Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 25 (22.6.1917)
- Date
- 1917-06-22
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25 jüdisches zeitung Seite 3 Parlamentsrede des Abg. Reizes vom 15. Juni d. J.! Gleichwie die Kollegen Seitz, Smerat und Daszyiiski will auch ich mein^ Stimme im hohen Hause mit einem Bekenntnis zunf Frieden ei heben. Die furchtbaren Opfer des Krieges führ ren eine so beredte Sprache, daß es einer weiteren Begründung nicht bedarf. Das Volkfffeus möge darauf achten, daß ö'sterreichisldierseits der so oft Wpndgegebene Friedenswille durch unmäßige Forderungen riichf getrübt werde. — Hohes Haus! Knapp vör Ausbruch des Krieges haben der Kollege Breiter, ich' und mehrere Gesinnungsfreunde in Lemberg die radikaldemokratische Partei gegründet, deren Aufgabe darin besteht, alle wirklich freiheitlichen, und demokratischen Elemente zu vereinigen. Infolge des Kriegsausbruches konnten wir wegen der russischen Invasion im Lande unsere organisatorische Arbeit nicht fortsetzen Ich wurde von meinen Parteigenossen aufgefordert» von dieser parlamentarischen Tribyne aus unserem hochgeschätzten Führer, dem Abgeordneten Breiter, der nach Rußland verschleppt wurde, meinen herzlich warmen Gruß zu entbieten. (Bravo!) — Hohes Haus! In erster^ Reihe sollte ich von der so überaus wichtigen Flüchtlingsfrage sprechen. Ich empfinde lebhafte Befriedigung‘darüber, daß meine Anregung, einen FlüchtlingsauSschuß zu bilden, auf fruchtbaren Boden gefallen ist.- In diesem Ausschüsse wird selbstverständlich die gesamte' Flüchtlingsfrage ausführlich behandelt werden Jetzt will'ich nur an d|e Regierung die dringende Aufforderung richten, die Schmach der Internierung der Flüchtlinge in Barackenlagern aus der Welt zu schaffen. (Bravo!) Die Internierten, die In Baracken und steirischen Schlössern zusammengepfercht und ihrer Bewegungsfreiheit beraubt sind, müssen wieder als freie Bürger behandelt werden. (Ruf.: Soisf es!) Das ist die hauptsächlichste Forderung, deren Erfüllung überaus dringend ist. Je eher das geschehen wird, desto fascher wird der Staat die gegenüber den Flüchtlingen begangene Schuld von sich gewälzt haben. — Ich werde natürlich dem" Ausschüsse alle auf die Baracken bezüglichen Belege vorlegen. Dem' hohen Hause erlaübe ich mir nur zwei Berichte aus dem BarackenlagerTJeutschbrod yorzufegen. Der erste Bericht stammt vom 18. März 1917. Das betreffende Telegramm Tautet (liest): »"Eine 8000 fache himmelstürmeride Menschenstimme weder von Reichsverrätern noch’, 'von Revolutionären, sondern von 8000 Deutschbroder Flüditnngen,vwelche .ihren Patriotismus für Kaiser und Reich mit dem auf dem Schiächtfelde fließenden Blute ihrer Söhne und Väter stempeln, Jammert stöhnend um Gnade: Schlachtet, erschießt uns, und opfert uns nicht dem sicheren Tode des Erfrierens. Erbarmen,Gnade, Rettung, Hilfe! Schenket uns das Leben Jeder Frost fordert Massenopfer. Eilet zu Hilfe." Das war Im März. Der Bericht, den ich heute aus 'Deutschbrod ethalten habe, lautet (liest): „Von Stunde auf Stunde Wird die Lage ärger. Man bringt eine ganz kleines bißchen ungenießbare Suppe für den ganzen Tag. Die, Leute werden Hungers sterben. Sie schreien, weinen und 'finden kejn Gphör. Man kami doch Menschen nicht doppelt strafen, gbgesperrl und Jeder Freiheit benomhfen und dabei noch hungern. Es wird immer ärger. Möge sich Gott'unserer erbarmen!