Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 27 (6.7.1917)
- Date
- 1917-07-06
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 27 Zum Todestage Dr. Theodor Herzls Gang zum Grabe (Döblinger Friedhof) Sonntag, den 8. Juli. Treffpunkt: präzise 7*10 Uhr vormittags bei der Hochschule für Bodenkultur. Der Trsuergottesdienst wird Montag, den 9. Juli, um 7 Uhr abends, im Leopoldstädter Tempel abgehalten. Die Predigt hält Herr Rabb. Dr. M. Grunwald, die kantoralen Funktionen hat Herr Oberkantor J. Morgenstern übernommen. Die Herzlgedenkfeier findet Samstag, den 14. d. Mts. 8 Uhr abends, im großen Saale des Hotels „Bayrischer Hof“, II. Taborstraße 39 statt. Es werden die Herren Dr. Abel es (deutsch) und Löbl Taubes (jidisch) sprechen. Zionisten! Beteiligt Euch zahlreich an der Ehrung des Andenkens unseres großen Führers! werben, denen Kanaan gleichfalls ein politisch wertvolles Gebiet ist. „Unsere Arbeit — hat Herzl gesagt — muß von viel Wohlwollen umgeben sein, wenn sie gelingen soll.“ Und gerade das Schicksal Griechenlands zeigt uns, daß wir auf dem kommenden Friedenskongreß unsere Ansprüche auf das uns teure Land unserer Väter sehr' laut und eingehend werden begründen müssen. Wir werden dies tun in dem Bekenntnis zu Volk und Freiheit, zu den Grundsätzen des demokratischen Europa, die sich nach drei Jahren furchtbaren Ringens durchzusetzen beginnen, im Sinne des Erbes, das uns Theodor Herzl hinter-, lassen. Trauern wir, aber bekennen wir uns zu ihm. Dann wird sein Andenken von unvergänglich dynamogcnem Inhalt sein. Julius Löwy. Die jüdischen Herrenhäusler Der österreichische Reichsrat tagt, und die ganze Welt horcht auf. AVas die Völker des buntsprachmen Reicnes bewegt, sie geben jetzt ungeschminkt und rückhaltlos alles auf de*- Par- Ianmntstrihüne kund. K<rin Staatsmann Oesterreichs wagt es mehr, dem "Willen cfer Volks1 * * *- mandatare Gewalt anzufün. Ulan spricht, klagt die Verwaltung an. beschwert sich über Ausschreitungen einzelner Organe, langjähriger VölkersToll, von unkundigen 'Staats’er>keVn bisher eher geschürt als gedämmt, entlädt sich zuweilen in den Debatten — aber mah verständigt sich. Und dies ist das Erfreuliche, das Segensreiche am ParlamdiJCT ‘Der Hauch des demokratischen Geistes ist auch im Herrenhaus zu verspüren. "Die sonst schweigsamen oder in gewundenem' Redestil geübten Pairs reden frei von "der Leber weg. Und ieder spricht für seine Volksgenossen, hebt ihre Verdienste hervor oder zerstreut Vorurteile und stellt Forderungen. Man hat das Gefühl, daß auch die Herrenhäusler den Kontakt mit dem Volke nicht verloren haben. Wer vertritt unter ihnen die luden? Wir haben 'dort einige Herren jüdischen Glaubens. Tn der Budgetdebatte kamen zwei 'bereits zum Wort. Wir waren "üesoannt. Was werden diese Herren sagen? Werden sie die Ausführungen 'der Abgeordneten "Strauch er und Reizes im' Abgeordnetenhaus besprechen, ergänzen Öder ihnen Nachdruck verleihen? Ritter von "Ou'ttmann hat in herzzerreissenden Worten 'nur für die Industrie sich eingesetzt. Gewiß sehr löblich'. Aber was wußte er von den luden Oesterreichs zu sa^en? Nichts. Schweigen ist Gold. Und der goldene Boden der Industrie darf nicht leck werden. "Dies Ist seine einzige "Sorge. zu schaffen. — Kinder sind für ihre Taten oder Untaten nicht verantwortlich zu machen! — Schön, aber bis zu welchem Alter gpt der Entlastungshegriff der Kindheit? — Bis zu so viel und so viel Tahren? — Der Pronhet ie^och kann solche willkürliche Klassifikation nicht ge'ten lassen, da er schon'in seinem zarfesten Kindesalter die Begriffe „Gut“ und ‘ ..Böse“ von einander zu unterscheiden vermochte und wußte (Samuel, Jeremias). Diese bereits in seiner jugendlichen Seele einsetzende Gotteserkenntnis und Rechtsbewußtsein mutet der Pronhet a’Ien seinen Zeitgenossen zu Schon der heiße-te Wunsch des ersten und wohl auch des größten und "erhaben- 'sten Propheten, des Mosche Rabenu war es, "daß das ganze jüdische Volk aus lauter Propheten bestehen solle, daß alle Hebräer insgesamt des göttlichen Geistes teilhaftig werden sollen (Nummer. XI—30). Diese Strenge und vorbehaltlose Auffassung der Sittenpflichten soll aber nicht im Geringsten der Liebe und dem