Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1917-05-11 · 19 (11.5.1917) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
11 (1917)
Issue
19 (11.5.1917)
Date
1917-05-11
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2438141-2438623-2438642--5269-2445229
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 in allen Petersburger Blätteifn einen Protest gegen die Tätigkeit des Petersburger ' Times-Berichterstatters; ■ (Vgf. hiezu „Ueber die Haltung der russischen Juden“ unter „Jüd. Welt“). * Die englische Zeitschrift New Europe Schreibt: Stets hat Englands auswärtige Politik darauf hingearbeitet, zu verhüten, daß Aegypten und Palästina, die. dem' Landwege nach Indien vorgelagert sind, in die Hände einer großen europäischen Macht fielen. Wir haben uns1 Aegypten gesichert, und dieser Krieg muß’ uns Palästina bringen. Die Türkei darf Palästina nicht behalten. Können wir es aber zugeben, daß es invdie Hände einer, europäischen Großmacht fällt? Man hat ins vorgeschlagen, Palästina an Frankreich zu geben. Frankreich hat weder politische noch militärische Interessen in 'Palästina, und seine syrischen Interessen können nicht besser geschützt sein als durch ein zionistisches Palästina i nter britischer Flagge. Palästina ist ein Pfeiler für Englands imperialistische Politik. Das haben, wir erkannt, und deshalb erobern Wir e$ und werden1 eS-behalten. Wir werden vorwärts getrieben von der unwiderruflichen Logik der Po’itik, mit der w'ir die Aktien des Suezkanals aufkauften und Aegypten besetzten. Von dem inneren Leben der polnischen Juden Auf Einladung des „Vereins für jüdische Geschichte und Literatur“ sprach am 10. April Gg. Na c hum Gold mann in Frankfurt a. M. über das Innere Lebeii der polnischen Juden. Das Ghettojudentüm, führte er aus, depseh letzter Vertreter das polnische Judentum ' darstellt, war von einer Leitidee getragen: der Erhaltung des Judentums. Da das Ghetto, der Golus naturwidrig ist, so bedarf es. der Anspannung aller Kräfte, um' ein solches Dasein erhalten zu können.' Das Mittel dazu ist die vollständige Unterordnung unter dieses 'Ziel. Daraus resultiert die Aufgabe der eigenen Individualität, das Zurücktreten des Ichs und die HKpgabe ian das Ganze, die Unterordnung unter das Gesetz, das von dem1 Leitgedanken diktiert, das also dem Volksganzen bestimmt ist und daher keine Rücksicht auf das Wohl des Einzelnen kennt. Bis ins Kleinste ist das Leben des Ghettojuden vom Talmud geregelt, stets muß ihm* das Gesetz vor Augen bleiben, stets' sein Handeln bestimmen. Eine solche Weltanschauung bedingt ernste, fast düstere Lebensführung!,. Dies zeigt sich insbesondere bei' der jüdischen Frau, die entgegen ihrem' 'sonst heiteren Wesen ernst gestimmt ist. Und hierin liegt der Grund, weshalb im heutigen Kriege, als die Schranken des Ghettos in Po!eh urplötzlich fielen,' die polnische Jüdin, wenn auch in kleinem' Maße, den auf sie heränstürmenden Versuchungen des Lebens nicht Stand zu halten vermochte, aber nicht, wie" von'gewisser Seife behauptet' wird,' aus materiellen Gründen. Ein solches Leben mußte aber auch eine Geschlossenheit, einen unzerreißbaren, untrennbaren Zusammenhalt der Ghettojuden als notwendige : Folge haben. Der Ghettojude fühlt sich als Träger der Idee, das Judentum1 zu erhalten/ fühlt sich als Glied in einer Gemteinscha'ft. Das Ghettöjudehtum känn aber aüdh infolge der äußeren Umstände nicht national aktiv sein, sondern muß sich nur passiv, duldend verhalten. Es kennt daher keine Jugend, denn es unterdrückt den Drang der Jugend zur Aktivität, zum Handeln. Das aber ist gegen die ursprüngliche, eigentliche Natur des jüdischen Volkes, das von jeher aktiv war. Der GoluS müßte mit seinen Unbilden beständig den Judenaufs tiefste treffen. Er tröstete sich aber, um' djesen ungeheuren Druck aushalten zu können, mit dem1 Gefühl