“ Das' ist der heutige ‘Bericht aus Deutschbrod. (Hört! Hört!) Meine Herren! Tn letzter Stunde fordere ich den Minister de> Innern aut,"die Flüchtlingsbarackenlager, speziell in Deutschbrod tütä in den steirischen Schlössern äufzulösen \Jfir stehen dort vor einer Katastrophe Ich werde dem''Flüchtlingsausschuß natürlich andere Daten vorlegen. — Hohes Haus! Nun sei es mir gestattet» eine allgemeine, mir am Herzen liegende Frage zu "berühren. Das geschieht unter dem- Zwange der gewaltigen Veränderungen die sich im Laufe des Krieges; bezüglich der Politik gegenüber den Juden vollzogen haben Jtfährend es bei Beginn des Weltkrieges nicht an. Erklärungen und Versprechungen den Juden gegenüber gefehlt hat, während fes am Anfang des Krieges im galiziskhen Feldzuge in Tagesbefehlen ausdrücklich geheißen hat, daß 'die' Juden als unbedingt Toydler Elemente das größte Vertrauen verdienen, ist im .Laufe des Krieges eine totale Aenderung in dieser mehr wenigerkorrekten Haltung einem' der loyalsten Völker der Monarchie gegenüber eingetreten . Und gegenwärtig ist seit ungef ähr zwei Jahren ein : Kurs in der Judenpolitik vorherrschend, der nijch' als Juden, als Vertreter der Ostjuden, als Vertreter eines Wahlkreises nahe der Front, mit den allergrößten Besorgnissen zu erfüllen geeignet ist Lassen Sie mich in ein paar "Schlagworten sagen, .was die Juden als Gesanitheit in diesem Kriege ■gelitten und wie sie behandelt wurden> Zweifellos ist das gesamte jüdische Volk;der Monarchie vollkommen staatsfreu. Niemals hat ein TeiJ, auch nur ■fein verschwindend geringer, mei'ne s Volkes in der. Monarchie über die -Grenze geschielt. Wir sind seit Jeher im . besten Sinne staatstreu gewesen. Einerlei ob in Vorarlberg, in Galizien, in der Bukowina, in -■ Siebenbürgen oder in Bosnien, überall hingen ' dje Juden in aufrichtiger Liebe an der Monarch;e. Die Anzahl der Jüdischen Reserveoffiziere ■ a — Und ‘die Reserveoffiziere ’sind 'das Rückgrat des Volksheeres — geht dem Prozentsatz nach weit, weit üher das prozentuelle Verhältnis der Juden :zur Gesamtbevölkerung. ^(Abgeordneter Dr. St rauch er: Ueber das Doppelte!) Sehr richtig! Und ich füge hinzu, nicht nur im Hinterlande sondern auch an der Front. Tausende und abertausende jüdischer Kämpfer un’d Helden sind auf allen Schlachtfeldern gefallen, zuletzt in der großen zehnten Isonzosdhlacht, in der bekanntlich ostgalizische Regimenter, zu weithen eine große Zahl Jüdischer Soldaten und Reserveoffiziere gehören, sich ausgezeichnet haben. An keiner Fron {'‘fehlen heute Juden. Ich hebe dies mit Nachdruck hervor. Der Anteil der Jüdischen Aerzte an dem Heeressähitätsdienst ist geradezu überwältigend. Man kann ruhig sagen, daß ohne sie die Armeeleitung nicht in der Lage gewesen wäre, die ungeheuren sanitären Aufgaben, die der Krieg gestellt hat, auch 'nur halbwegs zu lösen. "Die jüdischen Soldaten haben sich, die ungeheure Zahl von Auszeichnungen beweist eS, auf allen Fronten glänzend geschlagen. Die Aussprüche des Kaisers über die Haltung 'der jüdischen Bevölkerung, des Korpskommaiidanten General 'Schenk und vTeTer anderer Heerführer über Eie Pflichttreue des Jüdischen gemeinen Soldaten sin^ 'allgemein bekannt. Auch die jüdische Zivilbevölkerung ist sich ihrer Pflichten gegen den Staat bewußt. Man vergesse nicht, daß das glänzende Ergebnis Ider ersten fünf Kriegsanleihen nicht zuletzt auf die rege "Mitarbeit und die Opferwilligkeit der jüdischen Finanz-, Handels- und Geschäftskreise zurückzuführen ist. Man vergesse aber auch nicht, daß in Galizien und in der Bukowina gerade die Juden unter den unmittelbaren Einwirkungen lies Krieges am1 "stärksten zu leiden hatten find überdies während der Invasionszeit am meisten