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Jüdische Zeitung · 1917-03-09 · 10 (9.3.1917) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
11 (1917)
Issue
10 (9.3.1917)
Date
1917-03-09
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seile 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 10 sind Jiddischisten. Auch die Volksgruppe steht aut dem Standpunkte des Jiddisehismus: Diese ganze Stellungnahme ist noch absolut in der Entwicklung begriffen. Die nächsten Jahrzehnte werden klar und deutlich ergeben, inwieweit es den Juden in Polen möglich sein wird, sich mit den geringen Kenntnissen der polnischen Sprache zu begnügen, die sie heute haben. Die polnische Umgangssprache wird sich wohl in dem1 Maße ausdehnen, als die Bildung und der Besuch höherer Scnulen sich ausbreiten. Daneben wird aber, ganz gleichgiltig, wie man theoretisch zu der Frage steht, das Jiddische auf sehr lange Zeit hinaus die Umgangssprache der Mehrheit der Juden bilden. Inwieweit daneben das Hebräische Platz greifen wird, wird von der Energie der Zionisten abhängen. Die Stimmung der Massen ist, ohne irgendwie gegen jiddisch zu sein, für eine Ausdehnung des hebräischen Unterrichtes. Eine jiddische Schule, in der die Kinder nicht hebräisch lernen, entspricht dem Empfinden der Massen so wenig, daß auch die Schulen des Herrn Dinenson zurzeit eine Stunde hebräisch pro Tag haben. Und es scheint kein Zufall zu sein, daß die fast rein hebräischen Schulen des Zionistischen Kuratoriums eine so viel größere Zahl von Kindern haben (3000), als die Schulen des Herrn Dinenson (550) und die übrigen jiddischen .Kriegsschulen. Die Massen des Volkes sind natürlich nach wie vor orthodox und viele von ihnen vor allem chassidisch. Parteipolitisch gibt es eine orthodoxe Partei nicht Die wenigen othodoxen Ratsmänner im Warschauer Stadtparlament bilden keine einheitliche Gruppe. Der Kampf zwischen den einzelnen chassiuischen Parteihäuptern ist der alte geblieben. Doch erkennt man deutlich unter der jüngeren chassidischen Generation eine starke Hinneigung zum bewußten nationalen Judentum. Schon bei den Warschauer Stadtratswahlen haben Tausende von Cliassidim trotz der entgegengesetzten Befehle der chassidischen Parteihäupter für die Volksgruppe gestimmt. Und in Lodz haben die jüngeren Elemente es durch sehr energisches Auftreten verhindert, daß die chassidischen Führer mit den Assimi^nten zusammen gegangen sind, wie sie beabsichtigten. Auch hier haben Tausende von Chassidim für das jüdische nationale Wahlkomitee gestimmt. Es haben sich übrigens in sehr vielen Städten, auch in Warschau und Lodz, während, des Krieges besondere zionistische Gruppen von Chassidim gebildet Uund auch die Misrachisten finden unter ihnen viele Anhänger. Alle diese chassidischen Elemente wünschen ebenfalls eine stärkere Betonung des Hebräischen. Demgegenüber versuchen zurzeit in Polen weilende, westdeutsche Rabbiner Dr. Pinchas Kohn und- Dr. Carlebach die Orthodoxie in Polen zu einer rein religiösen Partei zu sammeln. Sie geben seit dem 1. Februar unter eigenartigen journalistischen Begleitumständen eine jiddische Tageszeitung „Das jüdische Wort“ heraus. Das Blatt ist ganz im Stil des „Israelit“ gehalten. Es ist sicher, daß die Herren bald Fiasko erleiden werden. Leider finden sie bei den deutschen Assimiiationsjuden starke Unterstützung, weil sie ihnen erklärt haben, daß die chassidische Masse durchaus nicht jüdisch-national sei, sondern nur jüdisch-religiös und daß sie das polnische Judentum vor den Einflüssen des Zionismus werden bewahren können. Die Herren sind zu diesem Zwecke ein Bündnis mit dem Gerer Rebbe eingegangen. Sie können sich vorstellen, was für ein Parteikampf