Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 14 (6.4.1917)
- Date
- 1917-04-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XI. Jahrgang — Nr. 14 Erscheintjw öchentlic h'elnmal Redaktion: Wien^l, Zirkusgasse Nr. 33 Sprechstunden: Montag bis Freitag von 4—7 Uhr, Sonntag von 11—12 Uhr Manuskripte werden, wenn unverlangt, ohne Rückporto nicht zurückgesandt Redaktionsschluß Dienstag um 7 Uhr Fe rn s p r e c h.N H m m e r,49>3*25 Nalional-jüdifchcs Organ Mil der Beilage: Der Jüdifche Naiionalfonds Wien, Freilag, 6. April 1917 14. Nissan 5677 Einseinummer 24 Heller Geschäftsstelle: Wien ll/t, Zirkusg. 33 Geschäftsstunden: Montag bis Freitag von 9—12 u. 3—7, Sonntag von 9—12 Bezugspreise: Ganzjährig K10.— halbjährig K 5.—, vierteljährig K 3.— Anzeigen und Beilagen nach Tarif Postsparkassen- Konto 133.404 Inhalt: Pessach. — Max Brod: Aus dem Vorträge: „Die Ostjuden in meiner persönlichen Erfahrung“. — Dr. Salomon Kassner: Jüdische Kriegsbildchen aus der Bukowina. — Die erste jüdische Kulturkonferenz in Warschau. — Dokumente der Zeit. — El. Lädier: Sedernacht.— Dina bath Abraham: Das Fest „En Nehi Musa*. ,— Aus der allgemeinen und der jüdischen Presse. Aus der jüdischen Welt, Sport usw. Pessach Derweil wir an dem festlichen Tische der uralten Mär lauschen werden von der Sklaverei und der wunderbaren Befreiung in Aegypten-, werden wir -mit schmerzlicher Klarheit gewahr: heute wie einst lebt unser Volk in Knechtschaft und im- Elend und harrt der wunderbaren Errettung, heute wie einst irrt es verfolgt und mißhandelt, eine heimatlose und rechtlose Masse, umher. Und während unsere Zunge den Geschmack -der bitteren Kräuter kostet, wird es uns offenbar werden: wir erleben die ewige Wiederkehr des gleichen, die stetige Erneuerung derselben Vorgänge, Bedrückung und Ringen nach’Befreiung. Sie sind geboren aus Erscheinungen, die sich, miteinander wechselnd, im Innern unseres Volkslebens fortwährend neu erzeugen, aus, der Flucht an die' "Peripherie, der Sehnsucht - nach dem Fremden, der Auflösung der nationalen Einigkeit und der erneuerten Zusammenfassung, dem ".Zusammenschluß und der Festigung des nationalen Volkskernes. Mit dem Streben nach der Fremde, der Assimilation an das Andersartige geht Hand in Hand die Unterjochung unseres Volkes; die nationale Selbstbesinnung ist identisch mit \dem; Streben nach [Befreiung, dem früher oder - später die Erfüllung kommen muß.- Uns isjt es vergönnt, in Tagen zu leben, die von der Liebe zu unserem Volkstum neu und stark beseelt sind. Die Geschichte selbst lehrt uns, daß wir hoffen dürfen. Möge das inbrünstige L'schonoh habo h‘Jeruschalajim, das wir uns in der Sedernacht Zurufen, der fröhliche Gruß naher Tage sein! Aus dem Vortrag: „Die Ostjuden in meiner persönlichen Erfahrung“ Von Max Brod.* ,i. ... Das Leben der Üstjuden ist gelebter Talmud, ’ ist gleichsam eine Efflorescenz dieses ewigen Buches. Will mm die Ostjuden in ihrer ganzen Eigenart erfassen, so muß man Talmud studieren. , i ln einer Novelle von Agnon streiten Mann und Frau. Da der Mahn von Natur aus schüchtern ist, schweigt er. Agnon sagt aber nicht: „jaus 'Schüchternheit“, sondern: „(hm war im1 Moment nicht gegenwärtig das Wort der Mischna: es ist die F(rau un* ^es Mannes willen erschaffen. Deshalb schwieg er“. Wie richtig hat hier der Dichter es erfaßt: Das Leben der Ostjuden ist gelebter Tajmud. — Vielleicht kommen wir noch dazu, wie wir den Chassidismus durch Buber lieben gelernt haben, auch endlich einmal mit dem Talmud Bekanntschaft zu machen. Den Talmud für die Westjuden und damit für Europa zu erschließen, das halte ich für eine der wichtigsten Aufgaben, welche wir •in der