Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 27 (6.7.1917)
- Date
- 1917-07-06
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 27 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Ein F iichtlingsgesetz in Sicht Vor Schluß der Redaktion gehen turs Mitteilungen von ganz außerordentlicher Wichtigkeit ugd Tragweite für unsere jüdischen Volksgenossen . j. - Das Subkomitee des Flüchtlingsausschusses hat ein Flüchtlingsgesetz ausgearbeitet, welches Freitag, den 6. d. M. an den Flüchtlingsausschuß gelangen und nächste Woche in beiden Häusern des Reichsrates zum "Beschluß erhoben werden soll. Die hauptsächlichsten Bestimmungen gehen dahin, daß die Flüchtlingsunterstützung von 1.50 auf 2.—; per Tag erhöht werden soll, wie auch insbesondere dahin, daß die zwangsweise Internierung von Flüchtlingen in den Baracken gesetzlich ausgeschlossen sein soll. Des weiteren hat das Subkomitee über Antrag des Abgeordneten Reizes folgenden Resolutionsantrag beschlossen: „Die Regierung wird aufgefordert, eine strenge Untersuchung behufs Feststellung des Umstandes, welche Behörden in der parlamentslosen Zejt für die widerrechtliche Einschränkung der persönlichen Freiheit und der Freizügigkeit der Flüchtlinge verantwortlich sind, einzuleiten und hierüber dem hohen Hause ehestens Bericht zu erstatten“. Nimmt der Ausschuß und das Abgeordnetehaus diesen Antrag an, dann ist zu erwarten, daß die unerhörten Drangsalierungen, welchen die jüdischen Flüchtlinge namentlich zu Beginn des Krieges ausgesetzt waren, endlich ihre Ahndung erfahren. Was die berüchtigten Verhältnisse im! Flüchtlingslager von Deutsch-Brod anlangt, so können wir berichten, daß der Abgeordnete R e izes in den letzten Tagen im Flüchtlingslager äi Deutsch-Brod eine große Versammlung der Flüchtlinge abgehalten hat, der ein Vertreter der Zentralregierung beiwohnte, während die lokalen Faktoren nicht erschienen. TEs kam zu einer gründlichen . Aussprache der Wünsche und Beschwerden der in Deutsch - Brod internierten Flüchtlinge Es ist uns eine freudige Genugtuung, mitteilen zu können, daß Hoffnung vorhanden ist, bereits in der nächsten Zeit die brennende Frage des Deutsch - Broder Flüchtlingslagers endlich aus der Welt geschafft zu sehen. Ein Schädling Zu Beginn des Krieges , ist der Universitätshörer Jakob Landau von Österreich nach Holland geflüchtet. Bereits im Frieden hat die österreichische Zionistische Organisation, der er als Mitglied eines Jugendvereines angehörte, mit ihm sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Er hat sich u a. wiederholt im In- und Auslande angemaßt, im Namen großer Gruppen ohne jede Legitimation zu sprechen. Nach seiner Flucht hat sich die österreichische Parteileitung daher nicht damit begnügt, seine Streichung aus der Liste der Parteimitglieder zu verfügen, sondern hat die (zionistischen Organisation im neutralen Auslände gewarnt, mit ihm irgendwelche Gemeinschaft zu pflegen. Wie berechtigt diese Warnung war, geht aus folgender öffentlichen Kundmachung unserer niederländischen Parteileitung hervor: „Die Bundesleitung ist in. diesen erns’ten Zeiten veräntwortlich für die Leitung der Bewegung und für die Handhabung der zionistischen Neutralität in den Niederlanden. Sie tritt nicht auf als Sittenprediger oder als Beurteiler von Handlungen, die zionistische Privatpersonen verrichten Sie behält sich jedoch, im Interesse der Bewegung vor, nur solche Personen mit politischen Handlungen zu'beaiiftragen, die sie dazu für geeignet hält; zu diesen Personen gehörtHerrJacoh Lantfau, derals Deserteur Oesterreich