bedrückt wurden Nicht zum wenigsten wegen ihres standhaften österreichischen Patriotismus. — 'Bei dieser "Gelegenheit jnöge es mir gestattet sein, in Erinnerung zu bringen, was im! Laufe der Zejt in Vergessenheit geraten ist, daß .zur Zeit der RussenherrSchaft die Juden unter größten Gefahren tahsende und und aber tausende österreichische lind deutsche in Gefangenschaft ^geratene Soldaten, ohne Opfer und Kosten zu scheuen, geborgen und für die Armee gerettet haben. Trotzdem war, von spärlichen anerkennenden Worten abgesehen, wenjg Dank für die loyale und staatstreue Haltung der Juden Zu merken. Die Behandlung, die den Juden nach der Wiedereröberung des Landes seitens der Regierungsorgane zuteil wurde, 'entsprach nichf de.m an acji Tag gelegten Patriotismus. Die Art und Weise, wie die Flüchtlinge behandelt wurden, ist viel zu sehr bekannt, als daß ich' dar-, über noch Worte verlieren müßte. Auch die Art der Handhabung ider Zenzur müßte geradezu den Eindruck hervorrufen, .als ob man bestrebt gewesen wär^ die (nfolge der Kriegsnöte entstandene Erbitterung nach bewährtem larischen Rezept in die Richtung gegen die Juden abzulenken Jeden Fall einer Ausschreitugng ließ man auf die große Glocke hängen, während Inan Nachrichten über d ie Ausschreitungen anderer vielfach unterdrückte. Viel schlimmer "war der Kurs der Verwaltung in den besetzten russischen Gebieten* Bei Kriegsbeginn hatte man in Aufrufen, in jüdischer Sprache abgefaßt, mit jüdischejt Lettern gedruckt, den Juden von Russlsch-Polenltn Namen der Kultur, der Freiheit und "des Fortschrittes ‘Erlösung, Freiheit undGleichber echligung versprochen. Als aber die Tapferkeit der Soldaten die russisch-polnischen Gebiete in ünseren Besitz brachte, da konnten wir es ln den Berichten der Kriegsberichterstatter des Oesterreichers Wald mann und des Ungarn Professors O sk a r J a s z i 'lesen, 'daß der gewesene Generafgouverneur D i II e r erklärt hat, die Haager Konvention erlaube ihm nicht, den Rechtszustand der Juden aus russischer , Zeit her zu ändern, oder mit aiidereri" Worten, von der zarisihen Unterdrückungsmethode abzugehen Interventionen bei den maßgebenden Faktoren -brachten wohl Versprechungen, tatsächlich ist aber der Kurs der Verwaltung in ‘politischer und wirtschaftlicher Beziehung bis auf "den heutigen Tag in Russisch-Polen ein solcher, daß die vbn uns erlösten und befreiten Juden von Freiheit und Fortschritt nichts verspüren. Furchtbar kraß trat die Haltung der Regierung hi der Behandlung der Juden in der Frage der Sonderstellung Galiziens zutage Ich will jetzt über diese hochbedeulsame Frage nicht sprechen. Aber in allerschärfster Weise muß ich dag egen protestieremdaß man ohne Anhörung der Juden über sie in dieser Frage einfach zur Tages Ordnung überging.. — Meine Herren! Soff ich iiun die unzähligen - Erlässe der einzelnen militärischen Behörden Neue Bücher von denen man spricht: Kassner, Die Juden in. der Bukowina Glänzend besprochen.K 2.— Heinrich Margulies, Der Kampf zwischen Bagdad und Suez im Altertum . K 2.08 Der zweite Teil ist Palästina gewidmet Mathias Mieses, Germanen u. Juden K L— Ausführlich besprochen in der letzten Rundschau. Ostjüdische Erzähler, Neue Geschichten von Perez, Asch, Scholem Alejchem,K 1.92 Lange vergriffen gewesen! jetzt wieder zu haben. Max Rosenfeld, Polen und Juden K 1.50 Das beste Buch der Jüdischen Kriegsliteratur. Die gesaute zionistische Literatur stets vorrätig. Katalog: Judenliteratur im Weltkrieg 1914—1916 erscheint in ca. 2 Wochen Adressangabe sofort erbeten. Nationaljüdische Buchhandlung R. LÖWit (Dr. Mayer Präger) Wlait, lM Rotenturmsir. 