Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 18 (4.5.1917)
- Date
- 1917-05-04
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 JOÖISCHE 2E1TUNÖ Seite 3 Tempelvereinc in opferwilliger Weise erleichtert wird. Soweit wäre die Kultusgemeinde mit dem Wirken den Tempelvereine völlig einverstanden. Sie unterstützt sie nach dieser Richtung, wenn auch nicht ausreichend und willig, weil einzelne unserer Kultusvorsteher, mehr aber-noch die obersten Funktionäre der. Kultustempel, in dem1 Aufblühen der Vereinstempel eine Ablenkung von den Kultusgemeindetempeln erblicken, durch welche ihnen ein Abbruch, in'ihren Nebenbeziligen erwächst. Es macht; sichdies insbesondere bei Trauungen und Begräbnissen fühlbar, zu welchen statt der Kultustempel-Funktionäre jene der Vereinstempel berufen werden, welche die Parteien und deren Eigenschaften und Verhältnisse zumeist aus dem1 persönlichen Verkehr kennen, und demnach die Funktionen den tatsächlichen Verhältnissen anpassen können,,.'was &et den fernstehenden Funktionären der Kültustempel zumeist nicht der Fall ist. Von -den bestehenden Tempelvereinen haben es zwei, unter Aufbringung großer,- nicht ganz einwandfreier Opfer (sie haben ihre Pensionsfonde und einen, Teil der Renten aus Stiftungen als Darlehen in Verwendung genommen) , vorgezogen, ihr "Budget ohne Inanspruchnahme einer Subvention der. Kultusgemeinde, vollständig zu bestreiten, indes die änderen Tempelvereine um sich keine Schulden aufzubürden, die Mr.tleistung der Kultusgemeinde in Anspruch nehmen. Es erweist sich jedoch als berechtigte Notwendigkeit, .daß allen Tempelvereinen voflentsprechende Subventionen zugewiesen werden, damit die bisher nicht subventionierten. Vereine in die Lage kommen, ihre Pensions- und Stiftungsfonde zu refundieren und tatsächlich zu besitzen. Es gibt aber außerdem eine ganze Reihe wichtiger, zum Teile sehr aktueller Fragen-, welche die Tempelvereine -gemeinschaftlich zu beraten und zu lösen hätten. Darin aber Finden die Tempelvereine weder Aufmunterung noch Förderung seitens des Kultusvorstandes, welcher in dem engen Zusammenschluß der Tempelvereine eine Gefährdung seiner Autorität befürchtet in diesem Zusammenschlüsse einen „Staat im' Staate“ erblickt und ihn nach .dem Leitsätze: „divide et impera“ zu verhindern trachtet. Gewiß vollständig zu Unrecht! Bilden doch die Vorstände und Mitglieder der Tempelvereine in ihrer Gesamtheit jenen Kern der jüdischen Bevölkerung, welche getreu-der Ueberlieferung ihrer Eltern den Kultus bflegen;und (fördern wollen, Diese in erhöhtem1 "Maße als Mitarbeiter zur Seite zu haben, sollte das erstrebenswerte Ziel des Kultusyorstandes sein. Wir sehen aber Schon in der Institution der B e 'z i rk skom m i s s i o« nen, deren Mitglieder-zumeist den Tempelvereinen entnommen sind, daßdiese . mit -Ausnahme 'von 'SteüereinsehätzimgettVin Tthren sBezirkem zu anderen Beratungenin 'der*- Kultusgemeinde avdht, oder doch nur in den seltensten - Fällen herangezogen werden. Welche segensreiche Tätigkeit. aber könnte diese, alle 21 Bezirke umfassende Kommission in jedem einzelnen. ihrer, den Mitgliedern' wohlvertrauten Bezirke entfalten., Angesichts des jetzt voraussichtlich nahen .'Ende des Weltkrieges, der es uns Juden ermöglichen soll, uns von den Fesseln, welche uns durch die 30jähri?e, rücksichtslose Willkürherrschaft der antisemitischen Machthaber endlich zu befreien, und unsere'Rechte, die uns djarch die Staatsgründgesetze verliehen wurden, keine Sonderrechte; wieder zu erlangen'. Franz Frankl, Schriftführer-Vorstand des Tempel-: Vereines Wien; derzeitiger Schriftführer der Bezirkskommission für den IV., V., Xi Bezirk. Aus der jüdischen Presse An der Spitze des Heftes 13 der „Neuen Jüdischen Monatshefte“ schreibt Franz Oppenheim'er neuerdings und zwar