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Jüdische Zeitung · 1917-03-30 · 13 (30.3.1917) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
11 (1917)
Issue
13 (30.3.1917)
Date
1917-03-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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XL. Jahrgang — Kr. l3’rj Nalional-jüdifchcs Organ Erschetnt^w öchentlic hgeinmal Redaktion: Wien II, Zirkusgasse Nr. 33 Sprechstunden: Montag bis Freitag von.4—7 Uhr, Sonntag von 11—12 Uhr Manuskripte werden, wenn unverlangt,^ ■ ohpe Rückporto-nicht zurückgesandt -——-——- Redaktionsschluß Dienstag um 7 Uhr. ~ r.. . _ _ ms— Farn sprech-Nummer<4S-3-2S ^Wicn, Freitag, 30. Marz 1917, Mit der Beilage: Oer Jüdifche Nationalfonds 7. Nissan 5677 Einzelnummer 24 Heller Geschäftsstelle: Wien 11/,, Zirkusg. 33 Geschäftsstunden: Montag bis Freitag von 9—12 u. 3—7, Sonntag von 9—12 Bezugspreise: üanzjäurig K1U.— halbjährig K 5.—, viertel]ährig K 3.— Anzeigen und Beilagen nach Tarii Postsparkassen-Konto 133A64 Inhalt* i* 1,: ^ie Ere|gnisse >n Rußland. — lllllClll. Vom Pasteurinstiiut in Jerusalem. — Aus der jüdischen Presse. — Aus der jüdischen Welt. — Dokumente der Zeit. — Zionistische Bewegung. — Parteitätigkeit in Österreich-Ungarn. — Neue Bücher. — Zionisten im Felde. — Ankündigungen.— Berichte und Korrespondenzen.—Sport Aufruf. Die Ereignisse in Russland Die Petersburger Telegraphen-Agentur gestattet uns nur einen höchst unvollkommenen Einblick in die Krisen, von denen Rußlands Reich und Volk seit dem 12. März erschüttert wird. Feststeht einstweilen nur, daß Nikolaus Romanow entthront wurde und in einsamer Haft über das Schicksal Louis Capets nachsinnt. Wer als sein Rechtsnachfolger im Besitze der Macht ist, darüber sind nur Kombinationen möglich. Diese Umwälzung hat erst begonnen und was unsere von jeglichem Wissen verlassenen Zeitungen schwätzen, wird durch die Tatsachen in keiner Weise unterstützt. Es ist zur Modesache geworden, hinter allen überraschenden Ereignissen der großen Politik englischen Einfluß zu vermuten, und so hat man auch hier die Umtriebe des zu fast mythischer . Höhe hinäufgelogenen Sir Buchanan als den Anlaß zur Revolution bezeichnet. Man scheint sich eben eine aus .Volkszorn und Leidenschaften geborene Revolution nicht ohne Bestechung denken zu können, obschon der Begriff der Revolution den der Korruption ausschließt, ja direkt bekämpft. Nein. Die Anlässe der Erhebung des russischen Volkes liegen viel klarer zutage. Es war das Versagen des staatlichen Apparatesder Lebensmittelversorgung, das Unterbinden jeglicher Kritik der Regierungsmaßnahmen, die Einkerkerung der Wortführer der verhungernden Massen und das. Austoben der Büttel des Zarismus gegen jede freiheitliche Regung, es war die Gegenwehr des ausgesogenen, zur Schlachtbank geführten Volkes gegen die Tyrannei einer überkultivierten und darum umso brutaleren Gesellschaftsschichte, welche sich hinter den Bajonetten sicher wähnte. Aber in der Stunde der Entscheidung richteten sich die Bajonettei gegen sie selbst: Die Revolution, in der man deutlich die bürgerlich-intellektuelle und die militärisch-proletarische Strömung unterscheiden kann, hat aber ersi begonnen. Ihr Arbeitsgebiet ist nicht nur räumlich, sondern auch -sachlich fast grenzenlos. Sie hat Rußland-zuerst zu erobern, dann zu reinigen und schließlich zu erziehen. Das sind Aufgaben, die über die Kraft .einer einzigen Generation weit hinausgehen und eS als sicher erscheinen lassen, daß Rußland den Weltfrieden in absehbarer Zukunft nicht bedrohen wird, zumal die Revolution zunächst der (panslavistischen Schlange den Kopf zertreten hat. Die Revolution hat den russischen Völkern die Freiheit verheißen. Das größte dieser Völker, das polnische, hat inzwischen durch einen von der Menschlichkeitspolitik diktierten Akt der Zentralmächte seine Freiheit bereits erhalten. Die anderen Völker jenseits der Weichsellinie erwarten nun ungeduldig den Sieg der Revolution. Vielleicht aber am ruhigsten und geduldigsten ist das jüdische Volk, das aus seiner Geschichte gelernt hat, real zu denken und jeden Sanguinismusabzu^ lehnen. Im- -Jahre 1905 hat die Revolution die Aufhebung aller religiösen und politischen Beschränkungen verheißen, aber schon im' folgenden Jahre waren diese wieder in Kraft. Auch die jetzige Revolution hat den Grundsatz der Freiheit, Oieichheit lind Brüderlichkeit auf ihre Fahnen geschrieben, hat aber bis*.jetzt wenigstens von Judentum geschwiegen.