Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 13 (30.3.1917)
- Date
- 1917-03-30
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG N». 3 Halten größerer Viehbestände fast zur Unmöglichkeit macht. Deshalb wäre vor-allem die Gründung einer Abteilung für Rinderpestserum überaus segensreich für die wirtschaftliche Entwicklung Palästinas. Vorläufig freilich gilt es, das' Institut während des Krieges üoer Wasser zu halten. Es ist eine Ehrenpflicht sämtlicher Mitglieder der Gesellschaft jüdischer Aerzte und Naturforscher tür diesanitären Interessen Palästinas, daß sie trotz der ungünstigen Zeit ihren Verpflichtungen nachkommen und mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln das Institut unterstützen, das seinerseits in schwerer Zeit so standhaft seinen schönen und hohen ^Zielen treu geblieben und. inmitten der unglaublichsten Schwierigkeiten sich so tapfer durchgekämpft hat. Ffl. Mayer, die jetzt nach einjährigem Urlaub wieder nach Palästina zurückkehrt, hat in dieser Zeit sehr verdienstvolle Arbeit geleistet; sie hat in Deutschland und in Holland tatkräftige Unterstützung für das Pästeurinstitut gefunden. Auch in Wien ist es ihr gelungen, das wirksame Interesse hervorragender Persönlichkeiten, der Herren' Professor Dr. Ehrmann, ProfessorDr. Hajek, Hofrat Dr. Schlag, Kultuspräsident Dr. Stern, Großindustrieller Kremenetzky, Oberrabbiner Güdemann, Rabbiner Dr.Gr.unwald, Kaiserlicher Rat H ir sch, zu gewinnen. Hoffen wir, daß das praktische Ergebnis ihrer dankenswerten Bemühungen ein befriedigendes sei. I . Aus der jüdischen Presse ( Im neuesten Heft (11) der „Neuen jüdischen Monatsbette" schreibt Dr. H. Kadi sch über „Die österreichische Nationalitätenfrage und die Juden'-. Wir entnehmen dem wertvollen .Aufsätze unseres geschätzten uesinnungsgenossen tolgende Ausfünrungen: „... v|Wenn nicht ahes trügt, so dürfte . . . es zu einembereits vom ivremsierer \/erfassungsausschuö vorgeschlagenen Kompromisse kommen, daß innerhalb der uestehenaeu Krojiiä-nder möglichst national -einheitliche Kreisegebnd ec weruen. «a- _ turlich werden auch Oesetze zum benutze sämtlicher Minderheiten notig sein. ningegen erstrebendie Nadonalradikaieh aber Voiksstämme oie möglichste- Assimiiienuig der anoersnationaien Miuoritäten in „ihrem-- nationalen Ueoiete, — nur die judenassimilation wird in den meisten nationalen Lagern der Monarchie aogeiennt. Ja vielfach -hört man heute bereits in anderen nationalen ' Lagern — auch von apuseimtiscner Seite —: „Die Konstituierung der Juuen als selbständige Nation ist die ooerste Vorbedingung einer rationellen ' Losung Oer Judenfrage, uie stetigen Assimilationsversuche oer juuen vermehren die nationalen Heioungsttädien und steigern so auch den Antisemitismus." ln den buuecemändern hat sich die Richtigkeit dieser Auffassung ebenso gezeigt, wie in Uaüzien, Bukowina und Ungarn. Die Juden oöhmens, Mährens und Schlesiens waren Jahrzehnte lang Nachläufer der deutschen und tschechischen Chauvinisten mit dem Ergebnis, daß in der deutschen wie tschechischen Gemeinoürgschaft der Antisemitismus triumphiert. Wenn nun zur Rechtfertigung Oer bisherigen Falschen jüdischen Politik auf die Zerstreuung, sowie geringe Zahl der Juden in den Sudetenländern hinge-. wiesen wird, so kann dieses Moment für die Vergangenheit — allerdings auch nur in beschränktem Maße — vieles erklären. Was aber für die Westjuden teilweise einer nationalen Betätigung binderlich war, das trifft keineswegs für die nahezu eine Million Ostjuden Gaüziens und der Bukowina zu. Bei einer demokratischen Organisation auf jüdisch - österreichischer Grundlage Zum neuen Quartal bitten wir unsere Leser, sich des heiligenden