Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 9 (2.3.1917)
- Date
- 1917-03-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2438141-2438623-2438632--5177-2445127- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 9 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 wenigsten^ sömmertrockene Gebiete) mit künstlicher Bewässerung, -Bei der die Abhängigkeit der gemäßigten Gebiete von den natürlichen Niederschlägen wesentlich gemindert ist und meist außerordentlich viel höhere und wertvollere Erträge erzielt werden als dort. Zu dieser Art „industrialisierter“ Landwirtschaft bringen die Juden zweifellos besondere Eignung mit. Ihre manuelle Geschicklichkeit befähigt sie zu den zahlreichen feineren Arbeiten;, die sich in den höheren Formen der Landwirtschaft So gut 'bezahlt machen, und der Man-' gei an roher Kraft, der bei der Mehrzahl der osteuropäischen Juden meist als ein Hindernis für erfolgreiche landwirtschaftliche Tätigkeit angesehen wird, wendet sich hier zum Vorteil, wo die Körperkraft So sehr hinter der Geschicklichkeit zurücktritt und Wo das Wenige an Pflugarbeit und dergleichen viel gründlicher und rationeller von geeigneten Maschinen geleistet" wird.-» Wer den Juden als Arbeiter kennt, und wer auch, die bisherige landwirtschaftliche Betätigung von Juden in den verschiedenen Ländern verfolgt hat, wird nicht zweifeln können, daß dieses Gebiet für ' die jüdische Kolonisationstätigkeit im Orient in hohem Maße herangezogen werden kann. (Es ist nicht uninteressant, daß die unter dem Einflüße des landwirtschaftlichen Ideals der üblichen Färbung nach Palästina einwandernden jungen jüdischen Arbeiter aus Rußland oft genug über die dortige Form der erfolgreichsten Landwirtschaft — die eben stark industriell ist — entsetzt sind. Das ist keine Landwirtschaft,, sagen sie, sondern ein Fabrikbetrieb. Man „macht“ Orangen, wie inan anderwärts Hosenträger macht. Daß dieser Form der Landwirtschaft — und zwar nicht nur in den subtropischen Gebieten — die Zukunft . gehört, ist diesen sympathischen Trägern eine.; etwas primitiven Idealismus nur noch nicht klar geworden.) Haben wir weiter oben dargetan, daß schon das Industriebedürfnis der Türkei groß genug ist, um selbst innerhalb allerlei Begrenzungen für die Lösung der ganzen ostjüdischen Frage Raum zu bieten, und Ihaben wir soeben gezeigt, dabauch auf dem Felde der subtropischen Kulturen mit ihrem unbegrenzten Markt, eine ganz groJJe Jüdische Ansiedelung im Orient sich aufbauen kann, so verdoppelt es die Wahrscheinlichkeit des Erfolges, wenn wir eine Verbindung von Industrie und Landwirtschaft und als die beste und erstrebenswerteste Grundlage für die jüdische Ansiedelung im Orient denken Tatsächlich bin ich durch eine vieljährige Beschäftigung mit den Fragen jüdischer Kolonisation im Orient dazu gekommen, in dieser kombinierten Form der Ansiedelung, die ungefähr der Idee der Gartenstadt entspricht, die für diesen besonderen Fall alleraussichtsreichste Methode zu erblicken. Die Gartenstadt ist allerdings hier nicht mit dem merkwürdigen Zwitterwesen zu verwechseln, das uns ah der Peripherie der Großstädte entgegenzutreten pflegt. Diese stellt zwar meist eine wesentliche Verbesserung städtischer Wohnweise dar, aber sie ist doch himmelweit von der Idee der ursprünglichen „Gartenstadt“ entfernt, die eine Verbindung von landwirtschaftlicher und industrieller Arbeit sein wollte und in einer ganzen Reihe von Siedelungen in Großbritannien und Deutschland (und auch anderwärts) tatsächlich Ist. Die Gartenstadt oder das „Industriedorf“, wie es der größeren Deutlichkeit wegen genannt werden