Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 23 (8.6.1917)
- Date
- 1917-06-08
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 JÜDISCHE ZE1TUNÖ Seite 3 Trocknung an Ort und §telle ihres Gedeihens kann in Palästina zu einer ähnlichen Industrie sich entwickeln wie in der Gegend von Smyrna. Die Anpflanzung von' Feigenbäumen in Palästina: wird einen 'mächtigen Anstoß durch1 die Begründung von Fabriken zur Verarbeitung Von Feigen in Dauerwareerhalten. ' Von der reichen Kategorie haltbarer, trans^ portfähiger Fruchtarten, die 'in Palästina ausgezeichnet gedeihen und bei gewissen Preiskonjunkturen ihre industrielle Verarbeitung lohnend machen können, wollen wir bloß die wichtigsten erwähnen, und Zwar nur die Orangen, Zitronen und Oliven Die industrielle Verwertung, der Orangen konzentriert sich hauptsächlich auf Marmeladen, •Jams, Gelees und Liköre. Apfelsinenkanfitüre, Orangeate (kandierte Fruchtschalen) und Orangensatt, sowie auch Apfelsineniniark und andere Halbfabrikate (in Stücke geschnittene und gedörrte Früchte) finden immer zunehmende Verbreitung als ganz besonders hygienische Nahrungsmittel, namentlich in den englisch sprechenden Ländern. Die Zitrone findet in den letzten Jahrzehnten eine stets wachsende umfangreich'« Verwendung und zwar hauptsächlich' durch den großen Verbrauch des Zitronensaftes und des Zitronensyrups, der die gesamte, in bedeutender Entwicklung befindliche sogenannte ■ „alkoholfreie“ Industrie speist. Eingelegte Oliven bestnrimter Sorten, haben afe Volksnahrungsmittel eine sehr große Bedeutung in allen mittelländischen Ländern (auch in Südrußland). Die Verwendung Von 'Oliven zur Speisung ist häufig rentabler als die Verarbeitung zu Oef und Seife, da das Olivenöl durch andere Pflanzenöle immer tnehr aus dem Massenkonsum verdrängt 'Wird. Fast alle Maschinen und Vorrichtungen, die für die Herstellung von Gemüse- und Fruchtkonserven notwendig sind, können, auch zur Konservierung von Fisdien , verwendet i werden. Die Fischerei ist, gemäß dem UrteiL kompetenter Spezialisten, die kurz vor dem' Kriege aus einer fischreichen Gegend Rußlands (Astrachan) zum1 Studium1 der einschlägigen Fragen , nach Palästina 'gekommen waren, in den Seestädten. Jaffa, Haifa und anderen sehr entwicklungsfähig. VoirWiditigkeit ist dabei, daß die Baulidikeiten und Maschifnen, das Personal und die Arbeitskräfte einer Konservenfabrik in höherem1. Masse während der verschiedenen Jahreszeiten ausgenützt werden können, wenn zu der Verarbeitung von Gemüse- und Fruchtarten auch noch die von Fischen mit der Zeit hinzukomlm'en kann; Oie wichtigsten Zusätze zu den Fischkonserven—Tomatensauce und Oel — sind im Lande zu haben; wasauch hier in Betracht gezogen zur werden.verdient (ganz wie bei der Herstellung südlich-orientalischer .Gemüsekonserven). Die RentabiTitätsäussichten der Konservenindusfrie sind in Palästina zweifellos Sehr gute, namentlich hn Zusammenhänge mit den neuen bevorstehenden Konjunkturen nach1 dem Kriege, Allerdings wird die Rentabilität der Kpiiservenindustrie neben den Produktionskosten und den Absatzbedingungen in bedeutenden)1 Masse von zukünftigen ZolTverhältniSsen abhängen. In Zukunft werden wohl in Palästina die für die Industrie notwendigen Maschinen und Rohmäteriallein von Einfuhrzöllen befreit oder bloß geringen Sätzen unterworfen werden. Dagegen werden Fabrikate, die im' Lande hergestellt werden können, eventuell durch Schutzzölle zu begünstigen sein.; Die Konservenindustrie wird der einen oder anderen Konstellation auf dem .Gebiete der Zollpolitik sich anzupassten