Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1917-06-15 · 24 (15.6.1917) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
11 (1917)
Issue
24 (15.6.1917)
Date
1917-06-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2438141-2438623-2438647--5314-2445279
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

XI. Jahrgang — Nr. 24 Nafional~jüdifches Organ Erscheint wöchentlich einmal Redaktion: Wien II, Zirkusgasse Nr. 33 Sprechstunden: Montag bis Freitag von 2—4 Uhr, Sonntag von 11—12 Uhr Manuskripte werden, wenn unverlangt, ohne Rückporto nicht zurückgesandt RedaktionsschluS Dienstag um 7 Uhr Fernsprech*Nummer 45-3-25 Mil der Beilage: Der Judifdie Naiionalfonds Wien, Freilag, 15. Juni 1917 / 25. Siwan 5677 Einzelnummer 24 Heller Geschäftsstelle: Wien II/U Zirkusg. 33 Geschäftsstunden: Montag bis Freitag von 9—12 u. 3—7, Sonntag von 9—12 Bezugspreise: Ganzjährig K10.— halbjährig K 5.—, vierteljährig K 3.— Anzeigen und Beilagen nach Tarif Postsparkassen« Konto 133.404 Infinit» Interpellation des Abgeordneten Dr. IllllCtll« Straucher die Judenverfolgungen in Paläsiina betreffend. — Die jüdische Lage in Palästina. — Anfrage der Abgeordneten Reizes und Bugatto in der Flüchtlingsfrage. —■ Interpellation des Abgeordneten Reizes und Genossen betreffend das Verbot der jüdischen Sprache fm zensurierten Briefverkehr. — Konferenz, der Zentralinstituüonen der zionistischen. Organisation in Rußland. — Vom zionistischen Leben in Rußland. — Aus der jüdischen Welt. — Zion. Bewegung. — Ausweis des Palästinahilfswerks u. a. m. Aufruf! Unter dem Zwange unerbittlicher Tatsachen haben Tausende unserer Brüder iind Schwestern in Palästina ihr in jahrzehntelanger Arbeit geschaffenes Heim verlassen müssen. Jaffa ist evakuiert. Fast die ganze jüdische Bevölkerung hat die Stadt verlassen müssen, deren stolzer Aufschwung ein unzerstörbares Zeugnis jüdischer Schaffenskraft geworden ist. In den judäischen Kolonien ist nur ein Teil der jüdischen Bevölkerung zurückgeblieben. Heimlos in der Heimat, dem Flüchtlingselend und verheerenden Krankheiten preisgegeben, verlangt die jüdische Bevölkerung, die fast drei Jahre lang unverzagt ausgeharrt hat, unseren Beistand. Juden1 In dieser Zeit muß das gesamte Judentum beweisen, daß es die Pioniere unserer Wiedergeburt im Lande unserer Väter nicht verlassen wird. Kinder und Frauen, Alte und Kranke harren unserer Hilfe. . Eine große, schnelle, umfassende Hilfsaktion tut not. An das gesamte Judentum treten wir mit der eindringlichen Aufforderung heran: Helft! Helft schnell! Helft mit Liebe! Das Hilfswerk für Palästina verlangt Eure Tat. Hilfswerk für Palästina Warburg. Geld- und Briefsendungen sind zu richten an: Palästinahilfswerk für die jüdischen Kolonien, Wien, 18., Hasenauerstraße 43. Bei Einzahlungen im Wege der Postsparkasse bediene man rieh mit entsprechendem Vermerk der . Erlagscheine des Verbandes „Zion“ Nr. 47.115. Interpellation des Abgeordneten Dr. Straucher die Judenverfolgungen in Palästina betreffend Zufolge mehrfacher Berichte öffentlicher Blätter, insbesondere auch des feindlichen und neutralen Auslandes, sowie auf Grund von Berichten und Mitteilungen verlässlicher Gewährsmänner sind seit etwa zwei Monaten in Palästina J.udenverfol gungen ausgebrochen. Seit Ende März I. J. sollen nämlich über Weisung des türkischen Oberbefehlshabers der sogenannten Sir.aifront und der syrischen Armee, Dj em'a I Pascha, unter dem Vorgeben militärischer Rück- .sichten die jüdische Bevölkerung, unter ihnen