Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 14 (6.4.1917)
- Date
- 1917-04-06
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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jSEJISSRE'HITOIW Jesdmva zu erfolgen-j Heute sind es die Griechen und die Römer, welche die Grundlagen des humanistischen Gymnasiums abgeben. Die Griechen lasse ich gehen. Wozu aber die Römer, das verabscheuungswürdigste Volk, das jemals auf Erden gewandelt hat, das Volk, an dessen Jus Europa noch heute krankt (vgl. Oppenheimer und Damaschke), dessen Institution des Privateigenti nrs an Grund und 'Boden unser Verderb geworden ist? Wozu diese brutalen Krieger und Unterdrücker in unseren Schulen? Sie haben einen einzigen Dichter — Catull —, sonst nur schale Nachahmer der Griechen. Das Studium der Griechen bleibt ewiger Menschheitsbesitz; die Lateinstunden sollten wir durch obligatorisches Ta'in'udstudium (auch für Nichtjuden) ersetzen. Neben die ästhetische Erziehung trete die Ethisieiung der Jugend. Nebenbei bemerke ich, daß ich die Aufhebung des Gymnasiums für das größte Unglück halten würde, das heute noch über die Menschheit kommen könnte, da das Gymnasium noch die einzige Stätte ist, wo m'an Menschen zu Menschen erzieht, während sie sonst überall zu Berufs- und Fachmenschen verunstaltet, gepreßt ■werden. Wenn man aber das Gymnasium neu gestalten, ethisch-ästhetisch gestalten "würde, wobei die Schönheit Japhets durch den Ta'nrud repräsentiert wäre, dann glaube ich, würden wir in der Weltkultur einen Schritt vorwärts getan haben, dann wäre es kaum1 möglich, daß eine solch materialistische Gesinnung Europa beherrschte, wie wir sie heute beklagen müssen. Dann erst könnte aber auch in der Brust jedes heramvachsenden Menschen die Grundlage für eine Entscheidung in dem heute noch unausgetragenen und, was ärger ist, verschleierten Knüpfe zwischen Hellenismus und Judaismus gelegt werden. Es kann nicht Aufgabe der Erziehung sein, diese höchstpersönliche Entscheidung und Verantwortung irgendjemandem abzunehmen. Wohl aber müssen wir der künftigen Generation die Vorbedingungen schaffen, unter denen sie ach mit sehenden Augen und möglichster Uebersicht entscheiden kann. Nun, wir sind sehr weit von diesen Idealen entfernt, ungeheuer weit, und ich weiß auch, daß die meisten von Ihnen aus diesem Vortrage Weggehen und vielleicht versuchen werden, den Talmud zu lesen, daß sie abefr, da er ihnen ohne zugängliche Einführung und Gliederung abgeschmackt verkommen muß, ihn wieder weglegen werden. •— Ich bitte Sie zum Schluß: Legen Sie ihn jedenfalls nicht für immer Weg. Versuchen Sie es nochmals und nochmals. Hat der Ta'm jd selbst doch ein so herrliches Vertrauen zu sich selbst: also vertrauen Sie auch mir, seinem Anwalt. Der Talmud sagt mit wunderbaren* Optimismus — auch'mit diesem Worte treibt man den.gleichen Mißbrauch wie mit dem' Worte Rationale tnas: denn Optimismus bedeutet nicht ein Vertrauen, daß es mir gut gehen werde, sondern die Einsicht, daß es sinnvoll ist, zu leben, auch wenn ich leide und Unglück, empfinde — er sagt: Vor alfenr lerne, mag Ehrgeiz oder Geldgewinn oder Autoritätsglaube die Veranlassung hiezu sein, lerne 'nur, später wirst du eben durch das Lernen schon, dazu kommen, im1 rechten Sinn, in der wahren Intention zu 'fernen. — Nur weil auch ich einen Funken dieses gutjüdischen Optimismus in mir habe, habe ich es -gewagt, -ihnen von diesen Dingen zu sprechen, Ihnen in tönern1 vergleichsweise so kurzen Zeiträume und so mangelhaft, das vorzulegen, was mich seit Gelen Monaten eYschüttert und noch nicht einmal in mir selbst endgiltige Gestaltung angenommen hat. WER