haben. Eher steht eine günstige. Konstellation bevor als umgekehrt. Die guten Aussichten für die- Konserveniitdustrie in Palästina verdienen die ernste Aufmerksamkeit., jüdischer kapitalkräftiger: Kreise. Sowohl für einzelne Kapitalisten alsauchffürÄktienr gesellschaften, respektive Genossenschaften,mt b. H, wird, ach demnächst auf diesem Gebiete, die Möglichkeit lohnender Unternehmungen eröffnen ln einigen, Ländern und speziell, in, 'Amerika, Rußland, und Holland: Scheint «ach-bereife jetzt das ■ I nteresse desmternehnmngslpstlgen, jüdischen Kapitals nach dieser Richtung, zu; wendet^, Uns ist bekannt, daß gegenwärtig u. a.: eine Organisation in Vorbereitung, ist,, wefcfoe, den Zusammenschluß, der; Interessenten, für .patästmensiSdie, Konservenindustrie .anstrebt. Wahrscheinlich werden bald. genauere Einzelheiten überdie geplante Organisation Verlauten. Die Kolonisation, die auf .der, landwirtschaftlichen Basis , aufgebaut werden, tmiß, unf der jüdischen palästinensischen, Gemeinschaft ihren dauernden) Bestand «Und ihren, nationalen Charakter zu sichern, wird in der Begründung, und in dem Ausbau einer Industrie, die die Landesprodukte verarbeiten wird, einen starken ' Rückhalt finden. Der Jüdische Nattonalfonds in Rußland Eine Konferenz der zentralen - zionistischen Körperschaften Rußlands hat der Beschluß gefaßt, in Moskau ehr. besonderes- Nationalfondsbureau'für ganz Rußland zu begründen. Das Bureau, das bereits kürzlich eröffnet wurde, befindet sich unter Aufsicht von Herrn Dr. T s cW fett ow, dem langjährigen Direktor des JNF., und untersteht der Leitung einer Kommission, der folgende Mitglieder angehören: Ch. A1 p e r in, G Kanel, F rau Schoschanah Persitz, A. Podlischewsk y, L. Tscherikower. Das Bureau begann sofort eine energische Arbeit, trat (mit den Provinzstädten in Verbindung, um ihnen in klarer und eindringlicher Weise die großen Aufgaben des Nationalfonds vor Augen zu führen. — Jüngst wandte sich das Bureau an die Vertrauensmänner mit einem telegraphischen Aufruf, zur Erinnerung an den 11. Nissan 5677, (3. April 1917), den Tag der Veröffentlichung des. Emanzipationsdekrets für die russischen Juden, dieses denkwürdige Datum sowie die Mitglieder der provisorischen Regierung mit dem Betrage von mindestens dreihunderttausend Rubel ins Gof dene Buch des JNF. einzutragen. — „Wir Zionisten sind überzeugt,“ heißt es in dem' Aufruf, „daß jedeAeußerung desVolkswillenslhren groß-' ten Wert und historischen Sinn erhält, wenn sie mit dem ewigen und unveränderlichen Volksideal, mit Palästina, verbunden ist. Das Goldene Buch des Jüdischen Nationalfonds wurde zu einer Chronik der Freude und des Leidens im Leben unserer Brüder. Der künftige Historiker wird beim Blättern in diesem- Buch mit Liebe bei diesem Blatt verweilen, das Zeugnis ablegt von der Verbindung der Söhne des zerstreuten Volkes h» Momente des kostbaren Gewinnes ihrer Freiheit mit ihrem ewigen Vaterland, Erez Israel. An EuCh, Gesinnungsgenossen, ergeht vom Bureau des Jüdischen Nationaifonds die Aufforderung, den Beschluß ehestens durdhZuführen. Wir sind sicher, daß Ihr dies in einer Form' und ineinem Ausmäße tun werdet, die des jetzigen Momentes würdig sind.