innerhalb der chassidischen Rebben entfesselt worden ist. Das ist die Lage. Die große Masse ist nach wie vor parteipolitisch nicht organisiert. Die Assimilation bildet eine kleine, aber wirtschaftlich una gesellschaftlich einheitliche und starke Gruppe. Von den demokratischen Partei- Die einzige Möglichkeit für den Zionismus heute in größerem Stile zu werben, bietet die Verbreitung der zionistischen Presse. Sie allein bereitet jetzt den Boden für eine später einzusetzende Propaganda vor. Darum, Gesinnungsgenossen, abonniert selbst die „Jüdische Zeitung“ damit sie ihre Aufgabe erfüllen kann, und verlangt sie regelmäßig in jedem Gast- oder Kaffeehaus wo Ihr häufiger verkehrt. Der Bezug durch ■ Lokale würde nicht nur unsere Einnahmen wesentlich erhöhen, wessen wir, wie wir wiederholt mitgeteilt haben, dringend bedürfen, dadurch bestünde auch die Möglichkeit, daß . Nichtzionisten durch Lektüre unseres Blattes unser Programm, die Ziele unserer Bewegung, die Arbeit, die wir leisten, die Mittel, deren wir uns bedienen, kennen lernen. Darum, leset, abonniert und verbreitet die Jüdische Zeitung! _ HW en verdienen allein die zionistischen' die Bezeichnung einer organisierten Partei größeren .Stiles. Ihr Einfluß auf den Mittelstand und auf einen Teil der akademischen Jugend ist’ sehr groß. Sie ist entschieden im Aufsteigen begriffen und hat als volkstümliche Partei und als Vertreterin der durchaus volkstümlichen Palästina-Idee die besten Aussichten für die Zukunft. Poale Zion und Bund sind ebenfalls .organisierte Gruppen^ Sie sind aber auf den verhältnismäßig kleinen Kreis .klassenbewußter Arbeiter und Handlungsgehilfen beschränkt und heute jedenfalls ohne Einfluß aut die Gestaltung der jüdischen Verhältnisse. Die Volksgruppe ist in Warschau und einigen anderen Städten die Trägerin einer noch wenig geklärten nationalen Stimmung, die sich insbesondere in dem instinktiven Wunsche, dem polnischen Antisemitismus entgegeuzutreten, äußert In Städten, wo die Zionistische Organisation dieser Stimmung genügend entsprochen hat, wie z. B. in Lodz, ist für die VolksL gruppe kein Raum: Sehr zu begrüßen sind die Bemühungen, die die Vereinigung der Volksgruppe mit der Zionistischen Organisation bezwecken. Das polnische Judentum lebt in einer gewaltigen wirtschaftlichen Krisis. Es ist aber nicht an ihr zugrundegegangen,. sondern ‘ steht vollkommen. aufrecht und arbeitet weiter an der Sicherung seiner nationalen und kulturellen Zukunft Das polnische Judentum ist sich auch unter den heurigen schwierigen Verhältnissen bewußt, daß’ die Existenz des Einzelne.! bedingt ist durch die Aufrechterhaltung der Existenz der Gesamtheit Es weiß sehr wohl, daß auch unter den heutigen Umständen, jedes Jahr ein neuer Jahrgang junger Menschen ins Leben tritt und daß diese Jahrgänge jüdisch gesichert werden müssen. Die Zionisten haben mit glücklichem Geist begriffen, daß ihre Aufgabe als Organisation nicht nur in humanitärer Arbeit, sondern vor allem in national-kulturellem Wirken besteht Jhre Aufgabe jst (ungeheuer erschwert durch den Mangel an intellektuellen Kräften, die der jüdischen Nationalidee vorläufig zur Verfügung stehen. Es fehlt an Führern des Volkes, vor allen Dingen aber an Männern, welche jüdischnationale Erziehung leisten können, d. h. an Lehrern und an Rabbinern. Die Verhältnisse können sich in einem Janrzennt ändern. Schon heute studieren an der Universität in Warschau 2Ü0 jüaisch-nationale Stuaenien und Soideminnen. Gründungen, wie die jüdischen -Gymnasien und die hebräiscnen Voiksschu.en, stärKen die Kraft der intellektuellen Elemente des Lenrerstandes, die im Lande vorhanden ist und werden hoffentlich nach dem Kriege in einem