Erlagscheines zu bedienen, uni das Abonnement sofort zu erneuern. -- könnten die Juden dieser Kroniänder nicht nur manche national-kulturelle l-ostdlate erlangen und ihre politische, sowie wirtsehatnLne Lage verbessern^ sondern aucn als ein voiker» erbinaender Stamm, eine starke Stütze des österreichisches Keichsgedankens, oes nationalen rriedens, des politischen wie vvirtschattiichen rörtschrittes int Osten unserer Monarchie werden. Die bisnerige ,Politik" der Juden in Gaiizien hat aber nient nur den älipomiscnen Antisemitismus gefördert, sondern aucn in aea anoersnationaien- Lagern viele Gegner der Juden gezüchtet. Die Deutschen und Ruthenen’ eidlickten in den galizischen Juden ebenso Förderer der Poionisierung, wie die ungarischen Juden von uen Deutschen, Rumänen und ‘Slawen "Ungarn-Kroatiens a»s Hauptstütze der Magyarisierung angesehen wurden und wie die luden in Triest und im Küstenlande den Deutschen, Slowenen und Kroaten als Verwelschungsapostei gelten. Daß alle diese Völker, welchen (mit Hülfe ider Juden ihre .nationale Gleichberechtigung vorenthalten wird, mehr oder weniger zum Antisemitisfmus neigen, ist erklärlich, ist aber eine der naturgemäßen und traurigsten Konsequenzen der jüdischen Assimilatio.ispoiitik. Ob es aber den Juden anderseits gelingen wird, sich die Stellung einer anerkannten gleichberechtigten Nationalität im habsburgischen Völkerreiche zu erringen, hängt wohl von verschiedenen Faktoren und" Umständen ab, in erster Linie aber von 'dem. Willen der , Juden selbst hierzu, von dem Fortschreiten der Nationalisierung innerhalb ihrer eigenen Reihen. Jedenfalls bildet die staatliche Anerkennung der Juden als Nation die Voraussetzung .der Realisierung irgendwelcher nationaler Förderungen und speziell der Ausgestaltung der israe.itiscnen Kultusgemeinden zu jüdischen. Volksgemeinden. Allerdings so.lte nie vergessen werden, daß die Juden eine nario sut generis sind und daß es eine Assimilation in zweiter Auflage wäre, wenn sie nach fr.emdnationaler Schablone ohne Rücksicht auf die bisherige Entwicklung -und die wirtschaftlichen Bedürfnisse der jüdischen Massen -A die eine -national-soziale Politik fordern — in einen doktrinären Nur-Nationalismus verfallen würden. Der jüdische Nationalismus muß vielmehr vom sozialen Geiste durchdrungen sein und seine Vertreter dürfen nie die Tatsache ignorieren, daß die Judenr.o; z.var •nicht" ausschließlich, aber großenteils auch eine wirtschaftliche ist und dau speziell der Antisemitismus nicht bloß chauvinistischen, sondern auch ökonomischen Motiven entspringt. Die Förderung einer großzügigen "Wirts/thafcspolitik ist daher sowohl mit Rücksicht auf die wirtschaftliche, sich stets steigernde Not der Juden, als auch unter dem Gesichtspunkte der Fierstellung besserer Beziehungen der Juden zu den änderen Völkern des Donaureichs eine ihrer wichtigsten nationalen Aufgaben. Soli aber ihre Lage in Oesterreich in politischer wie wirtschaftlicher Hinsicht sich bessern und soll weit er ein freundschaftliches Verhältnis zu den anderen Nationalitäten dauernd platzgreifen, dann ist hierzu eine Klärung, Verständigung und Organisation innerhalb der Juden unerläßlich. Sie ist möglich, wenn von einer höheren Warte aus an die Erörterung der einzelnen jüdischen Zeitr und Streitfragen geschritten wird, und, wie bei anderen Völkern, auch bei den Juden die Devise zum1 Durchbruch gelangt: In neces$airiis unitas, in dubiis liberalitas, in onmibus caj-itas. Aus der jüdischen Welt Die Flüchtlinge in Böhmen- Wie dem „Bukowiner Bote", (oeiblatt der i-rager „bohemia“) i\i entnehmen ist, hat sich der Keterent für Fiiichtiingsangeiegenheiteii in böhmen Statthaltereisekretär