Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 21 (25.5.1917)
- Date
- 1917-05-25
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 2 Grenze. Sie. bilden den Rahmen all unseres. Strebend wie unserer Tätigkeit und alles, was an Einzeldingen noch gesagt werden kann, bildet Unterabteilungen, welche sorgsam und systematisch eingeordnet'werden müssen. Unter „Schüfe“ verstehe ich alles,' was das menschliche Denken direkt beeinflußt. Also Schuleim eigentlichen Wortsihne für Kinder, dann aber natürlich auch für Erwachsene in Form!'von Akademien und Kursen. Ferner alles, was die unmittelbare Einflußnahme der Schule' ersetzt: Presse und Literatur. Hier haben Wir ein enormes Arbeitsgebiet vor uns, inhaltlich sowohl wie auch formal, von. Schwierigkeiten aller Art begleitet. Denn es gilt, inhaltlich zu wirken durch Verbreitung der jedem nationalen Leben_ unerlässlichen -nationalen Kenntnisse (der .Geschichte, der Gegenwart, der Literatur. d*es Wirtschaftslebens, der Politik und der Philosophie! und es -gilt ferner, formal zu wirken und dem1 Denken, dem Geist, eine bestimmte Richtung, die. Richtung auf das dem nationalen Leben unerläßliche nationale Ziel zu weisen. Der deutsche Delegiertentag hat eine Kommission für geistige Angelegenheiten eingesetzt, an deren Spitze Bub er und Bergmann stehen. Sie hat vorläufig nur einen kleinen Rahmen und dürfte vorderhand nur in Deutschland, und auch hier nur geringe Wirkungen auslösen. Zum' Prinzip ist ab*er hier der notwendige Weg gewiesen: wir brauchen eine Instanz für diese Fragen und zwar in allen Ländern; eine Instanz, die den Problemen nachgeht, mit allen ihren Nuancen, die sie in den verschiedenen Landsmannschaften besitzen. Im' Osten wird die Frage der Volksschule und der Tagespresse natürlich eine ganz andere Bedeutung gewinnen' als im Westen. wo man im wesentlichen auf mehr oder minder periodische Literatur, auf Ejnzeläktionen und fragmentarische Akademien zuriickgreifen «muß, bis die Umstände vielleicht einmal die Errichtung einer'jüdischen Musterschüfe gestatten. Alles, was man unter den Schlagworten der nationalen Propaganda verstehen kann, löst sich, praktisch betrachtet, in der Weltpolitik auf. Und wenn man dazu übergeht und sich darauf beschränkt, diese — bei häufigem1 Gebrauche nur stets leerer klingenden — Worte in praktistehe Tat umiusetzen, wird man wehjger Anstoß .finden und sich weniger einer nicht ungefährlichen Kritik auszetzen, als es ihre Verkünder bisher taten. Ist es nun bei diesen geistigen Dingen ’— die zu dem fälschenden Wort von Kultinzionismüs führten — so, daß hier schon reiche Anfänge einer Arbeit vorhanden sind, so daß es nur einer Regelung, Sichtung und Ordnung bedarf, um sie in einem Programm der jüdischen Schulpolitik organisch zu gliedern, .so liegen die ^Verhältnisse auf dem' Zweiten Grundfatächenge- Biet dem der Wirtsfchaftspofitik — wesentlich anders imd ungünstiger. Nicht nur. daß hier noch keinerlei Vorarbeiten oder auch nur Anfänge Zu solchen1) zu finden sind, man sucht auch\ vergebens nach einer Spur von Verständnis für diese Fragen. Die schon erwähnte Tatsache der beruflichen Gliederung unserer Organisation. in^jesondere unserer Leitung, gibt eine Erklärung, aber keine Entschuldigung. Von Referendaren kann man keine Vertrautheit mit Problemen des Wirtschaftskampfes, des Genossenschaftswesens, des Zwischenhandels, des Bank-, Kredit- und Kartellwesens verlangen, — aber was wir verlangen können, verlangen m'ü s- J) In Oesterreich ist es nicht ganz so slchlimm, wie in Deutschland; hier hat man in Galizien