Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 29 (20.7.1917)
- Date
- 1917-07-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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f i lanrgong nr. iv Nalional-jüdifches Organ Erscheint wöchentlich einma Redaktion: Wien II, Zirkusgasse Nr. 33 Sprechstunden: Montag bis Freitag von 2—4 Uhr,' Sonntag von 11—12 Uh> Manuskripte werden, wenn unverlangt, ohne Rückporto nicht zuriickgesandi Redaktionsschluß Dienstag um 7 Uhr Fernsprech>Nummer 45-3-25 Mil der Beilage: Der Jüdifdie Nationalfonds Wien, Freilag, 20. Juli 1912 / 30- Thamus 5677 Einze nummer 24 Metier Geschäftsstelle: Wien II/t, Zirkusg.33 Geschäftsstunden: Montag bis Freitag von 9—12 u. 3—7, Sonntag von 9—12 Bezugspreise: Ganzjährig Kid— halbiähng K 5.—. vierteljährig K 3.— Anzeigen und Beilagen nach Tari Postsparkassen-Konto 133*404 Iriliolt' E. M., Eine Zionistische Vertretung auf der sozialistischen Friedenskonferenz. — Robert Weitscb, Ziel. Aufgaben, Wege. — Die Debatte über lilia ■ das Flüchtlingsgesetz im Abgeordnetenhaus: Rede des Abgeordneten Reizes. — Polenknechte. — Dr. Paul Rohrbach über die Judenfrage. Ein Zeugnis der „Reichspost“ über die Juden im Kriege. — Zwei Dokumente der Zeit. — Aus der jüd. Welt. — Zionisten im Felde. — Briefkasten. — Berichte. BagugsaamW;.-* Eine zionistische Vertretung auf der sozialistischen Friedenskonferenz Die Mitteilung, daß die zionistisch-sozialistische Gruppe der Poale-Zion auf der Stockholmer Konferenz vertreten sein werde, wird nicht verfehlen, ein Interesse zu erwecken, das der symptomatischen Bedeutung dieser Tatsache entspricht. Zunächst weil hiemit eine Vertretung der Zionisten bei diesen Verhandlungen geschaffen ist, denen das ganze friedenssehnsüchtige Europa mit Spannung folgt und weil auch gerade die zionistische Gruppe, an Verbreitung vielleicht nicht die stärkste unter den jüdisch-sozialistischen Gruppen, als die befugte Vertreterin eines jüdisch-nationalen Sozialismus hiemit in einer Weise anerkannt wurde, die nicht leicht zurückgenommen werden kann. Gewiß stellen die von der Poale-Zion vertretenen Grundsätze!, vor allem jene fvonider .überragenden Bedeutung des wirtschaftlichen Klassen-Kampfes in 'der Geschichte überhaupt und-in den. nationalen Bewegungen speziell keine reine Spieglung des umfassenden zionistischen Gedankens dar. Darum darf aber der großen Bedeutung nicht vergessen werden, welcher der jüdischen Arbeiterbewegung innerhalb der bisherigen zionistischen Entwicklung zukommt. Bildet doch der nach Palästina strebende und dort Pionierdienste leistende Arbeiter das aktivste Element der zionistischen Volksmassen, und wenn auch innerhalb des östlichen Judentums jene Art von Klassenscheidung, wie sie aus "der Doktrin der Internationale herübergenommen wurde, nicht eigentlich existiert, vielmehr die Grenze zwischen Kleinbürgertum und Proletariat eine gänzlich flüssige ist, Ziel, Aufgaben, Wege Bemerkungen zu einer jüdischen Missionsideologie’ Für kein Volk der Welt ist — soweit uns bekannt — die Bedeutung der nationalen Teleologie jemals so groß gewesen, wie für das jüdische. So wie es für den Juden von vornherein gegeben war, daß er nicht um seiner animalischen Existenz willen, sondern um eines Zieles, nämlich der Verwirklichung der göttlichen Idee, ’ willen auf der Erde lebe, so hat auch auch das jüdische Volk als Ganzes stets das Bewußtsein einer Aufgabe gehabt, das in den Höhepunkten jüdischer Geistesgeschichte zur leidenschaftlichen Forderung sich verdichtete; es war die Forderung 3er Propheten, "daß 'das Volk sein Gemeinschaftsleben im Sinne Gottes so gestalte, daß seine Stätte schlechthin das Wohnhaus Gottes