als H. H. Mayer, der als einer der bedeutendsten Pharmakologen der Welt gilt, einstimmig von der medizinischen Fakultät vorgeschlagen wurde, taten eine Anzahl Mitglieder der theologischen und philosophischen Fakultät Einspruch, weil Mayer nicht rein arischer, sondern groß väterlich ersei ts semitischer Abstammung sei. Und so wurde denn trotz des Protestes der Mediziner und der meisten Juristen, beim ersten Wahlgang Prof. Wagner-Jauregg gekürt. Dieser lehnte .die Wahl ab; so wurde schließlich doch Mayer nach dem zweiten und dritten Wahlgang zum Rektor gewählt. — Die Wiener Universität nimmt's genau mit ihrer Rassereinheit. Vor kurzem mußte ein anderer Forscher von Weltruf, Baranyi, daran glauben, damals waren es merkwürdigerweise die Mediziner, denen das Judentum schwerwiegender schien als das Genie. Baranyi fehlte'allerdings die immunisierende Vergangenheit zweier christlicher Generationen 1 * Von Reinlichkeit und yon Anstand. Der deutschnationale A.bg. Pr. Freissler warf neulich den jüdischen Flüchtlingen .Unreinlichkeit vor. Wir nehmen uns nicht "die .Muhe, wie" es., der rumänische Abgeordnete - G rjjforo.vici getan, bat, 'sie ..gegen, diesen Angriff zu schützen, sondern überlassen es der ,;Rieder Volkszeitung", den Flüchtlingen diesen .Liebesdienst zu erweisen. Sie schreibt: Weizenkirchen, 1. Juli. (Ein Kapitel von Anstand un’dSitte.) Es ist eine ziemlich allgemein verbreitete Meinung, daß die Juden das Wasser fürchten. Diese Ansicht ist jedoch, wie .man sich hier in -Waizenkircheri jederzeit überzeugen kann, gänzlich falsch. Unsere Juden fürchten das -Wasser so wenig, daß sie sich sogar ohne Bädhose ins Wasser getrauen. So zieml.ch regelmäßig kann man einige in der Aschach beobachten, wje sie-sich — Kinder, sowohl wie Erwachsene — ohne Badekleid herumtummeln. Vielleicht ist es in ihrer Heimat, in der Bukowina, so Sitte, hier in Ober- Österreich hat man noch andere Begriffe von Anständigkeit. Wenn sie es bisher nicht gewußt haben, daß ein halbwegs anständiger Mensch beim Baden eine Schwimmhose anzieht, so mögen sie es wenigstens aus dieser Zeitungsnotiz zur Kenntnis nehmen und sich darnach'richten. In einer anderen Bezirkshauptmannschaft ist ihnen diese Unsitte voriges Jahr von Amtswegen gründlich ausgetrieben worden; es steht wohl nichts im Wege, daß dasselbe Mittel auch bei uns ängewendet werde, damit unsere verehrten Gäste endlieh lernen, was sich für anständige .Leute geziemt." — Welche Umkehrung der Begriffe! Der Jude aus der Bukowina' als unbekümmerter Naturbursche — so prüde ider Abkömmling der freien Germanen! ' * , Unsere Fr eunde. Das Hamburger, „Israelitische Familienblatt“ bringt in seiner letzten Nummer folgende: Nachricht : „Jerusalem. Seine Exzellenz ’ D s c fi emäl Pascha, Oberbefehlshaber der vierten Armee und türkischer Maririeminister nahm bei Herrn Direktor Ephraim Cohn,' Vertreter des Hilfsvereins der deutschen Juden, das Abendessen ein. Diese Nachricht ist deshalb hervörzuheben, weil sie zeigt, wie es 'mit der angeblichen, von der Ententepresse erdichteten judenfeindlichen Gesinnung des maßgebenden türkischen1 Ministers für Palästina ’bestellt ist.“ — Allerdings'zeigt die Nachricht deutlich, wie es mit der judenfeindlichen Gesinnung Dschemal Paschas bestellt ist.!Venn es noch" eines weiteren Beweises, bedurft hätte, dann ist dieses Freundschaftsinahl — bei Ephraim Cohn eingenommen — einer. * ' * . Jüdisch-liberale Gewissensfreiheit. Daß der Genuß nicht rituell zubereiteter Kost gegen: das. Gewissen des frommen Juden geht, Die Jiiöisdie Zeitung will nidit nur gelesen, sondern audi abonniert sein! i sy