imüierinn schön Versuche gemacht, auch ist die geistige Einstellung für diese Frage empfänglicher. Zwei Gedichte von Max Brod1) Auftritt des Dichters Volk Israel, zu dir sprachen Propheten So stark, daß Schall davon und Heiligkeit Zwischen den Wänden unsrer Körper noch, Der nachgeborenen, umherirrt wie Gefangner Stuipnvlnd in Ruinen haust . Und unter Wölbungen, an eingewadisnen Bäumen vorbei ach kläglich fängt. — Du stolze Jüdin, gepanzert ganz in .Rautenschmuck, Du, deren Herz Isogar rn einem Becher Von Diamant kaum "mehr sich regt, du Dirne, Doch hörst du noch, mitten in Festes Klirren, Ein tief ertönendes „Dies ist nicht gut“ ' Aus deiner Seele selbst Es ist der Fluch, Den die Zisterne zur Herodias Emporschrie, dieser nicht verklungne Fluch, Der in dir Leib gewann, dessen Gefäß * Du ganz und gar mit Schminke bist und Kieid. Und äße wir, mit Arbeitssklaverei Und Gier der Nacht, mit unsrer großen Bosheit Und matten Liebe, wir entwürdigten . Nachkommen eines ungeheuren Volkes, Wir sind nur Umriß, Haare um den Kopf Eines Ermähnenden, der aus uns spricht, Jeder nur Hülle, Rippe, "Aufbau, daß l) Die beiden hier abgedruckten Gedichte stellte uns Gg. Max Brod freundlichst zum Vorabdruck. Zur Verfügung. Sie sind dem voraussichtlich im Juli erscheinenden Gedichtbuche Brods ,jDas .gelobte Land“ 'entnommen. ■JÜDISCHE ZEITUNG u Die Kriegsanleihe Ist das beite Mittel zur raschen Beendigung Ües ' Krieges Zeichnet Kriegsanleihe, damit das Vaterland bald wieder der Segnungen des Friedens teilhaftig werde I sen, ist, daß endlich aufgehört wird, Referendarpolitik zu treiben. Es dürfte, wie die Dinge heute liegen, wahrscheinlich' unmöglich sein, auch nur eines dieser wirtschaftlichen Probleme unmittelbar in Angriff Zu nehmen — es1 fehlen alle Vorkennlnisse und 'alle Vorbedingungen. Und wir werden in dieser Stunde, die. wie keine die unmittelbare reale Arbeit verlangt, nichts anderes tun können, als voll Beschämung — die Vorarbeiten zu leisten, die uns instand setzen werden, in einiger Zeit selbst schon helfend einzugreifen. 'Hieher fällt der von mir Schon wiederholt ausgesprochene Plan1), eine zunächst informatorische, akademische Zentralstelle für jüdisch-wirtschaftliche Angelegenheiten zu errichten. Wir haben also hier zwei wohlgeordnete große Arbeitsgebiete vor uns, Arbeitsgebiete, auf welchen leider — wir sprechen dies mit aller Kühle aus — die Leitung versagt hat. Eine der notwendigen Ursachen hievon haben wir schon angeführt. Für Friedendzeiten mag manche Hilfskraft genügen, deren unzureichende Fähigkeiten, ein VoTk zu führen, Sich erst in sturmbewegten Zeiten erweisen. Eine Fraktion kann von Sekretären geleitet werden, eine ^Nation aber bedarf des Staatsmannes und des durch Leben, Studium1 und Beruf geschulten Realpolitikers. ■ Die zweite und nicht minder wichtige Ursache des Versagens der Leitung liegt aber im' Wesen unserer Organisation selbst. Das. Statut, aus den Stürmen der Hamburger Köngreßtage erwachsen, genügte der damaligen Situation. Es hat den Anschein, daß es nur ihr genügte, und daß wir in Zukunft neben den beiden erwähnten Gebieten der positiven Arbeit noch ein drittes Werden in Angriff nehmen müssen: das der Verfassungsänderung. IH. Es sei meine unmaßgebliche Ansicht ausgesprochen, weil ich glaube, daß sie den stillen Wünschen Zahlreicher entspricht: stärker; a Is j e en tbeh rt der Zionist heut ein' seiner Organisation die führende Persönlichkeit. Das Kaulquappengebilde des Arbeits-CoIIegiumte befriedigt in den geruhigen Zeiten stetiger und vorgeschriebener Arbeit. Doch in einer Zeit der Unruhe, des1 Um- . formens und 'Umlernens blickt man nach der starken Persönlichkeit, die führt und Direktiven gibt. Wenn ein jünger Zionist mit all seinen tausend neu erwachten Fragen aus Her Provinz zur {.Leitung“ kommt, darf er nicht den ernüchternden und deprimierenden Eindruck mit sich nehmen, als ‘wäre er in einem' 'Landrats1- : amt gewesen. 