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Jüdische Zeitung · 1917-05-11 · 19 (11.5.1917) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
11 (1917)
Issue
19 (11.5.1917)
Date
1917-05-11
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Ein Zirkular der russischen Zionisten Am '23. März versandte das Zentral-Komitee der Zionistischen Organisation , in Rußland das ■erste offizielle Zirkular nach der Revolution an die Zionistischen Distrikts- und Kreis-Komitees. Nachdem das Zentral-Komitee auf die neuerrungene Freiheit hingewiesen hatte, die dem organisatorischen Leben große Möglichkeiten erschließt, spricht es von der Pflicht, die zionistische Arbeit in Rußland von Grund auf zu reorganisieren. "Die Distrikts-Komitees haben die Pflicht, die Orts-, gruppen und Lokal-Komitees zu neuem Leben zubringen, aile zerstreuten Mitglieder zu organisieren und so den Boden zu Schaffen für den demnächst einzuberufenden all-russischen zionistischen Delegiertentag. Bis zu diesem Zeitpunkte > schreibt das Zentral-Komitee den zionistischen Komitees und Ortsgruppen folgende Aufgaben vor: 1. Zionistische Propaganda. Die sofortige Organisierung von Schekelversammlungen. Wahl und Wiederwahl von Stadt- Komitees, die Veransta’lung von zionistischen populären und Wissenschaftlichen Vorträgen, die so- ’ fortige Durchführung aller zionistischen Geldsammlungen etc. 2. Organisierung der Jadenheit Neben der zionistischen Arbeit sind die zionistischen Stadt-Komitees verpflichtet, in jeder größeren Stadt die sofortige Gründung eines allgemeinen indischen politischen. Komitees durch'- zuführen. In diesem Komitee so'len verschiedene politische Parteien und Strömungen vertreten sein, nötigenfalls.sollen auch Vertreter der Gemeinden, der öffent’ichen und professionellen Institutionen gewählt werden. Diese Komitees müssen danach streben, sich zu autoritativen Vertretungen der jüdischen Bevölkerung zu 'entwickeln. Das Arbeitsprogramm dieser Komitees muß in folgendem' bestehen: a) Im Kampfe für die 'tatsächliche Durchführung der jüdischen Gleichberechtigung und in Vertretung der jüdischen Interessen bei dtn höheren Verwaltungsorganen, den Kommunen und Lokalbehörden. b) In vorsichtigem^ und vernünftigem' Regulieren des Auftretens der iüdischen Gesellschaft in allgemeinen russisch-politischen Fragen. •c) In der Vorbereitung und Besprechung des Programmes der 'jüdisch-rationalen. Forderung 'in Rußland. d) In der Herstellung eines regelmäßigen und dauernden Kontaktes mit dem Jüdis'ch-Po’itischen Kollegium in Petrograd. e) In der Reorganisierung der Iüdischen Ge- , meinden als der Grundlage für die zukünftige ^national-politische Autonomie des russischen 'Judentums. In allen ihren politischen Arbeiten haben die Komitees vorläufig das Helsingforser Programm der russischen Zionisten als Grundlage zu nehmen. Das Helsingforser Programm sölf beim nächsten Delegiertentage einer Revision unterzogen werden. 3. Palästina. Nächst den erwähnten Arbeiten haben alle Zionisten die unerläßliche Pflicht, eine großzügige Propaganda zu entfalten zwecks Anerkennung unserer Forderungen auf Pa'ästina bei der bevorstehenden Friedenskonferenz. Sowohl in den obenerwähnten poetischen Komitees, wie auch in a'len anderen Geme'nie-Institutionen, an denen Zionisten sich betei'igen. muß die Palästina-Frage in ihrer ganzen Ausdehwn r gestellt und positive Willenskundgebungen seiten: dieser Institutionen und der hinter ihn eh stehenden Gesellschaftskreise erzielt werden. ' Das Zirku'ar schließt mit der dringenden Mahnung, sofort an die Arbeit heranzutreten und sich unverzüglich mit dem Zentral-Komitee (Adresse: Petrograd, To-gow.aja 17, Wostok) in Verbindung zu setzen. erkrankungen, da in diesen Spezialgebieten je ein-anderer Arzt tätig war. Es kann daher aus1 diesen Abteilungen ärztlicher Tätigkeit Einiges vorweggenommen werden, was teils der liier geringen eigenen