Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 11 (16.3.1917)
- Date
- 1917-03-16
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 2 JÜDISCHE ZEITUNO Nr. 11 das Budget mit allen Stimtaen gegen die Stimmt des Vorstehers Stricker angenommen. Die Debatte hat neuerlich gezeigt, wie vor teilhaft. das von der Majorität so befürchtete Eindringen der zionistischen Opposition in den Kultusvorstand sich erweist Die Zionisten sind ein Element, das belebend und anregend wirkt Das erkennt heute auch die Majorität mit wenigen Ausnahmen rückhaltlos an. So klein die zionistische Vertretung auch an Zahl ist, so grol erweist sich ihr Einfluß äut das Gemeindeleben und in nicht ällzuferner Zeit wird man der zioni stischen Partei jenen ‘Anteil an der Leitung des jüdischen Lebens in Wien zuerkennen müssen der ihr gebührt. Von religiöser Erneuerung Ein Vortrag Nathan Birnbaums. Durch die infolge des Krieges über das ost jüdische Volk hereingebrochene Katastrophe sine die Ostjuden in den Gesichtskreis der „aufgeklär ten“ liberalen Juden des Westens gerückt wor den, für die es auf den Höhen ihrer sozialen Stellung, die sie dank der „Toleranz“ der an deren hatten erklimmen können, eine äußere Judenfrage nur mehr in sehr eingeschränktem! Sinne gao.- Eine innere Jjudenfrage aber bestand für sie eigentlich überhaupt nicht mehr,* seit sie in den Kulturkreis aufgestiegen .waren, indem man sich mit Philosophemen um die so unzeitgemäße Frage des Glaubens drückte und Religion zu einer deistisch gefärbten Ethik hinaufläuterte. Das Ostjudentum wurde entdeckt! Durch den hierzulande besonders in Leichtfertigkeit und Oberflächlichkeit entarteten Journalismus wurde es — im' günstigsten Falle — mit einem Seiten-. blick auf die Judenfeinde der Welt wohlwollend als romantische Ruine aus grauer Vorzeit zur Schau gestellt — Wir bewußten Juden der verschiedenen Richtungen sind von dieser „abgeklärten“ Art der Betrachtung des Kernes unseres Volkes natürlich weit entfernt und doch haben wir so manchesmal die niederdrückende Empfindung gehabt, daß die-kompakte Masse, der Millionen unserer Brüder in tiefem Schlafe liege. Machtlos als Amboß hingestreckt, hält unser Volk den gewaltig hämmernden Schlägen - der Weltgeschichte ‘unserer Tage stand. Kein noch so geringes Volk ist so wenig bereit für die Zeit nach dem Kriege wie wir. Doch wir müssen' in „der großen Zeit“ heroisch denken! Die ‘ gewaltigen Erschütterungen unserer Tage werden in unserem Volke niegeahnte Kräfte erwecken. Wir sind gebildete Kulturmenschen, haben unseren Goethe gelesen. „Stirb und werde!“ ruft er. Dürfen wir nach den Erfahrungen der letzten . Jahrzehnte noch mit so großer Sicherheit aut dieses Werden hoffen? Was ist die Wirkung all der Losungen gewesen, die wir — wie wir vermeinten — als zündende Funken in die jüdischen Massen schleuderten? Weiche Gluten haben sie denn entfacht? Welche machtvolle, jedes Hindernis hinwegspülende Ströme des Woliens entfesselt? Wo hat aus der kompakten Masse des Volkes heraus — allen sichtbar — Erkenntnis und Wille mit der ungestümen Kraft der Elemente zur Tat gedrängt?' Oder lag es an den Losungen, die im Westen ausgegeben worden waren? War es das Mißgeschick derer, die das Volk erwecken wollten, daß sieg erade d i e Losung nicht fanden, die das Herz des Volkes tief aufwühlen, mit Hn unsere Gesinnungsgenossen im Eelie! Die Veröffentlichung des Feldpostbriefes in Nr. 9 hat die unerwartete Folge gehabt, daß zwar neue Mannschaftspersonen die kostenlose Zusendung unseres Blattes verlangen, jedoch die allermeisten Feldpostempfänger im‘ Range von Offizieren, die Mahnung ihres Kameraden