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Jüdische Zeitung · 1917-06-22 · 25 (22.6.1917) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
11 (1917)
Issue
25 (22.6.1917)
Date
1917-06-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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XL Jahrgang — Nr. 25 Nalional-jüdifches Oi^an Erschaiiit wöchentlich elnmal Redaktion : Wien II, Zirkusgasse Nr. 33 Sprechstunden: Montag bis Freitag «ron 2—4 Uhr, Sonntag von 11—12 Uhr Manuskripte werden, wenn unverlangt, ohne Rückporto nicht zurückgesandt RedaktiönsschluB Dienstag um 7 Uhr ftrniprech'Numnar 45.3.25 Mil derBeilage: Der Jfidifdie Nationalfonds Wien, Freitag, 22. Juni 191? / 2. Thamuj 5677 Blnsalaumm'ar 24 Hallar Geschäftsstelle: Wien Bh, Zirkusg: 33 Geschäftsstunden: Montag bis Freitae von 9—12 u. 3—7, Sonntag von 9—12 Bezugspreise: Ganzjährig K10.— . halbjährig K 5.—, vierteljährig K 3.— Anzeigen und Beilagen nach Tarif Postsparkassen Konto 133404 V Inhalt* ^us t*em Abgeordnetenhaus-—^ar*a“ * mentsreden der Abgeordneten Dr. Straucher und Reizes. — Aus der jüdischen Welt. — Zionistische Bewegung. — Erfolge des Zionismus in Amerika. — Bernard Rotfeld. — Zionisten im Felde. — Ankündigungen. — Berichte und Korrespondenzen u. ä. m. Aus dem Abgeordnetenhaus Die Interessen der jüdischen Bevölkerung Oesterreichs häbejh ih> (der (neuen Parijam etatst* session eifrige und kraftvolle Verteidiger gefunden: Wir veröffentlichten in unserer vorigen Nummer Interpellationen unseres Gesinnungsgenossen, des Abgeordneten Dr, Straucher und des uns nahestehenden Abgeordneten Reizes, Heute1 legen wir unseren . Lesern den Wortlaut (der in den Tageszeitungen nur auszugsweise wiedergegebenen) bedeutsamen Reden vor, die beide Volksvertreter in der . Vorigen-Woche im Parlamente hielten. Die Leiden der vom1 Kriege hart (mitgenommenen OstjudeniSp’-eChea feus ihnienj mit erschüttern'1 en Wort'n und jeglicher An-pruch auf unsere politischen und bürgerlichen Rechte findet darin seinen Ausdruck. Man muff dierasche Wirksamkeit’cler beiden. Abgeordneten anerkennen. Denn es ist nach der heueaiPQeschäffsordnung des Parlaments kein- Leichtes für- Abgeordnete; die' keiner größeren Partei eingegliedert sind,, zu Worte zu kommen. Dennoch ist es der Tatkraft derbeiden Herren gelungen. Als. ein Erfolg muß es auch be- . trachtet1 werden; daß sowohl Dr. S'trauCher als auch Reizes in verschiedene, parlamentarische Ausschüsse, gewählt wurden.- Dr. Straucher gehört dem Eisenbahn-, Gewerbe* und dem Flüchtlingsausschuß-) an, Reizes wude ebenfalls in die Flüdttlipgskoiümission und in den für die. Zukunft besonders wichtigen Verfass ungs-»- aussdiußgewählt. - *• * ' * Parlamentsrede des Abg. Dr. Straucher vom 16. Juni d. J. In der achten Sitzung des Sessionsabschnittes hielt Herr. Abg. Dr; Benno Straucher eine große angelegte-Rede; inderen erstem1.Teil er sich Vor allem anderen mit der Friedensfrage sowie mit dem - „Regierungsabsolutismus“ des Grafen Stü r gk h beschäftigte; wobei er das" Wort prägte: „Der ij 14 kennt keine Staats- bürge'r, er' kennt ihn- Untertanen'.“ „Das grundsätzlich garantierte Recht der Freizügigkeit,“ sagte er u. a; „des freien Wah 1 des Wohnu na. Au fern th altso r tes in Oesterreich: und'derunbe hin d erten Ausübung, desi erlaubten BeruTs und: Erwerbes s i n:di teils durch ministerielle oder arfministra-. tive behördliche" Verordnungen, teils durch polizeiliche Verfügungen willkürlich beschränkt' oder beseitigt worden, und häufig genug ist polizeiliche Brachialgewalt an Stelle Von Gesetz und Recht getreten:“'Dänn 'wandte er sich unter dem Beifall f des Hauses' gegen die: Pressezensur - die er als ekle „Konfiskation der o®d|!n^£rifreiheit“ charakterisierte, geißelte ihre*. Ausschreitungen und ging: Von hier aus auf. die'.Jüdenfrage über. Abg. Dr.