Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 8 (23.2.1917)
- Date
- 1917-02-23
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8 JOBlSCHgZElTUNO Seite 3 wurde ein Flüchtlingskomitee in Troppau ins Leben gerufen, in dessen Dienst sich die ganze jüdische Bevölkerung, vor allem natürlich auch die Zionisten stellten. Die jüdischen Frauen empfingen jeden durchfahrenden Flüchtlingsschub am Bahnhofe und labten die Hungernden und Frie- I renden, oft in später Nachtstunde, oft in den frühesten Morgenstunden. Jeder Schub wurde von einem Delegierten der Kultusgemeinde zusammen mit einem1 Beamten def Bezirkshauptmannschaft in die betreffende Gemeinde geleitet und der Ortsbehörde übergeben,' welche sich über die getroffenen Maßnahmen ausweisen mußte. Eine von den Frauen sofort eingeleitete Brockensammlung brachte aus der ganzen, auch christlichen Bevölkerung, Spenden an Kleidern und Schuhen1, so dab in notdürftiger. Weise den ersten Anforderungen entsprochen werden konnte. Das Flüchtlingskomitee rief für Bekleidung, Lebensmittelversorgung, Schule und Rechtschutz eigene Referate ins Leben, die unter großen Mühen bei der sehr entgegenkommenden Haltung der Bezirkshauptmannschaft ihre Aufgabe erfüllten. Auch die Auszahlung des staatlichen. Unterstützungsbeitrages übernahm das Komitee. Diese ertolgt in der Weise, daß alle zwei Wochen ein Herr, bezw. eine Dame in 1—3 bestimmte Gemeinden fährt, über die sie als' „Pfleger“ einge-, setzt sind, dort die Auszahlung vornimmt und gleichzeitig Wünsche urid Beschwerden emppfängt, die entweder durch sofortige Fühlungnahme mit den Lokalbehörden direkt geordnet oder an das Flüchtlingskomitee zwecks Weiterleitung an die Staatsbehörde berichtet werden. Die Pfleger hatten zunächst Kataster anzulegen; in den von den Staatsbehörden herausgegebenen Formularien mußten bezüglich jeder Familie alle Daten genau angegeben werden. Zu unserer Freude fand sich da eine R ub r i k „Nation a- I i t ä t“ v o r, iz p der es eine Fußnote ■ gab: „polnisch, ruthenisch oder jüdisch“. Die Bekleidung machte bei den1 jetzigen Verhältnissen ebenso wie die Lebensmittelversorgung große Schwierigkeiten. Jetzt ist in Jägerndorf vom Staate eine Bekleidungszentrale eingerichtet, während Lebensmittel beim Ministerium des Innern angesprochen werden, das auch helfend eingegriffen hat. Die „Allianz'4, beziehungsweise das „Komitee zur Verteilung der amerikanischen Hilfsgelder“, hat dem Flüchtlingskomitee in Troppau, das in dieser Richtung für ganz Westschlesien tätig ist, monatlich einen Betrag von 20.000 Kronen zur Verfügung gestellt, um in Einzelfällen eingreifen zu können und nachzuhelfen, wo die staatliche Unterstützung . nicht ausreicht. Naturgemäß stieß auch die Beschaffungvon Heiz- ‘und Leuchtmaterialien auf große Schwierigkeiten, die zum Teile noch fortbestehen. In mehreren größeren zentral gelegenen Gemeinden wurde eine Betgelegenheit errichtet, Thorarollen herbeigeschafft, so daß in den meisten Fällen die religiösen Bedürfnisse der Flüchtlinge, die aus den lumliegenden Ortschaften in jene Gemeinden kommen, befriedigt werden. Der umsichtigen Leitung des Herrn Doktor Sonnenschein, der (nimmermüden Arbeit der Frauen und der Mitarbeiter' ist es zu. danken, daß die Pfleger jetzt zumeist zufriedene Gesichter antreffen, wenn isie ihre Schützlinge besuchen. Die Kinder gehen in die Dorfschulen, vielen Arbeitsfähigen konnte Arbeit verschafft werden. Für die leider so zahlreichen Waisenkinder soll ein Waisenhaus, 'für die Mädchen ein Mädchenheim begründet werden. Die Bevölkerung der westschlesischen Landgemeinden ist zumeist sehr gutmütig. In den deutschen Gemeinden Svar gewöhnlich Vorsorge getroffen: ordentliche, oft geheizte Wohnhäuser, frisches Stroh, Holz und