zur Zahlung des Bezugspreises unbeachtet gelassen haben. Es ergibt sich hieraus die Pflicht für unsere einsichtigen Gesinnungsgenossen im Hinterland ebenso wie für die im Felde, keine Gelegenheit vorübergehen, zu lassen, für die Jüdische Zeitung Abonnenten zu werben. Werbematerial steht gerne zur Verfügung., zur Verfügung. neuer Glut erfüllen und das Werk der wahrhaftigen Erneuerung hätte schaffen können? Mangelte es etwa an Führern, die ihre Berufung so tief fühlten, daß ihnen Lehre und Leben eins ward? * Ueber diese bedeutsamen Fragen sprach kürzlich Dr. Nathan Birnbaum in einem geschlossenen Kreise von persönlich ihm Nahestehenden, die sonst verschiedenen Geistes- und Gesinnungsrichtungen angehören, in einer Art, Vortrag über seine heutige Stellung zur jüdischen Frage. Er ging aus von dem Unterschiede in der Weltanschauung zwischen den Juden und den anderen Völkern. Mit der Schärfe, die denen, welche seinen kürzlich an der Universität gehaltenen Vortrag über den Chassidismus gehört haben, noch erinnerlich ist, rückte er auch diesmal der modernisierenden jüdischen Intelligenz im Westen und im Osten an den Leib, fand sie im Gegensätze zu dem geistlichen Wesen des Judentums und im Dienste der fremden, heidnisch-weltlichen Rebellion gegen die jüdische Wesensidee und stellte sich ohne Rückhalt und ohne Kompromisse auf den :Boden der jüdischen Lehre. Selbst die Verbesserüng und Verschönerung seiner materiellen Existenz könnte dem jüdischen Volke, dessen Seelenachse geistlicher Art sei, nur auf dem Wege seines wahren Wesens werden. Die gläubige jüdische Masse des Ostens sei ‘die einzige wirkliche Bewahrerin des jüdischen Glaübensgutes; doch haften auch' ihr Gebrechen an. Birnbaumerklärte diese als die Wirkung einer eigentümlichen religiösen Inaktivität, der das jüdisdie Volk bei all seiner Glaubenstreue seit langer Zeit verfallen sei. Diese Erscheinung erklärte er aus zwei Ursachen. Einerseits, indem1 er die Auserwähltheitsreihe: Thora, fortschreitende Heiligung, Messias aufstellte, daraus, daß der Messias im religiösen Ideenleben auch der frömmsten Juden zu sehr in den Hintergrund getreten, vor allem ganz außer der ihm zukommenden Beziehung zur Ausenvähltheit und zur Lehre von Lohn und Strafe gesetzt sei. Andererseits aus dem Manger einer hierarchisch geordneten autoritären Giaubenshütung.. An diese Ausführungen knüpfte Dr. Birnbaum die Mitteilung, daß er, schon seit mehr als Jahresfrist im Sinne dieser Erkenntnis tätig, darauf bedacht gewesen sei, Mitstrebende' zu finden. Er sei dabei nicht ohne Erfolg geblieben. Bald 'würde der Anfang zu dem Zusammenschluß der- . jenigen gemacht - sein, die sich durch strengste Thoratreue und intensivstes Streben nach Heiligung und Unterordnung 'unter eine geordnete, räbbinische Glaubenshüterschaft das Kommen des Messias erarbeiten wollen. Mit Rücksicht darauf, ■ daß unter den gläubigen Juden das Gefühl der drohenden Gefahr gesteigerten Abfalls und der trägen Unzulänglichkeit der Abwehr allgemeiner wird, hoffe er aut die wirkende Kraft des Beispiels. Dr. Birnbaum schloß seine Ausführungen sehr eindrucksvoll damit, daß er Leitsätze, welche er für sich und seine Mitstrebenden als offiziellen Ausdruck ihres Wollens formuliert hatte, in hebräischer und dann in deutscher Uebersetzung vorlas. Die Zuhörer lernten daraus insbesondere noch die Auffassungen und Forde-' rungen Birnbaums in Bezug auf Heiligkeit und Heiligung (drei Arten der Heiligkeit: des Erkennens, des Erbarmens und der Gott entliehenen Pracht) sowie die Anwendung des Begriffes der „Umzäunungen“ auf die Pflichten der Gesamtheit kennen. Zum Schlüsse