Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 29 (20.7.1917)
- Date
- 1917-07-20
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE 2EITÜNÖ Nr. 29 türlich „siegte“ Diamant. Die Polen haben ihre Juden so gut abgerichtet, daß sie sich die Fußtritte selbst versetzen. Noch ein Stüde eben: Abgeordneter Dr. Straucher hat im Parlamente ein ' InterpeÜaion in Angelegenhöf fl es fiilsnerprozesses eingebraent. Er forderte auch den Polenklubjuden Dr. Groß auf, diese Anfrage zu fertigen. Groß verweigerte die Unterschrift aus Mer Begründung, daß er hiefür keine Erl aubn is seitens des Polenklubs besitze! Das heißt also: Ohne Erlaubnis des Antisemiten Dr. Banas, darf der Jude Groß nicht gegen das Ritual morünärchen Stellung nehmen! Wahrlich, die Schmach, welche auf uns österreichischen Juden lastet, ist groß. Knechte sind unsere Vertreter, stumpfe, ehrvergessene Sklaven unsere Wortführer! Dr. Paul Rohrbach über die Judenfrage Der bekannte Kenner Osteuropas und 'des Orients äußert sich in Nil 4 der „'Neuen jüdischen Nachrichten“ über die Lage der Juden in Rußland . und über die jüdische Zukunft in Palästina: Meiner Ueberzeugung nach liegt das entscheidende Moment sowohl im jüdischen “als im nichtjüdischen, insbesondere mitteleuropäischen Interesse darin enthalten, daß Rußland beim Friedensschluß genötigt werden muß, die rechtliche und tatsächliche Gleichstellung der Juden mit allen übrigen Einwohnern des Reiches zu garantieren. "Gegenwärtig ist als Folge der Revolution die Minderberechtigung der Juden in Rußland aufgehoben, und ich will nicht bezweifeln, daß es den Machthabern oder doch wenigstens den Führern der Linken wie Miljukow, Kerenski und den Sozialdemokraten ehrlich damit ist. Schon der rechte Flügel der Kadetten ist aber nicht frei von Antisemitismus, und dasselbe ist bei den Oktobristen der Fall. Bei den noch weiter rechts stehenden Parteien versteht es sich von selbst Ausgesprochen judenfeindlich ist ein großer Teil der russischen Bauern 'im Westen und Südwesten, und die Popen;und Bischöfe der griechisch-orthodoxen Kirche sind es fast durdiwegi ja sie sind es sogar noch ‘in ganz mittelalteniaiem Sinne. Es darf auch nicht vergesset werden, daß Judenverfolgungen in Rußland lange Zeit ein beliebtes Mittel der Behörden gewesen sind, um das Mißvergnügen der Massen in eine Richtung abzulenken, die für die Regierung Ungefährlich war. Es (wäre @lso gar zu optimistisch,, wollte man alle diese Schwierigkeiten und Gefahren als durch den ersten Schwung der Revolution für immer beseitigt ansehen. Im Gegenteil, Sicherungen sind notwendig und wenn irgendwo, so gilt für die Juden das wort, In diesem Kriege müßten die Menschlichkeit und die Rechte der schwächeren Völker triumphieren. Nur wird es nicht ganz leicht sein, solche Sicherungen für die russischen Staatsbürger jüdischer Nationalität in den Friedensvertrag aufzunehmen, denn sie würden immerhin ein gewisses Aufsichtsrecht von Seiten der übrigen vertragschließenden Mächte bedingen oder ein Recht der Einmischung, falls die Gleichberechtigung verletzt wird. Vielleicht ist die Schwierigkeit doch nicht unüberwindlich, denn "die Verhältnisse werden in Rußland nach dem Kriege wahrscheinlich in jedem Falle wenig stabil sein und die dauernde Wachsamkeit der Nachbarn herausfordem. Wird die Gleichberechtigung der Juden wirklich durchfesetzt und erhalten, so ist es klar, daß sie in ent gewaltigen Lande mit seinen zahlreichen, noch ungenügend ausgenutzen Möglichkeiten und seinem ausgesprochenen Bedarf nach Kräften, die nicht nur im gewöhnlichen Sinne geschäftstüchtig, sondern auch beweglich und organisatorisch veranlagt sind, zu bedeutenden Leistungen berufen Und ihm sicher sehr nützlich sein werden. Die Hauptsache aber ist, daß. wenn sich den östlichen Juden — rieaeri die {beim Friedensschluß in den dann festzusetzenden Grenzen Rußlands verbleiben, wie denen, die etwa nach Polen fallen — Freiheit des Lebens und Arbeitens