Kohle und die notwendigsten Lebensmittel Waren für ,die~ erste Zeit vorbereitet. Die Bevölkerung nahm sich mitleidsvoll der ihnen so wesensfremden jüdischen Flüchtlinge ^.n und half ihnen nach Möglichkeit. Man konnte wahrnehmen, daß der Krieg, der Anblick von so viel Elend, alte Vorurteile zum Verstummen brachte und daß oft Zurechtweisungen an Leute ergingen, die;der Situation der Aermsten nicht das entsprechende Verständnis entgegenbrachten. Hingegen War jdie Aufnahme in manchen nichtdeutschen Gemeinden weniger . freundlich, .manchmal direkt -feindselig, so daß in vereinzelten Fällen’auf Antrag der Pfleger eine Ueberleitung in eine andere Gemeinde stattfand. Unter den jüdischen Flüchtlingen gibt es wenige Männer, kaum 10 Prozent, zumeist sind es Frauer. und Mädchen, 25 Prozent schulpflichtige Kinder. Nach dem Verbleibe der Männer befragt, hört man die Antwort: von den Russen verschleppt, erschlagen oder eingerückt. Durch das Hin- und Herführen der Flüchtlinge ist der Kontakt mit den eingerückten Männern meist gestört und es wind daran gearbeitet, ihn wieder herzustellen. Erschreckend groß ist die Zahl der Waisenkinder, oft mutterseelenallein dastehende kleine Kinder, die keine An verwandtest haben und deren sich irgend eine andere Familie liebevoll annimmt. Der- Vater erschlagen oder weggeschleppt, die Mutter an Cholera gestorben, ist meist die Auskunft. Es ist klar, daß sich unter den Flüchtlingen aucn ein {gewisser Prozentsatz von minder gut , gearteten Individuen voriindet, die in der Bevölkerung auch bisweilen den Antisemitismus wachriefen; man verlangt ja von den Juden immer, daß jeder tadellos (sei. und ein einziger Schlechter unter ihnen (vermag den Haß gegen alle zu entfachen. Zumeist aber sieht man bemitleidens- . Werte Menschen, die um ihr.. Hhb .igül Gut», gekommen sind, flie für jeden guten Blick, der ihnen gilt, dankbar sind Und die nichts sehne licher wünschen, als wieder in ihre Heimat zu kommen, gefaßt, einen Schutthaufen vorzufinden, auf dem' sie durch Arbeit liebevoll' wieder neues Leben'.erstehen lassen wollen. Troppau, im Februar 1017. ■ Dr. Leschner. An unsere Gesinnungsgenossen! Da wir von der nächsten Nummer an keinem Zionisten, der den-Bezugspreis nicht entrichtet hat, die „Jüdische Zeitung“ zugehen lassen, und somit unserem Parteiorgan jene solide Grundlage geben, der es zu seiner Existenz bedarf, fordern wir die ■ Gesinnungsgenossen, welche sieb ernsthaft für die Entwicklung und den Ausban ünseres Blattes interessieren, anf, sich von nun an die Werbung neuer Bezieher ernstlich angelegen sein zu lassen. Die Jüdische Zeitung könnte ohne Defizit erscheinen, wenn nur ein Bruchteil der Zionisten Österreichs zu verläßlichen Abonnenten würde. Treten Sie daher in Ihrem Vereine dafür ein, daß die Mitglieder das Parteiorgan abonnieren! Die Geschäftstelle ist - gerne bereit, vertrauenswürdigen Personen, welche sich dieser Propaganda widmen wollen, dlehötigen Drucksorten, Probenummern, Bezugskarten, Empfangsbestätigungen,zur Verfügung zu stellen. Wir brauchen, um die „Jüdische Zeitung“ einigermaßen zn bilanzieren, in diesem Jahre zweitausend Abonnenten. Da in Österreich die Zahl der Schekelzahler und Spender für den Nationalfonds ein Vielfaches davon beträgt, wird es mit vereinten Kräften unschwer gelingen, dieses von uns vorerst gesteckte Ziel zu erreichen. Ein dauernder Erfolg der zionistischen Arbeit ist nur möglich, wenn unsere Anhänger fortwährend durch die Lektüre der zionistischen Presse auf dem Laufendes gehalten werden. Folgen Sie deshalb unserem Rufe und sammeln Sie fleißig Abonnenten der „Jüdischen Zeitung“. Die Geschäftstelle. Aus der jüdischen Welt Zur Rettung jüdischer Stiftungsvermögen und ihrer Nutzbarmachung für das jüdische Volk, die unser Gg. Dr. Michaer Ringe 1 in der „Jüdischen Rundschau“ angeregt hat, ist ein weiterer Sdiritt getan worden. Der Lemberger Kultusvörstand hat beschlossen, ein Evidenzamt für jüdische Stiftungen in Galizien einzurichten. Eine Millionenstiftung für jüdische Waisen. Dem „Lemberger Tagblatt“ zufolge hat Herr Baruch Linden bäum aus Boryslaw 21/2 Millionen Kronen für jüdische Waisen gestiftet. 