Mitleidsempfinden des Propheten mit seinen Zeitgenossen Eintrag tun. Irrtümlich aufgefaßte und viel zu v?e! in Anspruch genommene ‘Liehe bekam allerdings den armen und schwachen Menschenkindern nur sehr übel. Wahre Liebe besteht nicht im Nachgeben, sei es den Macht- oder sonstigen Gelüsten, sondern im Bekämpfen imd Einsdiränken des üppigen Begehrens und Wünschens aus dem einfachen Grunde, daß jeder böse Trieb, der schein« bar das Leben fördert und erhält, in gleichem Maße Keime .und Kräfte in s;ch birgt, die das Darum sprach er von der Industrie und schwieg von den Juden. Doch mit Herrn von Guttmann wollen wir nicht rechten. Er ist nur als Vertreter der Industrie ins 'Herrenhaus berufen worden und kann nichts dafür, daß er prozentuell als Jude unter den Pairs: gerechnet wird. Wir müssen uns damit zufrieden geben. Es kam aber auch Freiherr von 'Schey zu Wort. Ein Mann der Wissenschaft, aber auch ein Mann jüdischer Gesinnung. Als vor einigen Jahren ejrie Wiener jüdische Wochenschrift die Nachricht brachte, daß Barone Schey von Koromla vom 7udentum abgefal’en sind, hat er eine mannhafte Erklärung dagegen publiziert, dahingehend, daß von der bereits in die dritte Generation reichenden Deszendenz .der Koromla kein einziges Familienmitglied — ein lebendes oder verstorbenes den jüdischen Glauben abgelegf hat!! Er hob sogar äTs 'Gegensatz zu der Mehrzahl der vor längerer Zeit baronisierfen jüdischen Fami’ien die fortdauernde Zugehörigkeit der Barone Schev zum' 'fudentum hervor!! Diese anerkennenswerte mannhafte Erklärung ließ Charakterfestigkeit und indische Gesinnung erkennen. Von einem solchen 'Manne' erwartete man auch ein rechtes Wort zur rechten Zeit. Diese Erwartung hat sich noch nicht erfüllt. 'Man sprach von Polen und Ukrainern, von Tschechen urd Deutschen jeder predigte Veiständigung der Völker. Wußte niemand darüber zu berichten, daß es auch Juden in Galizien gibt, mit denen man sich verständigen sollte, treue, vielleicht die treuesten österreichischen Staatsbürger, deren Vernachlässigungeine Unterlassungssünde <f°r 'österreichischen Verwaltung w"äre. die im' Staatsinteres«e zu nwen lst? Konnte nicht in 'dieser, den Jüdischen Pairs angemessenen, -milden Form wenigstens gesnrocherv werden? Freiherr von "Schev erklärte aher eingehend, was die Deutschen für sich in Anspruch zu nehmen berechtigt sind und 'daß 'die Tschechen keinen Grund haben, über Zurücksetzung ihrer Vrdkshedürfnisse zu klaren! Ob die Juden vielleicht einen solchen Grund zur Klage haben, blieb unerörtert. Weiß Freiherr von Schev wirklich' nicht, daß es auch eine gäli- # zische jüdische Frage gibt? Geht es den "luden in Galizien so gut, daß sie gar keine Wünsche haben? Stehen 'diese 'Juden dem "Herzen 'des Freiherrn .von Schev nicht mehr so nahe, sagen wir afs "G T a u b e n s genossen. Trotzdem' Grund zur Annahme bestand, daß Baron. Schev auch den Volks stnn'dnunkf als nicht tadelnswert erachtet? Warumbeton + e kein jüdischer Herrenhäusler die Rechte der faden5 Freiherr von Schev sitzt 'im ..Komitee zdv Wahrung der staatsbürgerlichen Rechte der Juden im nördlichen Kriegsgebiet“. Ist ihm nicht begannt, daß dieses Komitee mitunter vergeblich für die Wahrung soL-ber-Rechte eineelreten ist und war reicht die Tribüne des Herrenhauses der Ort, auch darüber zu sprechen? Leben untergraben und vernichten. Nachgeben' und Nachsicht in dieser "Beziehung führt daher unvermeidlich zum Verderben, zum Untergänge. Ein ‘derartiges "Verfahren darf doch Vohl nicht Liebe genannt werden.’ In dieser Auffassung 'der Liebe, die hur die für ewige Zeiten 'berechnete Lebenserstarkung zu fördern und anzuslreberf hat, sei es auf dem Gebiete des materiellem Wohlergehens, sei es in der Hebung der geistigen und mo-a'ischen Tätigkeit der Ge. meinschaft (diese beiden Gebiete gehören zusammen und sind von einander nicht zu Trennen) ßestehl der Hauntsinn der althebräischen Prophetie. "DieserGrund gedanke der alles Faule im Leßen vberwi’ntfen Jen echten Liebe zieht sich wie ein reite r "Faden durch das ganze biblische "Schrifttum und "durch die späteren Midrasch- und Talmudwerke. Diese züchtigende Liebe, die in Theodor Herzls blutigen Angriffen auf den Typus „M ausche 