Lehrerseminar einen Ausbau linden, der ständig für neue Kräfte sorgt. Wenn die jüdisch-nationalen Kräfte dem polnischen Judentum nur während der jetzigen Zeitläufe die Möglichkeit geben, diese Arbeit, die eingeleitet ist, weitcizufünren und, wenn auch in bescheidenem Maße, öurchzuhalten, so braucht man wegen der Zukunft nicht bange zu sein. Jeder muß immer wieder erstaunt sein über die ungeheure Zähigkeit des jüdischen Volkes, über die Kraft, die auch in der ungebildeten Masse aufgespeichert ist. Gelingt es, die kleine Zahl intellektueller Führer dem polnischen Judentum zu erhalten, über die es heute verfügt, indem man die Widerstandskraft dieser Männer gegen ein widriges Geschick stärkt, und gelingt es, den neuen heranstrebenden Kräften die Möglichkeit einer Ausbildung zu eröffnen, so wird das getan, was alle Kreise des nationalen Judentums in Polen fordern. Der Prager Erlaße Der jüdische Nationalverein für Oesterreich hat 'zu Ende voriger Woche einen scharfen Protest -gegen die Maßnahmen der Prager Behörden, durch welche die Freizügigkeit der jüdischen Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina beschränkt wurde, an das Ministerium des Innern gerichtet und um sofortige Aufhebung der getroffenen Ausnahmsverfügungen gebeten. W i e wir erfahren, sind inzwischen diese Verordnungen sistiert worden. Politische Rechte der Flüchtlinge Im Wiener Rathause hatte am 22. d. M. ein Ausschuß des Bundes deutscher Städte Oesterreichs getagt und sich mit Fragen der Städteautonomie befaßt. Politik und Wissenschaft wurden auf. e i n Geleise gebracht. Neben Bürgermeister Dr. Weißkirchner war Regierungsrat Universitätsprofessor Brock hausen erschienen. Während sonst letzterer das Doppelgeleise der staatlichen und Selbstverwaltung bahnfrei zu machen sucht, um die Gefahr eines Zusammenstoßes künftighin zu vermeiden, schien er diesmal berufen, den Grundsätzen der Partei des Herrn Weißkirchner das wissenschaftliche Rüstzeug zu liefern. Die „Neue Freie Presse“ berichtet: „Der Bürgermeister verwies in der Diskussion .insbesondere auf die in vielen Städten durch^den Zuzug zahlr e i c he r . Flüchtlinge entst andeneh Fragen hin. Regierungsrat Prof. Dr. b r o ckhausen vertrat den Stanopunxt, daß die Einteilung der Personen in der Gemeinde im Zusammenhänge mit den für die W alil berechtig ung maßgebenden Grundsätzen durchgeführt werden, soll. Die Aufnahme der Flüchtlinge, in eine Gemeinde beruhe auf einem Not recht, welches den Flüchtlingen nirgends versagt w u r d e; doch müsse es als ausgeschlossen bezeichnet werden, daß aus dem Aufenthalte der Flüchtlinge s.ch. für d.ese po.itsche Rechte, wie insbesondere das Wahlrecht ergeben.“ Prof, brockhausen gebraucftt sonst gerne in seinen Arbeiten für. das Doppelgeleise in der Verwaltung das Bild zweier sich schneidender Kreise, die in den Schneideflächen eine Linse ergeben, /aber nicht jene Linse;des Optikers, die das Ein modernes hebräisches Lehrbuch In den Anfängen der hebräischen Sprachbewegung im Westen wäre es vielleicht richtiger das in verhältnismäßig kurzer Zeit — so weit die hebräische Zunge reicht — bekannt gewordene Lehrbuch *), das Moses Rath jetzt in zweiter, stark vermehrter Auflage erscheinen läßt, das moderne hebräische Lehrbuch zu nennen. Vom fachmännischen Standpunkte hat die frühere Auflage des Buches in diesen Spalten bereits Würdigung gefunden, nicht imerwähnt darf jedoch seine Bedeutung für die nationaljüdische Bewegung in Westeuropa bleiben. Wir Juden -bilden wohl einen ganz eigenartigen Volkstypus, der sich von allen anderen Nationen scharf unterscheidet. Nichtsdestoweniger bestehen für uns dieselben Gesetze wie für die übrigen Nationen, die Daseinsbedingungen sind