Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 10 (9.3.1917)
- Date
- 1917-03-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XI. Jahrgang — Nr. 10 ## Erscheint wöchentlich einmal Redaktion: Wien II, Zirkusgasse Nr. 33 Sprechstunden: Montag bis Freitag von 4—7 Unr, Sonntag von 11—12Uhr Manuskripte werden, wenn unverlangt, ohne Kückporto nicht zurückgesandt Redaktionsschluß Dienstag um 7 Uhr Fernsprech-Nummer 45*3-25 I National~jüdifches Organ Mil der Beilage: Der Jüdifdie Nationalfonds Wien, Freilag, 9. März 1917 / 15. Adar 5677 Einzelnummer 24 heller» Geschäftsstelle: Wien ll/i, Zirkusg. 33 Geschäftsstunden: Montag bis Freitag von 9—12 u. 3—7, Sonntag von 9—12 Bezugspreise : üanzjänrig K10.— halbjährig K 5.—, vierteljährig K 3.— Anzeigen und Beilagen nach Tarif Pestsparkassen*Konto 133.404 Die jüdischen Parteien in Polen. — llillall. Qer Prager Erlaß. — Poliüsche Rechte der Flüchtlinge. — Dr. S. Kassner: Purim in Czernowitz. — Ludwig Batö: Ein modernes hebräisches Lehrbuch. — Ad. S. — Unsere Friedensfrage. — Aus der jüdischen Welt. — Die amerikanische Spende u. a. in. Die jüdischen Parteien in Polen Von gut informierter Seite wird uns geschreiben: ' Nach wie vor ist die große Masse der polnischen Juden unorganisiert. Nur ein verhältnismäßig kleiner Teil der Juden wird von den verschiedenen Parteien und Komitees erfaßt. Die Masse tritt politisch nur bei Wahlen in die Erscheinung. Nur sind die Möglichkeiten für die Masse, sich politisch zu betätigen, heute infolge der btadtratswahlen und inioige der bevorstehenden Demokratisierung des Wahlrechtes in allen jüdischen Gemeinden viel größer als dies früher der Fall war. Im einzelnen ist der Sachverhalt folgender. 1 Die Assimilanten sind zahlenmäßig sehr gering. Sie umfassen in Warschau vielleicht luOO Famiüen unter 335.000 Juden. Sie sind natürlich sehr einflußreich, da sie die Majorität der akademisch gebildeten Elemente umfassen. Die sogenannten iNeoassimilanten sind keine Partei, sondern nur ein Komitee von einigen wenigen einflußreichen Personen; mit vereinzelter Ausnahme sind sie ganz genau so assimilatorisch wie die offiziellen^ Assimilanten. .Selbstverständlich gibt, es auch linier'den AssimfiähteH Leute", ' denen es mit dem Judentum ganz ernst ist und die garnicht daran denken, ihre Kinder taufen zu lassen, wie dies in anderen führenden Familien geschieht. Das Schlimme ist nur, daß alle Assimilanten ihre ganze Energie darauf konzentrieren, von den Polen ausschließlich als Polen. angesehen zu werden, und daß sie .bereit sind, jedes noch so vitale jüdische Interesse zu optern, um den Wünschen der Polen zu entsprechen. Die sogenannten Unparteiischen sind ebenfalls’ keine Partei, sondern eine Gruppe von einigen Notabein, die entweder selbst Zionisten sind oder sich wenigstens als nationale Juden betrachten, aber sich parteipolitisch nicht festzulegen wünschen. \ ■ Die Zionisten bilden demgegenüber eine feste Organisation. Sie sind seit Ausbruch des Krieges in Polen sehr erstarkt, haben ein Zentralkomitee in Warschau mit einem durchaus auch deutschen oder österreichischen Ansprüchen genügenden büro. Das Büro steht zurzeit mit 70 Städten im Generalgouvernement Warschau in Korrespondenz. Es hat auch eine selbständig arbeitende Nationalfonds - Kommission und ist räumlich mit der Amerikanischen Sektion der Hiifskommission verbunden. Die Amerikanische Sektion ist sehr ordnungsgemäß eingerichtet, der Verkehr mit dem Publikum wird sehr vernünftig gehandhabt. Die buchhaltung ist in guter Ordnung. — Weit hinaus über den Kreis von 70 Städten, mit denen das Zentralkomitee in Korrespondenz steht, gibt es heute überall in Polen zionistische Mittelpunkte, sei es in Form von Vereinen, sei es als Bibliotheken oder als Schulen. Insbesondere ist es die K it i t u r a r b e i t, welche dem Zionismus in Polen heute das Rückgrat gibt. Das Interesse für die Wiederbelebung der hebräischen Sprache ist in weiteste Kreise gedrungen. Nur dadurch erklärt es sich auch, dab aas hebräische Schulwesen so großen Anklang gefunden hat. Es liegt hierin keine Feindschaft gegen das Jiddische, son jern nur das natürliche Destreben jedes palästinensisch orientierten Zionisten, der hebräischen Sprache einen weitgehenden