Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 24 (15.6.1917)
- Date
- 1917-06-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 24 seit zwei Jahren das türkische Bürgerrecht erkauft haben, massenweise ausgewiesen, wobei cs an Grausamkeiten und gewalttätiger Behandlung der Deportierten nicht fehlt. Weitere Meldungen berichten recht widerspruchsvoll über die Lage der Dinge in Palästina, In der „Frankfurter Zeitung“ lesen wir den Bericht ihres Konstantinopeler Vertreters über seine Unterredung mit dem Großrabbiner der Türkei, Ha im Na hum Effendi, dem wir folgende Stelle entnehmen: Der Großrabbiner gewährte mir heute eine Unterredung. Ich wollte von dieser kompetentesten Persönlichkeit über die zahlreichen Gerüchte von Judenverfolgungen in Palästina, die hauptsächlich von französischen und englischen Agenturen verbreitet werden, sichere Auskunft erhalten. Der Großrabbiner ging ohne viele Umschweife auf den Gegenstand selbst ein. Durch einen an ihn gerichteten Brief des Rabbiners von Jaffa, der etwa drei Wochen alt ist, hatte er vernommen. daß die Stadt Jaffa aus militärischen Gründen geräumt wird. Diese Räumung erstreckt sich auf die gesamte Bevölkerung ohne Unterschied der Rasse und Religion. Die jüdische Bevölkerung, welche Unterkunft in den anderen Koloniensuchte, hattenatürlidr hierunter zu leiden. Bei der notwendig gewordenen Maßregel war es nicht möglich gewesen, sofort alle für den Abtransport erforderlichen Transportmittel in vollem Umfange zur Hand zu haben. Gleich nach dem Eintreffen dieser Nachricht habe er. der Großxabbiner, Verhandlungen Put der kaiserlichen Regierung aufgenommen. Diese stellte unmittelbar den Betrag von hunderttausend Pfund zur Erleichterung des Loses der durch die Räumung betroffenen Bevölkerung zur Verfügung. Der Großrabbiner fügte jedoch mit erhobener Stimme hinzu, daß die Meldungen der feindlichen Agenturen. welche von Vexationen und Massakres zu berichten wissen, absolut Jeder Grundlage entbehren Würde dem wirklich so gewesen sein, so hätte er es durch direkte oder indirekte Berichte aus Palästina erfahren müssen. Die kaiserliche Regierung und ganz besonders der Größwesir Taiaat Pascha hatten zu jeder Zeit das größte Wohlwollen dem jüdischen Element gegenüber gezeigt. Sie würden niemals, das könne er feierlich beteuern. Gewaltakte der von feindlicher Seite gemeldeten Art geduldet haben. Was die Stark fenisaiem anhelangt. so betonte der Großrabbiner imit Nachdruck, daß sie niemals geräumtworden sei. und er glaube versichern zu können, daß sie auch nicht geräumt werden würde. Van den in Jaffa getroffenen Maßregeln glaube er, daß die Regierung allen denjenigen Elementen, .welche zurückkehen wollen, jede mögliche Erleichterung gewähren wolle, um ihr Haus und Hof wieder zu erreichen. Agence Havas und Reuter verbreiten nach' <u$e vor heunruhigienfdje Narihfrkhfeu, die durch die Ententepresse sowie durch die Zeitungen der neutralen Länder verbreitet werden. Aus' all diesen widerspruchsvollen Meldungen läßt sich mit Sicherheit das eine entnehmen: daß die Notlage der Juden Palästinas groß ist An uns ist es, unseren Pionieren in Erez Israel mit all unsern Kräften beizustehen! Anfragen der Abgeordneten Reizes und Bugattoin der Flüchtlingsfrage In der 3. Sitzung am & Juni hat Abg, Reizes folgende Anfrage an den Präsidenten des Hauses gerichtet: .