-Straucher führte wörtlich» aus: Diese Zensur wird noch obendrein politisch ausgeschrotet; nicht gegen alle Volksstämme wurde und wira die Zensur gleichmäßig ängewendet. Beispielsweise die Juden waren und sind vielfach — trotz des vom Kollegen Jerzabek höhnisch betonten Burgfriedens — geradezu vogelfrei. Was gegen Juden ging, gegen Juden gerichtet ist konnte und kann unbehindert passieren. Diese Erscheinung übrigens ist nur ein Symptom in der allgemeinen Behandlung der Juden. Die heute vom Abg. Jerzabek gegen die Juden gerichtete Hetze w«.ise ich entschiedenst zurück. Alle Völker setzen' große Hoffnungen, in die Neuordnung der staatlichen Verhältnisse, lediglich *wir Juden sind bei den bekannten derzeitigen 'judenfeindlichen Strömungen una angesichts des bei uns unverkennbar intensiver gewordene^ Antisemitismus v&i tiefster . . Besorgnis um das Schicksal' des jüdischen Volkes in Oesterreich erfüllt. Demi außerhalb Oesterreichs ist die Lage der Juden namentlich in den großen europäischen und aüßereuropäishen Kulturstaaten teifs eine schon von früher her gesicherte, teils hat sie sich zum klaren Nutzen der Juden vielfach günstig gestaltet. — Auffallend una Schmerzlich aber ist der bei uns immer - Stärker werdende Antisemitinnus und die verhüllt und unverhüllt einsetzende intensiv juderfeindliche Richtung,' und zwar bedauerlicher- und bezeichnenderweise selbst bei so'tt-starnvoreinig-emo>ir> ime.neit, maßgebenden Faktoren und Kreisen, bei denen man bisher berechtigt war, einer vorurteilsfreien, objektiven, gerechten und sachlichen Beurteifir»g von Juden und Judenfragen zu erwarten, von denen aber seit einiger Zeit offenbar, durch gehässige Beeinflussung 'der'Antisemitismus nicht jiur toleriert, sondern unzweifelhaft und offensichtlich gefördert wird. — Darum fassen Sie midi’, verehrte Herren; ein offenes Wort über die Stellung und Bedeutung ’cfcr Juden in Oesterreich sprechen Hierbei sei mir der Hinweis gestattet, daß in vielen neueren 'in- ,und'ausländischen Publikationen über die Neugestaltung der-Monarchie und auch- Mitteleuropas die große Bedeutung der österreichischen Jitdenschaft für Staat una Volkswirtschaft betont wird. 14 Millionen Bekenner zählen'die Juden in der Wett! Hiervon entfallen auf 'Oesterreidr-Uirgärn 21/» Millionen, auf Oesterreich’ allein etwa ti/o Millionen Juden. Die Juden b'ildert min heute \n 6 torisch einen ariseh'ix liehen reäfpoTi tischen Fak-' tot, vermöge ihrer intensiven Bildungsfreund- Bchkeit und Intelligenz und ihres stäatserhaltencfen .Charakters wegen — Meine Herren1 Weder Wilson noch England haben um1 'der schönen Augen der Juden willen ihre "Forderung auf, Errichtung dines jüdischen autonomen Gemeinwesens in ihr Kriegs- und Friedensprograirim aufgenommen Ueberäll beschäftigt man sich1 mit der. Judenfrage und ihrer gerechten; Vernünftigen Lösung! Lediglich in Oesterreich nicht! Jede nichtjüdische Partei hat ein.eigenes Rezept für die Lösung der Judenfrage — nur di e Juden selbst werde n bei der'Lösung der Judenfrage nicht b e f r ajj t —den Regierungen aber macht diese Frage keinerlei. Kopfzerbrechen.'weil ks. — gestatten Sie die Bemerkung, denn ich will möglichst währhettsigetreu zeichnen — gerä&zu befremded ist, welcher verhlüffdnden Unkenntnis über Juden, Judentum und die einsd hlägigen Fragen mau ln-österreichischen Reg'ierungs kreisen begegnet! Da wird die Jugendfrage leicht gelöst, indem! Sich die Regierung selbstherrlich eine1 „Autorität in jüdischen Fragen“ — glauben Sie. etwaverschreibt öder bestellt, nein —ernennt — vielleicht mit dem § 14? — Also der Betreffende ist dann be-s hördlich tgeaichte Autorität jn Judenfragen, (gleichgültig, ob er die Kenntnisse 'dazu besitzt. Weder im) Kultusministerium, noch bei