nächsten Zeit durchzuführen haben werden, eine Aufgabe, leier ich selbst nicht gewachsen bin, zu deren Lösung ich aber unaufhörlich auffordern werde. Wir 'müssen eine lesbare . deutsche Talmudausgabc fierstellen. Eine Anthologie genügt nicht, isie erinnert zu sehr an geflügelte Worte“. Das. Slndwjn des. Talmud darf, nicht so leicht gemacht werden, es wird imm;r ein Finden, ja ein Erfinden bleiben müssen, gerade darin liegt sein Hauptwert. Ich leugne nicht, daß nicht alles aus dein Talmud wird studiert werden können, daß man einzelne Partien, aber große zusammenhängende Partien, nicht einzelne Sprüche, wird herausgreifen müs- * sen, daß einzelnes nicht interessieren wird. Aber wie unendlich viel bleibt uns lebendig! Sowie ich heute schon versucht habe, Ihnen durch ein Zitat das Wesen der Ostjuden näher zu bringen, so werden Sie im Talmud Unzähliges fin- * Herr Dr. Max Brod hielt diesen Vortrag vergangenen Winter im Komitee zur Aufklärung .über ostjüdische Fragen. Er erscheint gleichzeitig in der Pessachnumrner der „Möriah“. den zur Erkenntnis des Ostjuden, des Juden überhaupt, Allerwesentlichstes dabei zur Erkenntnis des Jammers, welcher heute auf der Welt herrscht. Es wird — ich bin davon fest überzeugt — in künftigen Zeiten ein Rätsel sein, daß zwei Dinge nebeneinander existieren konnten: die Wett von heute, die absolut ratlos ist — darüber brauche ich ja nicht zu sprechen — und auf der anderen Seite ein Buch, welches für vieles so richtigen göttlichen köstlichen Rat gibt — ein Rätsel, daß diese beiden Dinge Jahrhunderte lang hindurch nicht Zusammenkommen konnten. Ich möchte jedem raten, den Versuch zu machen und etwa aus der jüdischen Universalbibliothek „Die Glaubens- und Sittenlehcen des Talmud“ (£u festn’, als einen allerdings nur ikargen Auftakt all dieser Herrlichkeit. Oder Bachers „Die Agada der Tannaiten“. — Ja, man wisse endlich, was der sanftmütige Hiilel, der zornige Schammai oder Jochanan ben Sakkai gesagt haben, man ermesse den Ausspruch des letzteren, so stolz und bescheiden zugleich : „Wenn alle Himmel Pergamente wären und alle Palmen Schreibrohr jund alle Meere Tinte, könnte ich die Weisheit, die ich von den Ahnen übernommen habe, nicht niederschreiben; und dennoch habe ich von ihrer Gelehrsamkeit nicht mahr abgenommen wie eine Fliege, die in den großen Ozean taucht“. Wenn man die Reihe aller dieser Männer, von denen der eine klug, und großartig, der andere zu Beginn ein Räuber, der dritte ein Märtyrer, wieder ein anderer ein Heiliger und ein anderer eine sinnliche Natur war, die aber alte .durch so viel Mannigfaltigkeit hindurch zur Erkenntnis des Einen Höchsten sich .emporrangen, wenn man — die Reihe aller dieser Titanen vor sich sieht, dam sagt mm sich, [daß das die eigentlich (klassische Epoche der Menschheit war, "nicht die der griechischen Philosophen oder der deutschen Klassiker — die Reihe dieser Leute, die unbegreiflicherweise einmal über die Erde gewandelt sind, in Jerulem, in Sura und Pumbedita, die Reihe dieser Gütigen, nur der reinsten Tugend Beflissenen, von denen wir heute beinahe nichts wissen. Ich glaube, daß es nicht nur für uns Juden wichtig wäre, wieder den Talmud zu studieren, sondern für ganz Europa. Ich stelle mir in meinen kühnsten Träumen vor, daß das Gymnasium auf eine solche Grundlage gerückt werden könnte, daß es sich zum Teil auf der griechischen Schönheit, zum anderen Teile auf talmudischer Reinheit und Hoheit aufbäute. (In analoger Bewegung hätte die Reform des Cheders und der , Sedernacht. Festlich kommt die Nacht gegangen — Lenzumrieselt, traumumfangen . . Zauberharfen leis' erklingen — Deiner Seele wachsen Schwingen . . Glanzgefächert