Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 20 (18.5.1917)
- Date
- 1917-05-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2438141-2438623-2438643--5279-2445240- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 zum Durchbruch gelangt. Es rächt sich, daß unsere Bewegung von Männern geleitet wird, deren Lebensschulung sie fast ausnahm los außerhalb •des eigentlichen Wirtschaftslebens geführt hat: Mediziner, Juristen, Literaten. Studenten, Boaniker und Lyriker. Die neigen leicht dazu, über der Idee den Stoff, über dem Geist die Wirtschaft zu vergessen. Man findet dort oft gxadezu beschämende Unkenntnis der wirtschaftlichen Ursachen und Zusammenhänge alles gesellschaftlichen Geschehens und als logische Folge eine absolute Vernachlässigung aller wirtschaftlichen Fragen und Gedanken. Die einzige, Abteilung der Zionistischen Organisation, die durch den Krieg nicht gelitten, sondern die einen Aufschwung genommen hat, ist bezeichnenderweise der Jüdische Verlag. Man hat eine Menge Bücher geschrieben — aber man hat nicht einen Finger gerührtdem Problem des jüdischen Wirtschaftslebens näher zu kommen. Dieses Problem ist aber unser Grundproblem — denn jeder Geist braucht einen Körper als1 Träger. Die beiden Pole unserer künftigen Arbeit werden heißen: Schulpolitik und Wirtschaftspolitik. Wir werden beide getrennt voneinander Bearbeiten müssen, so wie wir ja als organisatorische Hauptaufgabe überhaupt die Sektionierung, die Schaffung von Ressorts, von Ministerien zu betrachten haben. Der nächste Kongress dürfte sich hiermit eingehend zu befassen haben und das nach dieser Richtung völlig unzureichende Organisationsstatut entsprechend ausgestalten. Was nun die Wirtschaftspolitik betrifft, so richtet sich das erste Interesse auf den Osten. Sollte in Rußland die freiheitliche Verfassung sich behaupten, so wird tnan sich um die Juden dort nicht zu sorgen brauchen. Anders aber liegt es in Polen und Galizien, wo es ohne Zweifel nach wie vor zu den schwersten wirtschaftlichen Kämpfen zwischen den Juden und den Polen komtnen wird. Hier hat eine große nationale Aktion einzusetzen.' um den Juden jenes Rüstzeug zu verschaffen, mit dessen Hilfe sie sich des Ansturmes erwehren können. Genossenschaftswesen, Regelung der Bank- und Kreditfrage, berufliche Umschichtung, Organisierung der unvermeidlichen Auswanderung durch Auswanderungsbanken. Diese Fragen stehen zur Zeit im Vordergrund und wenn sich die deutsche Landsmannschaft unter dem Drude der Opposition des Delegiertentages entschlossen hat, eine besondere Arbeitsgruppe für den Osten zu schaffen und ihr diese Probleme zur Bearbeitung anzuvertrauen, -wäre es Zeit, sich in Oesterreich zu ‘■rinnern, daß wir doch eigentlich Henf Schauplatz näher sind als die Deutschen. Oder wollen wir nach wie vor nur kritisieren? Ein zweiter Artikelfolgt. Die Aufrüttelung der ungarischen Judenheit Die Vogel-Strauß-Politik befolgende ungarische Judenheit hat vor Kurzem1 eine unangenehme Ueberraschung erfahren. Der im ganzen Lande bekannte Professor der Soziologie an der Großwardeiner ’Reditsakademie und Großmeister einer fast ausschließlich Juden beherbergenden Freimaurerloge. Dr. Peter Agoston schrieb unter dem' Titel „Der Weg der Juden“ („A JÜDISCHE ZEITUNO zsidok etja“) ein mehrere hundert Seiten starkes Buch, das — iund das ist 'der zweite 'interessante Umstand — von der Großwardeiner Soziologischen Vereinigung'herausgegeben wurde. Das Büch befaßt sich mit dem! jüdischen Problem und wirkte Schon aus diesem' Grund überaus unangenehm in den AsSimilantenkreisen, die mit allen Kräften bestrebt sind, der Erörterung der Judenfrage aus den Wege zu gehen. Zunächst versuchten sie das Buch durch' Totschweigen zu erledigen. Es wußte auch' niemand von dem Erscheinen dieses Buches. Trotz der wissenschaftlichen Betätigung des Prof. Agoston konnte man in der Presse kein Wort über dieses sein neuestes Buch lesen und in den Bücherläden bekam1 man es überhaupt nicht zu Gesicht. In der engeren Heimat des Verfassers,‘in einem' der gebildetsten und modernsten Zentren des ungarischen Judentums, in Großwardein, tobte bereits der Kampf — in den Spalten der Zeitungen und auf den Kanzeln, auf der Straße und in den Kaffeehäusern sprach maji lediglich von, dem' Buche Agostons, das Land selbst aber, die größere Oeff.entlichfceit, insbesondere die jüdische öffentliche Meinung hätte keine Ahnung' von dem Erscheinen dieses Budhes. Auch heute würde von dem’ Büche noch niemand erfahren haben,, wenn ein 'Mitarbeiter eines BudapeSter Boulevard-Blattes, der als .gewesener 'Mitarbeiterdes antisemitischen „Alkotmany" für »jüdische Angelegenheiten größeres? Interesse bekundet, nicht nach Großwardein gefahren wäre und über die dortigen Zustände in einer Budapester Tageszeitung im Rahmen eines sensationellen