verlassen, aß er nicht. Ohne über letztere Tatsache ein Urteil zu fällen, erachten wir eine solche Person nicht für den angewiesenen Mann, die politische Aktion unserer Bewegung zu führen oder sie öffentlich zu besprechen. Ganz gewiß nicht, wenn Form und Inhalt seiner Veröffentlichung "denselben Eindruck erwecken wie solche Publikationen, weichen die Absicht zugrunde liegt, die Zionisten zugunsten der englischen Regierung zu beeinflussen. "Die zionistische Bewegung Ist. infolge ihrer Grundbestimlmungen, neutral, und wir handeln in Uebereinstimmung mit den Organen "der Weltorganisation, wenn wir, tro.z aller Vorfälle, be, unserer Neutralität beharren. . . . Der Bundesleitung Ist bekannt, daß Herr Jacob Landau, unter verschiedenen 'Namen, u. a. Mesche ben Zwi. . . . H a 1 e v y, sowie im sogenannten „Jüdischen ’Korresponaenzbüro“ in einheimischen und ausländischen Blättern Veröffentlichungen erscheinen läßt und sich weigert, tfotz wiederholten Ersuchens, Erwiderungen aufzunehmen, auch wenn die Bundesleitung Ihn1 darum angeht. Diese Veröffentlichungen könnten, unseres Erachtens, gar nicht anders redigiert sein, für den Fall ihnen die Absicht zugrunde läge, mehr oder weniger versteckt, die Leitung der Weltorganisation zu verdächtigen, Stimmung für England zu machen und die Neutralität der Bewegung zu benachteiligen. "Die Bundesleitung verurteilt das Auftreten des Herrn Jacob Landau und fordert Gleichdenkende auf, jede zionistische Beziehung zu diesem Herrn abzubrechen und seine Treibereien nicht weiter zu unterstützen!“ gez. Nehemia de Lieme, Vorsitzender i Dr. für. S. A. van Vriesland, Schriftführer. Die würdige Art, in welcher unsere holländischen Gesinnungsgenossen Herrn Landau abschütteln, ist freudig zu begrüßen. Sie muß auch als erhebendes Beispiel hiefür angesehen werden, wie hoch unsere Gesinnungsgenossen im Auslande die Pflicht der wahren Neutralität halten. Der zionistische Kongreß in Petersburg Bei der Eröffnung des Kongresses hielt Dr. E. W. Tschlenow eine großangelegte und formvollendete Rede. Er verbreitete sich über die Wichtigkeit der Diasporaarbeit auch für die Zionisten, die aber darüber hinaus als Endziel die Wiederbelebung des jüdischen Volkes in Palästina erstrebten. Er besprach ein." gehend die Aufgaben des jüdischen Kongresses, der die Grundlage festzulegen habe, auf die sich das nationale Leben und die nationale Vertretung des Judentums ih Rußland stützen müsse. Die Emanzipation der Juden in Rußland hat nicht, wie die Gegner des Zionismus prophezeiten zum Zusammenbruch unserer nationalen Bewegung geführt, sondern hat ein erhöhtes Bekenntnis der Palästinatreue aus allen Kreisen ‘der jüdischen Bevölkerung wachgerufen. Unsere Pioniere in Palästina haben sich tapfer gehalten, Unter der. letzten Ereignissen in Palästina litten die Juden mehr als die mohammedanische und und christliche Bevölkerung. Ungerechterweise; denn ihre Loyalität ist auch in der Türkei zuverlässig und uribezweifelbar. Den wichtigsten Teil der Rede, in der Tschlenow von unserer Palästinazukunft sprach, lassen wir wörtlich folgen: Als wir vor zwanzig Jahren in Basel das Fundament Tmserer Arbeit festgelegt haben, "erklä ten wir im ersten Punkt unseres Programmes, daß wir unser nationales "Heim als gesichert durch öffentlich-rechtliche Garantien denken. Diesem Rechtselement mallen unser Führer und mit ihm zusammen auch wir alle eine grundlegende Bedeutung bei. Dieser Anschauung blieben wir auch treu. Wir sagten uns nur später, daß dieses Rechtsmomen't nicht unbedingt die Vorbedingung für das Schaffen