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Jüdische Zeitung · 1917-06-22 · 25 (22.6.1917) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
11 (1917)
Issue
25 (22.6.1917)
Date
1917-06-22
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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JÜDISCHE ZEITUNG Seite 2 Nr. 25 daher restlose Durchführung de r Verfassung smiä 'ßlg festgelegten Re chts» gl eich hei t auf allen Gebieten; 3. wirtschaftliche und 'soziale. Fürsorge.hör das jüdische MassenproTetarlai,. dessetr,Not und Elend wahrhaft erschütternd ist. Wir|wöBen durch Männer' unserer Wahl vertreten sein: •' W|r sind mündig genug und lehnen cs ah, Staatsbürger zweiter Klasse (zu sei n, wir wollen nicht die Brosamen unter -den Tischen auflesen, indeß die anderen Völker an der wohlbesetzten Tafel sitzen, wir lehnen es auch ab, geduldete Gäste im' eigenen Valet lande zu sein Was im Judentume selbstbewußt ist, lehnt das Prinzip nationaler Selbstverleugnung und Sel&stvernejmmg ab, bekennt sich zur jüdischen Nation.'Wir wünschen die nationale, - kulturelle und wtrtsdiaftlichc Entwicklung aller österreichischen Völker dieBeseitigung des nationalen Haders durch Betätigung währer Gleichberechtigung und Gleichwertung a’fler Völ- / k e r dieses Staates sowie die D e m'o k r a t i s i erüng der Ve rwa 11ung. Wie bereits Kollege Reizes gestern betont hat, haben wir österreichischen Juden jn 'diesem Kriege ln dem’die Juden am' schwersten und nähhaltigsten gelitten haben, unsere staatsbürgerlichen Pflichten restlos erfüllt* Ein weit größerer Prozentsatz, als unserer Volks*- zahl entspricht, ist von der ‘ österreichischen Judenschaft dem Vaterlande als Soldaten beigestellt worden. Was das Offizierskorps anbetrifft — ich meine das Reserveoffizierskorps — so haben wir zu diesem' fast die doppelte Anzahl, als auf unsere VoIkszahT entfällt, beigesteTIt. Der gegen die Juden erhobene Vorwurf der’ Entziehung vom1 Militärdienste ist völlig unbegründet. FalTs in diesem Belange oder in Bezug auf die Verwendung der Juden zu leichten Diensten etc. statistische Erhebungen-geführt werden sollten — sie können hur das gerade Gegenteil der erb obenen Anschuldigungen und deshalb nur zum Nutzen der Juden ausfäffen. —Ich (möchte da, meine Herren, auf eine Behauptung, beziehungsweise Anfrage reflektieren, welche hier von. seiten des hochverehrten Herrn Abgeordneten DK Korosec gefallen isj.’Er hat nämlich in seiner Rede folgendes gesagt (liest): „Falls aber, die Regierung diesbezüglich (mit der „Alliance israölir te" irgenöwelche.s" geheime Konkordat abgeschlossen hat', so möchten wir die Regierung nur bitten, daß sie uns diesen geheimen Akt eines solchen Konkordates vorlege.1“’ Das sagte er im 'Anschlüsse an clie von ihm beweislos hingestellfe willkürliche Behäupttung, daß die Juden .etwa durch Drückebergerei und sonst int Hinferlandc sich ihrer militärischen Dienstpflicht entziehen Nun, meine Herren, in aller Bescheidenheit will ich' dem Herrn Abgeordneten Dr. Korosec, den ich als einen sonst klugen und erfahrenen Politiker in äiesem’höhen Hau«e kenne, doch einen guten Rat gehen. Im; flöhen Hause sitzt der Kollege Hofrat Kurahda, der der Vizepräsident der „Alliance isradtite" Ist. Er mag ihn fragen! Hofrat Knranda hat zwei Böhne: der eine starb den Heldentod für das Vaterland' und der zweite steht noch' heute im' Felde"! So sieht die Jüdische 'Drückebergerei faus! Er soll sich hur erkundigen, dann wird er erfahren, welches „Konkordat“ da geschlossen wofden ist. Daß ein, wie ich bereits gesagt habe, so kluger und ernster. Politiker 'derartige Ammenmärlchen nachredet, das hat mich außerordentlich befremdet, mich und meine Gesinnungsgenossen Ich’ glaube, daß der Herr