der*Verachtung des ihn bedrängenden ,',Goj“, er sucht durch Vielgeschäftigkeit den unendlichen Jammer dieses Lebens, die trüben "Gedanken iu vergesisen. Er hat kein freudiges Lebensgefühl. Das macht ihn einerseits dumpf, ertg,. andererseits aber erläutert es ihn, leiht ihm hohen sischer Körperbetätigung, verbunden mit einem gewissen,' auch in westlichen Kreisen beobachteten provinzialen Antagonismus zur frisichen Luft. Diese gegebenen Schädlichkeiten sind aber ke'ne natürlichen; daher leicht, teils durchwirtschaftliche-oder soziale Maßnahmen, teils durch Aufklärung überwindbar. Die Unterernährung scheint ein, nicht erst im1 Kriege aüfgetretenes chronisches Uebel zu sein, worauf auch die beobachteten hartnäckigen Verdauungsstörungen, teilweise auch die Insuffizienzen der Darmblutgefäße unter allen Wirtschaftsschichten hindeutefn. Auch die reicheren Juden scheinen auf leibliche Genüsse ebenso wenig Wert zu legen, wie auf Wohnungskomfort. Eine sanitär einwandfreie Sammlung und Entfernung'der Abfallstoffe ist im ganzen Okkupationsgebiete nicht zu finden — 'man stößt allerorten aur Spuren solcher Verständnislosigkeiten seitens der maßgebenden' Regierungs- und sonstigen feinen Kreise —; die Judenhäuser, meist in einer ungesunden Niederung gelegen, sind bizarr ineinandergeschachtelt, eng, niedrig und versperren einander gegenseitig Licht- und Luftzufuhr. Fast keinHaus ist trotz der großen Bodenfeuchtigkeit unterkellert. Wenn es so etwas wie einen Keller gibt, dann ist er ganz gewiß bewohnt. Gartenanlagen größeren Stiles oder Hausgärten wurden nirgends beobachtet. Es fanden sich nicht einmal Spuren davon, die darauf hingedeutet hätten, daß solche im Frieden zwar bestanden, diirch die Kriegsereignisse aber, Adel, Weisheit und Milde. War der Zweck dieses Duldens erreicht? Die Juden sind im Golus trotz allem1 Palästinavolk geblieben, haben ein gleiches Vaterland: Palästina, eine Sprache: Hebräisch. Leben sie auch unmittelbar in Okzident, so ist doch ihr Leben für mittelbare Zwecke für Palästina. Daher lebt der Ostjude zwei Leben: ein äußeres im Okzident, ein inneres, geistiges, wahres hingebein dem Orient. So blieb er vom Schmutz des Golus unbefleckt: er blieb steh selbst, seinem' Judentum treu, Und hierin erblicken wir die ganze Größe des Ghettojudcn- ’ tums. Es ist ein Sieg, ein Triumph des Geistes gegen die Natur, gegen .die mächtigen historischen Gesetze, Als solcher steht er in der Weltgeschichte einzig da. Das Ghettojudentum' neigt sich seinem Ende zu. Ebenso wie in Rußland so auch in Polen. Der Westjude aber muß den polnischen Juden, den letzten Ghettojuden kennen lernen, bewundern una 'lieben. Aus der jüdischen Welt Befreiung. der galizischen Geiseln- In Sibirien und einer Reihe anderer russischer Gouvernements befanden sich bekanntlich zahlreiche Juden, die vonder russischen Okkupationsmacht in Galizien als Geiseln verschleppt wurden. Ein Erlaß der provisorischen Regierung, unterzeichnet vom Ministerpräsidenten, Fürsten Lwow, und dem Kriegsminister GutSchkow, verordnet die sofortige Freilassung aller Verschleppten, ohne Unterschied der Nationalität und des Glaubens. Sämtlichen Befreiten soll die Möglichkeit der Rückkehr in ihre Heimat gegeben werden. Die Unbemittelten sollen von den Behörden die Kosten für ihre Reise und Unterhalt erhalten. Eine spezielle Militär-Kommission wird eingesetzt, die die Aufgabe hat, die einzelnen Fälle zu untersuchen, in denen die Rückkehr nicht gestattet werden soll. Der bekannte russisch-jüdische Schriftsteller S. Ansky, der während der Kriegszeit im1 Aufträge des Semstwo-Verbandes mehrfach das von den Russen seinerzeit besetzte Galizien sowie die heute noch besetzten Teile von Galizien bereist hat, besuchte kürzlich den russischen Ministerpräsidenten und berichtete ihm über die traurige Lage der galizischen Juden. „Die Diener des Zarismus begannen ihren Einzug in das okkupierte Gebietmit Raub und Unterdrückung. Die galizischen Juden galten als bevorzugte Ziel-' Scheibe ihres Schandwerkes. Fast alle Synagogen sind, zerstört; die galizischen Juden sind von jeder sozialen Wohltat und Unterstützung ausgeschlossen.