den Länderstellen sind selbst für die Erledigung der konfessionellen Angelegenheiten der Juden berufene, jüdische Organe bestellt. In der Bevölkerung unü in manchen Parteien aber wird über die Juden weidlich geschimpft. Geradeso hat man beispielsweise vor noch nicht langer Zeit die- Ungam behandelt. Da. hörte man vielfach nur Verhöhnungen von Judäomagyaren sprechen: und was geschah? Die Ungarn gingen zielbewußt ihre Wege und nun haben sie tatsächlich das Uebergewkht gegen 'Oesterreich erlangt, und :der Schwerpunkt der Monarchie ist in —"Budapest — Auch d arf nicht übersehen werden, daß heute ein volles Viertel des Ausschusses 'des russischen Arbeiteruna* Soldatenrates Juden sind Und daß diese auch auf die friedliche Richtung mitbestimmend einwirken. —"Meine Herren! In Oesterreich speziell .sind die Juden ein staatserhaltendes Element iml eminentesten Sinne des Wortes, deren Patriotismus nicht durch einen Provinzialismus» ge* bfbehen ist. Wie aber werden bei uns die Juden gewertet und behandelt trotzdem' eine woraus* schauende, vernünftige 'Regierung aus Gründen der äußeren Imd inneren Politik dieses jüdische Volk gerecht behandeln und entsprechend würdigen sollte? Ich will Thnpn, meine "Herren, nur einige der grundlegenden, so schön klingende» Verfassungsartikef aus unserer Konstitution zur Kenntnis bringen. Da heißt es in unserer Verfassung: ,IVor dem Gesetze sind alle Staatsbürger gleich; alle öffentlichen Aemter sind allen Staatsbürger gleich1 zugänglich; der Genuß der bürgerlichen und politischen Rechte ist von dem! Religionsbekenntnis unabhängig.“ Selbst heute, nach einem 50jäh- ■ eigen Bestände der Staatsgrundgesetzte, sinrf -ier doch die meisten staatlichen Aemter und staatlichen. Funktionsstellen den Juden Oesterreichsnoch immer verschlossen gdblieben. Die staats- ’grundgesetzlich garantierte RechtsgIe iheit der Juden blieb bis heute fast ein toter Buchstabe. Ist esferner zu g’lauben, 'daß e s in Oesterreich noch Gemeinden und Ortschaften gibt, wo österreichische Juden nicht wohnen dürfen? (Zwischenrur des Abgeordneten Stern.) Wir Judenfordern. nacTidrücklichst, daß wir an aflen Re chten und Freiheiten, weiche ,den anderenVölkern und Bürgern diesesStaates zuteil werden, unges hemälert pnd.unverkürzt.p artizipieren. (Brarö!) Denn wir österreichischen Juden bekannten undbekennen uns ste t sbedingungs- und vorbehaltlos Zu Oesterreich. — Unsere Opferwilligkeit in diesem furchtbarsten aller Kriege hat sich glänzend bewährt iind die Beiträge der Juden zu Sammlungen, Spenden und insbesondere zu deir Kriegsanleihen, übersteigen weif, weit das Verhältnis ihrer Volkszahl zur Gesamtzahl der Bevölkerung. Die österreichische Judenschaft hat in dieser schicksalsschweren Zeit nicht einen Augenblick daran gedacht, daß sie . nicht immer und nicht überall in diesem Staate im wirklichen Vollgenusse der gewährleisteten G’eichberechtigung steht. — Unsere Forderungen bestehen lediglich in der Verwirklichung und gewissenhaften Durchführung der bestehenden und Sanktionirten Gesetze, "und ‘da in der österreichischem Judenshaft die nationafvöfkische Richtung "inden letzten 25., Jahren zur 'Geltung gekommen, ist, sind unsere Forderungen «rt einzelnen folgende: 1. Die nationale "Gleichbe redhtigung(der Juden als Volk, deshalb nationalkulturelle Autonomie und die national-jü disöh e Wahlkurie in allen Vertretungskörpern dort, wo Juden in Massen wohnen und dies fordern; wo d>es nicht der Fäll oder nicht möglich ist, jüdische Wahl kreFse.oc(pr Bildun.g von Wahlbezirketr mit jüdischen 'Majoritäten eventuell Verhält nl s w a h 1 s y s f e m1; 2. uneingeschränkte politische Gleichberechtigung der Juden als Staatsbürger, Jeder Zionist muß die Jüdische Zeitung beziehen!

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