„Hohes Haus] Hunderttausende von Bürgern sind seit Kriegsausbruch aus Galizien, der Bukowina und den südlichen Provinzen in die westlichen Länder der Monarchie geflüchtet oder auch dorthin gebracht worden. Die Maßnahmen, die die Regierung getroffen hat um das Los dieser Unglücklichen, die ihr ganzes Hab und Gut verloren haben, erträglich zu machen, waren nicht immer ausreichend. Am ärgsten erging es — besonders in der Anfangszeit — denjenigen, die in provisorisch hergestellte Baracken gebracht wurden. Wahr Ist es meine Herren, daß das Parlament jetzt in erster Reihe, überaus wichtige Fragen, die das Gesamtinteresse des Staates betreffen, zu erledigen hat es-obliegt jedoch des Volksvertretern die Pflicht nach Wiedereröffnung des Parlaments die Fifichtlingsffage sofort zu prüfen, um die Regierung zu sofortigen notwendigen Remeduren zu veranlassen. (Sehr richtig!) ln Berücksichtigung dieser beiden Umstände frage ich den Herrn Präsidenten, ob er nicht geneigt wäre, in einer der nächsten Sitzungen die Wahl eines besonderen Ausschusses für Flüchtlingsangelegenheiten anzuordnen, wo alle Flüchtlingsfragen, speziell die unglückselige Barackenfrage, sofort behandelt werden könnte.“ (Beifall.) Zu einer Anfrage in derselben Angelegenheit meldete sich hierauf Abg. Dr. Bugatto zum Wort, Er führte aus: „Herr Präsident! In der letzten Sitzung habe ich mit einer Reihe von Kollegen in Angelegenheit der Flüchtlingsfürsorge eine Interpellation angebracht. Da aber, wie wir erfahrungsgemäß wissen, die Inteipellationen spät oder gar nicht beantwortet werden, frage ich den Herrn Präsidenten, oh er geneigt ist, die Regierung auf diese Interpellation aufmerksam zu machen, damit sie der Wichtigkeit des Gegenstandes entsprechend eine baldige Antwort auf dieselbe erteilt Im übrigen schließe ich mich aber den Ausführungen des Herrn Kollegen Reizes an und bitte um baldige Einsetzung eines eigenen Ausschusses, der über die Angelegenheiten der Flüchtlingsfürsorge zu beraten hätte. Es handelt sich um Tausende von Existenzen (Rufe: Hunderttausende!), welche verkümmern und zugrunde gehen, es handelt sich um Leute, welche direkt dem Hunger ausgesetzt sind. Und der Hunger pocht an die Bretter der Baraken und an die Kellerräume der Flüchtlinge mit viel größerer Wucht als anderswo. Es Ist Pflicht der Allgemeinheit, es ist Pflicht der Volksvertretung, sich dieser Armen anzunehmen und sich zu erinnern, daß diese Leute eigentlich wehrlose Nichtkombattanten sind, welche mit dem ärgsten Fände, dem Hunger, zu kämpfen haben. (Bei-1 falL) Den beulen Fragestellern antwortete der Präsident: ,Meine Herren! Ich habe mich tm Einverständnis mit den beiden Herren Fragestellern bereits mit der Regierung ins Einvernehmen gesetzt und ich bin selbstverständlich gerne bereit, für die Einsetzung eines solchen Ausschusses für Ffüchtlingsangelegenheiten einzutreten und hoffe, daß wir die Sache in einer der aächsten Sitzungen werden erledigen können.“ Interpellation des Abgeordneten Heinrich Reizes und Genossen betreffend das Verbot der jüdischen Sprache im zensurierten Briefverkehr Sofort nach Ausbruch des Krieges wurde von den Behörden die Benützung der jüdischen Sprache im zensurierten Briefverkehr verboten. Tausende Briefe, die von jüdischen Soldaten an der Front oder im Hinterlande an ihre Familien gerichtet waren, oft ein letzter Abschiedsgruß eines sterbenden Kämpfers an seine Eltern, seine Frau und seine Kinder, wurde von der Beförderung ausgeschlossen und den Absendern mit dem Zensurververmerk „Zurück lüdisch unzulässig“ zurückgeschickt Vielmals wurden Schritte, unternommen. um die Behörden zum Fallenlassen dieser drakonischen Maßregel zu bewegen, ja um nur den Grund dieser unvernünftigen, unmenschlichen, schädlichen Verfügung zu erfahren. Ver- - gebenst Drei Kriegsjahre naben die Behörden noch immer aiclit nicht zu überzeugen vermocht, daß dieses Verbot sowohl von humanen, wie auch vom staatlichen Standpunkte verwerflich ist. Es sei denn, daß man es für zweckentsprechend und vernünftig findet, hunderttausende von Menschen zu kränken und überflüssigerweise zu drangsalieren Die jüdische Sprache wird in Oesterreich von über einer Million Juden gebraucht Wobei, man bedenken muß, daß hunderttausend^ dieser ausschließlich jüdisch lesenden, redenden und schreibenden Juden dir Gut und Blut dem Väterlande zur Verfügung gestellt haben und steilen Gibt es denn keine Zensoren, die im Stande wären, jüdische