Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 19 (11.5.1917)
- Date
- 1917-05-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XI. Jahrgang — Nr. 19 National'jüdifches Organ Erscheint wöchentlich einmal Redaktion: Wien II, Zirkusgasse Nr.33 Sprechstunden: Montag bis Freitag von 2—4 Uhr, Sonntag: von 11—12 Uhr Manuskripte werden, wenn unverlangt, ohne Rückporto nicht zurflckgesandt Redaktionsschluß Dienstag um 7 Uhr Fsrnsprech'üummer 43-3-25 Mil der Beilage: Der Jüdifche Nationalfonds Wien, Freilag, IX. Mai 1917 / 21. Ijar 5677 Einzelnummer 34 Heiter Geschäftsstelle: Wien II/i, Zirkusg. 33 Geschäftsstunden: Montag bis Freitag von 9—12 u. 3—7, Sonntag von 9—12 Bezugspreise: Ganzjährig K10.— halbjährig K 5.—, vierteljährig K 3.— Anzeigen und Beilagen nach Tarif Postsparkassen •Konto 133.404 fntvolt* * •<2U''US Löwy, Das Parlament und die lllllClll«jüdische Politik. — Ein Zirkular der russischen Zidnisten. — Eine jüdische Deputation bei der provisorischen Regierung und beim "Arbeiter- und Soldaten-Rat. — Aus der allgemeinen Presse. — Chajinr, Zur Nosologie der Ostjuden (Schluß). — Literar. Nachrichten. — Kunstnachrichten. Zion. Bewegung.,— Von dem; inneren Leben der polnischen Juden. — Aus der jüd. Welt. — Zionistgn im Felde. — ‘Ankündigungen. — Berichte etc. Das Parlament und die jüdische Politik ln dem .fast unentwirrbarem Knäuel von Problemen, die das Ende Mai zusaminentretend-e Parlament ordnen soll, ist scheinbar die Judenfrage nicht vorhanden. Wirtsdiafts- und natioiaf-politische Angelegenheiten der "verzwicktesten Struktur, der Uebergang zur Friedenswirtschaft, die Demobilisierung, alles Gegenstände, die zu uns als Nation keine Beziehung zu haben Scheinen. Das ist sehr angenehm für die Israeliten mbsaischer oder katholischer Konfessioh, die so gerne untertauchen und auch jetzt mit warnend emporgehobenem Finger herumgehen: „Nicht daran rühren 1“ Wir sind aber nicht der Meinung, daß eine Frage nicht Vorhan len ist, wenn man sie nicht sofort sieht. Wir wissen genau, daß hinter so ehrwürdigen wirtschaftlichen Verkleidungen der Pferdefuß des Antisemitismus verborgen ist, und wir beklagen mehr wie je das Fehlen einer ausreichenden Vertretung des Judentum^ im' Abgeordnetenhaus, ein Mangel," an dem übrigens das Judentum der ganzen Welt krankt. Wir wissen, daß von Seite des Deutslchcn Nationalverbandes, der Christlidhsbzialen und der Tschechen die Debatte über die unterschiedlichen Kriegszentralen (mit Ausnahme der Fett- und Kaffezentrale) zu einem Sturmlauf gegen das Judentum benutzt werden wird, das 'man ungestraft für so viel Unfähigkeit und Unterlassung verantwortlich machen kann. Aber wir wissen auch, daß eine Debatte über sehr wichtige jüdische „Belange“ geführt werden wird, ablaufen wird, ohne daß die Juden¬ Zur Nosologie der Ostjuden Von Chajim Die ernsten Bestrebungen der letzten Zeit, die dahin gehen, jüdische Art zu erhalten und hinaüfzuentwickeln, dürften unter Anderem auch auf manche Schwierigkeiten stoßen, die durch die Begrenztheit physischer und psychischer Leistungsfähigkeit des jüdischen Durchschnittsmenschen bedingt sind. Es dürfte daher notwendig sein, ein Bild von der Wesensbeschaffenheit der Juden zu entwerfen, um die Rasse als solche nüchternen Blickes auf ihre künftige Entwicklungsmöglichkeit werten zu können. Die genannten Bestrebungen an sich müßen ja, selbst bei ungünstigstem Ausfall solcher Untersuchungen nicht berührt werden, wohl aber müßten die zu beschreitenden Wege, eventuell auch ein etwa gestecktes Ziel geändert werden. Wie wichtig es" Sein, kann, bei der Verpflanzung von Volksteilen in andere Länder öder in einen anderen Wirkungsbereich auf Klima und auf körperliche Befähigung Rüdesicht zu n ehmen, zeigen z. .B. die Degenerationsersteheinunrgen der 'Engländer