“ Ansky überreichte dem Ministerpräsidenten eine Reihe von Dokumenten und Materialien. Fürst Lwow dankte ihm für seinen Bericht und versprach sofortige Abhilfe zu schaffen. Er sagte, daß die ’ Regierung damit beschäftigt sei, die große Anzahl der Verbrechen der früheren herrschenden'.Macht zu untersuchen. Sie werde nicht verfehlen, alle Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen. Polnische Stadtratswahlen in der 6- Kurie. Wie bereits mitgeteilt,' hatten die Paale-Zionisten bei deri Stadtratswahlen in Lodz zwei Ratsmänner und 2600 Stiprmen erhalten, während die Buiidisten nur einen Ratsmafm und 1600 Stimmen aufbringen konnten. Das. Ergebnis war um so bedeutsamer, als beide Gruppen eine ungeheure; Wahlpropaganda veranstaltet hatten. Bo hatten die Poale-Zionisten 38 Wahlversammlungen abgehalten, auf denen 140 Redner sprachen und 25.000 Wahlberechtigte anwesend waren. Die Aufrufe wurden in .145.000 Exemplaren verbreitet. Auch in Bendzin haben die Poale-Zionisten drei Ratsmänner durchgebracht, während der Bund nur einen Ratsmann!hat. Ins Wlozlawek wurde in der Arbeiter-Kurie 'nur ein jüdischer Ratsmann, und zwar ein Bundist, gewählt; in Siedlce drang in der Arbeiter-Kurie als einziger jüdischer Ratsmann der 'bürgerliche Zionist Hartglass durch. Von Czenstochau ist das Ergebnis noch nicht bekannt. Das schönste jüdische Gesc! e.ik! Jixchok Leib Perex Chassidische Geschichten Deutsch von Alexander E 1 i a s b e r g. Ein stattlicher Band in schönster Ausstattung. — Brosch. K 6.—; leicht gb. K /.20; Geschenkausgabe K 8.—. Wer die Geschichten des Leib Jizchok Perez liest, der wird sich nicht nur wundern, daß es eine so seltsame Welt gibt, in der kleinlichster Alltag und tiefstes Erlebnis des Uebersinnlichen einander durchdringen, sondern er wird — sofern er ein Jude ist —auch stolz sein, daß dies die Quellen sind, aus deneh die geistige Kraft seiner Brüder im Osten fließt. Und viele, viele Gedanken werden ihm kommen über die schier unüberbrückbare Kluft im Empfinden des Juden und dem des — man muß wohl sagen: Europäers. (Helene Hanna Kohn im „Jüdischen Echo“, München.) Ferner sei empfohlen: Die goldene Kette Das Drama einer chassidischen Familie. — Deutsch von Siegfried Schmitz. Preis K 2.40 Ges’chenkausgabe in wundervollem Lederband K 25—. R. Löwit Verlag, Wien I, WoIIzeüe 6 oder Rotenturmstraße 22. Der Stadtrat in Bendzin. Die jüdische Bevölkerung in Bendzin macht ungefähr 70 Prozent der gesamten Bevölkerung der Stadt aus. Zurzeit der Wahlen zum Stadtrat erklärten sich'die Polen nur unter der Bedingung bereit, an den Wahlen jeilzunehmen, daß die Polen im: Stadtrat eine Majorität erhalten. Das Entgegenkommen der Bendziner Juden, den Polen die Hälfte der Sitze im Stadtrat zu überlassen, wurde zurückgewiesen. So sahen sich die Juden von Bendzin gezwungen, die Wahlen zum Stadtrat allein durchzuführen. Am 26. März wurde der Stadtrat von Bendzin, der infolge der Nichtantei’nahme der Polen an den Wahlen aus 24 jüdischen Ratsmännern besteht, eröffnet. Zum 2. Jahrzeittag von J. L. Perez brachte die jüdische Presse Polens — die .