werefe. zu efem1 äffe Völker wallfahrten, das „ein Bethaus Tür äffe Völker genannt werde“. Dieser Ruf, daß das Volk Israel bestiiriml Sei, der Menschheit die Erlösung aus der furchtbaren- Not des irdischen Geschehens zu bringen, ist nie' verstummt. Und selbst in den Zeiten des Niedergangs lebt diese MiSsionsidee, allerdings unendlich verkleinert und verflacht, wieder auf;'auch hier noch bewahrt sie eine Ueberlegenheit gegenüber den nur auf materielle Macht gerichteten Bestrebungen der' anderen Völker, deren grauenhafte Folgen wir „Von den Aufgaben der Juden im Weltkriege“ von Eduard Bernstein, M. d. R. Berlin 1917, Verlag Erich Reiss (M. 1.50). so kann doch eben das zionistische Arbeiterelement, das wieder national viel enger mit den anderen „Klassen“ verbunden ist, den Anspruch erheben, das jüdische Volk dort zu repräsentieren, wo es in erster Linie nicht auf innere 'nationale Verhältnisse, sondern auf die Vereinigung der auf Besinnung und Wiederversöhnting gerichteten Tendenzen aller Völker ankommt. Waren es ja auch die Poale-Zion, welche im Jahre 1915 in einer an das internationale sozialistische Bureau gerichteten Denkschrift zusammenfassten, was über das jüdische Volk im Kriege von jüdisch-sozialistischem Standpunkte der Welt gesagt werden könnte „Die Tragödie des jüdischen Volkes steigert sich ins Unermessliche, wenn man wahrnimmt, daß seine ungezählten Opfer ohae Sinn und Zweck, ohne jede geschichtlich nationale Rechtfertigung dargebracht werden. Wir sind keine Anhänger der „BefreiungsTegende“, des Glaubens, daß das blutige Ringen um Machtzuwachs und Vorherrschaft eine befreiende Sendung zu vollbringen hat. Wir glauben nicht, daß die Lebensfragen der unterdrückten Nationen durch Wäffengänge zu Tösen sind. Wir weigern uns den organisierten. Völkermord, als ein. historisch notwendiges Mittel menschlichen Fortschrittes zu abzeptieren. Das hindert uns nicht zuzugeben, daß die durch einen Krieg bedingten gewaltigen Erschütterungen im Leben eines Staates wohl nötig sein können ... Allein uns ' Juden fehlt auch dieser tröstende Wahn. Wir wissen, durch Jahrtausende lange Leiden geläutert, daß unser nationales Schicksal nicht auf Schlachtfeldern entschieden wird... Der Krieg wird die Grundlage unseres nationalen Daseins nicht umwälzen, die furchtbar verwickelten Probleme unseres Lebens kaum berühren, er wird uns die Freiheit der Entfaltung unserer Eigenart, die Sicherung heute sehen. Aber leider wurde sie 'zum Schlagwort und bald barg sie nichts mehr von der Hoheit der geistigen Idee, sondern es versteckte sich hinter ihr die Kraftlosigkeit des liberalen Judentums, das nur eine phraseologische Rechtfertigung für seine assimilatorische Praxis brauchte, dessen Leben keineswegs danach angetan war, den Völkern den reinen Gottesbegriff zu vermitteln. Heute, wo nicht mehr religiöse, sondern nationale Gegensätze die Gemeinschaft der Völker zu sprengen drohen, ertön! nun die Stimme eines neuen Missionspredigers an die Juden und erinnert sie an Ihre übernationale Aufgabe: der sozialistische Führer und Mitglied des deutschen Reichstages, Eduard B e r n st e i n, hat eine Broschüre „Von den Aufgaben der luden im Weltkrieg“ geschrieben, deren 'Grundton uns sehr verwandt und nahe ist, obwohl wir in einem wesentlichen, wöbt dem entscheidenden Punkt von ihm ahweichen. Der Grundgedanke Bernsteins, mit dem wir völlig übereinstimmen, wird etwa folgendermaßen formuliert: Der 'Jude sdtlfe nie vergessen, daß er „einem in der Welt als Gast vieler Völker lebenden Volk angehört“, er sollte, „....welcher staatlich: organisierten Nation er auch angehört, mit der Erfüllung der Pflichten gegen diese Nation stets auch