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Jüdische Zeitung · 1917-07-20 · 29 (20.7.1917) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
11 (1917)
Issue
29 (20.7.1917)
Date
1917-07-20
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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es vermögen, das alte Banner jüdischen Geistes vor aller Welt wieder zu entfalten, wo der Assimilant immer von außen genötigt ist, entweder die Anderen an Chauvinismus zu übertrumpfen oder in politischer Gleichgiltigkeit hinter allen Zurückbleiben. Jene Gemeinsamkeitspolitik aber bildet auch den richtigen Rahmen für unsere "Eigenpolitik in jenem Geiste, der in 'den Konzeptionen Herzls das Nationale in so adeliger Weise an das Menschliche anknüpfte. Die durch den Krieg geschaffenen Situationen verbieten Von selbst ein Vorübergehen an den Fragen der jüdischen Siedlungen. Wieder einmal, wie so oft im Altertum und Mittelalter, tobt der Krieg bis hart an die Grenzen Palästinas, die jüdische Kolonisation selber bedrohend. Und die blutige Not des östlichen Krieges hat ja fast ausschließlich Gebiete betroffen, die altes jüdisches Ansiedlungsgebiet sind. Die Neugestaltungen Rußlands und Polens, in dem einen Lande unbegrenzte Hoffnungen^ in dem anderen schmerzlichen Pessimismus erweckend, drängen jedenfalls zu neuen Fragen und zu neuen Lösungen. Und in einem weiteren Sinne wird die Herzl'sche Formulierung .einer „völkerrechtlich gesicherten Heimstätte“ aktuell in dem Augenblicke, wo sich auf den Trümmern eines fast vernichteten Völkerrechts ein neues aufbauen soll. Das Völkerbewußtsein, das immerhin — wie sogar das österreichische Parlament zeigt — aus dem Kriege geläutert hervorgehen dürfte, wird auf die Dauer der Anerkennung der der jüdischen Nationalität nicht so fremd gegenüberstehen wie früher — was ja auch manche Aeußerungen hervorragender Politiker aller Länder bewiesen haben — und die Judenfrage als Volksproblem verstehen, in seiner Doppelgestalt, wie sie durch Schicksal und Willenstendenz innerhalb des jüdischen Volkstums selbst bestimmt ist: als die Palästinafrage und als die Frage der jüdischen Siedlungen In Europa, vor allem im slavischen Osten. . Die zionistische Lösung allein bedeutet ein Verschwinden der Judenfrage in ihrem alten Gewände und ihr Aufgehen Tn einer höheren Form des nationalen Lebens und des nationalen Mitlebens mit allen Völkern und Staaten. 'Ein jüdisches Volk, das sein Eigenleben an einem Punkte der Erde national konzentriert entfaltet, kann auch unter den Übrigen Völkern Und Staaten so leben wie irgend ein Volk, das in einem bestimmten Territorium seinen nationalen Rückhalt und überall seine nationalen Pflichten und Rechte besitzt. Das Problem der kleinen Völker, auf das Judentum übertragen, ergibt außerpolitisch den Zionismus, innerpolitisch innerhalb der Bedingtheiten der Länder und der jüdischen Volkszahl die nationale Autonomie. Daß diese Fragen für das Judentum sich dennoch nicht völlig mit denen bei änderen Völkern decken, beruht auf gewissen speziellen Bedingungen: erstens der Zerstreuung des jüdischen Volkselements unter fast allen Kulturstaaten und -Völkern, derzufolge auch der „interbedeutendsten Kundgebung zionistischen Geistes während des "Krieges, der unter oem Titel „V ö Iker, Staatenund'Zion“ erschienenen Briefe Martin Bubers an Hermann Cohen*), die jeder Jude genauestens lesen sollte. Dort heißt es: „Ich empfinde meine Pflichten gegen die Staatsgemeinschaft, in der ich lebe, mit allem