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Jüdische Zeitung · 1917-03-16 · 11 (16.3.1917) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
11 (1917)
Issue
11 (16.3.1917)
Date
1917-03-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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XL Jahrgang — Nr. 11 Erscheint wöchentlich einmal Redaktion: Wien II, Zirkusgasse Nr.33 Sprechstunden: Montag bis Freitag von 4—7 Uhr, Sonntag von 11—12 Uhr Manuskripte werden, wenn unverlangt, ohne Rückporto nicht zuriickgesandt Redaktionsschluß Dienstag um 7 Uhr Fernsprech*Nummer 45-3*25 Naiional-jüdifches Organ Mil der Beilage: Der Jüdifche Nhiionalfonds Wien, Freitag, 16. März 1917 22.Adar 5677 Eintelnumme'r 24 Heller Geschäftsstelle: Wien 1I/L, Zirkusg. 33 Geschäftsstunden: Montag bis Freitag von 9—12 u. 3—7, Sonntag von 9—12 Bezugspreise: Ganzjährig K10.— halbjährig K 5.—, vierteljährig K 3.— Anzeigen und Beilagen nach Tarif Postsparkassen-Konto 133.404 1 Tatialt* Die Budgetdebatte in der Wiener Kulllllldlii tusgemeindc. — Dr. W. Stein, Die Judenfrage als wissenschaftliches Problem. — Bernhard laglicht, Von religiöser Erneuerung. — Jüdische Dienstpflicht — Eine Rede unseres Gesinnungsgenossen Kollenscher. — jüdisches Archiv. — Eine Polendeba.te in der „Österreichisch-politischen Gesellschaft“. — Aus der allgemeinen Presse. — Zionist Bewegung. — Aus der zioi.ist. Partei u. a. m. 1 . ~v Die Budgetdebatte in der Wiener Kultusgemeinde In drei Sitzungen, am 25. Feber, 4. und 11. Mitrz, winde ir.i Wiener Kultusvorsiande die Debatte über das Budget für das Jahr 1917 abge- ‘ führt. Während in früheren Jahren die Budgetdebatten sich darin erschöpften, dab nach Vorlesung des Berichtes zwei oder drei Redner die usuellen. Dank- und Vertrauensformeln abhaspelten, würde diesmal an . drei Sitzungstagen ernst und sachlich beraten^ Dieser ivürdige Verlauf wurde durch den ersten Redner zum Berichte, unserm . Gesinnungsgenossen, Ingenieur Robert Stricker, herbeigeführt. ,Er hat durch eingehende, scharfe, durchaus sachliche und prinzipielle Kritik der Gebarung, die Leitung und das Plenum genötigt und angeregt, zu den von ihm aufgeworfenen Fragen. Stellung zu nehmen. Wir haben davon Abstand genommen, über die einzelnen Sitzungstag^.ggspjidert .zu berichten, und wollen nachstehend die wichtigsten Momente zusammenfassen. Den Finanzbericht erstattete der zweite Vizepräsident Dr. Leopold Kohn. Er hat die einzelnen Kapitel kurz besprochen. Ausführlich wurde er nur bei Erörterung der großen Investitionenfür das im Bau befindliche Kinderspitai im .Augarten und für den neuen Friedhof. Nachdrücklich und dankend hob er hervor, daß die Kultussteuerträger willig die erhöhten Abgaben entrichtet haben. Gg. Ingenieur Robert Stricker, der erste Redner, erklärte dem Umstande, daß der Bericht im Kriege und unter schwierigen Verhältnissen verfaßt sei, Rechnung, tragen und von einer ins Detail gehenden Kritik absehen zu wollen. Er müsse aber auf die prinzipiellen Schäden in der Leitung der Gemeindegeschäfte hinweisen, deren Beseitigung nicht länger verzögert werden darf. Der Steuervoranschlag im Betrage von 1,700.900 Kronen ist leichtfertig erstellt. Er weist gegenüber den Ergebnissen der Friedensjahre und der .Jahre 1915 und 1916 einen Mehrertrag von nicht ganz 4»/o auf. Dieses Resultat steht im schreiendsten Gegensatz zu den tatsächlichen Verhältnissen und unter solchen Umständen ist' es absolut nicht verwunderlich, wenn die Kriegsverdiener, wie der Referent dankbar bemerkt hat, cliese „Erhöhung“ mit größter „Opferwilligkeit“ auf sich genommen haben. Unsere ganze Steuerpolitik muß geändert werden. Die Art der Einschätzung entbehrt jedes Systems. Sie beruht auf ganz willkürlichen Angaben. Die Kleinen, insbesondere aber die Fixbesoldeten, werden gebührend und über Gebühr eingeschätzt. An