in Indien, der Ausfall mancher Herrimungen bei allen Weißen, die längere Zeit in den Tropen weilen, das Aussterben der Indianer beim Zusammentreffen mit unserer Zivilisation und viele -andere Beispiele. Wir AviSsen auch, daß die Palästinakolonisation bei der Verwendung von jemenitischen Juden auf deren körperliche Mindertaugiiehkeit Rücksicht nehmen muß. Anderseits müssen auch die An:prüche auf Tempo und Maß der kommenden Entwicklung der geistigen frage gestreift werden wird und ohne daß die Juden selbst dazu in Avirkungsvoller Weise werden sich äußern können. Nämlich bei Behandlung der galizischen Frage. Die. Löwensteins und Diamands werden ihre das Judentum ausliefernde Tätigkeit fortsetzen, Kuranda und Ofner werden schweigen und der eine Dr. Straucher wird sich vergebens abmühen. . Und doch steht heute die jüdische Frage im Vordergrund der Geschehnisse. Die Ereignisse in Rußland rufen Millionen yon Juden auf den politischen Kampfplatz, die Entwicklung in Polen und Galizien bezieht sich auch auf jüdisches Leben. Schon steht die Emanzipation der Juden Rumäniens zur Debatte und die Entente malt die Fata morgana des autonomen jüdischen Landes auf die Weltkarte. Ahnen die Regierungen, mit denen Avir zu tun haben, etwas von dem, was in der jüdischen Seele vorgeht, Avenn sie solche Worte vernehmen? Wir zweifeln daran, denn sonst würden viele niedrige Beschimpfungen des Judentums nicht gestattet Averden, Sonst würde der antisemitischen Schandpresse ein Riegel vorgeschoben werden, sonst würde man in der Behandlung der Drückebergerei etwas gleichmäßiger Vorgehen und nicht immer mit den zehn armseligen Rabbinatskanditaten herumhausieren. Ahnt irgend einer der verantwortlichen Funktionäre des Staates etwas von; der grenzen'osen Verbitterung, die alle jüdischen Kreisefe rgriffen hat. die sich nach drei Jahren entsetzlicher Blutopfer, schwerer Verelendung vor dem blutigsten Haß sieht? Wir zweifeln daran, denn dergesunde Menschenverstand muß doch an Bismarcks Wort denken, daß irgendeinmal doch die Fenster bezahlt werden müsfseh, die eine gewissenlose Presse einschlägt. Wehn es je so etwas wie jüdische Politik gegeben hat, so war es eine Politik der Passivität. Aber was m der Zeit der Scheiterhaufen und Pogrome vielleicht richtig, was in der Zeit des Hilsnerrum'mels angezeigt “war, ist es heute nicht mehr, wo die Demokratie ihren Siegeszug ait- und körperlichen Brauchbarkeit der als Objekt gegebehen Juden angfepaßt werden. Darum erscheint es wohl angezeigt, diese körperliche und geistige Brauchbarkeit zur allgemeinen Kenntnis zu htringen, um zu hochgespannte Erwartungen, aber auch um unnötigen, Pessimismus möglichst auszuschalten. Dies Aviürde aber die völlige "Erschließung der physiologischen Wissenschaft über die Juden und speziell über deren Verhalten in europäischen und außereuropäisdien Siedlungen voraussetzen, wovon aber noch" lange keine Rede sein kann. Ueber die Juden in der europäischen Diaspora liegen ja einzelne Aeußerungen von Fachgelehrten vor; besonders die Psychiater verweisen in einzelnen Lehrbüchern auf bei Juden häufig auftretende Erkrankungen, besonders degenerativer Formen. Auch Internisten und Chirurgen pflegen "darauf zu sprechen zu kommen. Das diesbezügliche Material ist jedoch nicht gesichtet und harrt noch kritischer Zusammenstellung. Besser informiert sind wir durch die ArbCiteii von Teilhaber und R u p p i n über die anthropologische Einordnung. Einzelne Referenten der ersten Zionistenkongreße streifen diese Fragen ebenso, endlich existiert noch eine längst verschollene Monographie: „Die häufigsten Krankheitserscheinungen der Juden“, in der Dr. Martin Engländer (Wienj die landläufigen Anschauungen über die umschrieben; Frage zusammenzustelien sucht. Meine Aufzählung erhebt keinen