“ Es scheint angezeigt, hier einen kurzen Rückblick auf die Nationalfonds-Arbeit in Rußland überhaupt zu werfen. Unter dem1 alten Regime hatte sie eine endlose Reihe von Verfolgungen und Schwierigkeiten zu erleiden. Ununterbrochen wurden Prozesse gegen die Sammler geführt. Der Verkauf einer Nationalfond - Marke wurde mit Gefängnis bestraft, und die Inhaber von Nationalfond - Büchsen waren den größten Gefahren ausgesetzt. Trotzdem wuchsen die Eingänge aus Rußland von Jahr zu Jahr, und der . Jüdische Notionalfond gewann immer mehr Sympathien m allen Kreisen des russischen Judentums. Als 1908 ein Nationalfond-Bureau unter Leitung des Herrn Dr. Tschlenovv eingerichtet worden war, ging die Arbeit durch etwa 3 Jahre immerhin ruhig vonstatten und die materiellen Erfolge waren durchaus befriedigend. Im Jahre 1911 machte jedodi die russische Regierung dieser Arbeit mit einem Schlage ein Ende, so daß die Leitung der Nationalfond - Arbeit für Rußland vom Hauptbureau im Auslande übernommen werden mußte. Aber auch dann hörten, die Eingänge nicht auf von Jahr zu Jahr zuzunehmen, trotzdem1 das schriftliche Propogandamaterial oft unter Lebensgefahr über die Grenze gebracht werden müßte. ' Im letzten Friedensjahre, 1913, als die Gesamteinnahmen des Jüdischen-Nationalfonds eine Million Francs erreichten, war Rußland mit dem Betrage von 300.000 Francs daran beteiligt. — Durchdien Ausbruch des Krieges wurde eine Zeitlang jede Verbindung mit den Vertrauensmännern vollständig unterbrochen. Ganz hörten jedoch die Sammlungen auch in der kritischesten Zeit nicht auf. Vielfach aus eigenem 'Antriebe begannen die Vertrauensmänner, im Jahre 1915 die Tätigkeit für den Jüdischen Nationalfond wieder aufzunehmen, die hn gesamten Jahre Ca. 25.000 M und im darauffolgenden Jahre 1916 bereits das Dreifache dieser Summe in Rußland ergab. Die Spenden stamm&n oft aus den am schrecklichsten vom Kriege heimgesuchten Städtchen und aus belagerten Festungen. — Es ist wohl die Annahme nicht übertrieben, daß die russischen Juden, die eine derartige Treue und Hingebung unter den schlimmsten Verhältnissen an den Tag legten, bei der Nationalfond-Arbeit bald wieder an der Spitze Schreiten und ihn in erster Linie mit der finanziellen Kraft zur Erfüllung seiner großen Sendung nach dem Kriege ausstalten werden. Aus der allgemeinen Presse Die englische Zeitschrift „W ee k I v d ispateh“ veröffentlicht einen Bericht ihres amerikanischen Korrespondenten üb.er Palästina, den wir ohne irgend einen Kommentardes Interesses halber wieaergeben. „Aus sichern diplomatischen Quellen,“ so schreibt der Korrespondent, „erfahre ich, daß beinahe alle bedeutenderen Staatsmänner der Vereinigten Staaten entschlossensind, sofort nach Beendigung‘des Krieges das 2000jährige Ideal des jüdischen Volkes lees zu verwirklichen und ihm Palästina zurückzugeben.“ Der Siandpunkt der englischen Juden sei bekannt. Sie interessierten sich nicht sonderlich für den Zionismus. Es sei aber sicher, daß heute über eine Million Juden bereit wären, nach Palästina zu gehen. Die breiten Massen fingen erst jetzt an die große Bedeutung Palästinas und Mesopotamiens zu begreifen, wenn die beiden Länder kultiviert, entwickelt und in den Welthandel einbezogen werden sollten. Die bedeutendsten Staatsmänner seien daFür, daß man den Juden erlauben solle, eine Selbstverwaltung Tn der von ihnen'gewünschten Form zu schaffen. Das Land würde unter internationalen Schutz gestellt werden und die Juden würden die Kosten der Verteidigung tragen müssen. England, die größte mohamedanisene Macht würde es die Interessen der Araber, Mohammedaner und auch der Neue Zeitschriften: Soeben erschienen: Neue jüdische Monatshefte Nr. 15/16 SONDERHEFT Der jüdische Sozialist und die Revolution in Rußland Inhalt: 1. R. S. Der jüdische Revolutionär in Rußland 2. Leo Rosenberg.' Wege und Ziele des jüdischen Sozialismus in Rußland 3. Leo Chasanowitsch. Das neue Rußland und das