Abgeordnete Dr. Korosec das unrichtige seiner Aeußerung eins’ehen' wird. Aber, meine Herren, die Verbreitung Solcher völlig unrichtigen Behauptungen in den “Bezirken des Herrn Kollegen bewirkt geradezu Unheil und Verwirrung und ist geeignet, die Bevölkerung gegen die Juden .aufzuhetzen, und den Eindmck hervorzurufen, daß die angefochtene Behauptung wenn fein Abgeordneter In seiner Stellung imhohen Hause derartige Hinge verbreitet, wirklich währ sei, daß nämlich die österreichische Regierung aus besonderer ‘Liehe zum Judentum mit der „Alliance "isrädlite“ ein Konkordat .geschlossen ftahe, damit die 'Juden Oesterreichs von der militärischen Dienstpflicht befreit sein Sollen — und all1 das ist (m vollen Umfange selbstredend aus der Luft gegriffen. — Meine Herren! Gestatten Sie, daß ich hoch ganz kurz die sogenannte Flüchtiingsfrage beiühre Vorerst muß ich bemerken, daß es in Oesterreich Tausende und 'Abertausende gibt, welche in verschiedenen 'Ortschaften und Gemeinden Westösterreichs seit Kriegsausbruch oder seit bereits zwei Jahren interniert o‘der konfiniert worden sind. Man hat sie jahrelang nicht einvernomhien,'keine gerichtlichen Erhebungen geführt, und die Unglücklichen wußten nicht, weshalb sie interniert sind. Sie haben.alle nur erdenklichen, seelischen, moralischen und physischen Qualen erlitten First einer allerhöchsten Verfügung Seiner Majestät des Kaisers Jm abgelaufenen Monat bedurfte es, Ein neues Halbjahr WBHIIIBIBllMHIIIIHII^IIIlBlllllllHIIWIIIIlBIMlHlllllllHIBIlltlilllilltll!IIIBtWBH>rtltttlwi»HliaüitSHtltttWHnBMBHBUIHU| beginnt bald. Gesinnungsgenossen! Fordert von uns Diucksadhen ein, damit Ihr schon jetzt mit der Propaganda für; d*e Jüdische Zeitung beginnen könnt. Laßt uns nicht vergeblich1 mahnen! Wir bedürfen mehr;denn je einer starken zionistischen Presse. Der Bezugspreis für die Zweite Hälfte des Jahres beträgt fünf Kronen. Er ist p r ä num’erando zu entrichten. Gewöhnt Euch ap pünktliche Zahlung, damit Wir nichj gezwungen sind, die Zusendung des Blattes zu unterbrechen. daß diese Tausende und Abertausende — wie es in 'der Verordnung heißt — liberal und gewissenhaft perlustriert werden, worauf m eh r, a 1 s 70 Prozent so'fbrt gemäß den Weisungen des Kaisers entlassen worden sind, und sie alle bekamen Tntimätionen zugestellt, daß gegen sie nichts vorliege. 'Vielleicht war es ein Irrtum1, eine Denunziation, vielleicht eine Verfügung des nicht angreifbaren Kriegsüberwächungsamtes. — Doch es erschien ein Allerhöchster Gnadenakt und Seine Majestät der Kaiser hat äus'Gerechtisrkeit im wesentlichen Abhilfe geschaffen. So widerfährt nicht npr uns Juden, sondern auch’ ande-, ren Völkern schweres,‘bitteres Unrecht .Und 3ie F Hi ch t fin ge! D a;s isf ein besonderes, t i e f t r au r'ig e s K ap i t e f ich kann diese Frage nicht kursorisch behandeln, weil die mir so kurz zugewiesene Redezeit abläuft. Ich erwarte, daß diese Frage im Ausschüsse gründlich’ und eingehend erörtert werden wird, und Sie werden erfahren, welche schweren 'Leiden, wie sie Ihnen der Herr Abgeordnete Dr. v. Lasarski, in einer der letzten Sitzungen an der Hand von Tatsachen geschildert hat, die Flüchtlinge ertragen (müssen Es-ist ein namenlos trauriges Geschick, von dem1 die Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina betroffen wurden. Not. schlechte Behandlung und Verarmung hat sie ereilt. Das Los der Flüchtlinge in den sogenannten Bar/ikken- und Flüchtlingslagern ist aber ein noch1 schlimmeres. *Wenn der Herr Präsident gestattet,1 will ich Ihnen «ritteiTen, daß in einem’ Flüchtlingslager — nicht Barackenlager, denn diese sind direkt MprdsfStten, wie beispielsweise Dhutsfehb'rod — sich1"folgendes zufrug. Ich penne Namfen und Ort. Es ist. das Flüchtlingslager