deutlicher-denn je über „Nationale Autonomie für die Ostjuden“. Wir haben schon einmal erklärt, daß wir uns mit seinem Standpunkt nicht befreunden können. Soweit er dafür eintritt, sorgfältig zwischen territorialer und' personaler Autonomie zu scheiden, ist nichts einzuwenden. Aber in der praktischen Anwendung der letzteren geht er aus Gründen -politischer Opportunität viel weiter, als wir im1 Interesse des jüdischen Volkes wünschen können. Es ist nicht, neu, daß. Oppenheimer die Zugehörigkeit zu einem Volk in ethnischem Sinn überwiegend von der Sprach- und Kulturgemeinschaft abhängig-sieht. Demnach wären wir Westjuden keine nationalen Juden. -Aber schon erhebt , sich bei Oppenheimer selbst ein Widerspruch, indem er für die Bestimmung der Nationalität im' Sinne des Prinzipes der personalen Autonomie die Willenserklärung des Einzelnen entscheiden läßt. Das allein kam aber nicht ausschlaggebend sein. Es muß möglich sein, . auch objektive .Maßstäbe in dieser Frage zu finden, und für uns Juden sind sie, ungeachtet aller theoretischen und kompromißlüstemen Einwände damit gegeben, daß Abstammung, und Religion oder eines von beiden ausreichend und einwandi frei die jüdische Nationalität bestimmen. Den Beispielen Oppenheimers! Tassen sich gerade aus dem Ostein ünd Südosten Europas' Parallelen anführen, wo Glaubensgemeinschaft und Ethnos sich so1 decken, daß man von demeinen Merkmal auf das. andere schließen kann. Wer also mit deri Juden im Religionsverb an efe bleibt, muß es 'sich gefallen lassen, wenn ihn 'der objektive Gesetzgeber auch der jüdischen'Nationalität zurechnen wird. Wir verzichten nur auf die, deren Willenserklärung'durch den Austritt aus dem Judentum' deutlich wird. Kreise dagegen, die sich der Konfession ‘nach als Juden, der Nationalität nach als Nichtiuden 'erklären, sind Fermente, die auf unseren Volkskörper, wegen ihrer Anmaßung in Zukunftsfragen •mitsprechen iu wollen, nur zersetzend wirken können. Oppenheimer steift mit bestechlicher Logik den Typen der Deutschen und Polen mosaischer Konfession das Rückgrat. Seine 'Konstruktionen sind wissenschaftlich anfechtbar und als Vorschläge für die Ordnung der nationalen Verhältnisse in Oesterreich und Polen wie Rußland unannehmbar. Literarische Nachrichten Das 13. Heft der „Neuen jüdischen Monatshefte (Einzelheft 40 Pfennig) enthält folgende Aufsätze: Dr. Franz Oppenheimer, Nationale Autonomie für die Ostjuden; Prof. Dr. L. v. Wiese, Deutschtum und Judentum; E. Schall a d, Sterblichkeit der Juden in Wilna in den letzten fünfeinhalb Jahren; Z. F. Fin-keIstein, S. S. Frug; Prof. H. Cohen, Streiflichter über jüdische Religion und Wissenschaft; Dr. Ad. Friedemann, Die Polnischen Blätter und die Judenschaft; außerdem Umschau und Literaturgeschichte. Wie arbeitet man für die Jüdische Zeitung? Der Bestand einer gut. geleiteten, weit verbreitetet Presse gehört zu den wesentlichsten Bedingungen für den Fortschritt einer Bewegung. Dieser Satz, -platt wie nur irgendeine Binsenwahrheit, ist zwar von unseren Gesinnungsgenossen als giltig anerkannt; handeln sie aber darnach? Wir werden nicht müde werden, ihn noch mehr zu unserem1 als zu ihrem Ueberdruß zu wiederholen, so lange, bis sie den Beweis dafür erbringen, daß sie an ihn glauben. Wiewohl sich aus jeder ordentlich geführten Arbeit die Organisationswege von selbst ergeben, wollen wir, um dem guten Willen, den wir voraussetzen, zu Hilfe zu kommen, auseinandersetzen, wie man für die Jüdische Zeitung arbeiten kann — .und muß. Worauf kommt es zuvörderst an? Auf eine Erhöhung der Abonnentenzahl. Zur .Werbung . stehen jedemunserer Freunde entsprechende Drucksorten gerne zur Verfügung. Wir schicken sie auf! Verlangen franko zu. . Ihrer kann der Abonnentensammler nicht ent- - raten, da mart bekanntlich das Eisen