die Reichen traut man sich nicht heran und schützt würdeloser Weise vor, sie würden bei angemessener Besteuerung dem Judentum den Rücken kehren. Die Wiener Juden würden gerne die Steuer entrichten und auch gerne mehr Steuer entrichten, wenn sie das Gefühl hätten, daß bei der Einschätzung gerecht .vorgegangen wird. So fehlt aber dieses Gefühl der Sicherheit In hunderten von Fällen zahlen reiche Fabrikanten weniger wie kleine Kaufleute und Beamte. Die zionistische Partei, welche der Redner im Vorstande vertritt, hat wiederholt verlangt, daß die Kültussteuer in. ein fixes Verhältnis zur Einkommensteuer gebracht werde. Unter den nichtigsten Vorwänden hat die. auf die Interessen der Reichen allzu bedachte Majorität diesen vernünftigen und gerechten Vorschlag abgelehnt. Der Vorstand wird sich dem Unwillen der jüdischen Bevölkerung aussetzen, wenn er nicht endlich seinen ablehnenden Standpunkt gegenüber jeder zeitgemäßen Reform aufgeben wird. Ebenso reformbedürftig ist das Kapitel der Subventionen. Die Subventionen überschreiten bereits 600.000 K. Der Redner ist gewiß dafür, daß würdige Institutionen, besonders sotche, welche die Kultusgemeinde entlasten, in weitreichendster Weise gefördert werden. Er würde auch, wenn ausreichende Gründe vorliegen, für eine Erhöhung dieses Postens eintreten. Aber er muß gegen das System, resp. die System!- losigkeit Stellung nehmen, mit ’ welcher bei Bestimmung der Institutionen und Beträge vorgegangen wird. Gegen Schluß der Sitzungen werden fünfzig und mehr Namen von Vereinen von einem Beamten vorgemurmelt und das Plenum sagt Ja und Amen. Er verlangt die Einrichtung einer eigenen Kommission für das Subventionierungswesen, welcher sachkundige Beamte ständig zuzuteilen sind. Diese Kommission hätte die Grundlagen der bereits bewilligten Unterstützungen und die einlaufenden/Gesuche zu.prüfen, eventuell an Ort und Stelle Erhebungen zu pflegen: ■ Redner geht sodann auf die Besprechung der Wirksamkeit des technischen Amtes der Kultusgemeinde über. Er drückte seine Genugtuung darüber aus, daß der Vorstand endlich seinen jahrelangen Beschwerden siattgegeben und uer Baukonrmission afe Ermächtigung erteilt habe, dieses Amt an Haupt und Gliedern gründlich umzugestalten. Er muß jedoch bemängeln, daß die Kultusgemeinde eigene und nicht immer befriedigend arbeitende Hausadministratoren bezahle, statt die Verwaltung ihrer Realitäten durch ihre Beamten besorgen zu lassen. Er kommt sodann auf die Angelegenheit der Erbschaft Schramek zu sprechen. Der Verstorbene Kultusvorsteher Schramek hat die Wiener Kultusgemeinde, resp. das israelitische Versorgungshaus zur Erbin seines viele Millionen betragenden Vermögens eingesetzt. Statt die Erbschaft anzutreten, hat der Kultusvorstand trotz lebhaftesten Protestes des Redners und eines Mitgliedes des Präsidiums, mit den Verwandten des Erblassers einen Vergleich abgeschlossen und sich mit einer geringen Summe abspeisen lassen. Das Versorgungshaüs, d. h. viele hundert jüdische arme Greise sind zugunsten reicher Erben schwer geschädigt worden. Für dieses Vorgehen kann und will der Redner der Oeffentüchkeit gegenüber nicht die Verantwortung tragen. Um dem seinerzeit bereits erhobenen Protest gegen .die Erledigung dieser Erbschaftsangelegenheit besonderen Nachdruck zu verleihen, wird er gegen die Bewilligung des Budgets stimmen. Hierauf bespricht der Redner die seitens des Prager Magistrates und der Prager Statthaiterei gegen die’jüdischen Flüchtlinge erlassenen, die Staatsgrundgesetze verletzenden Verordnungen. Er schildert das moralische una physische Elend, in welches die Flüchtlinge durch diese Erlässe gestürzt wurden und fordert unter lebhafter Zustimmung des Plenums die Leitung der Gemeinde auf, mit altem Nachdruck für die verletzten Bürgerrechte der Flüchtlinge im Namen der 'österreichischen