Ernst und in aller Strenge; als die oberste dieser Pflichten aber habe ich diese erkannt . .: Dem Staat das Bild der wahren Menschheit vorzuhalten, sooft er sich dagegen vergeht. Denn die Menschheit ist ein Größeres als der Staat. Nicht die gestrige „europäische“ Scheinmenschheit, die unfähig war, die Staaten aus ihrer Verstrickung Tn dem' unsichtbaren Krieg aller gegen alle zu lösen, sondern die werdende, die durch das Rote Meer gegangen ist, die erwachte, in der sich die künftige, um den lebendigen Gott gesammelte, bereitet, deren Organe die Völker und deren Werkzeuge die Staaten sein werden.“ Und nun verweist Bernstein, im Anschluß an die „Nation“, auf die traurige Rolle, die dje Juden in diesem Krieg als Wortführer des-extremsten Nationalismus spielten Diese Sklavenpsychologie, die ihre Vollberechtigung dadurch dokumentieren will, daß sie die vermeintlichen Interessen der nationalen Machthaber besonders aufdringlich vertritt, trat vor allem bei den deutschen Juden zutage. Hieraus entstanden die „Haßgesänge“ deutsch-jüdischer Dichter, hieraus der fanatische Haß-Nationalismus einer jüdischen Stu¬ *) R. Löwit Verlag, Wien 1917. Preis K 1.50 (1 Mk.). jjOüiov/t il x.jui k xjnO' Bitte nicht zu vergessen, daß die Abonnements unbedingt bis Mitte Juli bei ans eingelangt sein müssen, sonst sind wir leider gezwungen, die Zustellung unseres Blattes so lange zu unterbrechen, bis sich die Säumigen zur Absendung des fälligen Bezugspreises entschlossen haben. nationale“ Charakter dieses Volkes dort stärker zu wahren wäre als der speziell-staatliche — das Judentum ist z. B. in 'diesem Sinne mehr europäische als speziell österreichische oder speziell rußländische Nation — und dieser Zusammenhang, ohnedies im letzten Jahrhundert stark gelockert, dürfte die Bedingungen seines Bestandes nicht verlieren, umsoweniger als Ihm keine bedrohlichen Machttendenzen 'innewohnen, es eher ein Versöhnungselement der Völker bilden könnte, und andererseits für das Riesenhilfswerk, das die Gegenwart erfordert, die jüdischen Kräfte aller Länder zu vereinigen sind. Aber auch innerhalb der einzelnen Staaten fehlt dem jüdischen Volkselement jene absolut geschlossene Territorialität, die manchen anderen Völkern in ähnlichem Verhältnis — auch nicht;allen! — eigen ist. Ist aber einmal für das Judentum die durch den Zionismus repräsentierte territoriale Konzentrierung in jenem Maasse verbürgt, daß sie dieses Volk vor der Zersplitterung bewahrt und an einem' Punkte der Erde im 'Achad - Haam'schen Sinne den Juden aus sich selber wachsen läßt, dann kann es umsomehr auch in den Ländern der Zerstreuung in stetem Bewußtsein -seines nationalen Zusammenhanges über die Länder der Erde mitwirken an dem Fortschritte der Menschheit und vor allem an der Wiederherstellung einer zertrümmerten Kulturwelt auf neuen und besseren Grundlagen. E. M. Die Debatte über das Flücht’tngsgesetz im Abgeordnetenhaus Tausende werden den 12. Juli, den Tag des Flüchtlingsgesetzes segnen. Gegen eine halbe Million Flüchtlinge lebt, durch die eiserne Gewalt des Krieges, von Heimat, Haus und geordneter Tätigkeit losgerissen, beute hoch in der Fremde. Jene Teile des österreichischen Staates, in 'die man sie herdenweise führte, taten sich ihnen nur widerwillig auf. Ihre Art ist der einheimischen Bevölkerung fremd und unlieb; sie haben diese Antipathie in jeder Form zu kosten bekommen. Doch waren diese Evakuierten, die in Gemeinden untergebracht waren, noch glücklich zu nennen gegenüber jenen, die