'Man mag ‘dieses 'Bedürfnis nach einer überlegenen Persönlichkeit, der m'an sich unterordnet, von der man sich neubefeben, neubestärken läßt, nennen und verspotten,' wie!) auf den ich vielleicht für die Leser dieses Blattes ausführlicher Zurückkommen werde. Ein Wort in ihm bis zur~Effü!Iung wohne. — So hat den Dichter auch, J'der jahrelang. Verirrt war, doch ein Vers in unseren1 Buch Süß und erschreckend angerührt, schon auf Der Schulbank, da er ihn unwillig lernte. Und später auch, so oft ein seltner, Zufall Ihn in die Blätter dieses' "Buches trieb' Der Vers: „‘Und es stand nachher kein Prophet Mehr auf in Israel gleich MoSes“. — Kam1 Der Klang nicht Istets wie Ueberwältigung Heran und brachte Tränen. Regenwind Der Seele, Frühlingsabend, Schauer'uft! ..Und'es stand nachher kein Prophet mehr auf In Israel gleich Mose.“ — Ach versagt Ist {Uns, dgw Lehrer, dem Befreier gleich’ Erwählung. Doch' Versagfes kündet sich' Der Seele an als das .Unendliche, Zu dem sie hingeht unermessnen,."Gangs. So dieses Wort, verneint und doch ein Ziel, Unmöglich und Pflicht zugleich’, — ich' bin's. Bin ltichfs als Fleisch1' und Äether, glüh'endrot, Durchsichtig schön, rund um dies Wort, das brennt; So tret ich heute her und sehe euch, [Leiber] — Was schwärmt das Auge! — nicht mehr sinnlos1 Nein ringsum Flammen. Wie im Lampenglas, : Lebendge Worte, unerfüllte Sprüche, Die Schwingen sich und klingen aneinander. Du bisf’s, mein Volk, ihr seid es, Menschen alle, — Denn allen ward Verheißung eingepflanZt, Tn allen glimVnt es und will deutlich werden! — Mit meinem Flammenglase stoß ich nun An eure Lichter, die begrüßenden. ' - Nun weh, verderbte Frau, und wehe dir, Du Knecht der Arbeit. Mann,—denn in eudh'selbst Seh' ich die Feuer,‘mir verbündet, züngeln, Euch zu durchleuchten oder zu verzehren. Nr. 21 man will: es besteht nun einmal als psychologisches Faktum; .und keine Bewegung,-.' die wachsen will, kann mächtig werden, wenn §ie ihm! nicht Tribut zollt. Der' fröschkalte. NeutrumSbegriff einer „Leitung“ lähmt den Enthusiasmus ebenso, wie das Bewußtsein von der Existenz zwingender Persönlichkeiten ihn anfacht. Und wenn der. Nationalismus überall neue FIatnL men entzündet hat, so geschah es trotz- und nicht t infolge. Man kann sich nur schwer vörstelleri, wie diese Stimmung erst zum Durchbruchgelängt wäre, wenn irgendwo ein Mann bestanden hätte, vor dessen Herz' und dessen überschäumender Liebe man sich Sb bemmungsfos beugte, wie vor Her Zf. Nicht nur Gefühlsmötive. sondern auch' solche der sachlichsten Prüfung lassen das System des gleichgeordneten Arbeits-Kollegiums als der Jetztzeit nicht entsprechend erscheinen. Wie kann ein Kollegium, dessen Mitglieder auf Deutschland, Rußland, England und Amerika verteilt sind, die raSchen Entschlüsse fassen Und diejenige zielbewußte, einheitliche und eindeutige Direktive ejnschlagen, die nun einmal zu den wesentlichsten Aufgaben einer'politischen, einer Volksführung "gehören? Man hat, Seit Ham1burg, das Hervortreten der leitenden Einzelpersönlichkeit aus angeblich demokratischen Befürchtungen heraus bekämpft. Aber selbst .die Staaten, die an der Spitze der Demokratie stehen, Frankreich. England und Amterika, kennen es auch nicht