wirbt für die Jüdische Zeitung? Jeder Zionist, ob Schekelzahler, Vereinsmitglied oder durch das Vei trauen der Gesinnungsgenossen an leitende Stelle Gewählte. WARUM muß er ach Für die Jüdische Zeitung interessieren? Weil sie das Blatt seiner Partei, ialso sein ebenes ist. WIE airbeitet er für die Jüdische Zeitung? Indem er sie für seine Person abonnieit und ebenso jeden Gesinnungsgenossen dazu veranlaßt. WO agitiert er für die Jüdische Zeitung? Im Freundeskreis, im Verein, bei kleinen und größeren Sitzungen, Versammlungen und Veranstaltungen, daheim oder draußen. WANN wird er mit seinen Bemühungen Erfolg haben? Wenn er keine Gelegenheit verstreichen 'läßt, ohne die Gesinnungsgenossen an ihre Pflicht gegen die Jüdische Zeitung zu erinnern. Jüdische Kriegsbildchen aus der Bukowina Von Dr. Salomon Kassner (Czernowitz, z. Z. Wien). (Die letzte jüdische Volksversammlung. — Der jüdische Musikant. — Der erste gefallene jüdische Offizier. — Das Gebet des katholischen Prälaten für die jüdischen Soldaten. — Der jüdische Bürgerwehrmann vor der deutschen Universität. Russeninvasion und Flucht.) Czernowitz, die Landeshauptstadt der Bukowina, Sitz einer deutschen Universität! Die Bevölkerung des Landes bietet eine Musterkarte aller in Oesterreich wohnenden Nationalitäten: Ruthenen, Rumänen, Juden, Deutsche, Polen, ungarische Kolonisten, Armenier, Lipowener, seßhafte Zigeuner u. a. Ein Völkerkonglomerat en miniature, daher Kleinösterreich genannt. Trotz mannigfacher wirtschaftlicher Sorgen infolge der Geldkrise der letzten Jahre ist eifrigste politische Betätigung des Völkergexriisches bemerkbar. Ein hervorragendes Kulturelement im ganzen Lande, vorwiegend in der Hauptstadt, bilden die Juden. Unmittelbar vor Kriegsausbruch erörtern die nationalen" Gruppen'in ihren Volkshäusern Tagesfragen. Auch die Juden, die" ini Landtage einen1 jüdischen Klub, im1 Reichsrate ihren Vertreter haben. Im). Prachtbau des „Jüdischen Hauses“ von Czernowitz tagt eine große jüdische Volksversammlung, in der alle Berufsschichten, neben jüdischen Handwerkern und Kleinhändlern, jüdisch® Großkaufleute und industrielle, jüdische Grundpächter und Vertreter des jüdischen Großgrundbesitzes, jüdische Richter und jüdische Ver-' waltungsbeamte, jüdische Advokaten und Aerzte, sowie viele jüdische Lehrpersonen vertreten sind. Der jüdische Reichsratsabgeordnete führt den Vorsitz. Ein" nationaler Referent bespricht Organisationsfragen und wirtschaftliche Schäden. Plötzlich hält (dieser inne. Ein Versammlungsteilnehmer (reicht einen -Zettel auf die Tribüne. Die Mitteilung wird verlesen: Der österreichische Throne ftflger und seine Gcmlihlin sind, in Bosnien ermordet worden. Die (Versammlung wird abgebrochen. Lautlös entfernen sich die Teilnehmer. -Es war .die letzte jüdische' Volksversammlung ' in Czdrnowtfta ... ’ ' Ultimatum', Mobilisierung, Weltkrieg. Die Ereignisse nehmen ihren furchtbaren Verlauf. Die Bukowina Hat den ersten Anstuim des russischen Kolosses zu ertragen. Bei Russisch-Nöwosielitza beginnen Grenzgeplänkel. In der Umgebung von Czernosvitz, bei Bojan und Mahala, nähert sich der Feind mit starken Kräften. Die Söhne des Buchenlandes, der tapfere Landsturm', in dem viele Juden stehen, verteidigt opfet mutig die Heimat. Die ersten russischen Gefangenen werden 'eingebracht. Eine Rpg'mentskapelle ist darunter. Der Moskowiter wollte mit klingendem Spiel in die Stadt einziehen. Ein jüdischer Musikant unter den Gefangenen wird ins Gespräch gezogen. Der Mann weint. Stoßweise bringt , er die Worte heraus: „Ich hob gesollt spielen . . . Mein Herz bittet . . . Czernowitz ist a Stadt ngf viel J.itfden . . . Während des russisch-japanischen Krieges hat man die russisch-jüdischen Emigranten, die nach Czernowitz gekommen sind, gut behandelt, (wie Brüder .