Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 10 (9.3.1917)
- Date
- 1917-03-09
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Sehvermögen schärft, sondern eine dunkle, doppelt gedeckte und unsichere Partie: Seine wissenschaftliche-Begründung für die Ausschaltung der Flüchtlinge von den poetischen Rgchten ist auch eine solche dunkle* sehr unsichere Partie.... Aus der jüdischen Welt Eine besondere Liste über jüdische neuzuziehende Einwohner wird beim Einwohnermeldeamt in Berlin geführt. Der Abg. Lippmann stellte im preußischen Abgeordnetenhaus die Frage, ob diese Angabe 'zütreffe, worauf der Unterstaatssekretär Drews kurz antwortete: „Besondere Listen über die neuzugezogenen jüdischen Einwohner dienen . zur Vorbereitung für die Steuerroile.“ Demnach scheint es eine besondere Judensteuer zu geben. Die Behauptungen Schmoflers weist der Geh. Sanitätsrat Prof. Dr. Schwalbe im „Berliner Tageblatt“ zurück. Vor allem hebt er hervor, daß an den gesamten medizinischen Fakultäten im Deutschen Reiche sich kein einziger jüdischer Ordinarius finde. Der bavrische Kriegstn'n?s‘er von He’lingrath äußerte sich am 21. Februar über die ,,Judenzählung“ in der Abgeordnetenkammer: „Ichbin aut die Ausführung des Abg. Beckh zur sogenannten Judenfrage nicht eingegangen, weil ich geglaubt habe, daß über die Stellung der Heeresverwaltung in dieser Beziehung ein Zweifel nicht . möglich sei. Ich stel'e hiermit ,fest, daß es für mich kei-er’ei konfessionelle Un ‘ers-'hei•'ingen in der Armee gibt. Ich kenne keine Juden und Christen an der Armee, £'on''e-n gur gute und schlechte Soldaten1, genau so wie es für mich während des Krieges keine Parteien gibt, sondern nür Staatsbürger, die ihre Pflicht tun, und solche, die sie versäumen. Weil die innerhalb de^ Deutschen Reiches angeordnete Statistik über die jüdischen Feldzugsteilnehmer immerhin den Anschein erwecken konnte, als stehe sie im Gegensätze zu diesem Prinzip, bedauere ich die allerdings nicht beabsichtigte Wirkung dieser Maßnahme.“ Der Term’n der Wahlen der jüdischen Gemeinden in Polen ist noch nicht bestimmt, wird aber als nähe bevorstehend erachtet. Bereits finden Versammlungen, wie neulich die der Volkspartei und die der Zionisten in Warschau statt, um den Wählern die Wichtigkeit der Gemeindewahlen klar zu machen. Hervorgehoben werden bei den Besprechungen jene Bestimmungen des neuen Gememdestatuts, .die den jüdischen Gemein- ‘ den die 'Erziehung der Jugend, das Recht der Besteuerung und die Armenpflege zur Pflicht machen. Die jüdischen' Stadträte von Petrikau. gaben anläßlich der Eröffnungssitzung des Stadtrates eine gemeinsame Deklaration ab: Die, die jüdische Pevölkemng der Stadt Petrikau repräsentierende Gnmne von Stadträten, welche aus Mändern verschiede-er Ueberzeu ru*'gen und Ansichten zusammengesetzt ist, erachtet es mit Rücksicht auf die Wichtigkeit des Augenblickes für unerläßlich, auf der ersten Sitzen"1des Stadtrates im Namen der durch sie repräsentierten jüdischen Bevölkerung ihr allgemeines po'Pisches Ideal zu unterstreichen, den Wiederaufbau emes mächfia-en und unabhängigen demokratischen polnischen Staates. — Bewußt der hohen und edlen Traditionen des. polnischen Volkes und hoffend, daß im wiedererrichteten Polen al'en Bürgern oh-e Unterschied des S*-an-. des und des Glaubens gleiche Rechte und gleiche Pflichten zuerkannt werden, erklären die -jüdischen Stadfräte feierlich ihre Bceßwirigkeit zur opferfreudigen Arbeit für das Wohl des Vaterlandes. Nachträglich hat der Stadtrat M. Feinkind ,im Namen der Volksgruope folgende Zusatz-Deklaration verlesen: "Ich so'idarisiere mich mit der