könnte, wäre auf alle Fälle die beste Art, der Gewöhnung der Juden an städtisches Leben und an gedrängte Wohnweise, und gleichzeitig ihrem Wunsche nach Rückkehr zur Natur und zu natürlicheren Lebens- und Arbeitsformen entgegenzukommen. Bei der großen Auswahl industrieller und landwirtschaftlicher Möglichkeiten im Orient können der jüdischen Ansiedelung aut diesem Wege die weitaus größten Erfolge besehieden sein. Die deutschen, jüdischen und türkischen Interessen stimmen hier jedenfalls derart überein, dab es möglich sein sollte, für ein solches Kolonisationswerk auch die Mittel in großzügigem Maße zu beschaffen, umsomehr als bei einer geschäftsmäßigen Form auch ein hoher Nutzen winkt. Wir wollen dies — da in Verbindung mit solchen Ansiedelungsplänen die Idee eines geschäftlichen Nutzens bisher — leider — kaum je verbunden war, noch mit einigen wenigen Hinweisen beleuchten. Die geringe Bevölkerungsdichte weitaus der meisten Gebiete des Orients hat unter anderem auch Bodenpreise zur Folge, die einen geringen Bruchteil der Preise für Böden gleicher Qualität in entwickelteren Ländern betragen. Beispielsweise ist vielerorts für die Baumwollkultur geeignetes Land zu finden, dessen heutiger. Kaufpreis noch nicht einmal der in Aegypten bezahlten Jahrespacht gleichkommt. Bei Obst¬ und Gcmüsekulturen gilt ungefähr dasselbe, nur dab man hierbei nicht einmal so weit zu gehen braucht, um die außerordentlichsten Preisunterschiede festzustellen. Dicht nebeneinander tiegen die billigsten unerschlossenen Ländereien neben den ertragreichsten Baumgärten, die oft genug in kürzester Zeit auf den hundertfachen Wert des leeren Landes gebracht worden sind. Wo es sich um die Antage von Kolonien oder Gartenstädten handelt, steigt oft - sozusagen am Tage der Entschließung — der Bodenwert auf ein Vielfaches des früheren, und im Verlaufe des allmählichen Ausbaues der Kolonie finden dann weitere Steigerungen statt, so daß in einem sehr kurzen Zeitraum die wegen Bevölkerungsmangels unnatürlich niedrigen Bodenpreise sich zu einer mitteleuropäisch-kleinstädtischen Wertziffer erhöhen. Man sieht daraus, daß allein schon das Eodengeschäft ein ungewöhnlich aussichtsreiches ist. Der Bau von Häusern, die Vorbereitung von gartenmäßigen Landwirtschaftsbetrieben und vieles andere mit einer Ansiedelung großen Stiles Zusammenhängende bieten weitere so lohnende Kapitalanlagen, daß die schwierige Frage der Geldbeschaffung, wenigstens theoretisch, als gelöst betrachtet werden kann. Zur Uebertragung dieser theoretischen Lösung in die hilfreiche und gewinnbringende Praxis kann deutsches Kapital Und deutsches Unternehmertum ein sehr Wesentliches beitragen und damit gleichzeitig auch den - wie wir hoffen gezeigt zu haben — sehr wertvollen deutschen Sympathien der Juden eine nachträgliche Unterlage verleihen. Wir haben oben gesagt, daß die jüdische Auswanderungsnot im Osten zu grob ist, um in einem, sei es auch noch so günstigen Auswanderurvsgehiete restlos gelöst werden zu können, Der türkische Orient erscheint einem neuerdings stark wachsenden Teil der deutschen und jüdischen Oeffentlichkeit als das hiefür geeignetste Gebiet. Uni zur Stärkung dieser berechtigten L'eberzeugung beizutragen, haben wir dieser Frag: hier eine größere Ausführlichkeit gewidmet. ’) Aus der jüdischen Welt} Der Wiederaufbau der Karpa*hendörfer und die Juden. Dem Einbruch der Russen s:nd — wie bekannt — ganze Karpathendörfer in Ungarn zum Opfer gefallen, wodurch zahllose jüdische Schenker, Greisler, Hausierer, Fuhrleute usw. um ihr Hab und Gut kamen. Bei der in Ungarn — später auch in Oesterreich unter dem