Briefe zu zensurieren? In der Armee sind abertausende iüdische Offiziere und Soldaten vorhanden, die die jüdische Sprache imfeisterhait benerrsciien. Das drakonische Verbot, die jüdische Sprache zu gebrauchen, bat aber aicht nur die vielen jüdischen Soldaten in der Front und (m Hinterjande schwer geschädigt und unverdient gekränkt, sondern auch überall, wo Junen wohnen, den denkbar schlechtesten Eindruck hervorgerufen, ln Amerika besonders äußerte sich der Unwille über diese Maßregel unverhohlen in der jüdischen Presse, die dort über Zeitungen mit Auflagen von mehreren Hunderttausend verfügt Die Gefertigten fragen daher Eure Exzellenz an: Ist die Regierung gewillt dieses unbegründete Verbot sofort aufzuheben. Konferenz der Zentralinstitutionen der Zionistischen Organisation in Rußland Vom 15. bis zum 17. März alten Stils fand eine Beratung der Zentralen Institutionen der Zionistischen Organisation in Rußland statt. Daran * nahmen teil die Mitglieder des Zentralkomitees, des Aktions-Komitees, die Vorsteher des Moskauer, Jekaterinoslawer und Sibirischen Rayon-Komitees, des Hechawer, der Zeire Zion, der Ortskomiiees Petrograd, Moskau, Saratow, Charkow, Minsk. Jekaterfriostaw. Kiew, der Redaktion von Jewreiskaja Schisn',!von ,Hoom* und eine Anzahl anderer Persönlichkeiten, insgesamt ca. 50 Personen. Der Vorsitzende, Dr Echiel Tsch.ieuow, begrüßte die Versammlung und führte aus, daß für die zionistische Entwicklung sich in Rußland aeue, ungeahnte Möglichkeiten ergeben haben und daflT in diesen Zeiten vor allem die Forderung nationaler Rechte in Rußland und unser Endziel, die jüdische Renaissance in Palästina, nicht vergessen werden darf. Herr I d e Is o h n sprach hierauf über die zionistische Arbeit innerhalb des Judentums. Er sprach von der Haltung, die die jüdischen Parteien zu der Frage der Gleichberechtigung einnehmen, deren sofortige Deklarierung die zionistische Par- ■” tei gefordert hat. Was die nationalen Forderungen der Juden an langt, so sollten die russischen Juden diese Forderung einheitlich proklamieren, doch sei es unmöglich, deren Festlegung vor der Grün- ■> dungsversammlung zu verlangen. Ueber die Organisierung des gepfantea allgemein] üdischen Kongreses In Rußland führte er aus, daß es notwendig sei, zuerst innerhalb der einzelnen Orte sich zu organisieren, dann allgemein jüdische politische Komitees zu bilden und dann das Programm des Kongresses festzulegen. Die Zionisten müssen fordern. daß im Programm auch die Patästiaa-Frage enthalten ist Die Initiative zu dieser politischen Organisierung der russischen Judenheit müssen die jüdischen Abgeordneten ergreifen und das politische Bureau, das mit ihnen zusammen arbeitet An den Vortrag des Herra (delsoha knüpften sich längere Debatten. Viele finden es für nötig, sich mit der Proklamation der nationaljüdischen Forderung zu beeilen, Und fordern daß die Zionisten die Initiative dazu in ihren Händen behalten sollen Man solle sich auch mit der Einberufung des jüdischen "Kongresses beeilen. Die Thesen des Vortragenden und die Wünsche der Opponenten wurden dner besonderen Kommission übergeben, tun die Resolutionen anszuarbeiten. Der Sekretär des Zentralkomitees, K l e b a n o w, erstattete einen Bericht über die Arbeit des Zentrat-Komitees and die Schaffung der aeuen zionistischen Organisationen an allen Orten: Oie Zionistische Arbeit ist nun an ungefähr 300 Orten planmäßig organisiert Man muß sofort zur Schaffung aeuer Stadtkomitees schreiten, man muß sofort Agitations-Versammlungen organisieren, um die Schekei-Sammzu stärken. Man muß sich ferner mit der erufüng der zionistischen Landeskonferenz beeilen Um die Arbeit in der Provinz zu oiganisieren. hat das Zentrai-Kamftee 15 Instrukteure angestellf, die in den nächsten Tagen in die Provinz hinausfahren werden. Das Zentralkomitee hat bereits sein erstes Zirkular verschickt. Jede weitere Woche soll ein