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Jüdische Zeitung · 1917-07-20 · 29 (20.7.1917) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
11 (1917)
Issue
29 (20.7.1917)
Date
1917-07-20
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Seite 3 Nr. 2Ö _JODiSCHE 2EITÜNÜ AUFRUF! Unter dem Zwange der Kriegsereignisse haben Tausende unserei Brüder und Schwestern in Palästina ihr in jahrzehntelanger Arbeit geschaffenes Heim verlassen müssen. Jaffa ist evakuiert. Fast die ganze jüdische Bevölkerung mußte aei Stadt, deren stolzer Aufschwung ein unzerstörbares Zeugnis jüdischer Schaffenskraft geworden ist, den Rücken kehren. Auch aus den judäischen Kolonien mußte sich ein Teil der jüdischen Bevölkerung in die Fremde begeben. Heimlos in der Heimat, dem Flüchtlingselend und verheerenden Krankheiten preisgegeben, verlang; die jüdische Bevölkerung, die iasi drei Jahre lang unverzagt ausgeharrt hat, unseren Beistand. Kinder und Frauen, Alte und Kranke erwarten unsere Hilfe. Ein große, schnelle, umfassende Hilfsaktion tut not. Wir wenden uns an die Gewährte Wohltätigkeit unserer üdischen Mitbürger mit der innigen Bitte, uns durch freigiebige Spenden diese Hilfe zu ermöglichen. Beiträge ersuchen wir an das Bankhaus S. M. v. Rothschild, Wien I, Renngasse 3, „für die Evakuierten in Palästina“ zu senden Wien, im Juni 1917 Israelitische Allianz in Wien, II. Untere Donaustraße 33 Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien Verband der Israelitischen Humanitätsvereine ß’nai B’rith für Oesterreich Exekutivkomitee der Zionisten Oesterreichs, Ii. Zirkusgasse Nr. 33 Unrechtes und über Verbrechen gezogen würde, die fernab vom Feinde hölzerne Lager, erfüllt mit siechen Menschen, und Friedhöfe gestiftet hat, in denen die unglücklichen Opfer schlafen. Zu diesen Heldenfriedhöfen wird das Gewissen der Oeffentlichkeit noch seLnfetn'Weg finden 1 Heute bestehen die Baracken-Gefängnisse noch, drängen sich in ihren Straßen, die von Gendarmen und Landstui mmännern mit blanker Waffe bewacht werden (Hört!), viele Tausend und Tausende mittelloser, heimatsentrissener Menschen, in einem Zustande hysterischen Deliriums, und Kinder irren umher, die Vater und Mutter verloren haben, die ihnen in Jammer weggestorben sind, armselige Bettler, die einst wohlhabende, vielleicht glückliche Menschen waren. Ich rufe diese Bilder nicht, um1 Ihnen tragische Ausblicke zu zeigen, "die der Krieg eröffnet hat, gut, ich spreche davon, well diese Menschen mit ihrem furchtbaren Schicksal, nicht etwa dem Kriege selbst aufgelastet werden dürfen. Ich rufe sie herauf aus dem Inferno, in dem sie leben, um zu fordern, daß .jene Unkontrollierten Regisseure, die geglaubt haben, die ihnen an. vertraute Gewalt so nützen zu können, daß sie die Bevölkerung ganzer Landstriche in ein grauenhaftes Elend stürzten, meinend, daß das schwierige Flüchtlingsproblem vielleicht am bequemsten mit dem Tode der Flüchtlinge zu lösen sei, ich spreche davon, damit diese Schänder der österreichischen Verwaltung durch den Willen des Parlaments auf‘ die Anklagebank kommen. Drei Jahre schmachten die Flüchtlinge hinter den Zäunen ,Ein Jahr davon in Räumen, in denen Im Winter das Wasser von den Hofwänden floß, in denen sie vor Frost keinen Schlaf finden konnten. (Hört). Sie hatten