Judenschaft einzutreten. Zum Schlüsse behandelt er die Uebelstände in der jüdischen Militärseelsorge. Neben, vielen würdigen Männern sind leider auch Personen mit dem1 Amte eines Fefdrabbiners betraut worden, deren Eigenschaften und Wirken weder dem Judentume noch der Armee zur Ehre gereichen. Es befinden sich Leute darunter, die jeder Vorbildung-bar sind und sich vor dem Kriege-'mF”äIlen~anderen Dingen, nur nicht mit der Seelsorge befaßt haben. Redner verweist insbesondere aut die in der „Jüdischen Zeitung“ behandelten skandalösen „Feldpostbriefe“ desPreßburger „Feldrabbiners“ Grünsfeld. Er bittet das Präsidium, die Armeeverwaltung auf diese Uebelstände aufmerksam zu machen, dahin zu wirken, dab bei der Ernennung von Feldrabbinern die zuständigen Gemeinden befragt werden,, insbesondere aber dagegen Verwahrung einzulegen, dab für den Frieden die derzeitigen unhaltbaren Zustände etwa stabilisiert werden. Präsident Dr. Stern erklärt, daß er die nötigen Schritte 'einleiten werde, um gemeinsam mit der Prager Kultusgemeinde gegen die Verordnungen des Prager Magistrates Steilung zu nehmen. Auch bezüglich der unhaltbaren Zustände inr Feldrabbinat werde er intervenieren. Der zweite Redner in der . Debatte, Gemeinderat Dr. Schwarz-Hiller, erklärt, bür das Budget zu stimmen, doch müsse er den Ausführungen des Vorsethers Stricker, insbesondere was die Steuerpolitik, die Prager Vorgänge und das Feldrabbinat anlangt, vollständig beipflichten. Er verfangt insbesondere ausreichende Besteuerung der Kriegsgewinner und will, daß die Kultusgemeinde durch richtige Finanzpolitik ihren Wirkungskreis erweitere. Er. tritt für die Aufnahme von ‘Anleihen ein, denn die künftigen Generationen müssen auch die Lasten für Institutionen tragen, welche in ihrem Interesse gemacht iverden. Universitätsprofessor E h r m a n n beklagt den Uebeistand, dab die Juden nirgends offiziell vertreten sind. In den Wohltätigkeitskomitees, den Leitungen aller möglichen Institute wimmelt ■ es zwar von Juden, aber nirgends gibt es solche, die den Wiljen und das Mandat haben,* die Interessen des Judentums zu vertreten. Er verlangt energisches Handeln zum Zwecke der Schaffung der Organisation der österreichischen Kultusgemeinden;Er bespricht weiters die unleidlichen Zustände im rituellen Bade (Mikwah). Es mangelt (dort an entsprechender Reinlichkeit. Seine wiederholten Vorstellungen haben in dieser Richtung keinen Erfolg gehabt. Die Herren Dr. Samuel v und Z i r n e r behandeln das Thema der Kinderfürsorge, die Vorsteher B r o tf und Hofrat L ö w n e r verlangen eingreifende Reformen im Religionsunterrichte. Landesschulrat Dr. Spitzer tritt in warmen Worten für die Pflege der hebräischen Sprache und die Heranbildung eines entsprechenden Lehrermaterials ein: Durch die Stiftungen soll es ermöglicht werden, daß sich die jüdische Jugend, weiche heute den Lehrberuf wegen der schlechten ökonomischen Aussichten meidet, diesem hehren Berufe zuwendet. Er hehäit es sich vor, entsprechende Anträge zu unterbreiten. Die Herren kais. Rat Kauders und Dr. Sehr erb e r treten den Ausführungen der Vorsteher Stricker, Dr. Schwarz-Hiller und Prof. Dr. Ehrmann entgegen. Dr. Schreiber spricht sich gegen jede Erweiterung des Wirkungskreises der Kultusgemeinde iund gegen jene (Reform im Steuerwesen aus. Kais. Rat Kauders ergeht sich, ganz in seiner gewohnten üblen Manier, in persönlichen Ausfällen gegen die Oppositionsredner, ohne sich damit den Beifall der Majorität zu erwerben. Seine gröblichen Entstellungen nötigen auch den Präsidenten zu einer Richtigstellung. Herr kais. Rat Kauders darf das Verdienst für sich in Anspruch' nehmen, in eine sonst würdige Debatte recht unerfreuliche Abwechslung gebracht zu haben. Nach den* Schlußworte des Referenten wird

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