Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 14 (6.4.1917)
- Date
- 1917-04-06
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE ZEITUNO Seite 3 Nr. Nr. 14 chronik wird diesen denkwürdigen Tag besonders verzeichnen. Nach der Schlacht b6i Lemberg. Die österreichischen Truppen raunten Czernowitz. In früher Morgenstunde erbebt die Stadt. Die Brücken wurden gesprengt. Nun spielen' sich hochdramatische Szenen ab. Polizei und Militär sind abgezogen, die Stadt ohne Telegraph und Telephon, die Wasserleitung ist abgeschnitten. Im Rathaus herrscht große Aufregung. Das Oberhaupt der Stadt, der j ü-d i s c li e ‘Bürgermeister, trifft mit 'bewegter Stimme seine Anordnungen. Es fehlt an Beamten und Arbeitskräften. Er appelliert an Freiwillige. Eine Burgerwehr wird gebildet, aus allen Nationalitäten und Berufsschichten. Neben dem Handwerker und Kaufmann, der Staatsbeamte, der Student und Advokat. Alle halten treue Wacht: Vor der deutschen Universität steht ein langbärtiger Jude und seine Schulter trägt die ungewohnte Last, das Gewehr. Die ganze Nacht hielt er Wache.) Sein Auge glänzte. Er war sich der hohen Auszeichnung bewußt. Vqr der Stätte deutschen Wissens, die den Namen des Kaisers' trägt, hielt e r Wache. Er bat, ihn nicht abzulösen. Es war sein Ehrentag. Aut dem Ringplatz rottet sich die Menge zusammen. i Aus der Umgebung war lichtscheues Gesindel dem' Feinde vorausgeeilt. Schon einige Tage zuvor war von der Polizei ein verdächtiges Individuum ,in einem Amte festgenommen worden, das auf einer Schreibmaschine einen Aufruf.gegen die Juden vervielfältigt hatte. Diese Ehmmte ersehnten die Zeit der Russeninvasion. An den Straßenecken war noch eine Kundgebung der jüdischen Abgeordneten gegen* die Russen zu lesen. Dieses Plakat bereitete den Zurückgebliebenen viel Kumme’.-. Es war klar, daß die einziehenden Russen mit der Judenschaft nicht glim'pfüch umgehen werden. Die Erregung der Bürgerschaft steigert sich auis Höchste. Die Bürgerwehr kann die Ordnung nur mühsam aufrecht erhalten.-Es graut allen Bewohnern vor der hereinbrechenden Dunkelheit. Es' gelingt die Beleuchtung aufrecht zu erhalten und der Bürgermeister läßt die Bogenlampen die ganze Nacht brennen. .Der Feind hat die geräumte Stadt noch immer nicht betreten.. Die .Bevölkerung harrt in banger Erwartung. Viele Aengstliche strcm'cn .in den Palast des griechisch-orientalischen ErzbL schofs, in dem bereitwilligst allen Flüchtlingen Gastfreundschaft gewährt wird. Auch viele jüdische FaSriifien finden)r'ort Aufnahme für die ganze Nacht.'Zuvor hat der Erzbischof die Thorarollen und sonstige Wertsachen der Judengenteimle geborgen. (Der Feind wird für den nächsten Tag erwartet. Es wird für viele Zurückgebliebene zur Gewißheit, daß längeres Verbleiben der Allgemeinheit (nicht Z'um Nutzen jund vergebliche Selbstaufopferung wäre. Die letzten Mohikaner unter den jüdischen Notabein verlassen nun die Stadt und flüchten über die Bukowiner K'arpathen’nach dem: Westen. Nur der jüdische Bürgermeister und einige wenige Getreue bleiben. Der einrückende Feind hat aber für diesen Herop'müs wenig Verständnis. 'Er hebt sie alle als Geisel aus und verschleimt sie nach Sibirien. Erst nach Jahr und Tag kehren einige der Bedauernswerten im’ Austautehwege heim. Sie berichten von unsäglichen Qualen, die sie erdulden müßten, und von der Grausamkeit russischer Gefängnisse. Die Bürgerschaft ehrt die Heimkehrenden in imposanten Kundgebungen. Allen voran ist der jüdische Bürgermeister Gegenstand vieler Aufmerksamkeit. Dietr-Kaiser (verlieh .ihm, der.in so schwieriger Zeit zum1 Schutze aller die Landeshauotstadt bewohnenden Nationen auf sei-’rm n-efahrvollen Posten ausgeharrt hat, den Adelsstand. ' ' 1 ' __ Die Bukowina ist zum dritteninale von den R'ussen heinfgesurht worden. Ein neuer Feind ist hinzugekcm'men. Die Rumänen stehen den Russen anludenfeindschaft nicht nach. Die Judenschaft 'der Bukowina hat Haus und Hof verfassen. Ihre Wohnstätten sind den Feinden preisgegeben. Aber eine Hoffnung beseHt alte. Der Fei"d. wird, wie es schon zweimal der Fad war, wieder vertrieben werden und neues jüdisches -Leben auf den Ruinen erstehen. - Die Juden der Bukowina sind arbeifstüchtig und kulturell hochstehentL -Aufrechte Menschen und von nationaler Gesinnung. Ihre Bedeutung für den Staat' ist gerade im1-Weltkriege-besonders klar zutage getreten. Und das westliche Judentum, das diese Volksgenossen so wenig gekannt, beginnt aufmerksam auf *ie hinzuhlicken. Die Erhaltung und Aufrichtung dieser Juden wird ein wichtiger Teil der Friedensarbeit sein. Die jüdische Kulturkonferenz in . Warschau Am 26. März wurde in Warschau die erste jüdische Külturkonferen: eröffnet. 