*) Ist dies deshalb geschehen, weil aas Judentum üer Revolution fernstand oder deshalb, weit auch die pro.etarischen Führer des Umsturzes der Massen bezüglich dieser Frage nicht ganz sicher sind? Das läßt sich aus der Ferne nicht klar erkennen, mahnt uns aber auf jeden Fall zur Vorsicht. Sicher wird das ‘kommende Rußland freisinniger sei« als das gewesene; sicher wird auch eine etwa einsetzende monarchistische Kontrerevolution an den Lehren der -Vergangenheit nicht unbeeinflußt Vorbeigehen können; sicher aber ist, daß der Antisemitismus zu tief in der Volksseele sitzt, ais aaß er sich aurch gesetzliche Dekrete wegeskamotieren ließe. Wir haben dies .aus der französischen Revolution ebensosehr wie aus den gleichartigen Ereignissen in aen anderen Staaten Westunü Mitteleuropas gelernt. Und wir wissen, daß die Juuenfrage in Rußland weiter ebenso quäiend sich gestalte« wird, wie in i'oien, i« uaiizien und anuerwärts. Das juuentum kann seine Leimung nur von der eigenen Kraft und uer eigenen Einsicht erwarten, es kann nur in seiner palästinensischen Heimat gesunden. .i-t- Vom Pasteurinstiiut in Jerusalem rräulein Ciementine Mayer, die ehrenamtliche Sekretärin uer „jüdischen Gesellscnait für sanitäre* Interessen in iJ a t as t m a‘‘ sprach Mittwoch, den 2ö. März im Älten-Herrenverband über aas Pasteur-Institut in Jerusalem. Aus ihren interessanten Ausführungen ging die starke oeueutung hervor, die aas Institut für die sanitären Verhältnisse im Lande unserer Hoftnung hat. Im Jahre 1908 erließ das Engere Actions- Comite in der „Welt" einen Aufrut zur Gründung eines meuizinischen Instituts in Palästina. Im Jahre 1909 auf dem IX. Kongreß wurde dann eine „Gesellschaft jüdischer Aerzte und Naturtorscher für sanitäre Interessen Palästinas“ gegründet, die die Absicht hatte, verschiedene hygienische Anstalten in Palästina ins Leben zu rufen, endlich konnte im Mai 1913 der Begründer dieser Gesellschaft, Dr. Arie Beham, in Jerusalem seine Arbeiten "beginnen, die in uem jahrhundertelang in sanitärer Hinsicht so vernachlässigten Lande einen segensreichen Aufschwung nahmen. — Das Institut zerfällt vorläufig in drei Abteilungen: die Wutschutz-Abteilung (Pastetir-Institut), die serologische und die vaccino-therapeutische Abteilung. Die Wu ts ch u tz - A b t eil ung ist die im Lande populärste Abteilung, die auch dem1 Ganzen den Namen gegeben hat. Dort finden diejenigen , Personen, die von den verschiedenen tollwütigen Tieren (Hunden, Katzen, Kamelen, Schakalen) gebissen sind, die zur Heilung notwendige Behandlung. Trotz der kurzen Zeit des Bestehens wurden bis jetzt bereits etwa 900 Personen in der Abteilung behandelt. Es wurden ferner 28 Gehirnuntersuchungen auf Tollwut (bei Tieren) ausgeführt. Bis zur Gründung des Instituts mußten die Gebissenen nach Kairo oder Konstantinopel zur Behandlung fahren. Da diese infolge der - schwierigen und ungünstigen Beförderungsmittel sehr oft zu spät kam, hatte man im Lande, auch unter den jüdischen Kolonisten, viele Opfer der Tolhvut zu beklagen. Es kam unter anderem der tragische Fall vor, daß ein Arzt (Nichtjude) seinen an Tollwut erkrankten Sohn mit eigener Hand erschoß! Die Gründung des Instituts hat im' Lande ungemein segensreich gewirkt. Aus allen Teilen des Landes, vom Libanon bis zur Wüste und von Gaza bis Berschewa, aus den Städten *) Vgl. "hiezu unsere Nachrichten unter „Jüd. Welt“. und Kolonien kommen die Gebissenen nach Jerusalem zur oenanutung. Dr. oenant ist lortgcsetzt oestreot, uuren i-ubliKauonen in aen neuraischen, aeutseneu una arauisaien Zeitungen