1“ wieder hervorbricht, ist das eigentliche kostbarste E-bgut des jüdischen Volkes. D;e Juden in der Bukowina (Dr. S. Kassner. Die Juden i‘n der Bukowina. Wien u. "Berlfn. R. Löwit Verlag 1917. Preis K 2.) Die elementarste Voraussetzung -jeder zielbewußten Volksarbeit, mag sie nun politisch oder Vielleicht hielt sich Freiherr von Schey hiezu nicht berufen, weil andere leitende Herren des Komitees gleichfalls im Herrenhaus sitzen. Warum haben denn diese Führer nicht gesprochen? Ueber Mangel an Information konnten die Herren sich doch nicht beklagen. Warum schwiegen und schweigen also diese jüdischen Herrenhäusler? Diese" Fragen bleiben offen. Oder es gibt eine Antwort: Die Juden Oesterreichs haben keine Vertreter-im Herrenhaus. Dies muß aber dann offen auch von den Mitgliedern des Herrenhauses, die jüdischer Konfession sind, selbst zugestanden werden. Die Vertreter der Industrie, des Großgrundbesitzes, der Publizistik, der Wissenschaft usw. mögen daher Farbe bekennen, ob sie auch als Vertreter der Juden im' Herrenhaus anzusehen oder nur zufällig mosaischen Glaubens sind. Daß sie den Juden bloß angereehnet werden, genügt nicht. Ci v i s. Aus dem Abgeordnetenhaus Der Abgeordnete Dr. 'S trau eher hat in der Sitzung vom 26. Juni an die Gesamtregierung und an tlen Justizminister dringliche Anfiagen in Sachen des bekanntlich seit 18 Jahren im1 Kerker schmachtenden Leopold H i 1 sn e r eingebracht. Unter Hinweis, daß in Rußland 'eine Uebernrüfung des Beilisprozesses', ungeachtet seiner Freisprechung, zu dem' Zweck von Amtswegen verfügt wurde, um "Seine völlige Unschuld zu erweisen, wird die Anfrage gestellt, ob die Regierung geneigt ist, die au ß e r- «rdentriche Revision des Hilsnerprozesses im- Sinne des § 362 der Strafprozeßordnung zu verfügen. . Dr. Straucher hat auch' eine Interpellation an die Gesnm'tregjerung und an den 'justizminister wegen Aufhebung, bzw. Zurückziehung des §14. Ve> Ordnung vom 1. Februar 1915 und der darauf basierenden justizministeriellen Verordnungen wegen Sperre der Advokatur Tm’ Oberlandes g er i'chtssprengef Wien für Adv okaten aus Gal izieb und'der Bu-, kowi na (Flüchtlinge) eingebracht. Der polnische Abgeordnete Dr. B a n a s und Genessen haben im Abgeordnetenhaus den Antrag eineebrarht, die Regierung möge dem' Abgeordnetenhaus eine "Statistik vorlegen, in welcher länderweise sowohl die K r i e g s' 1 e i s t u ngen als der Ertrag aus den Kriegslief cr un g e n der jüdischen B e v'ö 1 k ekerung 'im' Verhältnis zu anderen Bekenntnissen nach dem1 Stand vom 1. Juli 1917 angeführt werden sollen. — Hat der Polenklub diesen Antrag ntit der Zustimmung Seiner neun jüdischen Angehörigen beschlossen? Sammelt für das PalästfnahHfswerk für die Kolonien! . kulturell orientiert sein, ist die Kenntnis 'der Vergangenheit. Die österreichischen Juden äber wissen von ihrer Geschichte nichts. Auf dieses scheinbar so entlegene Gebiet Tiat sich ja bisher nicht einmal die Wissenschaft gewagf ufld 'für den großen Kreis all derer, die "die GesChichte der Juden in Oesterreich beherrschen mußten, sind äußer ein paar längst oder eigentlich niemals zureichenden Darstellungen "selbst "die wichtigsten Daten kaum aufzutreiben. Die Schwierigkeiten. die aus "der Heterogenität der einzeln"!! Teile der Monarchie erwachsen, sind durch’die ununterbrochenen Beziehungen "der Juden dieser Teile zueinander wesentlich verringert Tvorden, aber selbst die Länder besitzen faSt "nichts Brauchbares über "ihre Vergangenheit. Und "doch ist uns die Kenntnis der inneren “Zuriändejn gleichem Masse notwendig, wie das "Wissen um: -die niemals unterbrochene Verknüpfung des Jüdischen BevÖlkeriingselementes mit "dem Getriebe des Staatslebens. Wie eine solche Dars+elfung der Geschichte der Juden etwa in den einzelnen Ländern Aussehen soll, zeigt uns unseres verdienten Gg. Pr- S. KässhersSCbrift, die vor a’lem dem praktischen Zweck der Information über Vergangenheit und Gegenwart der Juden in der Bukowina Uienen will und" sodann die daraus sieh ergebenden Folgerungen für die Zukunft ziehn möchte. Der Verfasser, dem kaum ein paar Zeitungsaufsafze und gelegentlich hingestreute Bemerkungen zu Gebote ständen, hat die Mühe nicht gescheut,