Erklämg, we'che namens der indischen Stadträte abgegeben wu-de und unterschreibe alle Best'ebungeu und poVHchen Postulate, welche in dieser Erklärung enthalten sind. Ich halte mich aber für verpflichtet, ergänzend hinmzufügen, daß das Streben der Volksgruppe, welche aus Zionisten, Nationalisten, Demokraten u. derg). besteht, ist, für die Ju^en im unabhängigen polnischen Staate die Gleichberechtigung im nationalen, religiösen und bürgerlichen Sinne zu erlangen_“ Eine große zionistische Volksversammlung, an der gegen 800 Personen teilnahmen, wurde dieser Tage in Warschau abgehalten. Eine Statistik der jüdischen Schulen, die von der Warschauer jüdischen Gemeinde erhoben wurde, ergibt die Zahl von 23.291 jüdischen Schülern, die derzeit die von der Gemeinde unb jübischen Institutionen errichteten (19946) und die allgemeinen /städtischen Schulen (3345) besuchen. Doch ist zu konstatieren, daß noch viele tausende Kinder ohne Schulunterricht verbleiben müssen. Eine Konferenz ziomstischer Lehrer soll demnächst in Warschau stattfinden, sie wird die Stellung der zionistischen Lehrer zur jüdischen Volksschule behandeln. Die „Hazefira“ beginnt wieder, zunächst als Wochenblatt, in Warschau zu erscheinen. In absehbarer Zeit soll sie, wenn es die Verhältnisse gestatten werden, täglich herauskommen. Die Zahl der jüdischen städtischen Angestellten in Warschau beträgt 731 bei einer Gesamtzahl von 1300 Angestellten. Eine Kreditbank für jüdische Heimatlose in Rußland zu gründen, wurde einem Finanzaussch'ub unter dem Vorsitz des früheren Dumaabgeordneten, Rechtsanwalt W i n a w e r, von dem Zentralkomitee der jüdischen Hilfsorganisationen in Rußland übertragen. ___ Hi’fstätigkeit fiir die jüd'sShen Flüchtlinge in Rußland. Aus den Berichten, welche auf der „Generalversamm’ung der jüdischen Spender in Petrograd zugunsten der jüdischen Kriegsopfer“ am 12. Jänner erstattet wurden, ist zu entnehmen, daß die jüdischen Hilfskomitees bisher 238.000 jüdische Flüchtlinge registriert haben. Kür diese wurden 26 Millionen Rubel verausgabt, woran die Regierung sich mit 12 Millionen, das Komitee der Großfürstin Tatjana mit einer Million beteiligten, während die übrigen 13 Millionen Spenden der jüdischen Bevölkerung Rußlands, Englands, Amerikas und Südafrikas darstellen. — Am 25. Jänner fand in Petrograd eine Massenversammlung der jüdischen Beitragszahler für das Hilfskomitee zugunsten der vom Kriege betroffenen Juden statt. Der Vorsilzende, Rechtsanwalt S I i o s b e r g, erstattete bericht über die Tätigkeit des Hilfskomitees in den' letzten zweieinhalb Jahren. Wir entnehmen dem Bericht folgende interessante Angaben: Seit seinem Bestehen hat das Hilfskomitee mehr als 21 Millionen Rubel verteilt. Fo’gende Beträge wurden gesammelt: ln Petrograd 1,765.009 Rubel, in der Provinz 1,200.000 Rubel, aus Amerika ist dem Hilfskomitee der Betrag von 5 Millionen Rubel zur Verfügung gestellt/worden, aus England und Afrika 800.000 Rubel. Außerdem erhielt das Komitee von den schottischen Christen in Dublin 150.000 Rubel. Im ganzen ist das Ausland am Jüdischen Hilfswerk mit 8,000 000 Rubel beteiligt. Von der russischen Regierung ist der Betrag von 9,000.000 Rubel bewilligt worden. Es verdient hervorgehoben zu werden, dab das jüdische Hilfswerk in Rußland das einzige ist, welches durch private Mittel und Spenden aufgebaut wurde im Gegensatz zu den Hilfsorganisationen der anderen in Rußland wohnenden Völker, die ihre Hilfsmittel ausschließlich von der Staatskasse erhielten. Im ganzen wurden infolge der kriegerischen Ereignisse v'on ihren Wohnorten 450.000 Juden vertrieben, darunter figurierten allein die Gouvernements Kowp.o und Kurland mit 160.000 Juden. In jüdischen Hilfskomitees wurden im ganzen registriert 238.000 jüdische Flüchtlinge. Der Unterschied zwischen den beiden letzten Zahlen ist dadurch zu erklären, dab jüdische Hilfskomitees nur diejenigen Flüchtlinge registrieren, de- ' nen von den Komitees tatsächlich materielle Hilfe geleistet wird. 34 Prozent der registrierten jüdischen Flüchtlinge sind Kinder. Bis zum schulpflichtigen Alter gab es 29.000 Kinder, über das schulpflichtige Alter hinaus 38.000. 