Namen „Oesterreich für Ungarn“ — eingeleiteten Hilfsaktion hieß es in sämtlichen Aufruten, allen Geschädigten ohne Unterschied der Konfession und Nationalität werde Hilfe werden, ja man wies ausdrücklich auf die Juden hin, offenbar, um auf diese Weise die jüdischen Herzen mehr zu bewegen. Die Veranstalter verrechneten sich auch nicht. Von den nahezu neun *) Aus der deutschen Monatsschrift für Politik und Volkstum: „Der Panther“. NEUE ZEITSCHRIFTEN Der Jude E,”tr- Herausgeber: MARTIN BIJBER Heft 11 (Februar) ist ‘•oeben erschienen: ' FEBRUARHEFT * Aus dem Inhalt: Kiirt Blumenleld: Innere Politik. Zur jüdischen Entwicklung in Deutschland Max Brod: Franz Wetfels „Christliche Sendung“ A. O. Gordon: Brief aus, Palästina Lao Rosenberg: Armenwesen und soziale Fürsorge im Ostjudentum Martin Buber: Die Polnischen und Franz Blei Einzeln K 1.40, das Vierteljahr K 3.50, Porto K —.45 vierteljährlich Jüdisches Archiv 8|9 Sonderheft: Die Juden Lembergs unter der Ruisenherrschaft. Von Prof. S Bromberg-Witkowikl, Lemberg Preis K 1.50 — Ein erschütterndes Kapitel jüdischer Kriegsgeschichte Durch alle Buchhandlungen oder direkt von R. Löwit Verlag Wien I Wollze le 6—8 , Millionen Kronen, die aufgebracht wurden, flößen zumindest zwei Drittel aus jüdischen Händen. Natürlich endete diese Aktion genau so wie alle ähnlichen Aktionen. Der Anreger des Hilfsaverkes, der jüdische Journalist Arpad Pasztor, klagt nun sein Leid im „Az Est“: Ganze Dörfer seien bereits Wiederaufgerichtet, aber in keinem einzigen wurde auch nur ein jüdisches Haus aufgebaut _ Die jüdische Presse in Ungarn. Unser Budapester Bruderblatt .,Z s i d o S z e m 1 e“, das bisher halbmonatich erschien, ist dank der tatkräftigen Unterstützung seitens der ungarischen Gesinnungsgenossen, in eine Wochenschriftumgewandelt worden. Ebenfalls seit dem 1. Jänner d. J. erscheint in Budapest — unter Mitwirkung des „Mult es jövo“ — ere in wahrhaft jüdischem Sinne geleitete Monatsschrift für die jüdische Jugendunter dem Titel „Remeny“ (Hoffnung), deren erste Hefte sich inhaltlich sowohl wie auch äußerlich sehr gut präsentieren. Dr. Arnold Rose oncher, der verdienstvolle und langjährige Präsident der Prager Kultusgemeinde ist am 20. Februar im Alter von 77 Jahren gestorben. Heldentod eines Fe'drabb’ners. Feldrabbiner Dr. Adolf Ke lernen ist dieser Tage auf dem rumä"ischen Kriegsschaup'atz, von einer Granate getroffen gefallen. Dr. Kelemen, im Zivilverhältnis Rabbiner in Fogara.: (Siebenbürgen), war 53 Jahnfalt. Eine Deputation der ukra'nisch-parlainentarischen Vertretung wurde vor wenigen Tagen vom Minister des Aeußem, Grafen Czemin, empfangen. Die Deputation überreichte dem Minister ein Memorial mit den Forderungen des ukrainischen Volkes betreffs (der Sonderstefu^g Ga'iziens. Graf Czernin erklärte sich in dieser Frage nicht fürkompetent. Von der jüdischen Kriegshilfe in Polen. Vor kurzem fand in Warschau eine Zusammenkunft der Vertreter jüdischer Kriegshilfskomitees in Polen .statt. Unter anderem wurden folgende Resolutionen gefaßt: 1. Es soh eine Kommission aus fünt Delegierten aus Warschau, zehn aus der Provinz, drei Arbeitern und zwei -Handwerkern gewählt werden, um im Laufe der nächsten 14 Tage sich an dfe Behörden mit dem ‘Gesuch zu wenden, der aus Bresl, Pinsk uncf anderen nehmen könnte. Die frischgebackcne Ehegattin hingegen — Ja, ich mub leider wieder den Anschein erwecken, als ob ich mit besonderem Vergnügen üble Nachreden verbreiten wollte. Die Wahrheit kann aber nicht-verborgen werden: Esther lebte genau so weiter, wie vor der Hochzeit. Sie tat sich gar keinen Zwang an, sie ignorierte mit einer