zu Reifenstein in Sfidsteieimafk. Dort befand sieh ein Bukowinaer Flüchtling, ein gewisser Mor'dko R o sine r. Schon sein Vorname ist an Und für ririV kein Geleitbrief. Dieser Mann hat Frau und s’e’cbs Kinder. Er leidet anTpileprie. infolgedessen wurde er vöirf Militärdienst befreit und jfst in das Flüchtlingslager Reifens’tein gekommen. ’ Der Mann wunde dort von ‘dem Lagerkotnmandarifen, einem1 Oberleutnant namens Zaworosch — ich bi<te Seine Exzellenz den Herrn Landesverteidigungsminister, die Güte zu haben, diesen meinen Ausführungen ein geeignetes Gehör Schenken1 zu wöben — ’ dieser Oberleutnant Zaworos’ch isf ein ehemaliger magyarischer Poh'zejh'niinlrnann und ist zum Unglück der Fluc-fittinge dprf La- Sfeikommandant. ‘Er kommandierte den Rostier zu schweren Arbeiten. Hie der epilenlis'che Mann nicht leisten konnte. Da erbot ririi sein Sohn, 'die schweren Arbeiten für den Vater zu leisten, allein das dutdefe der Kommandant' 'nicht und der unglückliche Mann wurde in Gegenwart der' Seinigen, eines Leutnants und Zugsführers mißhandelt und in Spangen gesthTossfen* Hören Sie, meine Herten! Der Mann brachte volle fünf Stünden in Span gen zu! (Es ist unerhörtj) —'Meine Herren! Die Strafe des A n b i n d e n s? die S e. Majestät der Kaiser den Soldaten erlaSSfenhat, bestand in Reif enstein hach’ wie vor. — Bedenken Sie, ein älterer, e pil.eptischer Mensch wir d vo r den Augen sein er'Frau und seiner sechs’ Kinder mißhandelt un'd in Sp a ng e n g es ch'lo ssen. (Hört! Hört!) Djese Herzlosigkeit und Brutalität sind geradezu unerhört. Man faßt sich am1 Kopfe: und fragt sich, ob wir Im' finsteren Mittelalter o'der unter 'Wilden leben. Ich erkläre aber ebenso loyal, daß das Vorgehen und Verhalten des Statthalters von Steiermark, deS Grafen Clary, in der Flüchtlingsfürsorge ein durchaus humanes, korrektes udd einwandfreies ist, und daß ihm und seinen Organen in diesem Falle keinerlei Verschulden zur Last gelegt werden kann — Hie Unterbringung von Flüchtlingen fn Barackenlagern muß unbedingt auf geh1 oben werden, schon aus sariitären uitd 'sittlichen Gründen. Die Flüchtlinge werden vielfach roh behandelt, 'die Sterblichkeit ist e i ne e r s cfi re Cke n d hohe, und namentlich ist die Kindersterblichkeit eine graue n er regen de. Gleichwohl muß ich anerkennen, daß der Staat für die Flüchtlingsfürsörge im 'Allgemeinen, Trotz mancher Mängel viel getan unef bedeutende Summen verausgabt, sotfie, daß insbesondere das Ministerium des, Innern und ‘die FiürsorgebeaJpifen außerordentlich Verdienstliches leisten. D?ü Unglück Ist jedoch so riesengroß, daß die für die Flüchtlingsfürsorge erforderlichen Geldmittel nafnhaft erhöht werden müssen. Insbesondere hat in der Flüchtlingsfürsörge unsere öffentliche und politische Verwaltung vielfach vershgt. Meine Herren! Ich eile zum Schlüsse. (Abgeordneter S t e rn: Der Bezirkshauptgiann *n Klattau halt einen Rabbiner, namens Schapira, fn 'Neuern in Böhmen konfiniert, ohne ihn aus dem Orte wegzüTasSenwo der Mann förmlich dem Hungertode preisgegeiben ist!) Sehr beschämend ,und traurig. Aber, Verehfr tester, wir haben Fälle in diesem selben Steiermark, daß im Schlosse zu Reifenstein, ich glaub? auch im1 Marburger 'Bezirk, ein Rabbiner angebunden worden ist. ebenso ein .70_j ähriger Greis, er wurde solange angebunden gehalten, bis er bewußtlos zuSamme nbrach.