Aufsatzes' berichtet. hätte. Und so konnte der Vogel Strauß den Kopf länger nicht mehr im1 Sande halten, die Juden krochen langsam, allmählich ‘hervor und seither steht daS Buch in den Spalten der jüdischen Presse auf der Tagesordnung, Gelehrte-Vnd Laien bemühen sich das Datenmaterial' und die Behauptungen des Verfassers zu widerlegen und weiteren „Gefahren“ vorzubeugen. Wollen wir nun näher betrachten, was Agoston in steinern Buche Sagt und' worin die Gefahr besteht, die er auf die ungarische Judentat heraufbeschwor? *' Wir wojlen mit dem Ende des, Büches! beginnet, mit der Schlußfolgerung, da diese aas Rückgrat des Buches bildet und der ungarischen Judenheit den größten Schmerz bereitet. Alle übrigen Abschnitte, namentlich1 die sich mit der Ges'chichte, Ethik und Weltanschauung des Judentums befassen, interessieren uns nichts Es genügt, wenn wft festhalten, daß in diesen Teilen seines Buches Professor Agoston von seiner Unkenntnis der jüdischen Geschichte und Literatur Zeugnis ablegt und es lächlerKch wirkt, wenn er als ernster Gelehrter die versthiedendi Anklagen* und Ursachen des' Hasses' in Systeme zusammen zu fassen sucht.' Agoston wdl] glauben machen, daß er Gerechtigkeit übt und auf die Fehler sowohl der Juden als auch der Nichtjuden hinweist, um' dm gegen daS Judentum1 herrschenden Vorurteilen die Spitze abzubrechen. Dies, gelingt ihm1 aber durchaus nicht, im Gegenteil. Indem er von der .wissenschaftlichen Argumentation“ der antisemitischen Theorien spricht, erweckt es den Anschein, sei|he eigene Ueberzeugung vorzutragen und go gewännt das Buch wider seinen Willen einen antisemitischen Anstrich. ■ Mit diesem^ Teile wäll ich mich denn "auch nicht - länger befassen. Jst dodh bei uns Juden, Nr. 20 auch bei den Ungarischen Juden ein antisemitisfcher Angriff keine Seltenheit und es1 wäre jammerschade, gerade in dar zionistischen Presse gegen die Argumente des Antisemitismus wissenschaftlich zu polemisieren. Dies überlasten Wir den übrigen jüdischen Zeitungen, die iri jeder Nummer das Judentum1 zu fetten glauben, indem sie den Aufsatz eines antisemitischen' Blattes totschlagen. - Was uns Zionisten hauptsächlich' interessiert und was die freidenkerische ungarische Judenheit am meisten schmerzt, ist, daß Agoston in seinem Buche zu der Schlußfolgerung. gelangt, daß das heutige Judentum Weh'r sei als eine Konfession und' alle Juden der.Welt von einem1 wahrhaft nationalen Gefühl erfaßt seien. Er führt als Beweis an, daß der jüdische Freidenker 'von den Dogmen WineS Glaubens nichts halte und wiewohl er auf dem Standpunkte des gänzlichen Aüfgehens stehe, vor dem1 letzten Schritte Scheu empfinde und seine Konfession nicht Verlasse, weil nationales Geführ in seinem' Herzen Hebt. Agoston geht weiter und sagt: Die heutigen freidenkenden Führer des Judentums (predigen'das resltöse Aüfgehen. Damit nun fernerhin keine Scheidelinie zwischen ihnen und den übrigen Magyaren bestehe, mögen sie sich wahrhaftig auf den Standpunkt der gänzlichen Assimilation stellen, das heißt taufen lassen. Wenn sie dieserart im1 Ungartüm1 restlos aufgehen, werden1 alle Gegensätze verschwinden, die bisher eine nach’ Hunaerttausenden zählende Menge von einem1 gewissen einseitigen Berufe und einer einseitigen Weltanschauung in seinem Verhältnisse zum' 'Wirtsvolke zeitigen muß. Wenn' sie dies nicht tun wollen — meint Agoston — so mögen sie Sich offen zürn1. Nationaljudentum bekennen, Zionisten werden ,und dem' jüdischen Volke in seinen: Bestreben nach Herstellung des Zionstaates, wo sie sich auf alle Berufe verteilen, Bauern und staatsbildende Elemente bilden können, behilflich sein. Mit einem' Worte. Agoston stellt sich auf den Standpunkt der zionistischen Theorie-- und sagt, daß es eine Judenfrage gebe und daß dieSe gelost werden üsse. Wogegen die ungarische Judenheit der Meinung war, daß fes ihr gelungen sei, die Welt glauben zu machen, daß es keine Judenfrage gäbe. Im1 nächsten Aufsätze will ich auf-die Stellungnahme der ungarischen Judenheit diesem'Buche gegenüber eingeh'en. Budapest. Dr. Josef S c h ö n fe 1 d. Ein Jubiläum 1 .Die jetzige Zeit ist wahrlich nicht danach angetan ,'ünf Feste zü‘feiern.1 Als man äb'ef gelegentlich erfuhr, daß unser verehrter und lieber Dr. ösias Thon in diesen Tagen sein zwanzigstes berufliches und zionistisches 'Arbeitsjahr auf dem Krakauer Boden vollendet, da wollte man sich die Gelegenheit nicht nehmen lassen, diesen Zeitabsthnitt wenigstens in engem’ Kreise zu feiern, dem'Jubilar zu Ehren, uns allen zur Sammlung und Erhebung an seinem Beispiel. Denn Dr. OsiaS Thon ist heute der repräsentative Mapn des galizischen nationalen Judentums. einer der wenigen Männer der ^Wissenschaft des Judentums“, die es nicht außer Lande getrieben und vielleicht der einzige, der auf dem exponierten Posten eines 'Großstadtrabbiners die «V