schmieden muß, so lange es warm ist. .... ytfir geben aus: B.e s,t e 11 k.a r t e n, die un- - flankiert in. den Postkasten geworfen werden können; Legitimationen für Vertrauensleute, damit sie den Bezugspreis, ohne Mißtrauen zu begegnen, einkassierett können; Empfangsbestätigungen zur Quittung des in Empfang genommenen Geldes; Posterlagscheine hir die kostenlose Absendung ' dec Beträge an die Geschäftsstelle. Für die Vereine haben wir B ezugskarten in Anlehnung an die Lebensmittelkarten berstellcn lassen, die allgemein viel Beifall finden und mit Erfolg benützt werden. Sie •dienen zur monatlichen Einhebung des Abonnements bei den Mitgliedern, bilden gleichzeitig für den Abonnentensammler durch Abtrennung der Abschnitte eine Art Kartothek und kontrollieren die Abnehmer unseres Blattes wie die eigene Tätigkeit. Jeder Sendung von Bezugskarten liegen zum Ueberfluß Merkblätter bei, obgleich die Sache keinen Zweifel für die Art der Benützung aufkom'men läßt Wichtig ist es, immerfort zu betonen, daß vor allem anderen die Werbung bei den Zionisten selbst einzusetzen hat. Unter zehn Gesinnungsgenossen, die Zusammenkommen, sind sieben oder acht — so darf man getrost annehmen — nicht auf die Jüdische Zeitung abonniert. Das ist ein ungesunder 'Zustand ohne Beispiel, wie jedermann zugeben muß, wenn man die Zahl der Zionisten in Oesterreich an den Eingängen. für den Jüdischen Nationalfonds misst, der in der Tat ein Volksfonds ist weil auch die Zahl der Spender außerordentlich groß ist. Systematik ist also vor allem anderen von Nöten. Deshalb beginnt man erst dann bei ferner stehenden Personen mit der Agitation für die Jüdische Zeitung, bis der Kreis der erklärten Gesinnungsgenossen »fchts mehr zu tun und zu wünschen übrig läßt Es genügt vollkommen, die Zionistenschaft Oesterreichs zu Abnehmern zu haben, um1 unser Parteiorgan zu einem geschätzten Insertionsblatt für die Geschäftswelt zu machen. Und da sich die Reklame für die Auftraggeber gut verzinst und gut bezahlt Jwird, jwürden ims diese Mitteln die Möglichkeit geben, die Jüdische Zeitung .nach den Wünschen unserer Parteigenossen, die unsere eigenen sind, auszugestalten. ' Alle Arbeit steht in unmittelbarer Wechselwirkung. Dafür ein Beispiel. Auch unter Gesinnungsgenossen wird die Anhänglichkeit an ihr Parteiblatt desto mehr steigen, je erschöpfender die Berichterstattung über Vorgänge ist, die sie interessieren. Wir ersuchen daher höflich jedermann, insbesondere unsere : schreibkundigen Gesinnungsgenossen, uns .Beiträge zusenden, von denen wir angemessenen*Gebrauch machen werden. Niemand darf voraussetzen, daß wir von anderer Seite unterrichtet werden, ln Frage kommen erstens Korrespondenzen über die Stellung der nichtjüdischen Parteien zu jüdischen Angelegenheiten; Auszüge aus der lokalen Presse, wenn sie Artikel oder Notizen enthalten, die uns angehen; zweitens Tatsachen und Meldungen von Ereignissen im jüdischen Leben; drittens Besprechung und Diskussion jüdischen Fragen, worunter wir auch zionistische verstehen; viertens kurze Inhaltsangaben von Vorträgen, Ankündigungen von Veranstaltungen, Wiedergabe von gefaßten Beschlüssen, Ausfall von Wahlen, Personalien. Jeder kann an der Entwicklung unseres Blattes teilnehmen. Wir wollen nicht verschweigen, daß in den ersten drei Monaten des Jahres 1917 ein Teilunserer Erwartungen jn Erfüllung gegangen ist. Allerdings nur ein Teil. Als Ansporn diene zur Kenntnis, daß ein Gesinnungsgenosse in einer Stadt binnen zwölf Wochen, ohne sich, wie er sagte, besonders angestrengt zu haben, die Zahl der Abonnenten von fünf auf etwa neunzig zu erhöhen wußte. Keiner der Gesinnungsgenossen hatte sich geweigert, seiner Verpflichtung gegen das Parteiorgan nachzukommen, es hatte nur des persönlichen Zuspuchs bedurft. Auf, Gesinnungsgenossen! Wo