11 Prozent der Flüchtlinge haben das sechzigste Jahr überschritten. Auf jede jüdische Flüchtlingsfami’ie entfallen 4,3 Personen; 28 Prozent der jüdischen Familien, also im ganzen 15.000 Fami'ien, waren ohne Vater. Diese Zahlen bekunden, daß die jüdi- NEUE JÜDISCHE BÜCHER, von denen man spricht! Politik: Fragen des Ostens. 2. Ostjudenheft der Süddeutschen Monatshefte . K 2.40 Constantin Brunner. Deutschenhaß, Judenhaß und die Ursache des Krieges K 3 20 Der Jude. Herausgeber: Martin Buber, Heft 11 K 1.40 Rosenfeld, Polen und Juden . . K 1.50 Pädagogik: Moses Rath, Lehrbuch der hebräischen Sprache. 2. erw. Auflage. Mit Schlüssel K 7.- Schäne Literatur: J. L. Perez, Die goldene Kette. Deutsch von Siegfried Schmitz.K 2.40 Des jüdische Prag.K 2.80 Hugo Zucket mann, Gedichte. Nur noch ganz wenige txemplare . . . . K 2.40 Größtes Lager jüdischer u. zionistischer Literatur. — Kataloge gratis und franko. National-jüdische Buchhandlung R. Qöuif, Wien, I. Roteiiturmslrnsse 22. sehe Flüchtlingsmasse noch lauge Zeit hilfsbedürftig sein wird. Von unumgänglicher Notwendigkeit ist es, die kulturellen Institutionen aufrecht zu erhalten, die durch verschiedene jüdische Organisa innen zugunsten der Flüchtlinge ins Leben gerufen wurden. So hat z. B. die „Bildungsgesellschaft“ für die Flüchtlinge mehr als 200 Schulen eröffnet, in denen 32.000 Kinder unterrichtet werden un.l Nahrung bekommen. Dieselbe Gesellschaft erhält eine Reihe von Kinderhorten, die 9000 Kindern Unterkunft gewähren. Für diese Zwecke" sind noch große Summen notwendig. Dabei muß beachtet werden, dab auch den zahlreichen jüdischere Kriegsinvaliden und den Familien gefallener jüdischer Soldaten Hilfe geleistet werden muß. Das jüdische Hilfskomitee bekommt von der von der Regierung eingesetzten speziellen Flüchtlingskommission S00.CÖ0 Rubel monatlich. Die Ausgaben des Komitees belaufen, sich aber auf 1,600.000 Rubel monatlich, sodaß. der fehlende Betrag von S0O.C00 Rubel durch private Mittel aufgetrieben werden muß. Der Vorsitzende appellierte an die Versammelten, .alle Kräfte anzuspanuen, um den Op'ern des Krieges Hilfe zu gewähren. Als bewährtes Mittel bezeichnete er die Selbstbe|s t eu e r u n g, die bis jetzt erfreuliche Resultate "gezeigt hat. Eine Spende vor: 248.000 Dollar (1,240.000 Kronen), wurde zu Beginn der vorigen Woche von der Israe litischen philantropischen Gesellschaft in Newyork durch die Vermittlung des hiesigen amerikanischen Botschafters Penfield der israelitischen Allianz üBenviesen. Die Summe wird in folgender Weise verteilt: 325.000 Dollar erha'ten die notleidenden Juden in Galizien und Russisch-Polen sowie die Flüchtlinge in Westösterreich, 20.000 Dollar die Juden in Rumänien, 3000 Dollar die Juden in Serbien. Die Spende wurde der israelitischen Allianz aut Grund eines an das große Hilfskomitee in Newyork gerichteten Berichtes zugewiesen, in dem die Allianz die kolossale Inanspruchnahme ihrer Hilfsmittei durch die (notleidende Judenschaft schilderte. Die amerikanische Spende. Mit Bezug auf die durch die Tagesblätter verbreitete Nachricht über die der Israelitischen