in Baracken hausen mußten. Gleich Gefangenen hielt man sie; nicht genug des erlittenen Elends der Flucht, des Verlustes von Hab und Gut, auf sicherem Boden des eigenen Staates beraubte man“ sie der Freiheit und zwang sie in den unhygienischen Baracken bei mangelhafter Nahrung ihre Tage zu verbringen; dentenzeitung, sowie etwa der Vorwurf eines Judenblattes gegen England, -daß es durch das Bündnis mit Rußland Verrat geübt habe an der „germanischen Rasse“, usw. Die Juden müßten meint Bernstein, ihren „Landespatriotismus“ durch ihren „Stammespatriotismus“ korrigieren, um zum „weltbürgerlichen Patriotismus“ aufzusteigen. Wir sehen aber, daß das Rechenexempei nicht stimmt; die erwähnten Beispiele beweisen, daß gerade das jüdische Stam'meSbewüßtsein, weil man es zu verdecken strebt, eine Potenzierung — 'nicht etwa des patriotischen Gefühles, aber des patriotisch sein sollenden Getues bewirkt. Der Reduktionsfaktor Schleicht sich unversehens aus dem Nenner in den Zähler. Da' man als Vorwurf fürchtet, was natürliches Handeln wäre, tut man demonstrativ das Gegenteil. Diese Erscheinung, die Bernstein erst im: Kriege in ihrer Kraßheit entdeckt hat, ist uns im Oesterreich der Nationalitätenkämpfe lebenden Juden lange wohlbekannt. Was wir mit unsem deutschen, tschechischen, polnischen, magyarischen usw. Juden erlebt haben, hat ‘uns den Blick geschärft. Wir — und jeder der die Judenfrage in ihrer Tiefe erfaßt hat — wissen heute, daß wir jenes einzig würdige Verhalten nur von jenen Juden envarten dürfen, die sich "unzweideutig ihrer jüdischen Nationalität bewußt sind. Es geht nicht an, wie Bernstein zu sagen: Ich bin ein Deutscher, aber meine jüdische Herkunft weist mir Biese Aufgabe der Juden; die Selbstbesinnung auf das Judentum kann nicht auf halbem' Weg stehen bleiben. Zwischen dem nationalen Bekenntnis Bernsteins i'ii'. £ir ihre Kinder in unheimlicher großer Anzahl fielen als Opfer dieses Systems, das man „aus wirtschaftlichen, gesundheitlichen, völkischen, staatspolizeilichen Gründen“ (Graf Toggenburg) anwandte. Was Memoranden und Bittgesuche in der parlamentlosen Zeit nicht erreichten, das hat die Tätigkeit des Abgeordnetenhauses in kurzer Zeit durchgesetzt. Gleich zu Anfang interpellierten die Abgeordneten Dr. Straucher- und R e i'z e s (vgl. Jüd. Ztg. Nr. 24 und 25) über das Schicksal der 'jüdischen Flüchtlinge. Eine 'Flüchtlingskommission wurde geschaffen; das Ergebnis ihrer Arbeit ist das neue Flüchtlingsgesetz, das in der Sitzung vom 12. Juli vom Plenum angenommen wurde. Im Verlauf der Debatte trat die Scheidung der Geister deutlich zutage. Rumänen, Slowenen, Polen, Ukrainer, Italiener bewiesen ein natürliches Verständnis 'für die Leiden der Verbannten!, die Vertreter der Deutschnationalen aber ließen sich auch durch die Darstellung des Ministers, die trotz der verteidigenden Haltung, das Flüchtlingselend mit dunklem' Griffel Umriß, nicht zu rein menschlichem Mitgefühl hinreissen. Der Abg. Heinrich Reizes, der dem' parlamentarischen Flüchtlingsausschuß angehört, hielt_die eindrucksvollste Rede dieses Tages, sie möge hier im Wortlaut folgen: Rede des Abgeordneten Reizes am 12. Juli 1917, (Nach dem1 stenographischen Protokoll) Hohes Haus! Der Herr Abgeordnete Freissler hat mit den Schmähungen unglücklicher, jüdischer Flüchtlinge seinen kleinlichen Rassenhaß nackt enthüllt. Er ist einer von "jenen, die die Juden in den Kot treten und darin Schreien: Seht, wie schmutzig sie sind! Es ist traurig,, daß ein Vertreter der deutschen