bemerkte noch Dr. ‘Birnbaum1, er glaube nach seinen ‘Worten .nicht erst hervorheben zu müssen, daß seihe Bestrebungen mit denjenigen gewisser intellektueller Kreise, die einte Art Religiosität des jüdisch-literarischen Sa’ons kultivieren, nichts zu tun habe, im Uebrigen werde er so fernab vondiesen und allen Untieren Kreisen des modernisierenden Judentums zu wirken haben, daß er kaum mit ihnen in ‘ Berührung kommen, jedenfalls sich um sie nicht kümmern werde. Birnbaums Worte haben auf die Hörer des kleinen Kreises seiner Gäste starken Eindruck geübt, auch auf diejenigen, denen die Entwicklung dieses Mannes zu seinem heutigen Stand-, punkt nicht verschlossen, geblieben war. Bernhard T ag li cht. Jüdische Dienstpflicht.*) Mit Tausend zog Garibaldi aus. So mcint's auch wahrscheinlich unser Kamerad, Herr Ing. Ornstein. Nur zieht er mit 500 Chelazim ins Feld. Aber nicht die Zahl spielt die Hauptrolle, nur der Gedanke, der Gedanke an eine jüdische Dienstpflicht. Und dieser Gedanke, ein Kind unseres Schützengrabens, ein Gebot der Stunde, wird mit Begeisterung aufgenommen werden. Nur hüten wir uns, Fehler zu begehen, die unsere ersten Pioniere begangen haben und aus denen wir doch schon lernen müßten. Die Idee der Mobilmachung jüdischer Arbeitskraft für unsere Siedlung in Palästina hat schon tiefe Wurzeln im Ostjudentume ‘geschlagen, und zwar nicht nur „i|n den Turnvereinen, Pfadfinder- und Studenten-urganisationen, Frauenvereinen usw.“, sondern in der Volksmasse, für welche diese Frage eine Brotfrage ist. Aber solche kurzfristige Waffenübungen sui generis, die Ornstein vorschlägt, können nur verhängnisvoll für unsere junge, werdende Siedlung werden (Lohndrückerei!). Und gegen eine solche Auffassung jüdischer Dienstpflicht muß schon heute energisch Widerspruch erhoben werden. Wir wollen dauernde wirtschaftliche, soziale und kulturelle Werte im Lande schaffen und nicht nach Palästina reisen, „des guten Tones wegen“. Mit dem Wegfall der heute bestehenden äußeren Hindernisse und dem Eintreten einer rasch anwachsenden Einwanderung! wird sich von selbst vielen Arbeitskräften lohnende Betätigung darbieten. Jüdische Dienstpflicht, oder besser, der temporäre freiwillige nationale Hilfsdienst ist nur im Hinterlande-Galuth wünschenswert. Man dqr.ke *) Siehe: Jüd. Zeitung, Nr. 9, XL Jahrgang. Die Judenfrage als wissenschaftliches Problem ln erbittertem Kampfe ringen (die Parteien des Judentums von heute miteinander. Es ist den sien selbst verantwortlichen Führern nur zu wohl bewußt, daß das in seinen Tiefen aufgewühlte und in seinen Grundfesten erschütterte Volk in diesen Tagen der allgemeinen Entscheidung für die nahe und weitere Zukunft wählen muß; nicht die Wendung dahin oder dorthin ist zu versuchen, sondern das eigene Schicksal ist mit dem ehernen Hammer des Willens zu schmieden. Da sollte man eine Schrift eigentlich von Herzen begrüßen, die das Judentum jenseits von allen Programmen ganz sachlich, sine ira et studio, betrachten will. Das hat Sigbert Feuchtwanger in seinem als Separatabdruck erschienenen Aufsatz „Die Judenfrage als wissenschaftliches und politisches Problem“ versucht. Der Tatbestand des Judentums soll in seiner Nacktheit-pufgezeigt werden; denn der Verfasser meint, daß die Darlegung der unverhüllten Wirklichkeit allein schon über alle Schwierigkeiten und Hindernisse hinweghelfe und unverweigeriieh zu einer Beantwortung der so oft gestellten Frage führen müsse. Die Sicherheit, mit der Feuchtwanger die Aufklärung und Wissenschaftlichkeit als das unfehlbare Heilmittel in den Wirrnissen des Judenproblems hinstellt, erinnert nicht allein an