Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 18 (4.5.1917)
- Date
- 1917-05-04
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4;JÜDISCHE 2EITUN0 Nh 18 Unheil und eine Verwirrung der Lage angerichtet werden können. Diese Stimmung spiegelt sich in den Betrachtungen der jüdischen Blätter wieder „Haint“ wundert sich, wie Dr. Nathan nadi einem Aufenthalt von einigen Tagen in Warschau, während dessen er mit Nathanson und noch einigen „guten Juden“ ähnlichen Schlages Unterredungen hatte, gleich darauf einen Artikel in einer deutschen Zeitung veröffentlicht — als Kenner der Ostjudenfrage. Das „Volk“ stellt sich ebenfalls solchem Verfahren entgegen, das nur Aufregung und Verdruß in jüdischen Kreisen verursacht hat. Aus denf okkupierten Teil Galiziens. Ein russischer Schriftsteller, der in den okkupierten Gebieten Galiziens und der Bukowina tätig war, hat sich schriftlich an den Fürsten Lwow und an Miljukow gewandt, indem1 er die schlechte Lage der dortigen Bevölkerung, besonders der Juden, schildert, dje unmenschlicher Behandlung von Seiten der russischen Behörden ausgesetzt waren. Die Juden wurden aller Rechte < beraubt, die sie als österreichiscöhe Untertanen genossen. Man hat sie aus ihren Diensten entlassen, ihr Gut und Gold konfisziert, ihre Synagogen zerstört, und aus vielen Städten und Dörfern die ganze jüdische Bevölkerung vertrieben. Der Verfasser .des Afemorandums ersuchte ftiun die provisorische (Regierung, etwas zu tun, um1 die Stellung der Juden zu verbessern. Darauf wurde der bekannte liberale Politiker Fürst Paul Dolgoruki zum Generalgouverneur von Galizien ernannt Ein neues jüdisches Hilfskomitee in Polen. Der in Warschau erscheinende „Moment“ berichtet, daß soeben die Statuten eines jüdischen Zentral-Hilfs-Komitees verfaßt wurden, dessen Tätigkeit sich auf das ganze Königreich Polen erstrecken soll. Dieses Komitee setzt sich nicht bloß Philanthropie zum Ziel, sondern es -wird auch eine ausgedehnte wirtschaftliche Tätigkeit entfalten; insbesondere will es der Jugend eine praktische industrielle. Erziehung geben. Das Hilfskomitee wird sich gleichfalls “mit dem Neuaufbau der zerstörten Gemeinden befassen. Verweigerte Staatsunter&tützrng. Wie in der Nummer 13 der „Jüdischen Rundschau“ mitgeteilt wurde, hatte der Stadtrat in Warschau einen' Beschluß gefaßt, auch solchen jüdischen Reservistenfraufcn, die keine standesamt'ichen Trauscheine beibringen können und »mr über religiöse Zeugnisse verfügen, die Regierungsunterstützung zu erteilen. Trotzdem 'wird de facto bis jetzt diesen jüdischen Reservistenfrauen die Regierungsunterstützung nicht erteilt. Wie mitgeteilt wird, soll sogar den wenigen jüdischen Reservistenfrauen, die ausnahmsweise bis jetzt solche Unterstützung erhalten haben, sie nunmehr entzogen werden Vom jüdischen Zeitungswesen. Laut, deutschen^ Blättern erscheinen im Generalgouvernement Warschau 144 Zeitungen in verschiedenen Sprachen. Die jüdische Presse beteiligt sich an dieser Zahl mit 6 Tageszeitungen „Moment“, „Haint“, „Das jüdische Wort“ in Warschau, „LodzeryVolksblatt“, „Lodzer Tageblatt“ und „Czenstochauer Tageblatt“ und 4 Wochenschriften: die hebräische „Hazefirah“, „Das jüdische Volk“, „Das Volk“, Organ. der „Volksgruppe“ und endlich die vom „Bund“ herausgegebenen „Lebensfragen“ und das pädagogische' Journal „Schule und Erziehung“, alle in Warschau erscheinend. Henryk Giizenstein, der bekannte jüdische Bildhauer, der .'sich seit Beginn des Krieges in Polen aufhält und sein Atelier nach Warschau verlegt hat, veranstaltet gegenwärtig eine Rundreise durch die größeren und kleineren Städte Polens, um jüdische Kunstgegenstände ausfindig zu machen. Auch wird ölitzenstein die Friedhöfe zum Studium der Grabinschriften besuchen. Dr. Ludwig Zamenhof, der Begründer des Esperanto, ist vor kurzem jm" Alter von 57 Jahren in Warschau gestorben. Geboren in Bialystok, trug er sich schon als Student mit dem Gedanken einer Weltsprache. 