keine Kleider, sie liefen mit nackten Füßen in Schnee und Kot, es gab keine Möglichkeit für sie, sich zu waschen, und Menschen, die eigene Häuser und Bequemlichkeit besessen hatten, mußten in vierfach übereinander geschichteten Holzstellagen leben und konnten nicht einmal 'menschenwürdig ihre Notdurft verrichten Sie hungerten auch, auf die Verpflegung des Lagers angewiesen, das sie nicht verlassen durften, die Geldmittel, die sie zum' Teile besassen. waren nicht ausreichend, ihnen Erleichterungen ihrer Lage zu verschaffen. In den Holzschachteln, in denen sie lebten, lagen Kranke und Gesunde untereinander. In dem feuchten Dunst, in den Ausdünstunerst einmal die Erhaltung dieser Juden verbürgt sein; und mehr noch: da die Juden nicht vermöge ihrer physischen Existenz, sondern nur als Träger eines geistigen Inhaltes, einer Idee, zur Lösung dieser Menschheits-Mission berufen sind, bedarf es des Lebens dieser Idee, die, wie Bernstein selbst zugibt, in unseren zeitgegebenen Juden ein sehr kümmerliches Dasein fristet; es bedarf der Erneuerung des Judentums. Ohne diese Voraussetzung, Erhaltung und Erneuerung, kann der Begriff „die Juden“ gar nicht als Subjekt gesetzt werden. Es ist eine Inkonsequenz, das Werden dieser Menschemgruppe den destruktiven, auflösenden Tendenzen der materiellen Entwicklung zu uberlassen und ihr noch die höchste Menschheitsaufgabe zuzuweisen. Wohin diese Entwicklung führt, das geht am deutlichsten aus Bernsteins Schilderung seiner eigenen Jugend in' der Zeitschrift „Der Jude“ (Juniheft 1917) hervor. Die Erziehung in diesem aufklärerischen Jteformjudentum, das das „Lecho dodi“ verpönt, dafür aber das .jStille Nacht, j heilige Nacht“ mit Andacht singt, wird in weniger bedeutenden Persönlichkeiten als Bernstein wohl nicht einmal'1 jenes Jüdische Stammesgefühl zurücklassen, das er als Ausgangspunkt seiner Theorie postuliert. Wenn Bernstein ’ sagt, daß „die Menschen ihre Geschichte selbst machen“ (S. 19) stimmen wir darin mit ihm überein und wir leiten aus dieser fundamentalen Erkenntnis die Forderung räb, die Aktivität menschlichen Geistes dort wirksam werden za lassen und bewußt entgegenzustellen, wo das -Geschehenlassen, die passive Hingabe an den Gang der Entwicklung zur Auflösung dessen gen der schlecht gewaschenen, unterernährten Leute, lagen Scharlach- und diphteriekranke Kinder, gebaren Frauen Nein, das war keine Not, wie sie der Krieg ahbefahl, sie wurde gelitten von Flüchtlingen inmitten blühender Landstriche, in 'der Nähe reicher Orte, die auch von österreichischen Bürgern bewohnt .waren, die für den Krieg nicht ihr Hab und Gut geopfert hatten, nicht die Qualen 'der Flucht erduldeten, nicht Wochen der Angst und des Schreckens verlebten und nicht ihre Heimat verloren haben. Und in diesen nahen Städten und Orte, da lebten die Bevölkerungen wohl bescheidener als im üppigen Frieden, aber sie lebten doch menschlich, sie waren nicht die Gefangenen einer 'Bejmtenvvillkür, die ihre Unfähigkeit zu verbergen suchte durch die Entrechtung freier, loyaler und opferwilliger Bürger, die sie verschwinden lassen wollte, denn der Stürgkh'sche Absolutismus hatte es ihnen leicht gemacht. (Rute: Sehr richtig!) Das Parlament war totgesShlagen, die Presse stumm, und kein Laut konnte aus der Hölle dieser Verwaltung