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Jüdische Zeitung · 1917-07-06 · 27 (6.7.1917) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
11 (1917)
Issue
27 (6.7.1917)
Date
1917-07-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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XI. Jahrgang — Nr. 27 Naiional'jüdifches Organ Erscheint wöchentlich einmal Redaktion: Wien II, Zirkusgasse Nr. 33 Sprechstunden: Montag bis Freitag von 2—4 Uhr, Sonntag von 11—12 Uhr Manuskripte werden, wenn unverlangt, ohne Rückporto nicht zurückgesandt Redaktionsschluß Dienstag um 7 Uhr Farnsprech*Nummer 43*3>25 ■# Mil der Beilage: Der Jüdifdie Naiionalfonds Wien, Freilag, 6. Juli 1917 / 16. Thamus 5677 Einselnummer 24 Heller Geschäftsstelle: Wien II/i, Zirkusg. 33 Geschäftsstunden: Montag bis Freitag von 9—12 u. 3—7, Sonntag von 9—12 Bezugspreise: Ganzjährig K10.— halbjährig K 5.—, vierteljährig K 3.— Anzeigen und Beilagen nach Tarif Postsparkassen-Konto 133.404 Infinit'Ju,ius Löwy, Zum Andenken an Theodor Herzl. — Abr. Grünberg, Unbedingtheit und Liebe. — Civis, Die jüdischen Herrenhäusler. — Aus llllia.lt» dem Abgeordnetenhaus. — Dr. W. Stein, Die Juden in der Bukowina. — Ein Flüchtlingsgesetz in Aussicht' — Ein Schädling. — Der Zionistische Kongress in Rußland. — Die Lage in Palästina. — Aus der jüdischen Welt. — Ankündigungen. — Sammelausweise u. a. m. Zum Andenken an Theodor Herzl Der Zionismus ist das Streben nach Eigettgeltung, nach Macht. Diese Sehnsucht hat uns Herzl gegeben. Er hat den Trotz des „am1 kesche auref“ wieder geweckt. Unsere Geschichte war vor uns versunken, kein Stern stand vor uns auf dem jahrhundertelangen Weg durch die Wüste, kein Licht leuchtete den Pne Zion; der reine Volksglauben, den Alten kaum mehr verständlich, war den Jungen ein unentwirrbares Gestrüpp. In Atome war das Volk zerschlagen, in fressendem Skeptizismus sah es seine Straße steil abwärtsführen in das Nichts. Seine Vergangenheit hatte es vergessen, seine Zukunft lief in die Vernichtung. Da gab ihm1 Theodor Herzl den stolzen Mut wieder und das Bekenntnis, die Erinnerung. Von dem’ Tag angefangen, wo wir den „Judenstaat“ lasen, bis zu der heiligen Stunde, in der unser Kongreß auf dem Boden der freien Schweiz sich versammelte, bis zum heutigen Tag: We’che Fülle des Geschehens, wieviel Freude, Glüfk und Leid! Viele Hoffnungen haben wir mit Herzl begraben, aber das was er uns gegeben, ist unzerstörbar und unantastbar. Es ist der Glauben an uns und unsere Kraft, der Wille, unserem Volk die ihm gebührende Geltung in der Welt wieder zu schaffen. Kommenden ruhigeren Tagen wird es Vorbehalten sein, zu überprüfen, welche innerliche Wandlungen die Zionisten der verschiedenen Länder in den Jahren des Weltkrieges durchgemacht haben. Sicherlich sind auch durch das Leben des Jüdischen Volkes die Schützengräben der politischen Geographie gezogen worden und jeder einzelne von uns hat irgendwie zu den Fragen, die jetzt die Menschheit bewegen, Stellung nehmen müssen. Aber der Zionismus, der Lebenswille des jüdischen Volkes, ist rein und fleckenlos geblieben. Er zieht neue Nahrung aus dem1 Blute der ihm gefallenen Bekenner, deren Gräber uns sagen: „Die hier liegen, starben hier, weil sie nicht für Zion sterben konrt- „Unbedlngtheit uni Liebe“ Ein Brief zum Gedächtnis Theodor Herzls von Abraham Grünberg, Warschau, dzt. Prag. Sie waren befremdet und fühlten sich wohl auch1 zurückgestoßen, als Sie in der'Bibel lasen, daß "der Pronhet Elisa ,Kinder mordete“. Sie übertreiben! Und da ihr Bedenken In die Richtung'des häufig erhobenen Einwandes geht daß die' alttestamentliche -Ethik die „verzeihende Liebe“ nicht kennt und nur . unerbitiiehe Rache“ predigt, fühle ich mich gedrängt, einige Worte zum Schutz des Propheten Elisa und'seiner 'Gesinnungsverwandten zu sägen. Erstens wird in der