1887 gab er seine Broschüre, unter dem Pseudonym1 Dr. Esperanto heraus, die seine Ideen nach allen Ländern verbreitete^ Ueber 30 Zeitschriften erscheinen in der Esperantosprache .— Zamenhof war M,itbegiünder des Warschauer Chowewe Zionvereins und Anhänger der zionistischen Idee. Ein jüdisches Reiterregiment Die bulgarische Armee zählt unter ihren Truppenverbänden ein freiwilliges Kavalleriekorps, in das. nur Juden aufgenommen werden. Die bulgarische jüdische Jugend betrachtet es als eine besondere hohe Ehre und Auszeichnung, diesem Reiterkorps anzugehören, denn es hat bereits eine ruhmreiche kriegerische Vergangenheit. Dieses jüdische Kavallerieregiment rettete im1 Jahre 1885 anläßlich des serbisch-bulgarischen Krieges die bulgarische Armee vor dem sicheren Untergange. Die bulgarische Armee zählte damals' kaum 15.000 Mann. Die serbischen Truppen bedrängten das bulgarische Heer, das schon Bereit war, die Flucht' zu ergreifen, als in der höchsten Not die jüdischen Reiter die Serben überfielen und zum Rückzuge zwangen. (Jüd. Volksztg.) ’ Eine große Versa/ranlung der Vertreter der jüdischen Gemeinde Petersburg fand statt, um die Abschaffung der einschränkenden Bestimmungen für die Juden zu feiern. Es wurde beschlossen, einen Gleichheitsstempel sowie ein internationales Institut zum Studium der jüdischen Probleme errichten. Während der Versammlung wurde über 1 Million Rubel gesammelt. Der Kampf der russischen Antisemiten gegen, das neue Regiment. Die Antisemiten haben an mehreren Orten, namentlich im Südwesten (Kiew, Podolien, Poltawa) versucht, die Revolution durch die Entfachung einer Judenhetze zu beeinträchtigen; auch in Petersburg wurden derartige Versuche unternommen, ln Odessa wurde deswegen die Polizei. aufgelöst, nach Olwiopol: (Cherson) entsendete der Petersburger Arbeiterrat sogar Truppen, .um eine dort drohende Pogromagita-' tion zu verhindern. Viele reaktionäre und antisemitische Zeitungen haben ihr Erscheinen eingestellt. Alle antisemitischen Demonstrationen werden von der Regierung unterdrückt. Der Gleichberechtigung der russischen Juden im Heere stellen sich, nach einer Meldung der „Rjetsth“, viele Hindernisse entgegen. So besäßen die neu ernannten jüdischen Offiziere gegenüber den Mannschaften keine Autorität und seien sogar von diesen mißhandelt worden. Denn tief ist der jahrelang eingeimpfte . Antisemitismus in jedem einfachen Soldaten verwurzelt. Das Blatt rät daher, vorerst, sei auch der Andrang der jüdischen Studenten sehr stark, keine jüdischen Offiziere mehr,\ zu ernennen. „Rjetsch“, das Organ Miljukows, bringt hier eine sonder- . bare "Nachricht, denn , bei der jetzigen Anarchie werden sicher auch christliche Offiziere .mißhandelt werden. Man merkt die Absicht des. Blattes. Die Dienstpflicht . der russischen Juden in England.1 Die Bewegung gegen die nicht ins Heer eingetretenen russischen Juden in England nimmt imiper mehr zu und artet zu einer gefährlichen antisemitischen Hetze aus. Nachdem' fiunmehr das Gegenargument des politischen Zustandes der Juden in Rußland entfiel, wird auch erwartet, daß gegenüber den russischen Juden dieselbe Haltung bezüglich der Dienstpflicht ekigelialten werden wird, al9 gegenüber den anderen Untertanen der allierten Lander.