in Rußland eröffnet, der sonst sicher zu erwartende Drang hach Westen, namentlich nach Deutschland, nicht aufkommt. Die Judenfrage in Deutschland wird vermutlich durch den Krieg ihrem natürlichen Ende ein großes Stüde nähergebracht werden. In dieser Beziehung möchte ich z. B. auf die Aeußerungen des Botschafters Grafen Bemstorff verweisen, die in der Schrift von Max Simon „Der Weltkrieg und die Judenfrage“ (B. G. Teubner, 1916)) auf Seite 11/12 wiedergegeben sind und die in folgender Äeußerung des Botschafters gipfelten: „Ich bin fest überzeugt, daß, soweit Deutschland in Betracht kommt, der Antisemitismus als abgetane Sache betrachtet werden kann,“ würde aber sofort wieder verschärft werden, wenn sich nach dem Kriege eine starke Tendenz der Ostjuden zur Abwanderung nach Deutschland einstellte. Das alles würde sich sehr erleichtern, wenn ein natürliches Gefälle für "den Abfluß der in Polen und Westrußland zu stark gestauten Juden nach Osten statt nach Westen hergestellt werden könnte. Die zweite wichtige Frage ist 'die, ob eine starke Abwanderung der östlichen Juden nach Palästina erstrebt werden soll. Dieses Problem ist, so sehr man vom allgemein menschlichen und kulturellen Standpunkt mit den dahingehenden Wünschen der Judenheit sympathisieren muß, doch vom praktisch-politischen Gesichtspunkt aus gesehen, schwierig. Es begegnet Schwierigkeiten sowohl wirtschaftlich-geographischer als auch politischer Natur. Ich gebe nach dem, was “ich yon den jüdischen Ackerbau-Kolonien in Palästina kenne, gern Zu, daß die Juden, wo sie als Ansiedler auf eigene Füße gestellt worden sind und keine Rothschiid'sche oder sonstige Unterstützung 'erhalten', sich als gute Kolonisten bewähren. Sie können in breitem' Umfang wieder zu Bauern gemacht werden, wo die Verhältnisse günstig sind. Doch soll man sich nicht verhehlen, daß es schwierig ist, Palästina in absehbarer Zeit der Hauptsache nach mit Juden zu bevölkern, da gleichzeitig das Problem der Unterbringung der halben Million Araber, 'die jetzt in Palästina wohnen, gelöst werden müßte. Man kann jedoch immerhin neben der arabischen Bevölkerung noch eine große Zahl jüdischer Kolonisten und Ansiedler nach Palästina bringen, namentlich wenn auch die Industrialisierung des Landes betrieben wird. Während dessen wäre ein friedliches Beieinanderwohnen und Miteinanderarbeiten der Araber und Juden denkbar. Ohne Zweifel brächte die wirtschaftliche Aufschließung Palästinas durch neue jüdische Ansiedler auch der einheimischen arabischen Bevölkerung Vorteile. Das Beispiel der um die jüdischen Kolonien herumliegenden arabischen Dörfer beweist das zur Genüge. Die politische Schwierigkeit besteht in der Haltung der türkischen Zentralregierung,’die, wie man weiß, "der Kolonisation nichtmohammedanischer Elemente mit einer gewissen Vorsicht im Hinblick auf mögliche separatistische Tendenzen derselben gegenübersteht. Doch halte ich diese Schwierigkeit nicht für so groß, wie die physikalisch-geographische. Die Zuführung neuer BeVölkerungselemente ist "für die Türkei eine der dringendsten Notwendigkeiten der Zukunft und sie ist eine der Voraussetzungen für eine machtvolle wirtschaftliche, kulturelle' und politische Regeneration des Landes. 'Dabei können den Türken die jüdischen Ansiedler von größtem Nutzen werden, ihre politische Loya'itlt a!s selbst-' verständlich vorausgesetzt. Nach allen bisherigen Erfahrungen ist an ihr auch kein Zweifel zu hegen Die Türkei ist durch alle Jahrhunderte hindurch für die Juden aller Länder eine Zufluchtstätte gewesen, die sie auch in den Zeiten der schlimmsten Judenverfolgungen mit Wohlwollen und Toleranz "behandelt hat, und es würde ihr auf die Dauer nur nützen, auch in Zukunft von dieser ihrer durch die Jahrhunderte hindurch geübten Haltung nicht abzuweichen. Deutschland als Verbündeter der Türkei, der alles Interesse an einer schnellen und starken Regenerierung dersdb'n hat, hat allen Grund jfi "Ische Emigrations- und