Anspruch auf Vollzähligkeit, da mir hier im Fefde die Literatur nicht zugänglich ist, ich mich darum einzig und allein auf mein Gedächtnis verlaßen muß. Ueber das außereuropäische Verhalten der tritt und auch von der Weichsellinie nicht gehemmt werden wird. Das Judentum wird sich zur Politik der Aktiv ität bekennen müssen, wenn es den Willen zum Leben hat. Das Judentum hat eine innere und eine äußere Politik zu treiben. Die äußere besteht darin, in Verbindung mit den Brüdern auf der ganzen Welt intensivsten Zionismus, kolonisatorisch Aveitblikkende Arbeit in der jüdischen Heimat zu betreiben. Die innere Politik besteht in der Aktivität in den bisherigen Wohnländem. Wenn nicht wir für uns sorgen wer tut es denn sonst? Wenden wir uns der Frage zu, wie wir z. B. in Oesterreich aktive Politik betreiben sollen? Die Frage ist sicherlich schwierig. Niederösterreich ist anders als Böhmen, Wien anders als Lemberg. Die Steuerkraft des Judentums ist in Wien oder TeLplitz oder Brünn weit höher als etwa in Tarnopol oder Radautz. Aber wie wäre es, wenn wir .Juden diese Fragen öffentlich diskutieren würden? Wenn, sagen wir, der jüdische National verein (da ja die Kultusgemeinde Wien rettungslos schläft) von der Regierung die Einberufung einer jüdischen repräsentativen Versammlung erbitten würde, die, aus dem allgemeinen gleichen Wahlrecht hervergegangen, uns ein innerpolitrsches jüdisches Programm schaffen Avürdc? Die elementare I.ogik des jüdischen Nationalismus würde darin über all die leisetreterische Diplomatik siegen, die in aller Betätigung der assimilatotorischen Instinkte vergessen hat, daß Politik endlich un:l schließlich die Ausführung einer politischen Idee ist. Und die politische Idee des Judentums ist: Leben, ist der Zionismus. Bekennen wir uns erst einmal zu dem Programm der Bejahung, zum jüdischen Vo'k, geben wir es auf, Allerweltsdoktoren zu sein, sorgen wir für uns und nur für uns — dann kann das große jüdische Volk, das ’äuserwählte, das über alle Völker gesiegt hat durch die Passivität seiner Leiden, zum eigen n Leben am eigenen Herd gelangen. Julius L ö w v. Juden in physischer und psychischer Beziehung ist die Literatur ebenso spärlich. Außer einigen Aufsätzen in „Altneuland“ urr.l „Palästina“ ist mir .nur noch ein leider unpubliziert gebliebener Vortrag Aron Sandlers in den Palästina-Kursen des Vereines „Theodor Herzl“ in Wjen, etwa 1910, erinnerlich. Ein sicherlich umfangreiches Material liegt, durch den Krieg noch ungehoben, Sn. den Aufzeichnungen' "ues ’hvgienftschen Institutes und der verschiedenen Spitäler in Palästina. Als Beitrag zu den noch Notwendigen, umfassenden Untersuchungen will ich versuchen, ein Bild, besser ein Negativ, von dem Gesundheits- * zustande, der Ostjuden zu entwerfen, wie es sich mir selbst geboten hat. Dabei kann es nicht im Rahmen dieser Arbeit liegen, wissenschaftlich exaktes Material herbeizuschaffen, da die allzu mobile Tätigkeit während des Krieges in verschiedenen jüdischen Siedlungen statistische Verläßlichkeit unmöglich macht. Es ist vielmehr ein Versuch, subejktive Eirdrücke aus al'erdings großer Judenpraxis eines Arztes und Beraters mitzuteilen, der unk.-r enierem auch als Leiter eines jüdischen Zivi’spitales in e’itcr okkupierten Stadt des russischen Kriegsgebietes mit allen Kreisen der über 20.000 Seelen betragenden Bevölkerung dieser Stadt in innige Berührung kam. Die Konsultationen erstreckten sich, da in der Stadt zum überwiegenden Teile Juden zurückgeblieben waren, hauptsächlich auf diese und erreichten damals eine tägliche Höchstziffer von 120, sanken jedoch ' niemals unter 80. waren allen Kranken zugänglich, beschäftigten sich jedoch fast gar nicht mit geschlechtlichen und nur wenig mit Augen- Ohne Verbreitung der Presse, Kein Wachstum Oer Partei!