Dr. Anders, wie y folgt geäußert,,Die Gerüchte von einer Uebersiedlung sämtiicner Flüchtlinge nach Westgaiizien und Ungarn sind vollständig u n z.u t r e f - A: u d. Wohl ist ein Teil Westgaiiziens zur Unterbringung von Flüchtlingen bestimmt worden, cs handelt sich hiebei aber keinesfalls um1 eine Uebersiedlung jener Flüchtlinge, die bereits im Hinterlande wohnhaft sind, sondern lediglich um solche Leute, die noch nicht ins ■ Hinterland geschafft werden konnten und daher noch im engen oder engsten Kriegsgebiete-, weilen. Es erscheint überhaupt auch gar nicht denkbar, eine so große Zahl von Menschen zu 'übersiedeln. In Böhmen befinden sich insgesamt 140.000 Kriegsflüchtlinge. Hievon sind mehr als die Fiälfte, zirka bO.OOO Juden, an zweiter Stelle stehen die Italiener: 17.000, dann kommen die Polen: 15.000 lind die Ruthenen:., 12.000. Der Rest verteilt sich 'auf Kroaten, Slovenen, Rumänen und Deutsche. Eine jüdische Volksschule der orthodoxen - Adass-lsroel-Gemeinde wird dieser Tage in Berlin eröffnet. Das Museum der jüdischen Gemeinde in Beriin wurde dieser Tage eröffnet. Es verdankt seine entstehung hauptsächlich dem- "Vor einiger Zeit verstorbenen beKaniten Alteriumssammler Albert Wolf in Dresden. - 800 jüdische Passagiere warten in Rotterdam auf die Weiterreise -nach Amerika. Sie ■ fuhren aut dem holländischen Dampfer „Nieuw Amsterdam“, der nach einer Tagereise infolge des Abbruchs der diplomatischen Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland nach Rotterdam zurückkehrte. Öer französische Munitionstninisier Albert Thomas über die Zukunft der Juden. Thomas glaubt, daß Palästina ein Mittelpunkt jüdischnationalen Lehens werden könne. Ueher die Juden Rußlands und Rumäniens aber sprach er sehr zurückhaltend; er ist der Meinung, daß man beiden Ländern bei der Regelung der Verhältnisse ihrer jüdischen Bevölkerung nicht hineinreden könne; es sei dies eine durchaus interne Angelegenheit. Die Rolle der Juden' im Laufe der Geschichte besprach in Zwei Vorlesungen der^Expräsident Taft in Washington.-Er äußerte die Ueberzeugurig, daß Amerika auf dem kommenden Frie-, denskongreß (die jüdische Frage zur Spräche bringen müsse. Die Leistungen des jüdischen Mauleselkorps, das in Aegypten und vor Gallipoli mit den Engländern kämpfte, schildert der Oberst Patterson. Dieser erste geschlossene jüdische Truppenverband seit Barkocüba bestand aus jungen Palästinensern russischer Herkunft, die beim Ausbruch des' Krieges nach Aegypten geflüchtet waren. Sie trugen als' Abzeichen das Mögen David und hatten das Vorrecht der , hebräischen Kommandosprache. Ueber die Hälfte der Mannschaftenfiel oder wurde verwundet. Nach der verunglückten Gallipoli-Expedltion wurde das Mauleselkorps aufgelöst. ' - . 1 . Neue Bücher Autoemanzipation!“ Mahnruf an seine Stasnmesgeoossen von einem' russischen Juden. Hg. von-Ahron Eliäsberg. Berlin. Jüd. Verlag. Der jüdische Verlag hat das Haupt- und Grundbuch unserer Bewegung neu aufgelegt und hat dem gefälligen, gut geuruckten blauen Heft den gekürzten Aufsatz Achad Haams aus der „Jewrejska Sdiisn“ vorangeschickt Dr. A. Rigiphn, „Syrien als Wirtschaftsgebiet“ Verlag’ E. S. Mittler u. Sohn, Berlin 1917, Großoktav, ca. 400 Seiten. „Ich hoffe, in diesem Euche zum erstenmale ein erschöpfendes bild der- Volkswirtschaft Syriens gegeben zu haben.“ Ein solches Werk war schon lange eine Notwendigkeit für den 'Zionismus, nicht nur weil Palästina selbst ein Teil Syriens ist, sondern weil auch das übrige Syrien als Hinterland und in Zukunft wohl auch als das nächstgelegene Absatzgebiet Palästinas wirtschaftlich sehr ins Gewicht fallen dürfte.