hinausdringen, die nach dem Ermessen ihrer Willkür, wen " s’ie wollte, zu Leibeigenen machte. Es wäre zum etfigen Gedächtnis, wenn die Gefängnistüren 'der Flüchtlingslager sich öffnen, die Flüchtlinge herzuführen un'd in den Straßen der Residenz im langen Zuge, in endlosen Zügen §ie zu zeigen, die gelitten haben um, ihr Vaterland, damit auch jene still werden, deren eingeborener politischer Haß nicht Halt macht vor menschlichem Unglück. (Beifall und 'Händeklatschen.) , "'Hohes Haus! Es wird mir nicht gelingen, Ihnen auch nur einen schwachen Schein von .jener furchtbaren Tragik hier zu vermitteln, die ich auf meinen vielen 1 Reisen in die Flüchtlingslager gesehen habe, von denen ich bis zu Tränen erschüttert wurde. Wie eine wilde Halluzination ist mjr dje Erinnerung meiner 'Besuche In Nikolsburg, auT denen icn von dem Wiener Schriftsteller Btnil Kläger begleitet war, der den tiefsten Anteil an dem genannten 'Flüchtlingselend nahm. Noch steht mir der Eindruck seiner schweren Bestürzung vor Augen. Ein Versuch Emil Klägers, wegen des Geschauten, Furchtbaren in der Neuen "Freien Preße Vorstellungen zu erheben, wurde von der Zensur unterdrückt, so, daß kaum1 ein paar abgerissene Sätze gedruckt werden Konnten Ich will auch nicht den 'Versuch ''machen. Sie die Hölle des Flüchtlingslagers miterleben zu lassen, von dem hei anderer führt, was wir als unser Wertvollstes erkannt halien CJnd das Letzte, Entscheidende, worin sich unser Gegensatz zu Bernstein kundgibt, ist die Einsicht, die wir auch den religiösen Missionspredigern der Assimilation gegenüber voraus haben: Es kommt nicht darauf an, daß wir ein Ideal proklamieren, sondern darauf, daß wir es ins Leben bringen. Wir sind nicht dazu da, die Völker zu belehren, flicht die Mahnung wirkt, sondern das* Beispiel. Nicht durch äußere 'Einwirkung können die Juden die Rolle erfüllen, die Bernstein ihnen zuweist, sondern durch das Medium des Geistes, der, von der jüdischen Idee entzündet, in dem Menschen aufgeht und sie ihr Leben selbst erneuern läßt, daher gibt es nur einen Weg: das Streben nach einer Stätte freier Entfaltung jüdischen Geistes in einer jüdischen Volksgemeinschaft. „Die neue Menschheit braucht uns.“ Aber sie braucht uns nicht zerstreut und auseinanderslrebend, sondern gesammelt und geeint, nicht von Getue und Gerede besudelt, sondern gereinigt und bereit, nicht Go l bekennend mit unserem Wort und Gott verratend mit unserem Leben, sondern Gott getreu dienend durch die Bildung einer Menscfiengemeinschaft nach seinejn Sinn. Nicht dies liegt uns oh, der neuen Menschheit zu geben, daß wir erklären und beteuern, es sei ein Gott, sondern dies, daß wir ihr zeigen, wie Gott in uns lebt — wie er das wahrhafte Menschenleben lebt: daß wir uns selbst und Gott in uns verwirklichen.“ (Buber» ä. a. 'O.. S. 39.) Daß wir .uns selbst, daß wir die jüdische Gelegenheit ausführlich gesprochen werden soll. Die Veranlagungen des Gesetzentwurfes sind die bescheidensten Forderungen, die für die Flüchtlinge gestellt werden müssen, sie sind die geringste Garantie dafür, daß sich fernerhin nicht die schmachvolle Vergangenheit wiederholt Aber außerhalb dieses Gesetzentwurfes stelle ich die Forderung 'der Aufdeckung 'der Schuld jener Organe, die die Flüchtlinge ihrer Freiheit beraubten, <Jen Tod