des Lanues, uuren Droschüren sowie uuren ueeinliussung üer schetcns Uie Bevölkerung uoer üie 1 oliwut und inre Behandlung auizuKiären. Die Scheichs, die in uen Dörfern meistens aas Amt eines Arztes vertreten, nauen truner die Behandlung üer Geoisseneu nacn eigener Methode ausgeführt, die der pasteursenen Methoue ziemlich uiiahnticn war und skii imwesenuiciien auf aas Brennen der verschiedenen Körperteile mit glühendem Eisen beschränkte! Diese pri* mitive neilkuust weicht nun ullman>ich dem- Triumph der Wissenscnaft. Ais einen bemerkenswerten Erfolg der voikserziehuchen Bestrebungen des Herrn Dr. beham aut sanitärem Gebiet ist es auch anzusehen, daß jetzt senon uie Gehirne tollwutverdächtiger Tiere, ott sogar nach Vorschritt in Glycerin autbewahrt, dem Institut aus den entferntesten Teilen ues Landes zur Untersuchung zugehen. Interessant ist ein Einblick in den großen Warteraum des Pasceur-instituts am Vormittag. Da sieht man 25—30 Personen jeden Alters und Geschlechts, Chatukajuden und sonnengeoräunte jüdische Kolonisten, verschleierte Araoerinnen und Fellachen, Beduinen und Soldaten, deutsche und amerikanische Kolonisten. Alle warten mit orientalischer Ruhe, bis dje Reihe der Einspritzung an sie kommt. Das Vertrauen und die Achtung, die das Institut und sein Leiter — ha Hakim ha Jahud, wie der Araber sagt — im Lande genießt, ist außerordentlich und trägt viel zum Prestige der jüdischen Bestrebungen bei. Jetzt zur Kriegszeit hat sich die Einrichtung des Pasteur-Instituts ji!s besonders notwendig erwiesen, da das Institut in Kairo überhaupt nicht in Frage kommt und Konstantinopel nur mit den größten Schwierigkeiten zu erreichen ist. Die Serologische Abteilung wird hauptsächlich von den verschiedenen Krankenhäusern und jetzt auch von den Lazaretten in Anspruch gekommen. Es wurden bis jetzt über 1470 serologische Untersuchungen ausgeiührt, teils Vidal (auf Typhus) und teils Wassermann (aut Syphilis). In der Vacci no-therapeutischen Abteilung wurden bis zum Herbst 1915über 1140 Pockenimpfungen ausgeführt. Anfangs arbeitete sie mit der aus dem Auslande eingeführten Lymphe. Bei der stets zunehmenden Schwierigkeit der Einfuhr von frischer, d. h. noch wirksamer Lymphe aus dem Auslande und bei der daraus resultierenden steten Gefahr einer Pocke.iepidemie im Land hat sich die Gründung einer eigenen Pockenlymphfabrikation für Palästina und Syrien als dringendstes Bedürfnis der Zeit herausgestellt. Diese Pockenlynrphanstalt wurde mit' Hilfe der Militärbehörde, die die notwendigen Kälber lieferte, von Herrn 'Dr. Beham Im An - Schluß an die bestehenden Abteilungen ins Leben gerufen und entwickelt sich aufs erfreulichste. Die Militärverwaltung bestellte Lymphe für 100.000 Militärpersonen, davon sind bereits für 55.000 Impfungen an die Armee abgegeben worden. Außerdem wurden 3000 Personen der Bevölkerung (darunter Schulen, Kindergärten, Seminare) im Institut selbst mit der sehr wirksamen Lymphe geimpft worden. Ferner hat die Vaccino-therapeutische Abteilung ungefähr 100 Personen mit den im Institut fabrizierten Vaccinen gegen verschiedene Hautausschläge (Occema, Excema, Furunkulose) behandelt. Außerdem wurdenaus dem Institut folgende populäre und wissenschaftliche Arbeiten des Dr. Beham veröffentlicht: Ueber Tollwut. (Hebrä.- isch.) Jerusalem 1914. Schnelle Verwandlung des Straßenvirus in Virus fixe. (Deutsch und französisch.) Münch. Med. Wochenschr. Nr. 25. 1915. Der Krieg, der Gesundheitszustand und die infektiösen Krankheiten in Palästina. (Hebräisch.) Jerusalem. Es ist klar, daß das Institut noch bedeutend weiter ausgebaut werden kann. Herr Dr. Beham plant vor allem die Gründung einer Abteilung zur Bekämpfung der für Palästina so überaus verderblichen Viehseuchen. Daß noch immer keine jüdischen Milchwirtschaften im Lande existieren, liegt ja zum größten Teil an den Viehseuchen, besonders der Rinderpest, die den Kolonisten das Achtung! Werbet neue Abonnenten, Gesinnungsgenossen!

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