österreichische, ungarische, deutsche und 1>ufgarische .Staatsangehörige aus Jaffa und aus den vor J affa gelegenen Ackerbaukolcnien und Fruchtpflanzungen zwangsweise weggeschafft: worden sein. 9o wurden aus Jaffa allein etwa 8000 Juden aus ihren Häusern gejagt, ohne dass ihnen die Mitnahme von Gepäck oder Lebensmitteln gestattet worden wäre. Ihre Häuser sollen, unter den Augen türkischer Behörden, noch vor der Abreise der Besitzer vielfach geplündert worden sein. Banden von Plünderern, Beduinen und Araber, sollen mit Eseln und Kamelen herbeigestürzt sein und Mobiliar und Wertgegenstände geraubt haben. — Das jüdische Viertel in Jaffa soll vollständig geplündert worden sein. Die Wege nördlich von Jaffa sind angefüllt von verhungerten und verschmachtenden jüdischen Flüchtlingen. — Vertrauenswürdige Gewährsmänner berichten von Szenen der Grausamkeit und Plünderung. Der Ende März I. J. veröffentlichte Befehl zur Evakuierung soll ausschließlich die jüdische Bevölkeiung betroffen haben und es sind selbst österreichische, ungarische, deutsche und bu’garische Juden vertrieben worden. Am 1. April I, J, soll Djemal Pascha die Entfernung sämtlicher Juden aus Jaffa und aus den Kolonien innerhalb 48 Stunden angeordnet haben, ohne Transportmöglichkeiten zu gewähren. In Jaffa seien lediglich 30 Juden zurückgeblieben. — Der deutsche Generalstabschef Djemal Paschas, Herr v. Kless, hätte sich dahin ausgesprochen, dass militärische Rücksichten die Räumung Jener Wohnstätten nicht gebieten. — Die Ausweisungsmaßregel erstrecke sich auf alle sogenannten feindlichen Untertanen, d. i. ehemalige russische, englische und andere Staatsangehörige, alles Juden, "Hie selbst seit 2 Jahren schon das türkische Bürgerrecht erlangt haben, wobei es an Gewalttätigkeiten gegen die Deportierten nicht gefehlt haben soll. Auswärtige Blätter taelden. daß die Türken während der jüdischen Ostern zahlreiche Juden von Jaffa ausgewiesen haben, daß deren Häuser im Einverständnisse mit der Behörde geplündert und zerstört und einige Unglückliche, die zurückgekehrt waren, um sich gegen die Plünderung zu wehren, getötet worden sein sollen. Insbesondere sind aber die den Flüchtlingen zur Verfügung stehenden Hilfsmittel Völlig unzureichend; es herrschen unter ihnen Not und Krankheiten aller Art. Da die geschilderten Ausschreitungen, wenn sie sich in ihrem ganzen Umfange bewahrheiten sollten, empörend sind, da selbst, wenn eine Evakuierung aus militärischen Rücksichten notwendig geworden sein sollte, selbe mit der gebotenen Rücksicht und mit ausreichender Fürsorge für die Ausgewiesenen hätte durchgeführt werden sollen, da von den harten Maßnahmen auch Juden der mit dem ottomanischen Käisertume verbündeten Zentralmächte betroffen werden, erachten es die Unterzeichneten, da die Dementierungs und Abschwädhungsversuche in manchen Blättern durchaus nicht beruhigend wirken, ausnaheliegenden vielfachen Gründenfür dringend geboten, daß auch unser 'Kaiserstaat, gleich der verbündeten deutschen Regierung, mit aller Energie bei der kaiserlich, türkfschen Regierung die unverzügliche und geeignete Beseitigung der geschilderten Uebelstände — ihre Richtigkeit vorausgesetzt — bewirke. Jedenfalls muß volle Klarheit und Wahrheit über die behaupteten Vorfälle gewonnen werden. — “Demgemäß richten die Unterzeichneten an Se. Exzellenz den Herrn k. k. Ministerpräsidenten die Anfrage: Ist derselbe bereit, ohne jeden Aufschub das k. u.- k. Oesterr.