Bibel (Könige II, 2—23, 4) nicht Vom Morden Von Kindern berichtet, sondern es heißt daselbst, daß der Pronhet lediglich die Kinder, die ihn und in ihm das Prophetenamt verspotteten, im Namen Gottes verfluchte. Daraufhin erschienen zwei' Bären ‘aus dem Wald und zerrissen die Kinder. Ich bin mir wohl dessen Vollbewußf, daß durch die Berichtigung des in Frage stehenden Bibe'textes das strenge und erbarmungslose Vorgehen von Seiten Elisas noch immer, nicht von der landläufigen Moral gebilligt werden könne. Allein "*araüf kommt 'es eben an, daß der Prophet sich nicht von landläufigen Emofindungen und 'Anschauungen feiten läßt In dem Fluch, der' sich der Brust des Propheten gegen die Kinder aus Bethel entringt, sind gar nicht so sehr die Kinder, als die Stadt und die Einwohner gemeint; drm wo haben die Kinder ten.“ Und zwischen innen und dem Grab auf dem1 Döblinger Friedhof ist ein Weben, das Trost und Kraft gibt, aus der Schrecklichen Gegenwart in eine ferne, glückliche Zukunft zu schauen. Herzl ist ein Dichter gewesen, der das Herz des Volkes stärker pochen fühlte, denn ein kalt rechnender Pcei, Der Kinderglaube des träumenden Dichters führte ihn im Schwung über Hindernisse hinweg, vor denen andere stockend stehen, geblieben wären, riß ihn fort zur Arbeit, zur Tat. Aber es ist doch merkwürdig: Wenn wir uns in HcrzK Schriften versenken, tönt uns überall warme Herzlichkeit entgegen, aber doch nirgends Phantastik; realistische Abschätzung der Dinge und Menschen, und — überall dort, wo der Dichter Herzl spricht — kindliches Vertrauen zu allen Mertschen und zur seelischen Stärke seines Volkes, dem1 er statt der gewohnten Resignation die Tat aufzwang. Herzls Wesen war die Vornehmheit. An einer Stelle seiner Aufzeichnungen zu einem gleichgütigen französischen Roman bemerkt er: „Zur Eleganz gelangen die wenigsten Menschen, weil sie nicht wissen, daß sie aus Pflichten besteht.“ Das ist Herzl, der in seiner Pflicht aufgieng, sich nicht irre machen ließ an dem, was er für richtig und recht befunden, und der allen, die er kannte und die ihn kannten, als ein vornehmer, nobler MensCn erschien. Mit den Jahren freilich mengte sich in seine Herzensgüte auch die befreiende jüdische Ironie. Selbst adelig wollte er seinem Volk das Bewußtsein der adeligen Herkunft und Geschichte geben, ihm: die geistige Freiheit erringen. Aber auch Moses lernte erst spät den Korah kennen. . . Das Königszeichen der Feder trug er auf der marmorblassen Stirn und wie der prunkende Biockat des Königsmantels floß die Rede um ihn, schwer und golden. Wer "ihn hörte, glaubte. Weil er selbst glaubte. Man fragte ihn einst: „Und wenn wir heute den Charter bekommen, was wird mit dem jüdischen Volk geschehen?“ „Es wird ein Wunder geschehen“ war die Antwort. Dieser Glaube trug ihn und schloß ihm an jenem 3. Juli die Augen. Diesen Glauben hat er uns vererbt. Von den Wegen, die er gieng, haben wir uns weit entfernt. Das System seiner Arbeit ist nidit mehr das herrschende im Zionismus. Ob dies zum Guten führt oder nicht, wage ich heute und hier nicht zu fragen. Aber erinnert sei doch daran, daß das, w'as der Zionismus an lebenskräftigen Institutionen besitzt, von Herzl geschaffen wurde: Die Organisation, die Kolonialbank, der Nationalfonds. Und vor allem der Kongreß, die Tribüne, von der herab Israel spricht und sich den Nationen verständlich macht. Mit der Zeit ist freilich der Kongreß eine Parteiinstitution mit Mehrheit und Minderheit geworden. Der rauschende und manchmal ekstatische Klang der Reden von ehedem ist nüchternen Auseinandersetzungen gewichen. Die Kongresse sind notwendig geworden, aber nicht schöner. Es fehlt die Mittelpunktgestalt. Was aber unvergänglich bleibt und sich auch in unseren Tage mit Messerschärfe heraushebt, das ist der Zionismus als die politische Idee des Judentums, als das