- Es wird von ihnen verlangt werden, entweder in die russischen oder englischen Armee einzuteeten. Aufruf der jüdischen Dumäabgeordneten. Die jüdischen Dumäabgeordneten erließen einen Aufruf „An das jüdische Volk in Rußland“. In ihrem ‘Aufrufe appellieren die Deputierten an die Vaterlandsliebe der russischen Juden, die sich auch in den Zeiten des unterdrückenden Zarismus bewährt habe. Die russischen Juden bätten nun die Pflicht, wie ein Mann hinter der provisorischen Regierung Zu stehen, Idie vondem’ aufrichtigen Wunsche beseelt ist, die Befreiung der Juden voll und ganz durchzuführen. Die Juden werden er- .mahnt, eine großzügige nationale Organisierung der Volkskräfte vorzunehmen, um'die errungene Freiheit zürn1 Wohle des Judentums und Rußlands ausziinützen. DasVaterland durchlebt jetzt eine Stunde, der Gefahr undes. ist Pflicht der Juden Rußlands, jmit Out und Blut sich Tür. ihr Vaterland einzusetzen. . ' Finnland Setztseine alte Judenpraxis fort? Der HauptaussChuß des JüdisCh-Sozialistischen Bundes in Petersburg hat an den Hauptausschuß der finnländischen sozialdemokratischen ' Partei und an Ctie sozialdemokratische Fraktion des finnländischen (Landtages gedrahtet, die Juden erwarten von der Sozialdemokratie Finnlands ein Eintreten für die Aufhebung der RechtsbesChrähkungen und die Einbringung eines entsprechenden. Antrages im1 finnländischen Landtage. Das Blatt des Petersburger Arbeiterrates ..Iswestia“ tadelt es, daß die finnländische Verwaltung gerade in den Tagen der Revolution alle Juden äus den finnischen 'Badeorten auf Grund früherer Verordnungen ausgewiesen -hat, und sagt, es werde, ■ein Schandfleck für Finnland bleiben, daß es diese Gesetze nicht gleich' nach der Revolution abgeschafft habe. Zionistische Bewegung Ein zionistisches VoTksmeeting fand am Schekeltag Jn Lodz statt, an demüber 1500 Personen * teälnahmen. Der erste-Redner,' Dr. J.. Rosenblait, steUte als die Aufgabe der zionistischen' Organisation in der heutigen Zeit dar, darauf hinzuarbeiten, daß der Friedenschluß den Juden außer den bürgerlichen aiich die nationalen/ Rechte garantiere. M. J. Freud aus1 Warschau wies auf die Bedeutung' des Schekels hin. Die zionistische Arbeit gelte - allen Schichten des jüdischen Volkes. Pflicht der Zionisten im Golus und besonders der Jugend sei es, sich im Golus auf ihre Tätigkeit in Palästina vorzubereiten. Der Journalist Hartglaß aus Siedlce betonte die . Notwendigkeit, nationale Rechte zu fordern, die die Pflege jüdischer-Eigenart ermöglichen. Durch, die französische Revolution haben die Juden nur die allgemeinen Menschenrechte, nicht nationale Rechte erhalten. Das Schlußwort erhielt Herr . J. Dawidowi ts ch aus Warschau, der ‘über die Regulierung des öffentlichen Lebens der polnischen Juden sprach und dabei folgende Resolution in Vorschlag brachte: „Da die Juden als besondere Nation mit einem ausgesprochenen Willen ihrer nationalen Fortexistenz das Recht haben, Garantien für die freie Entwicklung ihrer eigenartigen nationalen Kultur zu fordern, stellt die Versammlung vom 10. April 1917 im Konzertsaal in Lodz fest, daß, während die Regulierung der Judenfrage und die Erhaltung des jüdischen nationalen Organismus nur durch die Schaffung einer ständigen jüdischen Siedlung in dem' historischen’ Vaterland der Juden möglich ist, im Golus, besonders in den Ländern mit einer großen jüdischen Bevölkerung, die Rechte der Juden als.nationaler Minderheit anerkannt wer-, »den müssen. Es wird daher, gefordert;;1. die Anerkennung der jüdischen Nation in Polen und konstitutionelle Garantien für die Rechte der jüdischen nationalen Minderheit. Zur Sicherung dieser nationalen Rechte eine entsprechende Vertre-1 tung in allen Staats- und Kommunal-Institiitionen wie auch volle Rechte der Selbstverwaltung in allen innerjüdischen nationalen Fragen. Diese Forderungen stehen im’ Einklang mit den Rechten und Pflichten des Staates und entsprechen-seinen Interessen. 2. eine öffentlich-rechtliche Anerkennung von Palästina als Heim für das jüdische Volk und Garantien für eine jüdische Kolonisation in Palästina, die eine weitere freie" Entwicklung ermöglichen.