-ung. Ministerium des Aeußem unter Uebermittlung einer Abschrift gegenwärtiger Intei pellation zu ersuchen, 'damit dasselbe auf die osmanische Regierung in solcher Weise einwirke, daß in Palästina die Wiederholung der geschilderten Greuel mit Sicherheit ausgeschlossen werde und daß die von der Ausweisung betroffene jüdische- Bevölkerung, ausreichend gesichert, in ihre Wohnorte zurückkehren sowie daß ihnen Ersatz und Genugtuung geleistet werde. Wien, am 30. Mai 1917. Die Interpellation, die Abg. Dr. Staucher am 30. Mai 1917 an den Ministerpräsidenten richtete, war außer von Straucher von sämtlichen jüdischen und von den nichtjüdischen Abgeordneten Aust, Habermann, Lukavsky, Marek, Nemec, Pik, Reger, Semaka, Smerek, Soukup, Spenul, Steyskal, Tomasek, Trylowskyj, Vanek, Wassilko, u. a. unterzeichnet, Die jüdische Lage in Palästina Im schwedischen Reichstag wurde von sozialdemokratischer Seite über die Vorgänge in Palästina eine Interpellation eingebricht. Der Korrespondent der „Frankfurter Zeitung“, der davon seinem Blatt Mitteilung ma:ht, stellt in Stockholmer jüdischen und auch nichtjüdischen Kreisen eine gewisse Unruhe wegen der „in den dunkelsten Farben“ gehaltenen Schilderungen von englischer Seite fest Oberrabbiner Dr. E Irre r.“ preis in Stockholm bedauerte in einer Versammlung der jüdischen Hilfsausschüsse den Mangel an ausführlichen Nachrichten, die geeignet wären, die jüdische Oeffentlichkeit zu beruhigen. Franz Karl Endres, der militärische Mitarbeiter der „Frankfurter Zeitung“, dessen günstige Beurteilung der jüdischen kolonisatiorischen Unternehmungen in Palästina bekannt siid, äußert sich zu der Lage folgendermaßen: „Die Entwicklung der militärischen Lage im Orient hat die Regierung Djemal Paschas zu Maßnahmen und Evakuierungsplänen in PrlSstina veranlaßt. Es ist nicht anzunehmen, daß die jüdische und jüdisch-zionistische Bevölkerung Palästinas ihre durchaus Ioyafe Ha1tung dertürkischenRegierung gegenüber in. neuerer Zeit aufgegeben hat. Der wertvolle Aufbau zionistischer Kulturarbeit, an dem hinsichtlich späterer sehr aussichtsreicher Handelsbeziehungen das Deutsche Reich (ebenso wie Oesterreich-Ungarn. Anm. d. Red.) begründetes Interess e haben muß, wira aber, wie bestimmt zu hoffen ist, sofern nicht rein militärische Erfordernisse es verlangen, vor Zer Störung bewahrt bleiben. Pantürl ische Ideen haben keinerlei Bedeutung in Palästina, wo fast gar keine Türken wohnen.“ Ein neutrales Blatt, die „Neue Züricher Zeitung", läßt sich Ende April aus Jerusalem schreiben: „Die hiesigen Militärbehörden heben seit Anfang April über Stadt und Land den verschärften Belagerungszustand verhängt- . Alle Schuh n wurden geschlossen, das Erscheinen der Zeitungen verboten, die Bewegung auf den Straßen der Stadt äußerst eingeschränkt Der Bahnt of ist überfüllt mit Tausenden von Arabern und Christen, die umsonst auf den Zug warten, um1 die Stadt verlassen zu können. Dir Züge sind vollbeladen mit Verwundeten, Militär- und Zivilbeamten, Archiven und Schätzen, die gegen Norden abgeführt werden. Mit großer St'enge wird die Evakuation und Internierung der als .unzuverlässig' bezeichneten Personen, deren Zahl in die Tausende steigt, betrieben. Es genügt, daß ein Lastträger einen Bürger der verdächtigen Gesinnung zeihe, um denselben sofor unter militärischer Bewachung fortzuführen. Auf höheren Befehl werden alle sogenannten;feindlichen Untertanen'. d. h. ehemalige russische, englische und andere Staatsangehörige, alles Juden, die Quartalsende naht! Abonnements erneuern!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.