„Hazefirah“, „Das jüdische Volk“, „Das Volk“, das „Lodzer Volksblatt“ und andere — eine Reihe Aufsätze über den großen Toten. Die GedächtnisversamWlung, die in Warschau von der Verwaltung der „Arbeiterkinderheime“ veransta'tet wurde, zog 1200 Personen an. In Lodz und' den Städten der Provinz fandest ähn'iche Versammlungen statt. Der jüdisch-literarische Verein „Perez“ in Berlin berief auf Sonntag, den 15. April, eine sehr gut besuchte Trauerversammlung ein, auf der Herr A. Singalowski eine eingehende Würdigung des literarischen Schaffens des Dichters gab. Geldüberweisungen von Rußland nach Polen. Das Zionistische Zentralbüro in Warschau hat die Erlaubnis erhalten, zwischen den okkupierten Provinzen Po'ens und Rußland einen Geldvermittlungsverkehr einzurichten. Die ersten beiden Listen, eine jede von mehreren hundert Namen solcher Personen, die ihre Verwandten in Rußland um Geldunterstützungen ersuchen, ist bereits durch Vermittlung des Kopenhagener Büros der Zionistischen Organisation ab?egr ngen. Dieser Verkehr wird Voraussichtlich einen sehr bedeutenden Umfang annehmen und eine Parallele zu dem Geldvermittlungs-Verkehr zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und allen Kriegsgebieten darstellen, der bekanntlich ebenfalls durch die Zionistische Organisation geht. Ueber die Haltung der russischen Juden gegenüber des neuen russischen Regierung haben die Times einen Bericht gebracht, nach dem die Juden gegen die provisorische Regierung wie so manches andere, eine völlige Vernichtung gefunden hätten. Bestehende Stallungen, die eine Versorgung mit frischer Milch gewährleisteten, machen die Luftzirkulation womöglich noch problematischer. Vom1 zartesten Alter angefangen, besuchen die Kinder den Cheder, in welchem sie, nach meiner Beobachtung, täglich neun Stunden zubringen. Das gewiß schätzenswerte System .der Koedukation, das allgemein durchgeführt ist, wird reichlich paralysiert durch die sonstige pädagogische Unfähigkeit der Melamdim. Die Unterrichtslokale eignen sich in keinem Falle, da sie gleichzeitig meist auch den einzigen Wohrtraum und Küche für die tnehrköpfige Lehrerfamilie abgeben. Es ist gewiß rührend, daß, wie ich es emigemale beobachtet habe, der Melamed seinem ortsfremden, zugeflüchteten Konkurrenten einen Winkel seiner eigenen kleinen Stube als Wohnung und Unterrichtsstätte überließ; hygienisch ist e's gewiß nicht und zur geistigen Sammlung der Kinder bei der monotonen und ermüdenden Unterrichtsmethode trägt es gewiß nicht bei. In so überfüllten, niemals gelüfteten Stuben müssen die Kinder oft im' Chor laut, also mit Anstrengung der Lunge, wodurch die Luftversch’echterung noch mehr gefördert ist, den ganzen Tag über sprechen. Kompensierende Kinderspiele im Freien und Körperübungen sind natürlich ganz unbekannt. -Aber auch die Säuglinge werden Vor dem sechsten Monate niemals aus der Stube getragen. Doch ist es mir nicht nur im' Osten, sondern auch im aufgeklärten Westen passiert, daß ich mit dem ärztlichen Rate, lungenentzündete Kinder am Arme auf die frische Luft zu tragen, Vertrauen und „Kundschaft“ der betreffenden Eltern verlor. Solche Verhältnisse schaffen natürlich nur allzugünstige Gelegenheiten für das Einnisten und die Ausbreitung vieler Krankheiten . Unter diesen erscheint die Tuberkulose in ihren verschiedenen Arten als die weitaus verbreitetste, deren erschreckende Häufigkeit in allen Städten des Okkupationsgebietes, aber auch auf seinem flachen Lande, soweit es für Judensiedlungen in Betracht kam, beobachtet worden ist und die durch die Entbehrungen des Krieges und seinen sonstigen Folgen hoch mehr begünstigt wird. Sie erschienen als besonders große Gefahr für das ganze Volk, wenn es nicht gelingt, dieses bald unter günstigere Lebensbedingungen zu bringen und die schon angedeuteten, anderweitigen! Schädigungen auszuschalten Den weitaus größten Prozentsatz meiner Kranken bildeten jene mit beginnender oder fortgeschrittener Lungentuberkulose. Häufig genug fände» sich dazu tuberkulöse Erkrankungen der Knochen, der Haut, des Darmtraktes, sowie des äußeren "und inneren Auges. In der Entstehungsursache verwandt sind hier die ziemlich häufigen Erkrankungen der Kinder an Rhachitis zu nennen. (Schluß folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.