130 Delegierte würden dazu , von zirka. 100 kulturellen Institut tionen und Vereinen entsendet; die Vertreter aus dem: deutschen Okkupationsgebiet waren zahlreicher als die aus-dem von den Oesterreichern besetzten. Teile Polens. Der geräumige Saal .mit der in den-nationalen Farben geschmückten-Tribüne bot ein ansprechendes Bild; über, dem Tische des Präsidiums hing das mit Guirlan-Jen umkränzte Porträt Jizchok Leib Perez’. Ein Nebertsaal faßte eine interessante Ausstellung jüdischer Bücher. Vor überfülltem Saale eröffnete die Konferenz der Ratsmann P r i 1 u t z k i: Ist jetzt die Zeit, eine jüdische'Kültürkottferenz zu begehen? fragte er und bejahte die Frage. Nur schwache Geister versinken jn dem Elend des Tages; ein Volk darf nicht verzweifeln; es nfuß Vergangenheit und Zukunft im Auge behalten. Die Konferenz soll den Erweis bringen, daß wir unsern nüchternen, klaren Sinn behalten haben; sie ist nötig für alle, die hoffnungsvoll Neues vom Frieden erwarten. Hoffen dürfen wir nur, wenn wir wachsambleiben und den Kopf nicht an die Sorgen des Alltags verlieren. Unsere Kultur ist uns das Wichtigste. Sie nimmt bei uns die Stelle des Landes und der übrigen nationalen Besitztümer anderer Völker ein. Die Kultur ist die stärkste Mauer, die uns vor dem Untergang schützt, unser stärkstes, Kampfmittel in d.eser traurigen Zeit. Die Arbeit ist groß, die die Konferenz zu bewältigen hat. All den kleineren, e.nzelnen Kulturorganisationen soll die Konferenz die Wege weisen, soH sie einheitlich zusammenschließen. — Lebhaft applaudiert, fordert der Redner das Publikum auf, sich zu Ehren jener Verstorbenen zu erheben, die, falls sie noch i unter den Lebenden weilten, der Konferenz beigewohnt hätten: Jizchok Leib Perez, Jizchok Joel Linezki, Scholem Al ei ehern’, Samuel F r u g, Dr. Kotze nelson und Chaim Tschg merinski. Zum Vorsitzenden wird, da Djenenson die> Wahl ablehnt, Prilutzki bestimmt, zu weiteren Vorsitzenden Stupnitzki, Nomberg und Merker, als Beisitzer werden Hillel Z e i t- 1 in, Goldmann, Nathan und Be r mann, als Sekretäre Ratsmann Mo rgenstern, Lazar Kohan, Mendelson, Jakubo witsch, Hochberg und W a s s I i t z gewählt. Kamnikowski fragt an, ob die zionistische Organisation offiziell eingeladen wurde. Der Vorsitzende erklärt, daß nur kulturelle, nicht polnische Organisationen ejngeladen wurden. Außerdem konnte jede Organisation sich an der Konferenz beteiligen, da1 sie als unparteiisch erklärt wurde. Sussmann fBildungsverein) und Reichmann. fordern, die Konferenz möge sich als bloße Vorkonferenz erklären, da sie ohne genügende Vorbereitung, in kürzester Frist zusammenberufen wurde. Kronenberg ist gegen diesen Vorschlag: er schildert die Schwierigkeiten. unter welchen er .nach Warschau gekommen ist Der Vorsitzende verweist die Entscheidung über die Frage „Konferenz oder Vorkonferenz.“ auf den dritten Verhandlungstag, wenn über die Organisation gesprochen werden wird. Narb hitzigem Redegefecht, wobei besonders die Dele-iertcn aus der Provinz für den Charakter der Konferenz als einer solchen einstehen, ergibt die Abstimmung 51 Stimmen gegen 16 dieses letztere Resultat. In der zweiten Sitzung hält Stunnicki seinen Vortrag über die Aufgaben der jüdischen K u 11 u r b e w e g n n n. Er führt aus:, daß die einzelnen jüdischen Ku’turvereine ohne bestimmten Plan geschaffen \Vurden; jetzt ist die 7eit gekommen, ihnen ein gemeinsames’ Ziel zu setzen, das sie vereint. Der Redner scheidet zwischen materieller und geistiger Kultur, zwischen Zivilisation und Kultur. Das Wort Zivilisation stammt von civ;s, hat also den Sinn von Stadtkultur, cultura bedeutet in erstier Linje Landarbeit. Zivilisation bezieht sich auf die äußere Seite menschlicher Arbeit, Kultur auf die innere Seite. Die erstere baut und schützt, die zweite pflanzt und hütet, die