“ Diese Resolution wurde in begeisterter Stimmupg per Akklamation 'einstimmig angenommen. Unter den K'ängen der Hatikwah wurde dar. zionistische Volksmeeting geschlossen. Aus Palästina Einem Berichte des Vereins „L-e m a an’ Z i- 6n“ entnehmen wir: Die Augenklinik des Vereins steht unter der Leitung des in Wien ausgebildeten Spezialisten, Herrn Dr. T i c h o, dem1 mehrere, gleichfalls' in Europa ausgebildete Schwestern unterstellt sind. In ihr wurden während der letzten viereinviertel Jahre nicht weniger'als 439.000 Konsultationen erteilt; das macht durchschnittlich 300 Konsultationen pro Tag. Daß sich diese Zahl in den besonders kritischen Sommermonaten erheblich steigert, läßt sich denken.: Selbstverständlich handelt es sich hier zum beträchtlichen Teile um1 verhältnismäßiggeringfügige 'Maßregeln, wie Pinselungen und dergleichen. Aber auch deren Bedeutung darf natürlich nicht unterschätzt werden, da sie nicht nur der Krankheit . Einhalt gebieten, sondern auch die ärmere Bevölkerung allmählich zur Reinlichkeit, namentlich in der Behandlung von Wunden, und zur Achtsamkeit auf gesundheitliche Dinge, überhaupt erziehen. Indessen stehen neben diesen Maßnahmen eine große Reihe von Operationen. So wurden in den letzten viereinviertel Jahren 1839 große und 2822 kleine Operationen ausgeführt. Das Gesamtergebnis legt. von der Arbeitskraft des Arztes und der Bedeutung:deS Vereins, der jährlich Tausenden das Augenlicht und damit Lebensfreude und Arbeitsfähigkeit rettet, ein ^überwältigendes Zeugnis ab. Von Weiterep gesundheitlichen Maßnahmen des Vereins berichten wir, daß zur Verhütung der Cholera Schutzimpfungen vorgenommen wurden, welche zuweilen an einem1 Tage die Zahl tausend erreicht haben. Die Lymphe wurde von der Kaiserlich Ottomänischen Regierung zur Verfügung gestellt. Hatte der Verein schon immer die Anerkennung der Behörden für seine Tätigkeit gefunden, sö ‘hat der Weltkrieg deren erhöhte Aufmerksamkeit auf das segensreiche Wirken - des Vereins „Lemaan Zion“ gelenkt, da der Verein seine Anstalten den Kriegsminisferien der ottomänischen und" den mit ihr verbündeten Regierungen iur Pflege verwundeter Soldaten zur Verfügung gestellt hat. Zionisten ini Felde Assistenzarzt Dr. Abraham Josef Mayer, A. H. der Ettnunahin Lemberg, wurde für vorzügliche und aufopferungsvolle Dienstleistung vor dem1 Feinde mit dem -goldenen Verdieristkreuze mit der Krone am1 Bande der Tapferkeitsme* daille ausgezeichnet. —. San.-Fhnr. B a r t f e I d hat die kleine silberne Tapferkeitsmedaille bekommen. — Dr. Emil K r a u s, A. H. der „Bar- Kochba“ in Prag, wurde zum Oberarzt ernannt und erhielt das Signum laudis1 am1 Bande der Tapferkeitsmedaille mit den Schwertern. Personalnachricht Am 22, April 1. J. fand in Kostet die Trauung!der Gg. Frl. Frieda'Neu.mann mit Herrn k. u. k. Oberarzt Dr. N. Weigel statt. Ankündigungen Die Studiengruppe des zionistischen Zentralkomitees. für jüdische- Jugenderziehung! beginnt am1 3. Mai: d. J. eine eine Reihe von allgemein zugänglichen Vortragsabenden, die jeden Donnerstag11 um1 8‘Uhr abends in den Räumen der . Suppen- und Teeanstalten der Frau Anitta Müller (Wien, II., Gr. Mohrengasse 5) stattfinden werden. Dem musikalisch-deklamatorischen Abend am1 3. d. M., der von den Kräften des’ „Blau- Weißbundes“- bestritten wird, folgt zunächst am ■ 10. ' d/- M. ein Vortrag 1 des Herrn Dr. Wilhelm1 Stein „Ueber Lesen und' Bildung“. Gäste vvill- ■ kommen.- ■ . .* Berichte und Korrespondenzen ‘ Wien.-Das von. den* Pöalc-Zion in Wien eingesetzte jüdische Arbeiterhilfskömitee gab eine Broschüre in jidischer Spräche heraus; „Staatliche Hilfeleistung für die Einberufenen und ihre Familien“. Die ‘ in einer sehr ’ leichtverständlichen •Sprache abgefaßte und billig beräuiSgegebehe/Broschüre hat das Ziel, den Reservistehfamilieri' die nötige Aufklärung über ihre Rechte zu erteilen.