22 erNvähnen, die Erlässe, in denen es Immer ‘heißt, daß soundso viele Soldaten in Kanzleien oder zu leichtem Dienst abkommandiert werden sollen, aber beileibe keine Juden, oder die Erlässe, in denen die ins Feld abgehende, an die russische Front Weisende Mannschaft zum Boykott der jüdischen Kaufleute aufgefordert wird? Das würde zu weit führen. “Aber eines will ich herausgreifen, was aber nicht allein die Juden betrifft, weil ‘dafür die Gesamtregienlng Verantwortlich ist. Am Anfang des Jahres 5915 setzte eine Hetzjagd gegen alle aus Galizien und der Bukowina stam'- menden wehrpflichtigen Personen ein Angeblich zu Evidenzzwecken wurden alle gezwungen, sich einer besonderen Meldung zu unterziehen-, Razzias wurden gegen alle aus Galizien. und der Bukowina stammenden männlichen Staatsbürger abgehalten. Verdächtigungen waren zwar gegen alle gerichtet, kehrten sich aber in erster Linie gegen die Juden Daß der Effekt dieser auffälligen, politisch höchst unklugen und Erbitterung im ganzen Lande hervorrufenden Maßnahmen niät entsprach, ist bekannt. Bekanntermaßen hat man in Deutschland den Versuch gemacht, eine konfessionelle Zählung in der Armee irtirzunehmen. Dieser Versuch wurde dank gesunder Einsicht — die Juden hatten wahrlich gär keinen Anlaß, vor ihr zurückzubeben, denn die ungefähr 70.000 jüdischen Soldaten im Reiche haben über 8000 Tapferkeitsauszeichnungen erhalten — im Keime erstickt. Was in Deutschland aufgegeben wurde, ist bei uns seit einigen Monaten in Durchführung begriffen. Seit April 1917 tauchte plötzlich in verschiedenen militärischen Meldungsbögen die Rubrik „Religion“ auf. Daß diese Maßnahme die Judenzählung ist, die judenzählung in der Armee, die in Deutschland aufgegeben wurde, ist ganz klar. Aber man zähle ruhig weiter. Vor dem Ergebniskannuns gar nicht bartge sein! Man"zähle aber auch den Prozentsatz der jüdischen Soldaten in den Marschbataillonen, die an die Fronten abgehen, und man zähle auch die Tausende jüdischer Todesopfer, die nur die letzte zehnte Isonzoschlacht gefordert hat. Ich fordere .den Herrn Landesverteidigungsminister auf, gegen die unerhörten Verdächtigungen der Juden, daß diese militärscheu und Drückeberger sind, im- Namen' der Wahrheit energisch aufzutreten. Seine Exzellenz 'möge uns die Zahl der Juden nennen, die in den Kämpfen am Tsonzo geblutet haben Ich beschwöre ihn, dies zutun, damit einmal das Gift der Verleumdung verschwinde. Die Regierung möge sich vor Augen halten, 'daß der dünkte Hintergrund der Judenverfolgung in Rußland und der Entrechtung ^er Juden in Ru-v mänien Verschwunden ist, so daß das Bild der Behandlung in Oesterreich noch mehr hervortritt. Sie möge sich auch vor Augen halten, daß in Zeiten ‘der Demokratisierung 'der Welt kein Platz für mittelalterliche Vorurteile vorhanden ist; Die Sprache d e r H e fd e n f r"i e d h ö f e in Prvacina und anu derer ist stärker als G unst oder Ungunst einer Regipiung. (Beifalt.) Aus der jüdischen Welt Internierung riHTlämscher Juden- Die Abgeordneten Nikolaj W a s s i I k o und Genossen haben an den Minister des Jnnem Fjeiherrn’ v. Hussarek in Angelegenheit der Behandlung rumänischer Staatsangehöriger jüdischer Konfession eine Interpellation gerichtet, in der sie darauf verweisen, daß eine ganze Reihe rumänischer Juden, welche sich seit 20, 30 und 40 Jahren in Oesterreich in angesehenen Lebensstellungen befanden, ja sogar sofehe, deren Söhne mittlerweile österreichische Staatsangehörige wurden und als