sie sich spannen — Führen dich weitweg von dannen . . Ziehen sacht mit dir jmd gleiten Ueber Länder, über Zeiten . . Ueber Klüfte, über Meere — Ledig jeder Erdenschwere . . , Bis dein Auge trunken schauet — Märchenschön ein Land erblauet . . Wieder steigt die Morgenröte Ueber tausend Erdennöte . . , Leise geht die Nacht von hinnen — _ Doch den Traum laß* nicht verrinnen . Laß vom Tag dir nicht entringen Deine gottgeweihten Schwingen . . Leihst du ihnen deinen Willen, Kann der Traum sich noch erfüllen . . * ' EI. Lädier. Das Fest „En Nebi Musa“ Von D i n a ’b a t h - A b r a h a m. Zu der Zeit, wenn die Söhne Israels sich rüsten, das Pessachfest zu feiern, das Fest unserer Befreiung und nationalen Erweckung, begehen auch" die "Araber das große Walfahrtsfest von „Nebi Musa“, des Propheten Moses. Mohammed hat unsern großen Gesetzgeber in die Schar der zahlreichen, dem Islam zugerechneten und von ihm verehrten Propheten eingereiht, und nächst Mohammed selbst genießen die Propheten Ibrahim (Abraham) und Musa (Moses) die größte Verehrung der Mohammedaner. Zwischen Jericho und dem Toten Meer liegt in großartiger Einsamkeit eine Moschee, die nach arabischen Ueberlieferungen das Grab Mose bergen soll und als" besonders heilig gilt Ende des 12. Jahrhunderts hat der Sultan Sallah-ed-din um diese Moschee ein kastellartiges Gebäude errichtet ’zur Aufnahme der Pilger, die während des Osterfestes dorthinwandern. Acht Tage lang sollen die Gläubigen dort umsonst beherbergt und bewirtet werden. Die Verwaltung dieses Amtes hat Sallah-ed-din der angesehensten Familie des Landes, den El Hussernis, übertragen, die noch heutzutage dies recht schwierige Ehrenamt zu verwalten haben. Durch sie gelang es uns auch, an dem Feste teifzunehmen, das uns als Juden begreiflicherweise ungemein interessieren mußte. Es war an einem Freitag Morgen. In den winkligen, engen Gassen des Bazars von Jerusalem drängte sieh eine bunte Menge, die selbst für ein an-orientalische Farbenpracht gewöhntes Auge von seltenem Reiz war. Aus den Ortschaften waren unzählige Fellachen herbeigeströmt, Frauen waren in prächtige gestickte Festgewänder gekleidet. Beduinen sah man mit kühnen bronzefarbigen Gesichtern und Derwisch? aller Art. Mit Mühe bahnten wir uns den Weg zu dem alten arabischen Patrizierhaus, von dem aus der Zug seinen Anfang nehmen sollte. Im inneren Hot waren die Spitzen der Behörde, versammelt; der Mufti war da mit einem großen Stab von Seheichs und Hodjas, auch eine militärische Ehrenwache mit Musik war aufgestellt. Aus allen Fenstern und von den flachen Dächern herab blickten verschleierte Frauen. Nun Trommelwirbel und Salut: Aus den vielen Fahnen in den Händen der Priester erhebt und entfaltet sich eine, die heilige grüne Fahne des Nebi Musa. Dann ein kurzes Gebet, das SelamEk auf den Sultan ertönt, und während draußen die Kanonenkrachen, setzt sich der Zug in Bewegung. Eine wimmelnde Menschenmenge Schließt sich an. Sie begleitet die heilige Fahne zur Omar-Moschee, wo sie nochmals zur Pilgerfahrt geweiht werden soll. Wir gehen indessen durch das Stefanstor hinaus vor die Stadt. Ein wundervolles Bild bietet sich uns. Nichtnur der alte Friedhof zu beiden Seiten, auch die Abhänge des Oelberg sind besetzt mit tausenden von Menschen, im Glanze der leuchtenden Sonne ein Bild von unvergleichlicher Farbenpracht. Es sind aber nicht nur Mohammedaner. Unschwer erkennen wir aus der Menge die Typen der sephardischen und jemenitischen Juden. Auf halber Höhe des Weges, dem- „Goldenen Tor“ gegenüber, ist ein großes Zelt errichtet Dort erwarten der Gouverneur, der Kommandant, Werbet neue Abonnenten für die „Jüdische Zeitung**