- Eine ältere, ehrbare Frau, Jüdin, deren' Sohn — ein Staatsbeamter — seit 'Kriegsälls- . hruch beim Militär dient und wegen seiner Tapferkeit schon dreimal ausgezeichnet worden ist, wurde gleichfalls angebunden ujiU ihr löjähriger Sohn erhielt Spangehschließen und wurde mißhandelt. Der von mir genannte Oberleutnant hat m't entehr Ochsenziemer die Flüchtlinge deshalb mißhandelt, weil sie auf' einem1 Transporte in einen anderen Ort 'die Zivilbevölkerung angesprochen haben; der Herr Oberleutnant verbot nämlich den Flücht’ingen das Sprechen! — Andere Aufsichtsorgane beschimpfe« die unglücklichen jüdischen Flüchtlinge mit’ „Verlauste Judenbagage"“, „es ist ja hier ein großer Friedhöf“ ect. So werden/ Flüchtlinge, österreichische Staatsbürger, die vor dem Fei«de geflohen sind, kein Delikt begangen haben; von unseren eigenen Dienstorganen behandelt! In dem einzusetzenden Flüchtlingsausschusse wird Gelegenheit geboten Sein, die traurige Flüchtlingsfrage eingehend zu erörtern und durch Regierung und Haus Abhilfe zu schaffen. — Meine Herren! Die Hoffnung der Juden 'in Oesterreich1, ist, wie ihr traditioneller .Patriotismus an die Dynastie, auf ,den regierenden Kaiser gerichtet- Seine Maje-tät hät sowohl in seiner Proklamation vom’ 21. November 1916, wie auch in der Älleihöchsten Thronrede am 31, Mai d. J. die Rechtsgleichheit aller Volker und Bürger dieses Staates vere kündet und folgendes 'gesagt (liest): „Im vollen Bewußtsein der von Meinem erlauchten Vorgänger übernommenen* verfassungsmäßigen Pflichten und aus eigener tiefster Ueberzemning will (f ch Ihnen erklären und feierlich bekräftigen, daß es Mein unabänderlihöer WiFe ist. Meine Hen-schri-rechte jederzeit ln ehern' wahrhaft konstitutionellen - Geicte auszuüben, die |staatsPTundgecetzl'cben Freiheiten unverhrüdTch zu achten ’ und den Staatsbürgern jenen Anteil an der Bildung'des Staat-wiPens unverkürzt zu wahre«, den die geltende Verfassung vorrieht. ■—? In der treue« Mitarbeit des Volkes und seiner Vertreter erblicke Ich die verläß'iche Stütze für den Erfolg Meines Wirkens und Ich «lfeine, das’ Wohl des Staates, dessen glorreicher Bestand durch das feste ZusamWen'tehen der Bürger iii’ den1 Stürmen des Weltkrieges bewahrt' "wurde’, kann auch’ für die Zeiten des Friedens nicht sicherer verankert werden, als in der uirantaste baren Gerechtsame eines reiten. VateriandsTte-1 benden und freien Volkes.“ Ferner: „Ich will meinen feuern Völkern immerdar ein gerechter, Febevoller und gewissenhafter . Herrscher sein, hrf Sinne der konstitutionellen Idee, die Wir als ein’ Erbe der Väter übernommen haben und im’ Geiste jener wahren Demokratie, die gerade während der Stürme des Weltkrieges in den Leistungen 'des gesamten' Volkes an der Front "und daheim die Feuerprobe wunderbar bestanden hat.“ Und Schließlich Sägte Sehe Majestät' (liest): „Die gesamte Bevölkerunghat in schwerer Zeit dis Erwartungen, die der Staat in sie zu Selzen berechtigt war, nicht nur voll erfüllt, sondern cubertröffen; sie darf im‘ Staate keine -Enttäuschung - erlebe«“ Wir österreichischen :Juden erstreben ein politischfreies, blühendes, wirtschaftlich Starkes Oesterreich, weiches unter Hab.sTjurgs gerechtem undeinigendem' 'Szepter ein Hort der.Freiheit für alle seine Völ-' ker -ist! Diese Allerhöchsten Zuversirijerungen lauten gerade so feierlich und 'haben die gleiche Bedeutung, wie wenn Sehe Ma:estät der Kaiser "das Verfassungsgelöbnis geleistet hätte. Zu dem hat seine ’ Majestät Sowohl In der Proklamation wie in der Thronrede, die unverbrüchliche Beobachtung "der verfassungsmäßigen Rechte und Freiheiten sowie der sonstigen Gerechtssame der Völker Oesterreichs feierlih verheißen. Vom Hause.des allgemeinen Wahlrechtes aber erwarten wir Juden, daß d ieses Volkshaus ein mo.aern.es, freiheitliches und „jd’em ökr a ti s ch es Oesterreich schaffen werde, in dem' jede Nation, daher auch das jüdische Volk zur Verwirklichung, seiner Rechte gelangen wird. In Oesterreich darf kein. Volk, mag es nun eris'ch-noch so klein sein, vergewaltigt werden. /(Beifall).

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