Kultur in diesen ernsten Zeiten Menschen, die ebenso wie ihre Leidensgenossen anderer Nationen die Märtyrer des Staates, die Ungtüglichsten der Unglücklichen dieser Welttragödie sind, vor der Welt auf eine solche Weise beschimpft. Hohes Haus! Indem ich zu der neuen .Gesetzesvorlage zugunsten der Kriegsflüchtlinge das Wort ergreife, kann ich mich nicht eher mit der darin diesen Unglücklichen bereiteten, "helleren Zukunft befassen, ehe ich mich mit schweren Anklagen gegen eine finstere Vergangeheit gewendet habe. Der Wille aller Völker Oesterreichs flammt in diesen Tagen, die einst unvergeßlich1 sein werden, ununterdrückbar empor und. verlangt seine Rechte, und das gellende. Schweigen, das mit unhörbaren Schauem die tiefgebeugte Demokratie überlief und umklammert hielt, ist aufgebrochen mit einem einzigen Schrei nach Wiederherstellung der verletzten Bürgerrechte. Möge der Staat nach außen hin klug abwägend seine. Formen suchen, mit denen er wegsame Pfade zum Frieden bahnt, und sie .benennen, wie er die gegeneinander abgewogenen, internationalen Notwendigkeiten abschätzt, ebenso stark i«t das Verlangen nach innerem Frieden, gärend und drängend, und auch dieser Friede hat seine Bedingungen, auch e r kann nicht aufgerichtet werden, ohne einen gründlichen Reinigungsprozeß, ohne Bekenntnisse der Schujd, ohne Anerkenntnis geknebelter oder zerstörter Volksrechte und’ ohne daß jenen Bürgern, die über Nacht in einen Abgrund menschlicher Leiden gestürzt wurden, ihr volles Recht wird. (Zustimmung). ■ . ' Wiedergutmachungen und Vergeltungen fordert die Anklage der Vergangenheit neben den Sicherungen für die Zukunft, wie sie diese Gesetzcsvorlage vorschreibt. Der herbeigesehnte, innere Gesundungsprozeß Oesterreichs vermag niCht zu geschehen, wenn etwa eine breite Vertuschungsdecke über dje Wirkungen tausendfachen und dem1 der assimilatorischen deutschen Haßsänger ist nur ein Quantitativer Unterschied. Da zeigt sich eben der Kernfehler des Bemsteinschen Gedankenganges: daß er in einer den „Aufgaben der Juden“ geltenden Arbeit an dem Zionismus mit einem höflichen Kompliment vor dessen idealistischem Elan vorübergeh'en will. Wir sauten schon, daß wir der Forderung Bern, s'teins nfit 'aller Sympathie beistimmen, sofern er die Maxime formuliert, nach der sich' die Juden im: Völkerkampf verhalten sollen. Aber' wenn 'dies es Verhalten der luden d_a.s Ziel ist, welches ist der Weg zu die seht Ziel? Bernstein übersieht, daß er, unbekümmert um die Tatsachen der Wirklichkeit, Forderungen ausspricht, deren Voraussetzungen nicht gegeben sind. „Die luden als Mittler“, als völkerverbindendes, versöhnendes Element: gewiß ein hoher Gedanke! Aber schon die Fassung fieses Untertitels birgt einen logischen Sorung. Bernstein übersieht, daß man heute nicht ohne werteres von „den Juden“ reden kann. Ohne sich über das Wesen dieses Sübiektes Rechenschaft zu geben. „Die Juden“ — das ist kein 'logisch eindeutiger Begriff, es ist ein Problem von weitverzweigter Komplikation. Bemsf’in m'eint, offensichtlich die empirischen Juden unserer Welt, um' deren Beschaffenheit er 'gar nicht fragt, indem er sie zu einer Abstraktion macht. Der Zionismus aber meint den' idealen Juden, den' er in diesen konkreten Individuen, „Juden“, verwirklichen will. Das Subjekt, das Berns'tein für seine Aufgabenstellung braucht, muß ihm' vom Zionisimüs erst geliefert werden. Der Zionismus sagt: Utrt 'den Juden eine Aufgabe zustellen, muß

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