Ihr seid, an die Arbeit! Die Geschäftsstelle. Aus der jüdischen Welt Ein wichtiger Erlaß des preußischen Kultusministers. Herr Trott zu Solz erließ am 17. März folgendes Rundschreiben an die Provinzialschulkollegien: Auf mir'vorgetragenen Wunsch1 will fch in Erweiterung meines Erlasses von} 2-1. Januar 1917 genehmigen, daß die Urteile der jüdischen Religionslehrer über die Leistungen der ihren Unterricht besuchenden Schüler (Schülerinnen) an den höheren Lehranstalten, für die jüdischer Religionsunterricht mit Genehmigung des Königlichen Provinzialschulkollegiums besteht, unmittelbar in die regelmäßigen Schulzeugnisse, sowie in die Abgangs-, Schluß- und Reifezeugnisse aufgenommen werden, so daß es der Beifügung eines besonderen Zeugnisses des Religionslehrers und des ausdrücklich ausgesprochenen Wunsches der Eltern dazu nicht bedarf. Ein Zeugnis des Kaisers {über jüdische Pflichterfüllung. wie wir. dem „Egyenlöseg“ entnehmen, zeichnete der Kaiser beim Cercle anläßlich der jüngsten Empfänge in der Ofner Hofburg nahezu sämtliche Mitglieder der jüdischen Huldigungsdeputationen durch besondere Ansprachen aus. Der Kaiser erkundigte sich bei den Erschienenen über die Verhältnisse in ihren Gemeinden, über die Zahl der eingerückten Gemeindemitglieder und über die von uen Gemeinden ins Leben gerufenen Kriegsfürsorgeaktionen. "Zu Dr. Franz Mezei äußerte der Kaiser: „Ihre Konfession hat der Krieg in großem Maße in Anspruch genommen. Es sind, nicht wahr, viele eingerückt? Als Dr. Mezei hierauf antwortete: „Jawohl, Majestät! Die ungarische Judenschaft und alle ihre Faktoren waren in diesen schweren Zeiten bestrebt, ihre Pflichten dem König und dem- Vaterlande gegenüber zu erfüllen“, erwiderte der Kaiser mit folgenden bedeutsamen Worten: „So ists, ich weiß es. Auch an der Front haben sie immer ihre Aufgaben treu erfüllt und erfüllen sie noch, fch danke ihnen im eigenen Namen und im Namen der Arjpee“. Aus dem deutschen Parlament. Im Hauptausschuß des Reichstages führte ein Sozialdemokrat aus, daß trotz der feierlichen Erklärungen sogenannte Judenzählungen stattgefunlen hätten, auch über eine differenzielle Behandlung der Juden lägen 'Mitteilungen vor. Der Redner führte Beschwerde über Beleidigungen gegen einzelne Juden sowie gegen die ganze Konfession. Ein Redner der Fortschritt). Volkspartei meinte, das Kapitel des Antisemitismus in der Armee sei sehr unerfreulich. Das Kriegsministerium antworte nicht in richtiger Weise auf Beschwerden von Abgeordneten. Der Redner führte einzelne Fälle von Nichtbeförderung tüchtiger und sogar dekorierter jüdischer Soldaten zu Offizieren an. Der Kriegsminister habe als Staatsminister die Pflicht, der Verfassung zur Durchführung zu verhelfen. In ■■der Kadettenanstalt habe man Mohammedaner und Buddhisten aufgenornmen. da dfk'fe hian .doch Juden nicht abweisen. Der Kriegsminister erwiderte, es seien sehr viele jüdische Offiziere ernannt worden, sodaß von einer grundsätzlicähen Versagung nicht die Rede sein könne. Den vorgetragenen Einzelfällen werde nachgegangen werden. Ein konservativer Abgeordneter bemerkte, gegen die Ernennung jüdischer Offiziere sei nichts einzuwenden, jedoch müsse ‘die Selbstständigkeit der Kommandeure in der Auswahl geeigneter Persönlichkeiten gewahrt bleiben. Dr. Paul Nathans Aufsatz über die jüdische Lage in Polen im „Berliner Tageblatt“ und sein Briefwechsel mit Graf Adam Ronikier haben in Warschau lebhaften Widerspruch hervorgerufen. Weitere jüdische Kreise — außer den frohlokkenden Assimilanten und den Politikern der Agudas hoortodoxim — lehnen diese aufdringliche Einmischung in die jüdischen Verhältnisse Polens aufs Schärfste ab. Man ist ungehalten darüber, daß Außenstehende sich Dinge anmaßen, die ihnen nicht zustehen, 'besonders, da dadurch nur