Streben, irgendwo in der Welt ein Fleckchen Erde zu besitzen, auf der es als Volk zur freien Entfaltung seiner Kräfte vordringt, seinen Gliedern in der Diaspora ein mächtiger und wirksamer Schutz. Dieses „irgend, wo“ kann nur in Palästina, der ewigen jüdischen Heimat liegen. Dieses Ziel zu erreichen, liegt zunächst bei uns. Unsere ganze materielle und geistige Kraft in den Dienst dieser Idee zu stellen ist uns Lebensglück und Lebensinhalt. Und wir müssen in Verfolgung dieses Zieles die geographischen Scheidelinien überwinden, müssen ein einziges, homogenes jüdisches Volk werden, das den Traum seiner Seefe mit der gleichen Zähigkeit verfolgt wie die Griechen, die aus der Diaspora heraus ihr Muttertand besiedelten. Aber wir müssen auch die verständnisvolle Unterstützung der anderen Nationen ergelernt, einen Propheten mit Schimpfworten zu belegen, wenn nicht in der heimatlichen Umgebung? In Bethel befand sich bekanntlich der Hauptsitz des von dem ersten israelitischen Könitz Jerobeam restaurierten Götzendienstes (Könige I, 12—29). Sie werden mir wohl entgegenhalteu, daß die Kinde f doch dafür nicht können, daß sie in ein so. frevelhaftes Milieu hineingeboren wurden. Aber Elisa verflucht nur die Schlechtigkeit und Boshaftigkeit der Kinder, das heißt die in Bethel herrschende Gesinnung. Er flucht den Kindern im Namen Gottes, ‘das heißt von Gesetzeswegen, von Rechts wegen, und da kann der Kämpfer für Wahrheit und Recht keine "Rücksicht darauf nehmen, von wem die Gerechtigkeit verletzt und übertreten wird. Denn das gehört mit zum Wesen "eines Propheten, *das heißt jener in den Himmel ragenden Geistes- und Charaktergröße, daß er im Kampf für Wahrheit, Gerechtigkeit und Gesetz extrem ist und hinsichtlich dieser seiner Ideale gar keine Kompromisse Tnkf „mildernde Umstände“ kennt. So wie sein Ideal absolut ist, so muß auch sein Streben "danach absolut sein. Wer ein Ziel nur mit -halben Mitteln anstrebt, der darf sich der Hoffrfung nicht 'hingeben, je im Leben ans Ziel zu gelangen, so wie wir nur denjenigen Dichter als echten bezeichnen, der aus einem inneren Zwange heraus dichtet, der sich von keinen anderen Erwägungen und Nebenabsichten leiten läßt, als nur vom innersten Schöpfungsdrange, so ist das gesamte Sinnen und Trachten, der ganze uneigennützige Lebenskampf des Propheten auf die strikteste Durchführung seiner von ihm als einzig gerecht anerkannten Bestrebungen imd Ziele eingestellt. Bei der Realisierung der einmal gefaßten Entschlüsse bezüglich seiner Tätigkeit ist der jüdische Prophet unerbittlich. Im Mosessegen (Deuter. 33) wird dem,' Stamme Lewi (aus dem bekanntlich die größten Propheten in Israel herstammten, wie auch die Priester und Lehrer) nachgerühmt, daß seine Söhne aus Gottes-, Rechts- und Wahrheitseifer weder Eltern noch! Brüder noch auch Kinder schonten. Sie sagten t dem Vater und der Mutter: „wir haben sie nicht ‘gesehen, ihre Brüder und Söhne erkannten sie nicht, weil sie dein Wort hüteten und deinen Bund wahrten.“ Welche Macht in der Welt vermag Kraft zu einer solchen Handlungsweise zu verleihen. „Uebermenschliche Kälte oder Glut?“ Beide übermenschliche Kräfte sind da unerläßlich! Kälte, die möglichste Gleichgü'tigkeit gegen das Nur-Zeitliche, Vergängliche und Persön'iche; Glut — für das Ewige, Gemeinschaftliche, Göttliche. Der zeitlebens für die höchsten Güter der Menschheit Kämpfende darf sich von 4er1 Familienbanden nicht nur nicht beeinflußen lassen, sondern muß, wo es gilt, dieselben gewaltsam sprengen. Ich sehe ein, daß eine solche Handlungsweise weh tut, tiefen Schmerz verursacht, ja ich befinde mich sogar in der glücklichen oder unglücklichen Lage, derg'eichen Schmerzen nachempfinden zu "können, allein ein solches Verfahren ist unerläßlich, um ewige ethische Werte ■1 *511 -*1 W •‘"I I

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