Raum zu schaffen. Man ist hierbei garnicht fanatisch, sondern nimmt auf die Lebensverhältnisse durchaus Rücksicht. Die Kinder lernen sehr schnell die notwendigen Elemente der Sprache und plaudern auch untereinander hebräisch. Außer den Volksschulen und Kinderheimen des Zionistischen Kuratoriums in Warschau und außer der hebräischen Mittelschule „Jabnei“ in Lodz gibt es in diesen beiden Städten auch noch Gymnasien, die man als national-jüdische Bildungsanstalten bezeichnen kann. Sie haben zwar polnische Unterrichtssprache; die jüdischen Fächer werden aber sämtlich in hebräischer Sprache unterrichtet und der Geist der Schule ist ein ■ jüdisch-nationaler. Das jüdische Gymnasium Dr. Braudes in Lodz ist außerordentlich stark besucht,. trotzdem das Schulgeld sehr hoch ist. "Vor"" einem 'halben Jähre-': hat Dr. .Br:ude auch. ' ein entsprechendes Mädchengymnasium eröffnet. Die hebräischen Fächer nehmen jeden Tag zwei Stunden in Anspruch. Die Schüler in den. höheren Klassen sprechen ganz perfekt hebräisch lind sind eine ganz geschlossene Garde aes nationalen Judentums. Aber auch in den allgemeinen Wissenschaften und in der polnischen Sprache entspricht ihre Ausbildung allen Anforderungen, wie die Schulbehörden in Lodz anerkannt haben. Wie stark die Zionistische Organisation zah- Ienmässig ist, läßt sich schwer sagen. Denn die Zahl der jetzt in Kriegszeiten gesammelten Schekel ist natürlich kein Maßstab. Ein viel besserer Maßstab sind die unzähligen Jnstitutionen, kultureller und organisatorischer Natur, welche die Zionisteor’geschaffen haben. Ein gutes Anzeichen ist der ungeheure Bedarf, den das polnische Judentum an hebräischen Lehrern heute hat. Würde man den Bedarf decken können, so würde die Zahl :<äer hebräischen Schulen sich noch vervielfältigen. Ein gutes Anzeichen für die Stärke der Zionistischen ■ Organisation ist auch der Einfluß, den die Zioristen als Einzelpersonen in allgemeinen jüdischen Institutionen haben. Charakteristisch hiefür ist, wie sehr selbst die Jüdische Gemeinde in Warschau, der doch die verhältnismäßig stärkste Gruppe assimilierter Akademiker zur Verfügung steht, auf die Mitarbeit der Zionisten angewiesen ist. Leider ist es nur den Zionisten nicht gelungen, die Abspaltung einer Gruppe von Parteigenossen unter Führung des Auvokaten P r ilucki zu verhindern. Anlaß zu dieser Trennung bot die vorsichtige Taktik, die die Zionisten in Warschau bei den Stadtratswahlen im . Sommer 1916 verfolgt haben. Infolgedessen ist die Gruppe Prilucki, die sogenannte Volksgruppe, unter der jüdischen Masse recht populär geworden und hat der Zionistischen Organisation — weniger der zionistischen Idee — manchen Schaden zugefügt- Leider hat die Volksgruppe den Kampf sehr persönlich geführt und deswegen ist es bisher noch nicht gelungen, ein vollständiges Zusammenarbeiten zwischen beiden Gruppen und eine Auflösung der Gegensätze zu erzielen, obwohl jetzt programmatisch keinerlei Differenzen zwischen beiden Gruppen bestehen. Es ist aber zu hoffen,, daß diese Schwierigkeiten sich allmählich lösen werden. Gerade bei den Verhandlungen, die in dieser Frage geführt wurden, hat sich eins ergeben, dab nämlich die Zionistische Organisation in Polen, auch wenn sie zeitweise einen Teil der populären Stimmung eingebüßt hatte, sehr stark ist, daß sie tatsächlich neben den Assimilanten, welche als eine völlig identisch wirtschaftliche Gruppe eng aneinander geschlossen sind, die einzige politische jüdische Organisation in Polen darstellt. Die Volksgruppe kann sich der Tatsache nicht verschließen, daß sie demgegenüber doch nur ein Komitee von einem halben Dutzend Personen ist — ohne besonderes ' i^tigrainm, nur "getragen von einer Stimmung, deren Stärke und Dauer niemand übersehen kann, weil sie nur eine Stimmung unorganisierter Massen ist. Welche Kraft der Zionistischen Organisation innewohnt, zeigt am besten die Wahl in Lodz. Von den 32 jüdischen Ratsmännern der Stadt Lodz sind nur 4 Assimilanten und 2 Neoassinjijanten; die übrigen 26 stehen auf jüdischnationalem Programm und gehören zum jüdischen Nationalkomitee. Von ihnen sind neun Mitglieder der Zionistischen Organisation. Jedermann in Lodz weiß, daß diese organisierten neun Zionisten im jüdischen Klub im