das Sokratische Prinzip der Lehrbarkeit der Tugend und die Siegessicherheit der mit exakten Methoden arbeitenden Naturwissenschaften, sondern es ruft uns unsere eigene Agitatibnsweise ins Gedächtnis und stellt sie in eine ganz merkwürdige Beleuchtung. Ganz ebenso wie unsere Versammlungsredner von einst mit der Aufstellung der wahren Lage des jüdischen Volkes ihre Aufgabe erfüllt zu haben meinten,, da aus der Erkenntnis schon alle Willensakte erfließen sollten, „hält es Feuchtwanger für vollauf genügend, den von jeder Gunst oder Abgunst unberührten reinen Tatbestand auseinander zu setzen, um wiederum’ zu seinen, dem Zionismus gar weit abgelegenen Schlüssen zu kommen. Es ist eben nicht das Wissen das Erste, sondern die selbstverständliche Liebe und. Treue, die sich in der Welt des Tatsächlichen bestenfalls nur verankern lassen. Die trotz aller, angelobten Wissenschaftlichkeit aber bereits mitgebrachte Voraussetzung für Feuchtwanger,, ist die Erklärung der jüdischen Art, die lediglich die Fähigkeit sei, „fremde Eindrücke aufzunehmeri, in sich zu verarbeiten und originell weiterzubilden“. Das gelte aber nicht etwa bloß für die Gegenwart, es sei vielmehr „die einzige Eigenschaft, die die geschichtliche Betrachtung am' Juden aller Zeiten findet, eine- Eigenschaft, von der das jüdische Schicksal wesentlich bedingt wurde und an deren Konstanz man zufolge diesemdoppelten Zeugnisse der Geschichte glauben kann“. Man darf wohl ruhig sagen, daß der „Erkenntnistheoretiker“ Feuchtw'änger sich seine Aufgabe, die ohne eine einigermaßen feste Definition nicht auskommt, sehr leicht gemacht hat und ganz an der Oberfläche historischer Betrachtung klebt»- statt nach einem tieferen, immanenten Sinn des Judentums, einer wirklichen Persönlichkeit, zu suchen. Allerdings, ganz wohl Ist dem Wissenschaftler doch nicht, der dann wieder einmal die Urkraft nationaler Existenz zur Hilfe ruft. Kein Wunder, daß der Verfasser nach einer langen, sicherlich auch wertvollen Wanderung durch Vergangenheit und Gegenwart des jüdischen Volkes zur Erkenntnis kommt, daß der objektiven Lösung der Judenfrage, d. i. der allseitigen Aufhellung des Problems, eine subjektive, folgen müsse, die darin bestehe, die widerstrebenden Elemente des modernen Juden zu einer höheren Einheit zu homogenisieren. Man kann diesen Lösungsversuch dann, ohne sich durch Feucbtwangers vorahnenden Einspruch beirren zu lassen, eine Assimilation auf einem höheren Niyeau nennen; denn dadurch unterscheidet sich hievon die Zielsetzung des nationalisierten Juden, daß er nicht eine gleichmäßige Harmonisierung seiner jüdischen und deutschen Wesenselemente anstrebt — er hält das eben für möglich —, sondern daß er die mehr äußerlichen deutschen Inhalte der tiefsten und wahrsten Schicht seiner Persönlichkeit, der jüdischen, unterzuordnen sucht. Man wird das Schriftchen mit dem Gefühle aus der Hand legen, Feuchtw'anger habe sein w-eites und tiefes Wissen in die Form einer vorgefaßten Anschauung eingezwängt, das die allzu engen Bande gär oft zu sprengen droht. Das blühende Leben einer Gemeinschaft wird vergewaltigt, w'enn man es mit der exakten Methode der Wissenschaft einfangen will. Der Verfasser Jjann - ja selbst nicht bei seiner Unparteilichkeit bleiben, bald spricht er vorn1 Zionismus fast allzu w'ohlwollend, bald malt er die Orthodoxie doch gar zu grau. Die darin arggeschmähte „Wissenschaft des Judentums“ W'ar da vorsichtiger, sie ahnte die Unzulänglichkeit ihres Gesichtskreises und blieb im engen Raum 'minutiöser Einzeluntersuchungen, denen sie nicht einmal einen Ausblick in die Weite zu geben vermöchte. Dr. W. Stein.