neues Zirkular verschickt werden Die folgenden Redner wiesen darauf hin, daß es notwendig sei, die Arbeiten des Zentral - Komitees etwas zu beschleunigen. Man müsse auch die schriftliche Propaganda Und die mündliche Agitation verstärken. Der nächste Monat müsse eine Periode aktivster Arbeit Im Zentrum und In der Provinz sein. Was die zionistische Landeskonferenz au langt, so waren sich alle darin einig, daß dieselbe njeht später als im Monat Mai stattfinden müsse. Diese Konferenz muß stark besucht autoritativ and imposant rein Alle Bestimmungen and Anzeigen über die Form der Organisationen tu der Provinz. Über Zeit und Ordnung der Landeskonferenz, werden der besonderen Kommission zur Ausarbeitung übergeben Nach kurzer Oetwtte wird beschlossen, in Moskau ein Zentralbureau des {üdichea Natioaalfoads elnznrichten. unter der Leitung des Direktors des JNF Dr Tschfenow Es wurde auch »ine Kommission gegründet- ®r Gesellschaftliche and private Initiative für die Arbeit in Palästina nach dem Kriege. Or Tschleaow gab hierauf einen' 8ericht über die oolitische Arbeit der Zionisten In aen verschiedenen Ländern Im Zusammenhang mit den - fetzten Kriegseretgufssen im Orient besannen. einigemächtig« oolitische Faktor eil sich flir die jüdischen Interessen in Palästina, sogar tifr die Rechte der Juden auf Palästina zn interessieren. Es eibt aber keine’Gründe'dafür daß die zionistische Organisation von ihrer neutralen Politik sich jetzt lössagen sollte. der sie während des ganzen Krieges tren geblieben ist — J A. R oiow gab Mitteilungen über die ooßtisdien Stirn-' imrasen der verschiedenen Gründen der Retrograder Judenheit und über die Tätigkeit des von den ifidischen Dumaabgeordneten gegründeten „politischen Bureaus“ J Grünbaum hielt einen Vortrag Itter das national-politische Programm der Zionfsten in Rußland Die Hauptgiundlagen des Helsingforser Programms müssen audi heute die leitenden Grundsätze unserer Arbeit sein. Wir müssen aber präziser unsere Stellung zu der künftigen Regierangsform in Rußland bestimmen, sowie zu der Frage der politischen .Rechte unserer -Sprache asw Das alles sind die Aufgaben der bevorstehenden zionistischen Landeskonferenz (m Besonderen müssen wir es' durchsetzen helfen, daß die Wahlen zu der künftigen Gründungsversammhing proportionalesein sollen Wir 'müssen auch gleich die jüdischen Gemeinden national organisieren Nachdem Debatten wurden jie verschiedenen Vorschläge zur Abfassung der Resolutionen der besonderen Kommission übergeben. Die Beratung schließt mit der Betrachtung verschiedener Fragen, die auf die Zeitungen „Jewreiskaja Schi so“ und „H o o m“ Bezug haben, und der Frage der eventuellen Herausgabe neuer zionistischer Zeitungen. Die Beratung beschloß, für den 24. Mai einen Zionistischen Delegiertentag nach Petrograd einznbemfen. — Folgende Resolutionen wurden angenommen: 1. Das nationatpofitische Programm der zionistischen Par.teL In Anbetracht daß die Grundlagen des auf dem dritten Kongress der russischen Zionisten zu Helsinglbrs aufgesteüten Programms der jüdischen natlona(politischen Forderungen {n Rußland gegenwärtig, angesichts der Neugestaltung des russischen Reiches, eine besonders aktuelle Bedeutung gewinnen und den Bedürfnissen des. Judentums und der zionistischen Auffaßung entsprechen, beschließt die Beratung, unverzüglich eine Reihe von Schritten innerhalb und außerhalb des Judentums zwecks Proklamierung und Popularisierung dieser programmatischen Forderungen zb unternehmen. Dabei findet die Beratung es für wünschenswert einige Punkte des Helsingforser Programms auf dem künftigen Zionistischen Delegiertentag einer Revision zu anterziehen und beauftragt das Zentralkomitee, einen entsprechenden Vorschlag über diese Frage dem Delegiertentag zu unterbreiten. 2. Die Wahlen zur Konstituante. In Anbetracht daß da9 jüdische Volk, das überall in Rußland eine Minderheit der Bevölkerung aus-