jüdische Proletariat 4. Dr. L. Bergmann. Die Emanzipation der Juden in Rußland 5. Scholem Alejchem. Schmilik 6. Jonassohn. Der polnische Sh atsrat und die Rechte der nationalen Minderheit 7. Prot. Dr. Julius Hirsch. Die neuesten Veränderungen der jüdischen Wirtschaftslage in Ost- und Westeuropa Umschau. — Literaturblatt Preis (mit Porto) K 1.30 Oer Jude Eine Monatschrift hgg. von Martin Buber Heft 3. Juni Mit Beiträgen von Eduard Bernstein, Max Rosenfeld, Moses Schorr. Robert Weltsch, Max Brod, Otto WaTburg, Arnold Zweig u. a. Einzeln K 1.80 (Porto 10 h) viertel]. K4.30 Das Erwachen Organ der jungjüdischen Bewegung Erscheint in Zürich. Glänzend informiert. Beiträge von Dr. J. Kiatzkin, Dr. A. Mibaschan, Eisenstadt, Gorelik u. a Abonnement bis Ende des Jahres K 12.— Bestellungen an: R. &öwif, Wien. I., Rotenfurmsfrosse 22.. Christen schützen können, welche in Palästina wohnen. Die Wiege des Christentums befinde sich bloß in Jerusalem und Bethlehem. Zum Schutze dieser Heiligtümer würde ein Komitee aus Vertretern der russisch-orthodoxen, römischen und protestantischen Kirche gebildet werden. Die Pläne seien bereits ausgearbeitet, welche den Juden die Möglichkeit geben würden, im großen Maßstabe die jüdische Immigration nach Palästina zu betreiben. Die jüdische Siedlung in Palästina würde von selbst die Juclenfrage in der ganzen Welt lösen. Nach dem Kriege würde Europa verarmt sein und selbst England würde keinen Raum für Immigranten haben. „Der 2000jährige Traum des jüdischen Volkes“, so endet der Koriespondent seinen Bericht, „steht vor seiner Verwirklichung.“ * In der englischen Presse veröffentlicht Minister Alfrea M a n d einen Artikel, ir. welchem er zur Jadenfrage Steilung niimmt. Nach einer übersieh rlichen Darstellung der Ereignisse in Rußland und Polen weist er auf die wohltätigen Wirkungen der Revulution hin, die 5 Millionen Juden befreit und Rußland die produktive Mitarbeit eines tüchtigen, unternehmungslustigen, loyalen Volkes zur Entfaltung "Seiner unerschlossenen Möglichkeiten sichere. Die jüdische Migrationsfrage verschwinde. Die vielen jüdischen Intellektuellen, die Rußland durch .seine bisherige Judenpolitik an. das Ausland verloren habe, werden nunmehr in ihrem Geburtsland ein ungeheures Feld zur Betätigung finden. — Was Palästina, das un Herzen des jüdischen Volkes eine große Hoffnung weckte, betrifft, werden manche Fragen: Sind die Juden für Bauernleben geeignet, das die Grundlage ihrer Entwicklung sein muß? Eine gute Antwort können die jüdischen Kolonien in Palästina und ihr glänzendes Resultat sein. — Bernhard Shaw hat behauptet, daß es zwei Völker gibt, welche niemals zum Lande zurückkehren werden: das jüdische und das irische, weit sie zu klug sind. Aber diese Behauptung ist nicht richtig. — Für den Aufbau des autonomen jüdischen Staates ist von Bedeutung, daß die Juden und Mohammedaner sehr für einander passen, weil sie ver: der gleichen Rasse sind „Ich will es ganz offen aussprechen,“ schreibt weiter Sir Mand. „ntar. muß mich noch überzeugen, ob' es politisch praktisch ist, einen jüdischen Staat in' Palästina zu schaffen. Ich kann aber nicht einsehen, warum man den Juden nicht völlige Freiheit in .der Verwaltung ihrer lokalen Angelegenheiten und den Schutz ihrer Arbeit und Entwicklung in Palästina garantieren soll. Es leidet keinen Zweifel, daß, wie immer die Zukunft Palästinas sein wird, die Juden eine derartige Garantie erhalten werden. Ob die Zionisten damit zufrieden sein werden, ist eine andere Frage.“ Gesinnungsgenouenl Höret auf den Notschrei aus Palästina!