Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 8 (23.2.1917)
- Date
- 1917-02-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITÜNO Nr. 8 dei von Jaffa in den letzten 35 Jahren sich etwa versechsfacht hat. .Die letzte Verdoppelung, erfolgte innerhalb sechs Jahren. Wie weit hierbei das deutsche Interesse mit in Frage kommt, zeigt neben vielen anderen ähnlichen Aeußenmgen der sehr ausführliche Bericht des deutschen Konsuls in Jaffa (abgedruckt im „Deutschen ffandelsardiiv“ von 1913, Oktoberheft), der sich fast ausschließlich mit der jüdischen Kolonisation, Idem Zionismus und seinen Instituten im Lande befaßt. Im ganzen türkischen Reiche leben zurzeit ungefähr 400.000 Juden, von denen rund 100.000 aut die europäische Türkei entfallen. Von diesen kommen auf JConstantinopel etwa 70.000, auf Adrianopel etwas über 20.000. In der asiatischen Türkei außer Palästina beträgt die Zahl der Juden ungefähr 180.000. Von diesen leben ungefähr 50.000 in Bagdad, 35.000 in .Smyrna, in Aleppo und Damaskus annähernd je 20.000 usw. usw.. Das Verhältnis zwischen den Juden und der sonstigen Bevölkerung jisi im allgemeinen sehr günstig. Auch iia„ politischer Hinsicht ist nirgends eine Verkürzungihrer Rechte wahrzunehmen, und jseit der Konstitution hat stets die der Volksziffer (der Juden entsprechende Anzahl von jüdischen Vertretern im Parlament gesessen. . Nun pflegen zwar die Parlamente auch anderer Länder, in denen das Verhältnis der Juden zu ihren Mitbürgern ein weniger glückliches ist als in der Türkei, jüdische Mitglieder aufzuweisen, und zwar sogar meist in sehr viel höherer Zahl als dem Anteil der jüdischen Bevölkerung entsprechen würde. Aber hier-liegt-es doch so, daß die örtliche ‘und berufliche Schichtung der 'Juden zusammen mit ihrerlebhaften Anteilnahme: am öffentlichen Leben und ihren besonderen Fähigkeiten auch die im allgemeinen gar nicht judenfreundlichen Wählerschaften veranlassen, die Vertretung ihrer Interessen in die Hände jüdischer Abgeordneter zu legen,- — die dann aber -eben nicht ihre jüdischen Mitbürger vertreten. r In der Türkei hingegen, Wo das Religiöse und Nationale so eng miteinander verbunden ist, ist es fast undenkbar, (daß Nichtjuden, sich von jüdischen Abgeordneten vertreten ließen. Andererseits aber wind dort kein Mißbrauch mit der Majorität getrieben,; sondern es wird der jüdischen Gemeinschaft — .trotzfdem sie auch hier keineswegs die kompakte WohnWeise zeigt, die meist als Voraussetzung einer Parlamentsvertretung betrachtet wird — Idie volle 'Zahl von Vertretern zugebilligt, die ihrer Gesamtziffer entspricht. Man kann also sagen, daß die Türken zugunsten ihrer jüdischen Einwohnerschaft in unformeller Weise hier eine Art Proportionalwahlrecht gelten lassen. Man darf wohl feststellen, (daß dieses Verfahren sich — für die Juden — sehr wohltuend von der Praxis anderer Staaten unterscheidet. Wenn" in alledem ein .Weiterer starker Anreiz für die osteuropäische Judenheit - liegt, in ihren Auswanderungsnöten die Blicke nach der Türkei zu richten; so kommt neben dem Nationalen (und Idem Politischen noch eine sehr nüchterne, materielle Erwägung mit in Betracht. Die jüdische Auswanderung aus Osteuropa nach den überseeischen Einwanderungsgebieten stellt an die armen Leute ungeheure finanzielle Ansprüche. Die Uebersiedlung von Rußland nach Amerika kostet im Durchschnitt pro Kopf etwa 200, pro Familie an 1000 Mark. Wer die Verhältnisse in .Osteuropa kennt, weiß, daß 1000 Mark per Familie dort ein kleines Vermögen bedeuten. Die Unerschwinglichkeit dieser Summe ist es ja auch, die eine um ein Vielfaches größere als die tatsächliche Auswanderung bisher hintangehalten hatte. Für die großen Massen ist eine so kostspielige Auswanderung nach dem Kriege aber noch viel weniger erreichbar als vorher, Und ida spielt es denn eine sehr bedeutende Rolle, (daß die Auswanderung nach den türkischen Ländern mit etwa einem Fünftei (und oft noch Weniger) der obigen Beträge durchzuführen ist, und daß — wo die Mittel zur Auswanderung nach Amerika vorhanden wären ■— sie bei der Wahl des Orients" als Einwanderungsgebiet nicht nur für die Ueberfahrt, sondern auch für die Errichtung einer neuen Existenz ausreichen können. ESe Kostenfrage spielt in der jüdischen Auswanderung {und Ansiedelung eine bisher noch lange nicht nach Gebühr gewürdigte Rolle, und auch das bisherige. Kolonisationswerk in Palästina hatte noch zu geringen Umfang, um jetzt schon in dieser Hinsicht gründlichen Wandel geschaffen zu haben. Wenn Wir aber von den Be-, Sonderheiten des Falles absehen, die nach der ungünstigen Seite meist außerordentlich übertrieben -werden, so brauchen wir nicht viei Widerspruch