*. . Gott sei dank, daß ich' nicht aufspieleu tiiluß gerade in der ' Stadt .. Die Gefangenen ziehen weiter. Cimofer Trommelwirbel. Ein jüdischer Leichertzug mit militärischen Ehren. Hinter dem jüdischen Feldprediger schreitet als Trauergast ein griechisch-orientalischer Feldkurat. In der Schlacht bei Mahala war . ein junger jüdischer Offizier schwer verwundet worden, ein Advokat aus Lemberg. Er wurde nach Czernowitz gebracht und erlag dort seinen Wunden. Keine Verwandten, keine Bekannten hatte dr in der Stadt. Die Juderrschaft von Czernowitz ehrte nun in diesemToten die übrigen tapferen Söhne ihres Volkes, die draußen unbeweint Im' 'Massengrabe in die kalte Erde gebettet wurden. Eine historisch denkwürdige Parte der JudengcroeiTide war ausgegeften und die gestmte Bevölkerung der Einladung gefolgt. Czernpwitz hat niemals eine größere Beteiligung gesehen. In den Straßen herrscht große Erregung. Die Garnison war an diesen* Tage alai nriert. Die Kameraden begleiten stumm den Leichenzug bis zum' Grabe. Die Worte des Priesters sind der letzte Gruß. Die Ehrensalve unterbleibt. Der Friedhof ist in der Nähe des Feindes gelegen. Schüsse sind untersagt. So wurde der erste gefallene jüdische Offizier zu Grabe getragen. Eine wehmütige Introduktion des Krieges, die die Bevölkerung tief erschütterte. - ... ' * * Auf dem' Elisabethplatze in Czernowitz stehen Schützen, Freiwillige aller Nationen, die ins Feld abgehen sollen. Die Erregung hat sich in der Stadt gesteigert. Am Abend zuvor sah man bereits die Feuerzeichen des 'nahenden Feindes, die brennenden Meierhöfe der jüdischen Pächter der Umgebung. Verwandte' und Bekannte umstehen weinend die abziehenden Soldaten. Nur ein Seelsorger ist zur Stelle. Es ist ein hoher kirchlicher Würdenträger, der katholische Prälat. Er tritt vor, segnet die Juden und erfleht für sie „als Söhne Jehovas, des gemeinsamen Gottes“, eine glückliche He'mkehr. Jeder konfessionelle Unterschied schien beseitigt. Die Stadt¬ ■■■■BHaaBSBBBaaBBaaBBBa die Konsuln und andere Ehrengäste den Zug. Von dort, aus sehen, auch wir ihn herankonunen. Voran auf einem prächtigen Schimmel der Mufti, die heilige Fahne in der Hand. Dann Tausende von Gläubigen, Männer und Kinder, auf reich gesdimückten Pferden, Maultieren und Kamelen, die weitaus größte Zahl aber legt den weiten Weg in der heißen Sonne zu Fuß zurück. Unaufhörlich donnern die Kanonen von der Stadtmauer über das Kidrontal, das den Widerhall hundertfältig zurückgibt. Nach einem Halt und einer kurzen Ansprache vor dem Zelte des Gouverneurs nimmt der Zug seinen Weg nach Süden auf der Straße nach Jericho und entschwindet in einer Staubwolke. Drei Tage später fahren Wir denselben Weg. Am Abhange des Oelbergs gehts entlang, über Bethanien. Dann wird die Gegend einsamer und großartiger. Nach fünf Stunden Fahrt erreichen wir „Nebii Musa“, das einem großen Heerlager gleicht Im Quadrat erhebt sich ein umfangreiches weißes Gebäude. Es hat wohl nicht Raum für alle Gäste," denn ringsumher sind Zelte aufgeschlagen, vielehaben sich auch unter freiem Himmel häuslich eingerichtet. Beduinen, Fellachen, Soldaten und. Derwische, dazwischen unzählige Kinder, manche halbnackt und alle reichlich, schmutzig, aber viele auch überraschend schön. Im inneren großen Hof des Gebäudes ist eine Art Bazar improvisiert Einen ziemlich großen Teil des Gebäudes nimmt die Küche ein, wenn man diesen primitiven 'Raum so nennen kann. Dort herrschte ein lebensgefährliches Gedränge. Man schrie, stieß