Beobachtung, teils den Mitteilungen der betreffenden Kollegen entstammt. * Tripper und Syphilis kamen in eihzelnen Fällen, abgesehen von den beruflich erworben m, zur Beobachtung, wobei es sich weder um1 besonders leichte, noch abnorm schwer verlaufende Formen handlte, so daß weder von einer Immunisierung, hoch von einer Neigung zu diesen •Erkrankungen gesprochen werden kann. Einer der Augenärzte glaubte unter jüdischen Kindern Fälle von angeboren syphilitischen Augenzrkrankungen gefunden zu haben, hat aber diese Fälle nicht Zur Ansicht gebracht. Von seinem' Nachfolger konnte ich keine Bestätigung seiner Beobachtungen bekommen. Ebensowenig konnte ich in meiner Ordination Fälle ererbter Syphilis beobachten. woraus wohl geschlossen werden kann, daß diese Erkrankung noch nicht in nennenswertem Maße bei den 'Ostjuden Eingang gefunden habe. Obwohl durch den Kriegszustand und seine Folgeerscheinungen die Gefahr hiefür "beträchtlich gewachsen ist. wird die von den Juden meist jetzt noch geübte Zurückhaltung und, für später, die allgemeinen Maßnahmen die in allen Staaten gegen die Gesch'eclitskranklieiten unternommen werden, die Juden wohl vor dem Ueberhandnehmen dieser Geisel bewahren. Jüdische zeitunq „Nr, 19 Eine jüdische Deputation bei der provisorischen Regierung und beim Arbeiter- und Soldäten-Rat Am 7. April 1917 begab sich eine jüdische Deputation zum Ministerpräsidenten, Fürst Lwow. Sie bestand aus den Dumaabgeordneten F r i e dntann, “Bomasch, Gürewitsch, auüu den- Zionisten M. Aleinikow.'I. Grünbaum, Dr. Ka/tzenelson und I. A. Ro So ff, sowje den übrigen Mitgliedern des politischen Kollegiums Braude, Grusenberg, Krei.nin; Mandel, Frumkin und Scheftel. ^Abgeordneter Friedmann wandte sich mit fo'gender Ansprache an den Ministerpräsidenten:- „Herr Ministerpräsident! Die Hifer erschienenen jüdischen Vertreter .begrüßen in Ihrer Person die provisorische Regierung anläßlich - der- Beseitigung aller nationalen uni religiösen Beschränkungen. Ein glückliches Geschick-wolIte .es, daß Ihnen das Los zufiel, die Tyrannenberrschaft zu beseitigen, das russische Volk .von der Schande* der Unterdrückung und Entrechtung zu befreien und für .die Völker Rußlands eine glückliche ■ Zukunft zu eröffnen. Divide et impera, das war .- die Losung der alten Macht. Sie entzweite die Völker, säte Uneinigkeit, um den VolksZorn von sich abzulenken. In den letzten 35 Jahren ist das russische Judentum' unerhörten Verfolgungen und Erniedrigungen ausgesetzt gewesen.. Für die a'te Macht gab es kein göttliches und .kein menschliches Gesetz, wenn es sich um Juden handelte. Nicht einmal dann, als tinser Land inden Krieg verwickelt wurde und als aüe russischen Juden sich Zusammenschlüssen, um dem Vaterland in Treue und Opferwilligkeit zu dienen. Von den eigenen Bürgern nahm die alte Regierung Geiseln. Ganze jüdische Bevölkerungsteile wurden vertrieben und zugrunde gerichtet. Unsere [menschliche und nationale Würde wurde mit Füßen getreten. Wohl wußten die Juden.-daß das russische Volk an diesem Unheil unschuldig sei. Nun stehen wir alle, die 'treuen Söhne Rußlan is, bereit, mit Gut und Blut unser Heimatland zu schützen. Da unser Ziel die Erlangung einer na- ’tional-kultürellen Autonomie ist. werden wir gemeinsam' mit a'len Völkern Rußlands alle unsere Kräfte und Volksenergien an wen len, um' ’'de'm' .Vaterland in der Stunde der Gefahr zu Hilfe zu kombien und der Regierung jede .Unterstützung ' zu gewähren zur Sicheruag unserer eroberten Freiheiten/' Fürst Lwow dankte in warmen Worten -und sagte: . „Im 'Geist und Gefühl waren wir Stets Brüder, aber eine böse; Macht hinderte, daß wir uns vereinigten. Wollen wir /nun. 'die dunklen 'Ge- schichten der Vergangenheit vergessen uh 1 wollen wir gemeinsam1 arbeiten für die Stärkung der Freiheit des neuen .Rußlands “ hierauf begab sich die jüdische Deputation zu ‘dem’ Arbeiter- und "Soldaten-Rat. Der ‘Abgeordnete F r i e d m ann begrüßte den Rat. und betonte, daß^ die jüdische Deputation gerade den ersten Pessachtag gewählt hat, än,.