sein muß und wir begannen zu schaffen. Wir gewannen im Lande feste Positionen und eine e’ngg'eschlossene Avantgarde: wir organisierten und und formten das Volk in der' Diaspora. Dies alles taten wir ungeachtet der Arbeitsbedingungen, aber während der ganzen Zeit dieses Bauens und Schaffens vergaßen wir keinen Augenblick dieses Grundprinzip, das wir auf unsere Fahne geschrieben haben, den öffentlich-rechtlichen Charakter des von uns .geschaffenen Heims. Wir sind überzeugt, daß gerade jetzt der Augenblick für die Formulierung dieses "Teiles unseres Programmes gekommen ist. Das Prinzip, das zu Beginn der Welttragödie die Alliierten aufgestellt haben, das später von den Zentralmächten anerkannt uncl endlich "Von den Demokratien verkündet wurde, ist das Prinzip der Selbstbestimmung der Nationalitäten, nicht nur der großen und mächtigen, sondern auch der kleinen und schwachen, d. h. solcher, die in ihrem’ Streben zur Unabhängigkeit sich nicht auf eine Macht stützen können, jede Nation, die in dieser Richtung ihren Willen ausgesprochen hat, muß auch die Möglichkeit bekommen, zu leben und zu schaffen und über die Leistungen ihrer Söhne zu verfügen, wie es ihr Wille ist, wie es ihr die Eigenart ihrer Begabung, die Tradition ihrer Vergangenheit und das Ideal ihrer Zukunft diktieren. Sie' hat das Recht, dies zu tun, Insofern sie dadurch den Willen, die Begabung und die Tendenzen der andereif'Nationen nicht unterdrückt. Und damit diese Devise nicht auf dem Papier stehen bleibe, sondern Tm Leben verwirklicht werde, müssen jeder Nation gewisse Staatsrechte, öffentlich-rechtliche Garantien gewährt werden auf dem’ Gebiet, in dem sie lebt. Der Umfang und Charakter dieser Rechte und Garantien wird für jeden gegebenen Fall sich selbstverständlich anders gestalten, aber das, was sie alle zu sichern haben, ist die Möglichke.t. frei und autonom zu schaffen und das Leben auf einem bestimmten Territorium eiazurjehten. So verstehen wir die Devise der nationalen Selbstbestimmung, die jetzt von der gesamten Kulturmenschheit für alle Nationen aufgestellt wird. Es liegt und kann kein Grund vorliegend" dem jüdischen Volk das Recht abzuspfechen, das für alle anderen Völker anerkannt wird. Wenn wir von den Rechten der Juden in Palästina sprechen, so verstehen wir darunter nicht die Rechte und die Interessen "dieser 100 bis 120.000 Juden, die dort augenblicklich leben, sondern die Rechte und Interessen des vielmillionenstarken jüdischen Volkes, das, durch unsichtbare Fäden mit diesem Lande verknüpft, niemals aufgehört hat, es für das seine Zu "halten und sich danach zu sehnen, und das nur dort das Problem seines normalen nationalen Seins lösen kann Das ist das eine. Richtig ist ferner, das die Araber dort zahlreicher sind als wir, ungefähr eine halbe Million. Aber die Juden zusammen mit den Arabern bilden 10 bis 15 °/o der Bevölkerung, die in Palästina einst gelebt hat, als sie jüdisch war. "Das Land ist noch unbevölkert und erwartet erst die, die es bevölkern und erneuern werden. Für die letzten Jahrzehnte gab es fast keinen Zuwachs der arabischen "Bevölkerung; eher macht sich eine Verminderung bemerkbar. Der ganze Zuwachs und zusammen damit auch die gesamte Entwicklung des Landes steht auf Rechnung der jüdischen Bevölkerung, “die Im Verlauf der letzten das weite und vielartige Material von 'allen "Seiteü, aus den entlegensten Winkeln der publizistischen Literatur und’ den unzugänglichsten Archiven 'zusammenzutragen 'Er ist dadurch der Gefahr entgangen, nur undeutliche Impressionen zu geben, wo er ein scharfes, aut