anders, ats daß e i n Mann die Verantwortung trägt! Diese Erwägungen und die schon vorher erwähnte Notwendigkeit einer ressortmäßigen Arbeitsgliederung lassen von1 ungefähr des Gerippe der Verfassung erkennen, die wir uns' zu eigen ma'chen' müssen. Wir..nennen den Zionistischen Kongreß mit Stolz das jüdische Parlament;r da müssen wir' ihn aber auch' so .gestalten, wie ein Volk, sich se;ji. Parlament und seine parlamentarische Regierung gestaltet: mit einem' Präsidenten an der Spitze und einem' Kabinett. das -sich aus .den Verwaltern der verschiedenen ResSorts zusamtnensefzt: 1. auswärtige Angelegenheiten (Verkehr mit den Regierungen, Politik) j 2. Inneres /Organisation und Finanzen); 3. Kultus lind Unterricht (Schulpolitik); 4. Wirtschaftliche Ange’egenheiten: 5. Kolonisation. Und es wäre zweckmäßig, daß auch hier der durch den Kongreß oder durch Plebiszit gewählte Präsident se'bst iemänden mit der Bildung dieses1 Kabinetfps beauftragt, das ja alsdann durch sofortiges Einbringen einer entsprechenden Tagesordnung beim Kongreß 'feststellen kann, inwieweit es dessen Mehrheit ver- . körpert. Damit wird auch die Möglichkeit eines Kabinetts- oder wenigstens Minisferwechsels zwischen zwei Kongressen geschaffen, der imWer 'dann; notwendig ist,"vvenn die' leitenden'.'Männer sich' genötigt* sehen, auf Drängen einer starkgewordenen Gruppe Maßnahmen einzusoTdanen, zu denen sie aus Eigener Initiative oder Ueberzeugung nicht gelangt wären. Vor allem’ aber wäre es dann auch möglich', auf che Verwaltung der einzelnen ResSorts mehr Einf'uß zu nehmen. 'Kritisiert m'an heute, sei es Gie -Politik. sei es die kulturelle . Direktive — stets •muß man 'dich ceoen ..die. Leitung“ wenden;‘So aber hätte mail die Möglichkeit, etwa sb zu votieren: Dieses und dieses Ressö’-fc haben gut "earbeitet. Dagegen wünschen wir auf diesen Posten cherf 'Mann, d.er dies'e oder - iene bestimmte Richtlinie befolgt Auf diese Weise käme man auch iri die Lage, durch Neubesetzung des Postens „Auswärtiges“ geänderten Verhältnissen Rechnung zu tragen.'Die "Vorteile Tiegen'so sehr auf der Hand, 'daß sie nicht aus’geführt zu werden brauchen. * In der Fabrik Er kam herein. Die großen Kessef dampften, Die Säurewässer widrigen Gestanks. Da war die Arbeitshalle breit vom Lärm* Der Riemen und 'Getriebe wie berußt. Wie plattgedrüdkt, und schien sich selber schon, Ein Riesenmühls*ein, trag herumzuschwingen. Und so wie Blumen, die Vom1 Lärm betäubt Verwelken, lechzten blasse Männer her Und die gebrochenen, die jungen Trauen Schwatzten .wie-.aus “dem1'Schlafe fistelstimmig. Nur eines Mädchens "blaues Auge brach' ■ Sich' im Geträufef eines Him'melsfleck'chen.s Hoch oben, wie es zwischen mörschen Latten Des Dachstuhls blaute. Kam herein Mose, der Gottesknecht, und an Gestalt Glich einem1 reichen Kaufmann er und heis'chte, Den Herrn zu .sehen. Rasch ward es gewährt, Duroh Gang und Polstertüre ging der' Weg Und bald Saß unser Lehrer schlichten Auges Vor einem' breiten , höchst beschäftigten Und sorgenvollen Mann am Schreibtisch'. Kühl Und prächtig war das Zim'm'er, tausend Briefe Erfüllten es vieltönend, ‘manche IoSe, Die andern sorglich Von metallnen Krallen Durchbohrt und abgesdhichtet. Nicht an Kärtchen, Bedeckt mit fTejßigen geheimnisvollen Aufschriften, in Schubraden hingelehnt, ' An großen Blättern fehlt’1 es nicht mit Ziffern, Auch' nicht an .. Wein und -köstlichen Zigarren, So herrschte Ordnung "hier und Fülle. — Und Sie rauchten, lagerten auf LederkisSen, Nippten den Wein und sprachen Vom Geschäft: Denn als Geschäftsfreund war'er eingetreten.