‘dem, das 'jär. dische Volk das historische Fest der. Freiheit begeht. In den Arbeiterführern Hat das verfolgte jüdis'che Volk stets Frei/nde gefunden, dehen-'es nunmehr Dank und Vertrauen entgegenbringe. Rechtsanwalt Grusenberg. ergriff darauf das Wort zu fo'gender Ansprache: ■ „War das alte Rußland ein großes, gewaltiges 'Gefängnis, sowar die .. grausamste, und Abscheulichste Zelle darin derjenige Platz, der dem' 6 ‘ Millionen Volk der luden zugewiesen wurde. Alles verbot man uns, Brot, Arbeit. Wohnrecht. Schule, Bildung. L/nser ganzes Leben war vergiftet. Doch wir ver’oren nicht .unsere Hoffnung. Das Vergossene Blut unserer Väter, unserer Brüder und Schwestern hat. den Funken unseres nationalen Bewußtseins belebt und gestärkt. Wir erwiesen uns mächtiger als unsere Peiniger. Und als der Zarismus seine Ohnmacht uns gegenüber erkannt hat. da gedachte er unseren Glauben frech anzugreifen. Man inszenierte Von äußeren Augencrkrankungen kam' am häufigsten das Trachom mit all seinen Komplikationen zur Behandlung, wie bekannt, . eine Folge kümmerlicher Wohn- und Lebensverhältnisse. dichter Siedlung und herabgeminderter Körperpflege. So furchtbar die Folgen ‘dieser Krankheit Sein können, sie führen ja oft ’ genüg zu völliger Erblindung, verhältnismäßig so. leicht gelingt ihre Bekämpfung zumindest ihre Eindämmung durch hygienische und wirtschaftliche Maßnahmen.. insbesondere ater durch Belehrung der hiefür leierfit zugänglichen Juden, bei denen jaauch kein diesbezüglicher medizinischer. .'Aberglaube zu bekämpfen Ist. Bedenklicher erSSheint das. häufigel Auftreten des grauen Stares' und des Glaukoms, weil deren Ursachen noch..picht genügend geklärt erscheinm. Auffallend ist dagegen .das relativ geringe Maß und die geringen Grade, in denen sich' bei den Juden die ^Kurzsichtigkeit zeigt, obwohl doch die intensive,, seit Generation?n währende Ueberacst-engung. der Augen durch das Studium . fast . .aller Männer von frühester Jugend ' viel Schwerere Schädigungen erwarten ließe. ' Dagegen wurden degen:rative ■ Formen! von Kurzsichtigkeit ziemlich gehäuft in den wenigen Karäerfamilien .einer,Stadt beobachtet, die..nebenbei bemerkt, dort ganz bedenklich an Zahl zu- .rückgehert. Die sehr zahlreichen Lidrandentzündungen und Erkrankungen dej- Bindehaut spielen trotz ihres häufigen, off isehr hartnäckigen Auftreden ,Bcilis;Prozess, man bestimmte als Ges’chvyorene' russische Bauern.^ Aber! diese einfachen, ungebildeten Bauern haben es abgelehnt, den Ödländern unserer Religion ■ Zu gfolgen. Das war der erste Ruf des russischen > Volkes - an uns*. Nun stehen wir zusammen' in /Einigkeit unid' Treue und/ keine' Macht ist imstande, uns zu vernichten.“ 'Der Vorsitzende des Arbeiter- und Soldaten- Rates, der Dumaabgeordnete Tscheidse, antwortete : „Einer der großen Momente der russisfchen Revolution ist zweifellos die Vernichtung der Zitadelle des Zarismus, der Judengesetzgebung. Wir wußten stets, daß es keine Freiheit Rußlands geben wirdf, solange dm niederträchtigen ^ünd/räffinierten Begrenzungen für die Juden existieren. Während des Krieges hatte der Zarismus ^eine-für ihn ganz richtige Position eingenommen. Er entwickelte einen ungewöhnlichen Kampf nach innen undr nach außen und begann eine systematische Judenhetze an der Front und hinter 'der •Front. Wir begriffen die große Gefahr dieses Systems und erklärten ihm wie stets inerbitt- ' liehen Kampf. Und ist es auch klar, daß auf;.dem' Gebiete der Gleichberechtigung die absolute Gleichheit durchgeführt werden muß. Hier darf es kein Zurück geben, auch nicht um1 ein Jota. Jeder.-. Reaktionsversuch auf diesem Gelbiete .wird . in uns den.., unerbittlichsten Gegner finden//.’'