30 jüdische Kriegswaisen wurden neulich aus Lemberg nach Erensdorf, Schlesien, überführt, wo sich eine größere Erziehungsanstalt des Landeszentralkomitees für jüdische Kriegswaisenfürsorge in Galizien beiindet, in der bereits 120 Kinder untergebracht sind. Außer dieser Anstalt unterhält das genannte Komitee 2 Waisenhäuser in Lemberg, ein Waisenhaus und ein Kinderheim in Przemyst, je ein Waisenhaus in Sambor und Jaworow. Insgesamt werden in diesen Waisenhäusern 474 Kriegswaisen erzogen. Außerdem bekommen ständige monatliche Unterstützungen 2861 Waisen, die in Familien aufgenommen wurden, litt Januar hat das Komitee 400 Anzüge, 300 Kleider, 500 Hemden, 500 andere Wäschestücke, 800 Paar Socken und 1000 Paar Schuhe verteilt. Das genannte Komitee wirkt nur im Gebiete des Oberlandesgerichts Lemberg. Die Bemühungen, die Staatsunterstützung den jüdisch-getrauten Frauen jüdscher Soldaten in Galizien zu sichern, sind von Erfolg begleitet gewesen. Es Wird in Kürze mit der Auszahlung begonnen werden. Die Reichstagikomntission Für die Durchführung des Hilfsdienstes hat ohne Debatte den Vorschlag des Kfiegsmimsteriums angenommen, das jüdische Gesetz bei der Durchführung zu berücksichtigen. Eine Kriegskommission für Kaschruth hat sich in Berlin gegründet, mit dem Zwecke, den orthodoxen Juden bei der Versorgung ritueller Lebensmittel behilflich zu sein. Ein Antrag zur Schaffung einer Kasse zur Beförderung der Frühehe wurde auf einer Tagung des Jüdischen Frauenbundes in Berlin angenommen. Eine jüdische Fraktion unter dem Vorsitz des Dr. Rose n b I a 11 hat sich im Lodzer Stadtrat gebildet. Eine Erklärung des „Bund“. Das Auslandskomitee des Allg. Jüd. Arbeiterbundes in Litauen, Polen ünd Rußland' („Bund“) hat zur Proklamation der Zentralmächte. betreffs Polens in einer Erklärung Stellung genommen. Die Erklärungführt u. a. aus: „Unter den Fragen der inneren Einordnung Polens, die das Proletariat in erster Linie zu lösen haben wird, ist eine der wichtigsten die Beseitigung der nationalen Konflikte, vor allem die Regelung der jüdisch-polnischen Beziehungen. Das Proletariat Polens wird alle seine Kräfte einsetzen müssen, um der erwähnten Gefahr vorzubeugen, und unr zu verhindern, dab der nationalein Frage, vor allem der Judenfrage, im Leben des polnischen Staates nicht dieselbe verhängnisvolle Rolle anheimfällt, die dieser in der Politik Rußlands zuteil geworden ist. Das Proletariat Polens wird die Forderung erheben müssen, sowohl auf Grund der allgemeinen Verfassung als auch mittelst Errichtung spezieller Institutionen, die Rechte der nationalen Minderheiten zu schützen, und wird dafür mit aller Energie und Entschiedenheit sich einstellen müssen. Selbstredend löst die nationale Autonomie auch auf der Grundlage weitester Demokratisierung des Staatswesers nicht restlos die Nationalitätenfrage innerhalb des heutigen Staates, sie ist aber in der durch Klassengegensätze enFzweiten Gesellschaft die höchste Garantie eines fried'icln 11 Zusaminenleb-ns der Nationen und der Freiheit ihrer kulturellen Entwicklung. Die volle Befreiung der Nationen wird nur der endgültige Sieg des Sozialismus mit sich bringen.