erstere vereinigt sozial, die zweite differenziert die Menschen individuell, '"die erstere ordnet und formt, die zweite schafft neue Werte. Wilden Völkern kann man Zivilisation, aber keine Kultur bringen. Die Kultur ist die Entwicklung der Kräfte im Menschen, die schon in .ihm' von Natur aus beschlossen liefert. Es gibt also eine nationale Kultur, aber keine nationale Zivi'isation. Die Weltgeschichte ist nicht bloß das Weltgericht; sie isf zugleich auch die Gesrhi'-bte der menschlichen Seele, von ihren Leidenschaften und Taten. In ierler menschlichen Seele sitzt ein Aheo’üHst. Jeder Mensch strebt nach Finheit und Freiheit und das; erste Parlament, wie Karl foeT sägt, in welchem zwei extreme Parteien kämpfen. Das Kutturnrnhlem isf das Streben nach dem Ausgleich zwischen Zivilisation und Kultur. Aeußerlich ist der Me-sch nicht gewachsen ira Laute von Jahrtausenden. Die Zivilisation hat nicht bloß zersetzende Wirkung auf die Naturvölker, d;e mit ihr in Berührung kommen, auch auf den Ku'turmenschen wirkt sie schwächend. Das Problem istwie der Mensch phvs;sch und "cisti<z gestärkt werden soll. Gleichgewicht zwischen Zivi'isation und Kult'w muß also angestrebt werden. Worin bestellt nun die jüdische Kultü r? Wir k önnen nicht von abstrakten Juri e n, nicht von Judentum, sondern von konkreten Juden, vom jüdischen Volk als lebendigem Träger und Schöpfer der Kultur ausgehen. Dabei stellen wir uns in Gegensatz zu unsern westlllichen Denkern mit Lazarus an dgr Sojtze, die das Judentum vom1 Juden trennen und darnach streben, den zweiten zu erniedrigen auf Kosten der Größe des ersten. Ffir'uns ist die jüdische Geschichte das Produkt der Volksseele ln ihrem Leiden und Schaffen. Auch wir können uns von dem Erbe der Vergangenheit nicht befrejen. Auch in der jüdischen Seele sitzen ein Absolutist und ein Individualist- Das Verlangen nach absoluter Einheit ist den Juden bald gekommen und auf Gott übertragen worden. Es wurde auf die zukünftige Welt verlegt'. Damit wurde auf der Erde ein Raumfür die Freiheit, für Kultur geschaffen. Es ist somit der Kampf um das Absolute auf politischem und religiösem Gebiet, der Europa beherrscht, vermieden worden, ein Kampf, der für uns Juden stets unbegreiflich war. Die Grundlage der jüdischen Kultur ist das Streben nach nationaler Differentierung, nach Freiheit, Konzentrierung, nach Verschiedenartigkeit anstatt Gleichartigkeit. Nicht umsonst ist für die jüdische Philosophie charakteristisch der Glaube an die Willensfreiheit und Festhalten an der Kraft des Verstandes. Jüdische Leistungen fjnden sich häufiger auf dem Gebiete der Kultur als als auf dem der Zivilisation, mehr iin Kämpf für Freiheit als für Absolutismus. Die äußere jüdische Geschichte ist mehr die Geschichte von Wanderungen, Streben zum Weiten, anstatt der Fixierung auf einen Punkt. Das jüdische Kulturproblem besteht im Schaffen eines Gleichgewichts zwischen äußerer und innerer Kultur, in der Gestaltung der Einheit in (der Freiheit und durch die Freiheit, eine innere geistige Konzentration anstatt der materiellen, die fehlt, Zivilisation in die Kultur zu verpflanzen. Die Aufgabe wird durch die Zerstreuung des jüdischen Volkes erschwert, das darum dem Einfluß der verschiedenen Ku't iren unterliegt. Dadurch kann sich der Charakter unserer Kultur inden verschiedenen Ländern nicht rein erhalten, der einheitliche Charakter wird aufgelöst. Wir müssen deshalb eine Zentrale lebendiger Kraft haben-, eine Kraft, die von innen wirkt, die ringsum gleichmäßig, ejnheit'ich und vereinigend wirkt, die aller Herren Länder durchzieht. Diese Kraft ist (die lebendige jüdische Sprache. Sie kann den fremden Einfluß neutralisieren und die Einheitlichkeit der jüdischen Kultur in alten Ländern erhalten. Deshalb müssen wir die Volkssprache erhalten, entwickeln und bereichern. Das jst aber auch gleichzeitig die Bereicherung mit Gedanken und Kulturinhalten. Der Faden, der uns mit der hebräischen Kultur verbindet, muß we;ter gesponnen werden, der geistige Volksschatz soll nicht verfremdet werden. ' (Schlußartikel folgt.) Aus der allgemeinen Presse Juden und Konservatismus. ln der von Ad. G r a b o w s k y herausgegebenen Zeitschrift „Das neue Deutschland“ heißt es: ,,ln der Tat ist die Judenfragc