.. Aus der allgemeinen Presse Die Kölnische Zeitung meldet aus Ko- . penhagen: Hier ein-etroffene russische Zeitungen . enthalten entrüstete Proteste gegen die Reaktionäre und die verlogene Berichterstattung der Londoner Times über die Rcvo'utions'erei^nisse in Rußland. Durch vollständig erdichtete Tatsachen suchte der Petersburger Times-Korrespondent die russische Freiheitsbewegung zu diskreditieren und die demokratischen Organisationen als anarchisches und landesschädlidhes E'ement h'nz’istellen. Die Tim.es übernehme die Rolle der in Rußland bereits überwundenen Schwarzen Hundert-Presse. Ebenso Wie jene nach der Revo'utien 1905 die Juden als Anstifter der Revolution bezeichnte und durch Pogromhetzen dazu veria'f, daß die russische Freiheitsbewegung dama's im1 iüdischen Blut erstickt Wurde, ebenso suche jetzt die Times die revolutionäre Bewegung als indischen Aufruhr darzustellen. So habe .die .imeS gemeldet, daß die, Dprpater jüdischen Studenten eine eigene Mi'iz bildeten, daß es zwischen dieser imd : den Organen der provisorischen Regierung zu blutigen Zusammenstößen gekommen1 sei lind daß. auch in anderen Orten infolge der iüdischen Umtriebe . Aufruhr und Anarchie herrschten. Die Ti- . mes . bezeichnete mehrere Revolut'onsführer als ' Juden, und sprach iliinen ’idas Recht, im'Namen des . russischen Volkes zu handeln, ab. Sie erteilte den! russischen Juden den Rat, keine Staatsan1stellungen anz . nahmen und sinh in Zukunft über- : haupt jeder provozierenden Handlungen zu enthalten. Die...russischen Zeitungen sprechen den schärfsten’ Tadel gegen diese lügenhafte un?J un-; verantwortliche Art der,Berichterstattung aus. die die Sachlage sb däirsteljt; jalfe! ob das [russische Volk unmündig Wäre ruf die freiheitliche Umwälzung das Werk von Fremdstämtnigen sei. Die B'ätter weigern sich, ‘ das Berirfdigungsschreiben des Times-Korresponfenten Wi'ton abzudrucken, Weil diese Zuschriften wieder grobe TatFacbepfä'schungen enthielten So behauptete Herr W i 11 o n, daß er seine Meldungen über die Dornater Ereignisse auf 'Grund' von Mitteilungen ’-on Rpaei^Behörden abgefaßt habe. iBirschewiia Wjedomösti wendete sich daraufhin an den Rigaer Gouvern“ur. K r a sk a 1 n um Auskunft vn l erhielt von ihfn1 den Bescheid. daß keine Behörde in Riga dem' Tim'es- Korrespondenten irgendwelche Auskunft erteilt habe und, daß sämt'iche Mitteilungen Ide*" Times' über iüdiSche Studentenmiliz, Anarchie und Blutvergießen in Dorpat vollständig erfunden seie'n.i Der Petersburger Journa'istenverein verö'Fn'licht tens keine Rolle, so daß ihre Erwähnung allein Schon genügt. Mehr Aufmerksamkeit erheischen schon die phlyktenulo~en Entzündungen, ‘deren noch in einem anderen Zusammenhänge Erwähnung geschehen Wird. ’ Es sei *mir nun e'n: kleine Abschweifung gestattet. die für die Patientenpsycho'ogie der Ost- •iudentfast symptomatische Beobachtung ist. Wo immer ich im russischen Okkupationsgebiete mit jüdischen Äugenkranken zu. tun hatte,, stießich aut eine sehr große Verenrung'desNamens'Marid e I s t a m'm'; So wird fast e’n Dezemiu-n seit dem Tode dieses. Kiewer Augenarztes, .sein "Wirken eingeschätzt Der Ostjude scheint mir überhaupt dem* gewissenhaften Arzte ein unbegrenztes Vertrauen und ebensolche Dankbarkeit entgegenzubringen und ist ein Patien’:, der järztlicher Autorität sich willig beugt. Diese Veranlagung scheint mir besonders wertvoll für 'die Bekämpfung gewisser Erkrankungen. die. wie wir noch sehen werden, zwar den größten Teil der Ostjudennos’o'ogie ausmachen, aber durch gewisse hygienische und sanitäre Maßnahmen bedeutend eingedämmt werden, können. Sowohl für das Trachom', als auch für die Tuberku'ose, sowie für gewisse Erkrankungen der Verdamm qsorgane und einen Teil der nerv.öspsvehischen Störungen liegt die Ursache in -den 'schlechten Lebens- und Wöhncngsbedingungen, im'-verkehrten, die Kinder überanstrengenden, einseitigen Ünterrichtssystem und mangelhafter, phy-

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