Allianz zu Wien durch den amerikanischen Botschafter zugegangene Spende vpn 21S.OOO Dollars wird uns vom Vorstande der Israelitischen Allianz Folgendes mitgeteilt: Es handelt sich nicht um eine neue Geldzuwendung, durch welche der Verein in die Lage Unsere Friedensfrage * Der (anonyme Verfasser dieser Broschüre will, da der Weltkrieg sich seinem Abschlüsse nähert, über eine der wichtigsten Fragen des Judentums, über die Ostjudenfrage Sprechen. Er fändet ihre Lösung in der Auswanderung nach Palästina. Er denkt sie sich weiter und großzügiger, planvoller und systematischer als sie bis jetzt geschah. Das wichtigste Motiv dieser Lösung ist ihm die Kulturirage. Er hat offene . Augen dafür, daß der Drang ,der Juden nach dem Westen vielleicht den Juden selbst, wohl aber nicht dem Judentum dienen kann. Trauer beschleicht ihn, wenn er sieht, daß die eigentlichen Kulturzentren ries Judentums, Odessa, WiLna, Warschau dem Kulturkreis des Westens angeschiossen sind. Mit Recht sieht er dort, dab „die westliche und speziell die formlose, leicht assimilierbare Yankeekultur einen zersetzenden Einfluß auf unsere von ihrer Basis Ios- Unsere Friedensfrage. Von einem Zioni sten. 1. Heft der im Ver’a|g „Moriah“ erscheinenden Sammlung „Jüdische Kriegshefte“. Wiet 1917. gerissene und darum schwächer ausgerüstete Kultur ausübt“. Er beobachtet richtig, daß „der große Judenhort in Newvofk, der ungefähr ein Fünftel der Gesamteinwohner dieser Riesenstadt ausmacht, bei weitem nicht einen Zentrumsersatz für beispielsweise Odessa mit nur 200.000 Juden geschaffen hat“. Im Interesse der jüdischen Kultur ist deshalb eine baldige, starke Besiedlung Palästinas notwendig. Er möchte die Assimilation des Judentums in'jeder Weise aufhalten. Er zählt zu den Formen der Assimi'ation auch die jidische Schule und die jidische Amtssprache. Mit Befremden gewahrte er, daß keine Organisation des heutigen Judentums sich irgendwie anstrengt, diesem wichtigen Problem gerecht zu werden. Der Verfasser ist der Ueberzeügung, daß zu einer großzügigen Kolonisation ziemlich bedeutende Kapitalien notwendig wären. Da er sieht, daß das jüdische Großkapital im Unterschiede von anderem Großkapital nicht nur nicht national ist, sondern sogar eher eine antinationale Tätigkeit entwickelt, wäre es Sache des jüdischen Mittelstandes, der Herz und Sinn für unsere Sache hat, und der berufen ist, im gegebenen, hochdramatischen Geschichtsmoment als . nationale Avantgarde voranzuschreiten, diese Mission auf sich zu nehmen. Er schließtmit einem Appell an die zionistische Organisation, daß sie die Führung und Leitung in dieser Sache übernimmt. Nicht eine Friedensfrage ist die Ostjudenfrage, sagt der Verfasser, sondern eine Lebensfrage. — Wir lesen die kurze Broschüre, die nur 16 Seiten zählt, mit Interesse. Wenn sie auch empfindliche Lücken aufweist — wir vermissen die für den einfachen Leser sehr notwendige Begründung der Thesen des Verfassers durch eine Darstellung der heutigen Verhältnisse, noch mehr vermissen wir irgendwie eine genauere Entwicklung des angegebenen Planes (es genügt noch lange nicht, daß der Verfasser die Quote von 100 bis 200 Millionen Mark nennt und uns keinen Einblick in die Details seines Planes gewährt) — so erfüllt uns ihr Erscheinen doch mit Freude. Beweist doch die Wichtigkeit der Angelegenheit und der Emst des Verfassers die Tatsache, daß er diese Broschüre im Felde im Donner der Kanonen und Dröhnen der Geschütze verfaßt hat. W'ir empfehlen diese Arbeit wärmstens und wünschen dem jungen Verlage, der rührigen Zeitschrift „Moriah“ recht guten Erfolg zu ihren weiteren Veröffentlichungen. Ad. S.