geradezu entwaffnenden Naive Tät und Unverschämtheit ihren Mann, wie sie vorher ihre Eltern ignoriert hatte. Sie kannte gewiß nicht den von einem großen Weiberfeind geprägten Satz, das Mädchen begebe sich ins Ehejoch, um erst recht frei zu' sein, aber sie verfuhr genau nach dieser Maxime, zum größten Aerger der-armen, vielgeplagten Eltern, der alten und jungen Frauen in der Breiten-Gasse, der jungen und arten Männer dortsefbst, kurz, der ganzen Welt mit der einzigen Ausnahme ihres jungen 'Gatten, der in dieser Hinsicht mit einer wahrhaft beglückenden Blindheit geschlagen war... Was die feinen Herren aber anbelarfgt, die Liebhaber orientalischer Schönheit, so ‘brachten sie jetzt Esther eine noch lebhaftere- Bewunderung entgegen, alsvorher. Ihre Formen und Farben verloren zwar allmählich den Frühlingszauber der zarten Mädchenzeit, wurden aber desto üppiger und reicher. Was bei den erwähnten Liebhabern bekanntlich noch tieferes Verständnis findet und größeres; Interesse erweckt . i. Esther war unverbesserlich — das stand fest. „Das Blut, das Blut“ — sprachen die Nächbarsfrauen, immer noch mit leisem Grauen und großem Aergernis. Und erzählten sich lüstern ganz unmögliche Geschichten... 6. Als das Kostjahr zu Ende ging, errichtete Tobias Krumbaum seinem1 Eidam ein Petroleumgeschäft in der Breiten-Gasse. „Versuchen wir zunächst damit — meditierte der Alte . — Die Konkurrenz ist im Naphtahandel noch nicht so groß, wie auf anderen Gebieten, und das Risiko verhältnismäßig 'gering.“ Gesagt, getan. Nach langem und lautem' Hin- und Herlaüfen kaufte inan bei verschiedenen Grossisten ein paar Kisten Seife und Kerzen und einige Fässer Petroleum mit allem, was halt dazu gehört. Bezüglich der Führung des Geschäftes — wenn dieser hochtrabende Ausdruck gestattet ist — einigte man sich dahin, daß beide Ehegatten einander darin aushelfen und ablösen würden, was schon deshalb als notwendig erschien, weil Schlojme, wie er schon eitmräl war, zu den drei Tagesgottesdiensten ungeheuer viel Zeit brauchte, und auch niemand sonst zur Erledigung der allfälligen Einkäufe vorhanden war. Esther erklärte sich in ihrem unverwüstlichen Leichtsinn mit dieser Einrichtung ebenso gerne einverstanden, wie sie vor einem Jahre ohne weiteres mit Schlojme einverstanden gewesen war. Warum denn nicht?... Alle Frauen beiten ja den Männern im Geschäft mit_Das Gegenteil wäre eher zu verwundern_ Im Anfang ging es auch Esther ganz gut. Das heißt, es ging ihr ebenso gut wie früher. Denn an aufmerksamen Verehrern fehlte es wahrlich niemals in der Stadt. Dieser Artikel ist immer reichlich auf Lager vorhanden... — witzelte man in der Gasse. Und Zeit für ihre Liaisons hatte Esther natürlich auch mehr als genug. Das Geschäft störte sie in dieser Beziehung nicht im geringsten. Da sitzt sie scheinbar ruhig im Laden bei den großen Fässern und dämmert vor sich hin. Schlojme sitzt in’ einer anderen Ecke bei einem kleinen Tisch und stöbert in Papierzettel herum. Plötzlich erblickt Esther, wie eine ihr wohlbekannte Gestalt, anscheinend ganz gleichgültig, am Geschäft vorüberhuscht. Im ‘Moment gerät sie aus den Fugen. „Ich muß zu Hause nachschauen“ — sagt sie zu Schlojme, halb zu ihm hingewendet, und verschwindet blitzschnell aus dem Laden. Schlojme stöbert weiter in den Papieren herum oder nimmt ein „Blatt Zeitung“ zur Hand und vertieft sich in die Geheimnisse der großen Politik und vergißt Frau, Geschäft und alles um sich herum... bis ihn ein barsch eintretender Kunde wieder zur Prosa des Lebens zurückruft... 7. Chane Krumbaum fiel es seif längerer Zeit auf, dab Esthers Ausgänge und Ausflüge etwas