von Männern, Frauen ud Kindern verschuldet haben und die es verantworten müssen, daß Gesundheit und Leben der ihnen anvertrauten Menschen in Gefahr gebracht wurde. Das Eintreten der Regierung in diese Forderung wird beweisen, daß sie keinen Zusammenhang mit der Vergangenheit der Schande der Verwaltung hat, cfaß sie willens ist, die Gesundung des Innern Oesterreichs und seinen inneren Frieden zu wollen, daß sie es dicht gestattet, daß man Hundertausende staats- und kaisertreuer Bürger ungestraft peinigt und entrechtet und aus Innen Feinde des Vaterlandes zu machen bestrebt ist. Mit der Aufrichtung ‘dieses inneren Friedens wird die Regierung auch wesentlich den Weltfrieden fördern. In dieser Voraussetzung slimme ich für die Gesetzesvorfage. (Bravo: “Bravo!) Polenknechte In der Nr. vom 6. Juli haben wir berichtet, daß die polnischen Abgeordneten Dr. B a n a s und Genossen im Parlamente einen Antrag eigebracht haben, die Regierung möge erheben, wieviel djie Juden an den Kriegslieferungen verdient haben Der Bericht schloß mit der Frage, ob der Polenklub diesen Antrag mit Zustimmung seiner neun jüdischen Mitglieder beschlossen habe. Die Antwort liegt bereits vor. Im Polenklub hat der jüdische Abgeördnete Rauch, welcher sich in mancher Hinsicht vorteilhaft von seinen Mitsklaven unterscheidet, verlangt, der Klub möge im Parlament erklären, daß er mit dem Anträge Bar.as nichts gemein' hat. Dieses Verlangen aber schien dem Juden Diamant, dem1 früheren sozialdemokratischen Freiheitshelden und nunmehrigen Knecht der Schlachta, zu kühn und er stellte den Gegenantrag, man möge die Angelegenheit als erledigt 'betrachten und von einer öffentlichen Kundgebung a b s e"h e n. TJa- Idee verwirklichen: das ist die Voraussetzung für eine Miltiertätigkeit unter den Völkern In diesem Sinn sprechen auch wir von einer „völkerverbindenden Funktion“ der Juden („Der Jude, Jahrgang f., I. "Heft, „Die Losung" S. 3). Aber unser letztes Ziel, das Motiv unseres Handelns ist gar nicht unsere 'Wirkung aut die Menschheit Mit derartigen Prätentionen wagen wfr gar nicht aufzutreten. "Unser Ziel ist ganz bescheiden, daß wir selbst zunächst einmal das Rechte tun, daß wir unsere Gemeinschaft nach dem Gesetz unseres reinen jüdischen Geistes atifzubauen versuchen — um ihrer selbst willen. Niemals hat jüdischer Nationalismus das blinde Machtstreben gekannt, niemals hat er sich mit der brutalen Tatsache einer selbstgefälligen physischen Existenz abgefunden. Stets war in ihm etwas von dem uralten prophetischen ideal, der einzigen reinen Form der Missionsidee. Daß auch die Menschheit, wenn unser Werk .gelingt, von unserem Geist belebt wird, das ist zwar nicht das Motiv unseres Tuns, aber es muß seine natürliche Wirkung sein, aut die wir hoffen und vertrauen. In diesem stolzen Vertrauen "klingt auch das grundlegende Dokument des Zionismus — das heute trotz vieler Abweichungen ih Einzelheiten so aktuell und lebendig ist wie vor zwanzig Jahren — Rerzls Judenstaat, aus: „Die Welt wird durch unseren Reichtum bereichert, durch unsere Freiheit befreit und vergrößert durch unsere Größe. Und was wir dort zu unserem eigenen Heil erstreben, wirkt machtvoll und beglückend hinaus zum Heil der Menschheit.“ Robert Weltschi

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