die Äul&affie verbinden, ein Mittler der Nationen zu sein. Ihm kommt, es zu, der Völkerverhetzung jeglicher Art, allen Auswüchsen des Nationalismus nach besten Kräften entgegenzuwirken. Das sollte ihm die Geschichte des Volkes,’ dem er entstammt, das sollte ihm die Stellung des Judenunserer Votksexistenz nicht zurückgeben" . . . In solchen Worten liegt eine von Vorn eh ereilt gezogene Schranke, aber ist damit nicht auch ein Standpunkt gekennzeichnet, der gerade den» Wesen dieser Konferenz nicht so ferne liegt, deren Sinne nicht durch Machtfragen, sondern durch prinzipielle Friedensfragen bestimmt wird, und in welcher auch für andere Stellen dem Gedanken Raum gegeben wird, daß trotz des Weltkrieges nicht die Gewalt der Waffen’, sondern nur die Macht des Verständnisses und der Verständigung die Basis eines Dauerfriedens abgeben kamt. Und welche auch für die Friedenszeit einen Zustand des internationalen Lebens anstrebt, für welche nicht die Gewalt der Stärkeren und die List der Schlaueren, sondern die miteinander harmorierenden Rechte aller Nationen das Fundament abgeben sollen. Das jüdische Volk, durch den Gang seiner Geschichte von vomeherein entrückt der Lügenwelt von Dipionratismus, privatem Ehrgeiz und gehässiger Demagogie, welche zusammen das Wesen jener Politik ausmachen, die zu 1914 führte, hat ein Anrecht auf eine Stimme in jeder Aktion, welche auf eine Revision dieser „Politik." überhaupt hinzielt. Nicht zuerst aus eigenem Interesse, sondern aus seinen nationalen! Idealen heraus, welche im Prophetentum zuerst zu dem großen Gedanken einer Menschheitspolitik emporwuchsen, und für welche in 'Berührung mit der Gegenwart Martin Buber in seiner Schrift: „Völker, Staaten und Zion“ einen entscheidenen Ausdruck gefunden "hat. Auch daß diese universelle Tendern» an jeder Stelle, wo zuerst das Verbindende der Völker zum Ausdruck kommen soll, das erste Wort in der Aufrollung Her Judenfrage bilden sollte, ergibt sich aus diesem'Zusammenhänge. Denn nur ein bewußtes Judentum wird tums in der Welt zur natürlichen Richtung seines weltpolitischen Denkens, die Erinnerung daran, daß das Judentum als Ganzes Mitbürger aller Völker ist, zum dlementajren Pflichtgeboi machen.“ (S. 32.33). ln den Mittelpunkt seiner Ausführungen stellt Bernstein einen äußerst interessanten Aufsatz der Londoner ,,Nationf‘ vom 8. Juli 1916. die in Besprechung eines Buches von Israel Zangwill auf diese Funktion der Juden hinweist. Von Zangwill rühmt sie, daß er „dem England der Kriegszeit. dem England des Militärzwanges und des Gesetzes über die Landesverteidigung das ideale England der alten Freiheiten vorhält.“ (S. 28). Dies ist wahrer" Patriotismus, der nicht in servilem Eifer die momentanen, von falscher Zwecksetzung geleiteten Geschäfte einer empirischen Staatsform besorgt, Sondern immer wieder die reine Idee des Staates, auch wenn die Regierenden sie nicht sehn wollen, als das Ziel hinstellt. „Niemand hat kühler, man könnte fast sagen landesverräterischer über das Pftichtenverhältnis vdn Volk nnd'Regierungeit geschrieben aTs T. G. Fichte, der Verfasser der Reden an die Deutschen.“ (S. 37). Die „N a t i o n“ konstatiert, daß der Jude Heine es war, der in Frankreich und England Sympathien für das vorbismarckische Deutschland er. weckte. ..Wenn die jüdische Rasse sie selbst zu sein wagte, so wäre sie dazu geschaffen1, die Nichtigkeit der Gewalt zu ‘begreifen und zu predigen.“ (S. 29). Diese Worte bringen Klarheit in die traurige Geistesverwirrung, die die Juden der meisten kriegführenden Staaten leider umnachtet. Sie mahnen an die wahrhaft erlösenden Worte der Es ilt liödiite Zeit iur die Säumigen, den Bezugspreis einzuienden!