Tatsachen gestütztes und gerade darum so eindringliches" Bild entwerfen wollte. Schon die Frage der Herkunft ist von hohem1, bisher gänzlich unbefriedigtem Interesse, wobei Herr Dr. Kassner einen Weg gewiesen hat, der zunächst nur allgemeine Orientierung, aber noch keineswegs ein sicheres Abstecken ist. Er stellt gegenüber der meist verbreiteten Meinung, die Juden der Bukowina seien nur ein abgesprengter Teil der ehemals polnischen Juden, die Behauptung auf, sic seien in ihrem Kern Nachkommen der einstmals in die römische Provinz Dazien eingewanderten Juden, mit denen im Laufe der Zeiten von anderswo eingeströmte Elemente organisch "verschmolzen, Die österreichische Verwaltung hat sofort mit der Uebernahme "der Provinz aus türkischen Händen die politische-, wirtschaftliche und kulturelle Sonderstellung, "der jüdischen Bevölkerung der Bukowina im1 Jahre 1774 anerkannt und trotz mannigfacher Beschränkungen und Drangsalierungen an einer gesonderten Behandlung festgehalten., selbst in der Zeit der engen Vereinigung mit Galizien, als man "die dort geübten Verwaltungsmethoden auf den neu angegliederten Kreis anwenden wollte. Seit 1848 ist die Bukowina wieder ein selbstständiges Kronland und seit dieser Zeit finden auch die fast immer friedlichen Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen Völkerschaften statt, die ja auch bekanntlich "zu einem für die gesamte Monarchie vorbildlichen Ausgleich im Landtage, der Schaffung abgegrenzter nationaler Kurien führte, in der die Juden als Nation für sich ihre Mandate zu vergeben haben, während die jüdische Vertretung im Reichsrat 'dank der Dazwischenkunft der Wiener israelitischen „kompetenten“ Faktoren verhindert wurde. Dem politischen Rahmen entspricht eine auf allen Gebieten sich entfaltende wirtschaftliche Rühiigkeit, die sich keineswegs jn unproduktive Zweige zurückdrängen ließ, sondern im Ackerbau — die Bukowina besaß zahlreiche jüdische Ackeikolonien und besitzt heute einen starken jüdischen "Großgrundbesitz, im Handel seit ältester Zeit in ■ Folge ihrer Kapitalskraff und in der Industrie durch die Einführung fast aller im "Lande vorhandenen Industriezweige sich gleich bedeutsame Verdienste tun den Fortschritt dieses von außen dauernd vernachlässigten Landes erwofben hat. Die Ausführungen Dr. Kassners über die wirtschaftliche Tätigkeit der Juden in der Bukowina Erörtern Zustände, die für die gesanlte Monarchie typisch sind, ist ja das ganze Land seiner brückenartigen Lage, seiner bunten ethnographischen Zusammensetzung, seinem großen aber unausgenützten Reichtum nach so recht ein Oesterreich im kleinen Und darum scheint uns auch dort die Beseitigung der nationalen "Reibungen in der Monarchie gelungen Ein Vorbild .für die Lösung der Judenfrage in Oesterreich, soweit ein staatlicher Eingriff erwünscht und Ayirksam sein kann Wozu noch kommt, daß die österreichischen Juden eine ähnliche Vermittlersteülung zwischen Ost- und West einnehmen. Das Bild, das uns diese Schrift von dem jüdischen Leben in der Bukowina entwirft, bemüht sich keineswegs, alles Dunkle daraus zu entfernen, aber es zeigt "dochwesentliche Richtungslinien für den äußern Aufbau nationaljüdischer Betätigung und ist daher von wahrhaftem Wert für die programmatischen innerpolitischen Erörterungen " in unserm Lager. Schon diese wenigen Punkte lassen die Schrift des Dr. Kassner als einen äußerst verdienstvollen, exakten und geschickten und dabei in hohem Maße interessanten Beitrag zur Geschichte der Juden in Oesterreich erkennen. Dr. Wilh. Stein. Erneuern Sie sogleich das Abonnement!