Kolonisationsbestrebungen unter dem Gesichtspunkt zu begrüßen, daß sie für die wirtschaftliche Hebung der Türkei nütz'ich werden. Insofern können die palästinensischen Bestrebungen der Juden in der breiten deutschen Oeffentüchkeit alle Sympatnien finden .Ich selbst habe diesen Gedanken schon Öffentlich ausgesprochen, besonders auch in meinem auf Anregung des „Kartells jüdischer Verbindungen“ vor 2 Jahren im Abgeordnetenhaus gehaltenen Vortrag. Mir scheint, dab von diesen Gesichtspunkten aus die palästinensischen Bestrebungen der Judenheit von Mitteleuropa "aus mehr zu erwarten haben, als von der Entente, wenn auch verschiedene Zeitungen und Politiker dieser Seite gerade in letzter Zeit den Juden in dieser Hinsicht große Versprechungen machen. Ich* glaube nicht, daß ein Sieg der Entente und eine 'Aufteilung der Türkei, die Palästina in den Machtbereich Englands oder. Frankreichs bringen würde, den jüdischen Interessen dienlich sein könnte. Diese haben von der Realisierung der imperialistischen Ideen 'Englands, die auf die Gründung eines: großen indhammedariischen "Reiches von Aegypten bis Indien hin tendieren, nichts für sidh zu erwarten. Palästina als englischer Besitz würde nur den Platz für die er.dgiltige Austragung des Kampfes um die Beseitigung der englischen Weltherrschaft abgeben. Bleibt hingegen Palästina türkisch, und bleibt die Türkei in der politischen Konstellation, in der sie heute steht, so Scheint mir die Möglichkeit einer systematischen und ruhigen Realisierung der palästinensischen Wünsche des jüdischen Volkes unter dem' "Banner der Türkei und auf der Grundlage vollkommener Loyalität der jüdischen Bürger des türkischen Staates vorhanden zu sein. Ein Zeugnis der „Reichspost“ über - die Juden im Kriege. Die „Reichspost“ schrieb am 23. Juni unter dem Titel „Heldentaten an "der Tiroler-Front“: „Schützenregiment 25: Der Feind hatte nach 10 stündigem Trommelfeuer die Gräben am linken Flügel des Regimentsabschnittes vollkommen eingeebnet und die Kavemeneingänge verschüttet, als der Gegner den anschließenden rechten Flügel des Nachbarregiments durchbrach und in 'ide Stellung eindrang. Einzeln mußte sich die Mannschaft unseres linken Flügelzuges aus dem’Schutte herausarbeiten iund hätte nicht mehr rechtzeitig ins Gefecht treten können, als Fähnr ich Körner das Geschehene wahmahm. Mit kühnem eigenen Entschlüsse raffte er die nächsten 5 Mann seines Zuges zusammen, stürzte sich auf den ringedrungenen: Gegner und trieb im' erbittersten Kampfe mit Handgranaten Jund^ ials ihm diese ausgingen, mit Steinwürfen den 'vielfach überlegenen Gegner bis vor die eigenen Drahthindernisse in die Flucht. Trotz Verwundung (Fug-, schuß), verblieb Fähnrich Körner in der Kampfstellung. Seinem hervorragend tapfern und initiativen Vorgehen ist es zu danken, daß die große Gefahr eines feindlichen Erfolges abgewendet und in eine blutige Niederlage verwände lt wurde.“ Soweit schrieb die Reichspost. Sie hätte hinzufügen können: Wenige Tage nach dieser Heldentat ist Fähnrich Körner gefallen. Er wurde auf dem Friedhof in G. begraben; Feldrabbiner Dr. Link überbrachte ihm den Abschiedsgruß seines jüdischen Volkes. Nach seinem Tode wurde ‘Körner 'die höchste Soldatenauszeichnung verliehen: Die goldene Tapferkeitsmedaille. Zwei Dokumente der Zeit St. Petersburg. Die Versammlung des Arbeiter- und Soldatenraces 'hat eine Entschließung, betreffend den Kampf gegen den Antisemitismus angenommen. In der Entschließung wird die gegen die Israeliten gerichtete Bewegung getadelt, und die gesamte Demokratie für ■die tatkräftige Bekämpfung aller Versuche einer antisemitischen Hetze, sowie zu der Unterdrükkung jeder Propaganda dieser Art aufgefordert. * Wien. Abgeordnetenhaus. 