“ Der Autor hat die selbstgestellte Aufgabe erfüllt, indem er selbst, 10 Jahre lang im Dienste des jüdischen Kolonisationswerkes, Reisen unternahm, Beobachtungen und Untersuchungen anstellte, undso, unterstützt ..vom Wohlwollen und der Mithilfe des Höchstkommandierenden in Syrien und der türkischen Behörden, zunächst reiches Material sammelte, welches er klar und übersichtlich geordnet und gegliedert dem Leser vorlegt. Er bringt einen Ueberblick über die ‘ gesamten volkswirtschaftlichen Verhältnisse Syriens, behandelt ihre Voraussetzungen, wie Klima, Land (Beschaffenheit des Bodens, seine -chemische Zusammensetzung), und gibt vorzügliche, übersichtlich angelegte Tabellen über Ein- und Ausfuhr geordnet nach Warengattungen), -über den Eisenbahn- und Schiffsverkehr, über Frachttarife, Viehzucht, Fruchtbäume u. a. m„ alles, klar, trocken und allgemein Verständlicn. Was aber das Euch besonders wertvoll macht, sind gewisse-: und oft ganz unauffällig eingestreute — Bemerkungen und Beobachtungen “des Verfassers, so z. B. über „die Equilibrierung der Fellachenwirtschaft, d. h. die richtige Anpassung derselben an Klima, Verwältungs-, Verkehrs-, Steuerverhältnisse, Menschen- und .Tiermaterial“, was negativ ausgedrückt, bedeutet, daß die europäischen Wirtschaftsmethoden in Syrien entweder überhaupt nicht oder wenigstens nicht ohne einschneidende Aenderungen anwendbar una rentabel sind. Sehr interessant sind auch die dem Verfasser — als Juristen — besonders naheliegende» scharfsinnigen Bemerkungen über „rechtliche Hindernisse der landwirtschaftlichen „Produktion“, wie es ü. a. die kurzfristige, bloße „Innehabung“ des Grundstückes durch den Fellachen ist, sei es auf Grund temporärer Zeuzuteilung von Gemeineigentum, sei es Pachtverträge. Oder über Steuer- und Kreditwesen, über Grundstückeigentüm und - Erbfolge. Dieses Buch ist eine außerordentliche, schätzenswerte Bereicherung Unserer "Palästinaliteratur, da es aber nicht nur wissenschaftlich im strengsten Sinne des Wortes, sondern auch ungemein praktisch und übersichtlich angelegt ist, wird es jedem, der in Syrien ideale oder materielle Interessen verfolgt, unentbehrlich sein. Fritz Rodeck. Chanukah an der Front. Es wird dunkel. Die Posten werden für den Nachtdienst aufgestellt. Sie hüllen sich in die weißen Schneemäntel, nehmen Bajonett aut und ich führe sie auf ihre Aufstellungsorte. Die Nacht ist wunderhübsch. /WölkenloSi mit unzähligen litzernden Sternen besät, dehnt sich der tieflaue Himmel über die schneebedeckte Landschaft - des Urwaldes aus. Die vielen Lichtlein erinnern mich an die Bedeutung, des heutigen Abends für die Juden. -Es ist dier j25, Kinlev. Der erste Clianukaabend. Bilder aus vergangenen Tagen fauchen vor meinen geistigen» Auge auf. Wie schön wurde dieser Abend gefeiert. Noch klingen in meinen Ohren die herrlichen Worte des Rabbiners, der von unseren makkabäischen Helden erzählte. ,Wie leuchteten damals meine Aimeri, -welche Begeisterung sprühte aus meinen Blicken, als ich die ruhmreichen Taten dieses .kleinen nationalen Häufleins vernahm, das sich gegen .die Assimiiationsversuche des Syrerkönigs Antiochus aufbäumte, das lieber Gut und Blut hirigab', als' daß es t:iur einen Schein von griechischem Wesen und Kul-» tur annahm. Und als nach der Rede des Rabbiners die Zöglinge der hebräischen Schule, sechs ■ und siebenjährigen Kinder, die schönen hebräischen Weisen anstimmteh und am Schlüsse die Akkorde (des Hatikwahliedes intoniert wurden, sah ich, daß der Geist unserer Makkabäer nicht nur in uns ‘ fortlebte, sondern .sich zu neuer Blüte erhob, der in Kürze die schönsten Früchte tragen toerde. -— — — — -r-' Und jetzt?! Der schreckliche; Krieg traf die jüdische Bevölkerung am schwersten. ' Großes-