und schlug sich, um seinen At.teil ajri Mahle zu erhalten und die Aufseher schlugen wenig rücksichtsvoll auf die Andrängenden ein. Mehr als dieser Anblick interessierte-uns die kleine Moschee, die das Grab Mose enthalten soll. Es darf übrigens niemand den Raum betreten-; so mußten auch wir uns begnügen, durch die Gitterfenster in das Heiligtum zu schauen, ohne aber das Geringste darin erblicken zu können. Natürlich hüteten wir uns, unserm Zweifel an der Existenzberechtigung des Grabes Ausdruck zu verleihen. Man begegnete uns, den „Ungläubigen“, mit der größten Freundlichkeit und wir hatten wieder Gelegenheit, die berühmte arabische Gastfreundschaft zu bewundern. Man Führte uns in einen großen saalartigen Räum, wo wir uns a la turca auf den an den. Wänden: entlang laufenden Polstern niederlassen mußten. Es wurde uns Wasser zum waschen der Hände und — Füße gereicht, das wir aber natürlich nur teilweise benutzten; dann wurde uns ein reichliches Mahl aufgetragen, das Wir nur im Hinblick auf unsern eigenen reichlichen Pro- viant ablehnen konnten, ohne unsere Gastwirte zu verletzen. Doch nahmen wir gern von dem dargereichten köstlichen Mokka. Eigenartig monotone, doch rythmische Klänge riefen uns wieder ins Freie. Dort bot sich uns ein unvergeßliches Schauspiel: Beduinen tanzten den Schwertertanz. Waren das Zeitgenossen des 20. Jahrhunderts, oder waren es aus dem Grab auferstandene Assyrerfürsten. Ungewöhnlich hohe, schöne Gestalten, die Züge vom' reinsten semitischen Typus, alle Bewegungen aiisführend mit jener edlen Grazie und Ausgeglichenheit, die man fast nur noch bei den freien Wüstensöhnen findet und die jedes Künstlerauge entzücken müssen. — Die Sonne neigt Isich zum Untergang. Vom Minaret der Moschee des Propheten Musa klingt die Stimme des Rufers zum Gebet. Wir verlassen Nebi Musa auf dem Wege nach Jericho, das'weit in der Feme, aus den unwahrscheinlich zauberhaften, herrlichen Farben des Abends herüberfrüßt. ln der Tiefe schimmert lazurfarben das bte Meer. Dahinter erheben aus rosa und violetten Schleiern die Berge von Moab ihre Gipfel. Gigantisch ragen die Felsen auf. Sie bergen in ihren (Schluchten die Träume iuntergegangener Zeiten, feie Ibeygen Wohl iafctch in ewig geheimnisvoller Tiefe das wahre Grab von Nebi Musa — unseres Propheten und Lehrers Mosche Literarische Nachrichten Die Monatsschrift „Der Jude“, Heft 12 (Preis K L40), enthält folgende Arbeiten: Ami'tai, Zur polnischen Judenfrage; Martin B ub e ^„Kulturarbeit“; A. D. Gordonj Brief aus Palästina; Henoch S o h a r, Die religiöse Forderung des jüdischen Nationalgedankens'; Karl Nötzel, Vorn Moskauer Juden;- Edmund Müller, Solowjeffs Gedanken über das Judentum; Gerhard Scho lern, Jüdische Jugendbewegung; Jakob Klatzkin, Grundlagen des Nationaljudentums III; fArno Nadel, Liebeslieder, . dazu Bemerkungen und Daten und Materialien. Die soeben erschienene Pessachmumrier der Monatsschrift „Moriah“ enthält folgende Arhei - ten: W. B.: „Exodus“, El. R i e g e r: „Pessach“, Hugo Bergmann: „Der Meister der Propheten“, „Aus defi- Agadah und dem’ .Midrasch“ (Pessachfragmente), Achäd Haam: „Moses“, Zwi Kasdai: '„Pessach im Kaukasus“, Max Brod: „Ostjuden — Talmud — Gymnasium“, D. H.: „Spinozzatrophäen“ (Fragment aus einer Dichtung), B. Dulberg: „Der Dichter der Hatikwah“ (Naphtali Herz Imber), Martin Bube r: „Das Problem der jüdischen Erziehung“. Gedenktafel' für die im( Kriege gefallene Jugend Galiziens. Rundschau. A. Tartakower: „Pa-t lästinaproblem, Dr. W. Beigel: „Fünfzehn Jahre Jüdischer. Nationalfonds“. Bibliographie — Zu beziehen durch den „M o r i a h - V e r.l a g“ Wien, I., Ebendorfers'traßc'3.