“ Die jüdische Gemeinde von Warschau überreichte dem' Hai nt zufolge, die Gemeindeverwaltung Warschaus und dem Kronmarschait eine Adresse an den Staatsrat, in der sie ihre Einigkeit mit den Polen in der Arbeit des Wiederaufbaues des polnischen Staates ausirl rückt. Der rühmlkhst bekannte Orientalist Josef Halövy ist 90 Jahre alt in Paris verschieden. Er wurde 1827 in Adrianopel geboren, im Jahre 1S68 machte er auf Veranlassung der Alliance israelite universelle eine Reise zu den Falaschaks nach Abessynien, die ihn sehr bekannt gemacht hat. 1869—70 bereiste er im Aufträge der Pariser Akademie Yemen, um die sabäischen Inschriften zu erforschen. Heimgekehrt, veröffentlichte er die erste sabäische Grammatik, die der Sprache der Mischnah sehr ähnlich ist und beschrieb seine Reise. Er betätigte sich auch als Assyriologe und auf dem Gebiete der modernen Bibelkritik. Bedeutende Studien über orientalische Epigraphik und Geschichte legte er in seiner wissenschaftlichen Revue nieder. Seit 1899 war er am Rabbinerseminar und der Allianceschule. Vor Professor an der Pariser Universität; er las auch allem liebte er die hebräische Sprache und Literatur; er seihst dichtete hebräisch und übertrug auch die Gebete der Falaschahs ins Hebräische. Sein Tod bedeutet für die orientalische Philologie einen schweren Verlust. Der Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland erweckt Befürchtungen, daß die Geldunterstützungen aus. Amerika für die polnischen Juden nun verloren seien. Der „Kurjer Polski“ meint, nun 'müßten die polnischen Juden sich selbst helfen, Der jüdische „Moment“ glaubt, daß Deutschland sich auch gegen den neuen . Feind zu helfen wissen werkle. Er meint, daß Amerika keinen Krieg gegen Frauen und Kinder führen wird, zumal man annehmen dürfe, daß führen werden. Diese letztere Voraussetzung die amerikanischen Juden ihre Arbeit fortscheint sich zu bestätigen. Bereits wird gemeldet, daß das amerikanische Hilfskomitee für Belgien seine bisherige Tätigkeit indirekt 'durch Vermittelung der neutralen Länder Skandinavien, Holland und Schweiz fortsetzen werde. Ein ähnliches Arrangement {wird wohl auch für die amerikanisch-jüdische Hilfsaktion in Polen sich treffen lassen und getroffen werden. Zionistische Bewegung Dr. Schmarjah Levin protestiert leidenschaftlich gegen die Vermittlung des Hilfsvereines der deutschen Juden bei der* Verteilung der amerikanischen Hilfsgelder unter den polnischen Juden. Er nennt den „Hilfsverein“ einen „gefährlichen Vermittler ... Eine Organisation, die es während des Krieges wagte, vor der Deutschen Regierung mit einem vollständigen Programm* zu erscheinen: die türkische Regierung dahin zu beraten, daß sie die Jüdische Bank und den Jüdischen Nationalfond in Palästina auflöst, alle hebräischen Schulen dort schließt, wobei sie zugleich ein Verzeichnis von Lehrern, Beamten und gesellschaftlich Tätigen nationaler Richtung überreichte, die ans dem Lande ausgewiesen oder zur Verbannung nach entfernten Provinzen des Reiches verurteilt Werden sollten — eine derartige Organisation verdient es, mit.einem Schandmal versehen und aus der Gesellschaft ausgestoßen zu werden. Die Denunziation des Berliner „Hilfsvereins“, von seinem Vertreter in Jerusalem unterzeichnet, Wurde der Deutschen Regierung von dem Präsidenten dieser Gesellschaft übermittelt. Diese Tatsache war den Leitern der Hilfsarbeit in Amerika Schon vor anderthalb Jahren bekannt. Diese Personen hatten die Denunziationen in ihren Händen, lasen sie, verurteilten den „Hilfsverein“ upd trotzdem — ernannten sie denselben „Hilfsverein“ zum Abgesandten der amerikanischen Judenheit, und nicht bloß zum Vertreter, sondern zum Herrn und obersten Gebieter, zum alleinigen Verwalter der gesamten Hilfsarbeit für Kriegsnotleidende.“ Dr. Levin fordert zum Schluß eine reinliche Scheidung zwischen dem „Hilfsverein“ und dem Verwaltungskomitee des amerikanisch-jüdischen Hilfsfonds in Berlin. ■ ‘