16. Sitzung, 15. Juli 1917. Abgeordneter Wjchtel (deutschradikal) : „Merkmal sämtlicher Zentralen ist, Saß sie beinahe konfessionellen Cnarakter tragen. (Zustimmung). Wo bleibt denn die Gleichberechtigung für die Nichtjuden? und die sind denn doch in der Mehrheit? Die Zentralen sollten eine Kulfurgemeinde sein, in Wirklichkeit schaut jede Zentrale einer Kultusgemeinde zum Verwechseln ähnlich . ...? Abgeordneter List (christüch"- sozial): „In den Zentralen sieht man niemand anderen als Juden. Sie sind rein Juden-Versorgungsansfalten, die ganze Judenfamiüen beherbergen, dabei wagt es die Judenpresse, die Bauern als Verteuerer und Wucherer hinzustellen und hat die Freiheit zu schreiben, daß die Juden zu wenig Recht in Oesterreich haben! Der Krieg hat eine Menge Leute zu Millionären gemacht, die früher mit einem ganz kleinen Pinkerl hernmgelaufen sind. . . . “ Aus der jüdischen Welt Zur rumänischen Judenfrage. Laut ,;Utro Rossij“. machte der Kommissär des russischen Soldatenrates an der rumänischen Front die drahtliche Meldung an den Kriegsminister und den Petersburger Arbeiterrat, daß die rumänischen Behörden bei den Unruhen am 6. Juni 32 Personen, darunter 7 Sozialisten, wegen angeblichen Hochverrats hinrichten ließen. Zahlreiche weitere Verhaftungen hätten stattgefunden, insbesondere von Juden. Die Verhafteten erwarten das gleiche Schicksal, falls nicht die russische Interimsregierung gegen öiese "Vorgänge, die einen Sturm der Entrüstung in der riissischen Armee hervorgerufen haben, ' sofort energischen Einspruch erhebe. — Mit diesen grausamen Judenverfolgungen der augenblickichen rumänischen Machthaber weraen ihre schönen Versprechungen für die künftige freiheitliche Lösung der Judenfrage in Rumänien in das rechte Licht gesetzt. — „Rjetsch“ berichtet aus Odessa, daß der Kongreß der russischen Frontsoldaten diesen Beschluß gefaßt hat: „Da bei der Einheit der russischen mit der rumänischen Freut die antisemitische Agitation in Rumänien für die russische Revolution eine Gefahl ist, drückt der Frontkongreß seinen Wunsch aus, daß die provisorische Regierung Zur Verteidigung der unterdrückten Massen kategorisch ihr machtvolles Wort sprechen und gegen die Gewalttaten und Grausamkeiten der Rumänen gegen die Juden Protest erheben soll“. — Die „Fikf. Ztg.“ meldet aus Stockholm: Entgegen allen Versprechungen der rumänischen Regierung bleiben die jüdischen Gemeinden in Rumänien vollständig rechtlos. Sie finden bei dem gegenwärtig in der Moldau herrschenden Lebensmittelmangei nicht die geringste Hilfe. Ganze jüdische Familien sterben vor Erschöpfung. Eine sofortige Hilfe mit Lebensmitteln und Medikamenten sei notwendig. Diese Hilfe kann nur aus Rußland kommen, da die rumänischen Behörden nur christliche Rumänen unterstützen und unter den Juden wegen deren angeblicher Deutschfreundlichkeit ständig Verhaftungen oder sonstige Zwangsmaßregeln vornehmen. Antisemitische Erscheinungen im neuen Rußland. In den von jeher antisemitischen Gouver- Poltawa, Kursk, Kischinew ,u. a. macht sich fortgesetzt eine starke antisemitische Strömung geltend, der von der Regierung nicht genügend Halt geboten wird. "Sie arbeiten den national-jüdischen .Bestrebungen tentgegen und möchten den Juden sogar das demokratische Selbstbestimmungsrecht unterbinden. — Im Laufe des Juni haben 68 Komitees der Armee den Juden keine Vertretung bewilligt; das Heer wählt Richter aus den Soldateh kreisen; es wurden nur eine geringe Anzahl Juden gewählt. Ein weiteres Zeichen: Der „Bund“ wollte im Moskauer "Militärbeziik einen jüdischen Soldatenverband gründen; das Präsidium des Moskauer Arbeiter- und Soldatenrates eiklärte sich aber kategorisch gegen diese Absicht. . Jüdische Unteroffiziere sind eine Seltenheit. 'Unter den 800 Provinz- und Kreis-Kommissarien befinden sich selbst in zahlreich von Juden bewohnten Orten keine Juden. Jüdische Offiziersaspiranteft in Rußland* Durch die Aufhebung der früheren Ausnahmegesetze ist den russischen Juden hunmehr der Zutritt zu den Offizierskorps eröffnet Wörden. In den russischen Offiziersschulen haben bereits 2500 jüdische Zöglinge Aufnahme gefunden. Daß jedoch noch _vielfache Widerstände