dieselben wie bei ihnen, und unter diesen nimmt die Sprache einen ganz hervorragenden Platz ein. Bisher, wenn man im Westen über die mangelhaften hebräischen Sprachkenntnisse Klage führte, bekam man immer wieder dieselbe Entgegnung zu hören: es gäbe kein entsprechendes; Lehrbuch, die in Rußland herausgegebenen 'Bücher seien jm Westen unbrauchbar. Das traurigste ’) Ss’fat amenu. Lehrbuch der hebräischen. Sprache für Schul- und Selbstunterricht mif Wörterverzeichnis und Schlüssel von Moses Rath. Wien 1917. Selbstverlag des Verfassers (I. Rotenturmstraße 17), Preis K 6.— (mit Schlüssel K 7.-). , j an dieser Entgegnung nvar, da'ß (sie den Tatsachen durchaus entsprach. - Es fehlte wirklich an einem guten hebräischen Lehrbuch und die russischen Bücher, wiewohl sie sich als Bahnbrecher große Verdienste erworben haben, kamen aus den verschiedensten Gründen wirklich nicht in Betracht. Nim erschien Raths Buch, das sich wohl in allen Dingen an das von seinen mannigfachen Vorgängern Geleistete anlehnt, nichtsdestoweniger sich mit Fug und Recht „Erste praktische Methode zur Erlernung der hebräischen Sprache in Wort u:id Schrift“ nennen darf. Von den gewöhnlichen Erscheinungen des * täglichen Lebens, die man naturgemäß in jeder Sprache zuerst kennen zu lernen wünscht,. führt er uns allmählich in jüdisches Leben ein: nach Palästina, in die jüdische Schule, in die Synagoge und zuletzt in die rührende und zugleich urkräftige Sprache des1 ersten Buches Mosis. Und so widerlegt dieses Buch am besten die aut dem letzten deutschen Delegiertentag verkündete Ansicht Bubers, der der neuen hebräischen Unterrichtsmethode den Vorwurf machte, sie tue der Sprache Gewalt an. Jeder Schüler — und das ist das Hauptverdienst des Buches — fühlt sich angezogen durch die einfache und natürliche Art des ihm Gebotenen und wird angeregt zum weiteren Studium der liebgewonnenen Sprache, das ohne Kenntnis der Bibel niemals erfolgreich sein kann. Und nur noch ein Wort. ’ Es gilt der Ausstattung, die mit Rücksicht auf die Kriegszeiten und darauf, daß es sich um ein hebräisches Buch handelt, ganz besonderes Lob verdient. . Ludwig Batö. Literarische Nachrichten Hebräisch-literarische Tätigkeit in Amerika. Der Hebi äismus in dea Vereinigten Staaten macht im letzten Jahre große Fortschritte. Wenn man bedenkt, daß es noch bis vor einem Jahre trotz mehrfacher Versuche nicht gelungen war, eine hebräische Presse zu schaffen, muß der Umstand, daß jetzt in Amerika zwei hebräische Wochenblätter herausgegeben werden, „Hatoren“ und „Haibri“, als beweis dieser Entwicklung genommen werden. Außerdem existiert eine hebräische Monatsschrift für die Jugend, „Schachruth“. Zeitungen allein genügten jedoch den Ansprüchen und’ Bedürfnissen der Hebraisten in Amerika nicht, und so wurde die Gründung der neuen hebräischen Verlagsgesellschaft „As s af“ mit großer Freude begrüßt. Die Gesellschaft veröfrentlicht jetzt den ersten Band von Reuben B r a i n i n s „Skizzen und Geschichten“, danach ist die Herausgabe von Brainins „Das Leben Herzls“ geplant, dem eine Auswahl von „Essays“ von Schmarja L e v i n folgen wird. Die „Assaf“- Bücher sind redigiert von dem ameriKaniSchhebräischen Dichter B. N. S i 1 k i n e r. Die Gedichte von Salomon Ihn Gabirol sollen, mit Anmerkungen und einer Einleitung versehen, unter dem - Namen „Mi Jom1 w’ad Jom“ veröffentlicht werden. Herr Scharfstein, der Verfasser der hebräischen Lehrbücher für Kinder, veröffentlicht jetztden ersten Teil eines illustrierten Lehrbuches der Geschichte. Das Buch wird "außerdem eine Reihe hebräischer Gedichte, die sich -auf historische Denkwürdigkeiten beziehen, enthalten.

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