Lodzer Stadtparlament eine führende Rolle einnehmen werden. Die Bundisten und die Poale Zion sind zahlenmäßig nicht stark. Alle gegenteiligen Behauptungen sind unrichtig. Ihr Einfluß ist aber größer als ihre Zahl, weit sie, ebenso wie die Zionisten, eine Organisation und ein Programm haben. Interessant ist, daß bei den Wahlen in Lodz die Poale Zion mehr Stimmen bekommen haben als der Bund. Eine besondere Partei der Jiddischisten gibt es nicht. Der Bund, sowohl wie die Poale Zion, Purim in Czernowitz Ein jüdischer Karneval. Dort wo jetzt dröhnend die Hufe der Kosakenpferde aufschlagen und Trauer die Zurückgebliebenen Bewohner beschleicht, herrschte in schöner Friedenszeit ausgelassene Freude. Das Purimfest' in Czernowitz! Das muß man gesehen haben,.um ein Bild von dem natürlichen Frohsinn und der lauten Munterkeit, die neben dem .tiefen, symbolischen Emst des jüdischen Lebens in der Landeshauptstadt der Bukowina zutagetritt, gewinnen zu können. ' Lange vor dem Purimfeste beginnen schon die Vorbereitungen. Vorwiegend die Jugend rüstet. Kostüme, Masken,Gruppenzusammenstellungensorgfältigst wird alles erwogen und auf Originalität besonders gesehen. Geschmacklosigkeiten sucht man zu vermeiden. Auch Darstellungen, die geeignet -wären, die nationalen Gefühle der anderen Bevölkerung zu verletzen. Die Theatergarderoben werden für Bevorzugte geöffnet. Die Anderen, die es auf Originalität absehen, lassen sich Kostüme neuanfertigen und auch der Westen hat manche Lieferung. Eine Anzahl von Privatleihanstalten dient den weniger Bemittelten. Eine Kundmachung der k. k. Polizeidirektion leitete in_ den letzten Jahren das Fest ein., Es wurden, für Zeit und Art der Maskenumzüge aus Anlaß des Purimfestes neue Vorschriften erlas-1 sen. Infolge drohender oder noch anhaltender Scharlachepidemie wurden zweimal dieselben ganz untersagt. Manche . wollten wissen, daß damit ein schüchterner Versuch, die Umzüge ganz verschwinden zu lassen, gemacht werden, sollte. Das steht jedoch fest: die in der Bukowina von altersher eingebürgerte Volkssitte, das Purimfest so zu begehen, blieb. Jeder Versuch, sie einzudämmen oder zu beseitigen, war erfolglos. Ein gegen die Maskenumzüge während des jüdischen Purimfestes gerichtetes Verbot traf stets zuvor auch die nichtjüdischen „Heroden-Umzüge“ vor Weihnachten. Und wurden' diese gestattet, so bestanden auch die Juden auf ihrer. Tradition. Das sah die Behörde ein und beließ das harmlose „Fastnachts“-treiben der Juden te, zumal es der Stadt ein her verlieh, im Vaufe der Zeit nalen Charakter annähm, (da ly beteiligen begannen) und für dii und Handwerker viele Verdienst?» * ■_. nann- In den meisten jüdischen ‘ die Wohnungen festlich geSchmi^^^^^^^^— kere hatten ungehindert Zutritt JWIWWfTO^gasf lieh bewirtet, und konnte an den Tanzvergnügungen teilnehmen. Es herrschte „Maskenfreiheit“, die viel Anzüglichkeiten zeitigte, sie mußte aber toleriert, werdeii. Auch viele christliche Familiengewählten denj/Masken Entlaß und die Zahl der mchtjüdis^hen-’Masken war eine große. In den Straßen’’ *w>agt$t>'.die Menge. Es herrschte das bunteste Treiben, wie e.s in Nizza oder Köln — allerdings en miniature — beobachtet werden konnte. Der jüdische Karneval in Czernowitz! Er weckt jetzt wehmütige Erinnerungen. Unter dieser Ueberschrift schrieb ich für ein Tagblatt der Landeshauptstadt noch vor Jahren eine Schilderung dieses eigenartigen Getriebes, das 8 Tage dort anhält und die Ernstesten mitreißt. Der nationale Geist der jüdischen Jugend pflegte in den letzten Jahren auch ernste Motive während des Purimfestes ihren Entwürfen zugrundezulegen, während die Alten, die Konservativen, an diesen Tagen der Wohltätigkeit ihr Hauptaugenmerk weiter zuwendeten. Der verschämte Arme, der vermummt die reichen jüdischen Häuser betrat, wurde der Tafel beigezogen und mit Geldmitteln reichücT So herrschte tiefer fjrnst neben Fro ’ftt'lll terkeit. Alles in IPajfntein schönes! _ .jap« ukowina jedem, aRgpP Christ, in bester ■"T*®8** isch hegen läßt, . - «• es den Bukovon der HeirnS^weuer^misset^um^aie Leiden der Kriegszeit geduldig ertragen, beschieden sein,, das nächste Purimfest zuhause, in gewohnter Weise begehen zu können — im Frieden. Wien, im März 1917. Dr. S. Kassner.