zu erwarten, wenn wir «sagen, daß im' Orient die Ansiedelung in Stadt und Land mit Beträgen zu verwirklichen ist, die sich nicht weit von 2000 Franken oder Mark pro Familie entfernen werden, ln Griechenland hat man vor etwa acht Jahren mir diesem Kostenaufwand in mustergültiger Weise viele Tausende von Flüchtlingen aus Bulgarien in Stadt und Land angesiedelt, auf - der Insel Cypern Wird ungefähr der gleiche Betrag zur Errichtung einer bäuerlichen Wirtschaft für ausreichend gehalten und in den türkischen Gebieten sind die Kosten, so weit einheimische Elemente in Betracht kommen, noch vier geringer. Nun Wird es allerdings große Schwierigkeiten machen, für eine Kolonisation größeren Umfanges — besonders nach fdem Kriege — auch nur derartige Mittei äufzubringen. wenn wir aber in Betracht ziehen, daß die Errichtung von Heimstätten und die Stellung von Wohngelegenheiten in Stadt und Land überall in der Welt zu den löblichsten uhjd oft sogar lohnendsten Geschäften gehören, so ist nicht einzusehen, weshalb man nicht bei dieser Frage jüdischer Einwanderung unfd Kolonisation im Orient dazu schreiten soll, die Hauptsummen, die für Grund und Boden und Wohnungen benötigt werden, aut ■ einer rein geschäftlichen Basis flüssig zu machen. Schon heute Wird auf Grund der jüdischen Einwanderung in den Städten Palästinas ein Mietspreis bezahlt, der etwa 12 bis 15 Prozent vom Werte der Häuser beträgt und mangels reich?, licherer Mittel für Bodenkauf hat ein unsystematisches Vorgehen bereits vielfach zu einer im übrigen wenig motivierten Steigerung der Bodenpreise geführt. Eine Organisation, deren Umfang der Größe der Aufgabe auch nur einigermaßen angppaßt wäre, könnte hier Wandel schaffen und mit der Errichtung von Heimstätten für die -•zu erwartende Einwanderung neben allen anderen Wirkungen ein sehr großes und sicheres finanzielles Resultat erzielen. Freilich hat es nicht an Stimmen gefehlt,'di? der Aufnahmefähigkeit Palästinas und. anderer Teife der Türkei sehr enge Schranken ziehen wollen. Solche Auffassungen sind aber nur mit völliger Verkennung Schon der Wichtigsten in Frage kommenden. Verhältnisse zu erklären. Die Türkei als fast rein agrarisches Land kann allein schon auf industriellem Gebiet einen Bevölkerungszuwachs brauchen, dessen Umfang ]das ganze Ostjudenproblem in Sich schließt. Wir brauchen nur zu bedenken, daß die Türkei doch bestrebt sein muß, im'Laufe möglichst kurzer Zeit sich aus der Abhängigkeit von den islamfeinar lichen Industriestaaten zu befreien, und daß auch die Zentralmächte Idas allergrößte Interesse daran haben, dem türkischen Bundesgenossen hierbei behilflich zu sein und damit indirekt auch seine Kaufkraft zu stärken, zugleich aber sich selbst damit einen Abnehmer von immer größeren Mengen von Industriewaren heranzuziehen. , In der Beihilfe zur Industrialisierung der Türkei läge auch keineswegs ein Widerspruch zu den eigenen industriellen Interessen der Zentralmächte. Diese letzteren werden in absehbarer Zeit für die Einfuhr der Feindesländer nach der Türkei keinen vollen Ersatz schäften können. ‘ Außerdem aber braucht beispielsweise Deutschland, dessen industrielle Ueberlegenheit selbst alten Industriestaaten, gegenüber auf so vieleln Gebieten feststeht, inicht zu befürchten, daß Schon ein Anfang der eigenen Industrialisierung die Türkei befähigen kann, aller industriellen Einfuhr zu entraten. (Schluß folgt) Aus der allgemeinen Presse Nationale Bewegung heißt ein Kapitel, das der iuns durch seine vers indnisvolle Würdigung jüdischer Probleme-, bekannte Ludwig Quessel in den1 „Sozialistischen Monatsheften“ regelmäßig bearbeiten wird. In der Nummer vom' 31. Januar schreibt er unter dem Titel „Krieg und nationale Bewegung“, über die nationale Autonomie u. a.: „Die Lösung der Nationalitätenprobleme wird menschlicher Voraussicht nach inicht im Krieg,- sondern im Frieden erfolgen. In fast allen Fällen ist eine wirkliche Lösung der hoch vorhandenen ' Nationalitätenprobleme auch nur durch Friedensarbeit möglich. So könnte den kleinen Nationen des Ostens mit der Schaffung selbständiger Kleinstaaten auch gar nicht geholfen werden. Wie man auch die Grenzen unter ihnen festsetzt, immer wird ein erheblicher Teil der Nationen außerhalb ihrer staatlichen Gemeinschaft bleiben. Dazu kommt, daß die auf diese Weise entstehenden Zwergstaaten weder wirtschaftlich noch kulturell leistungsfähig wären. Nicht staatliche Selbständigkeit, sondern nationalkulturetle Autonomie kann hier zu einer wirklichen Lösung des Nationalitätenpririzipes führen. Nationalkulterelle Autonomie bedarf, wie besonders betont werden muß, keiner gesonderten territorialen Unterläge. Sie läßt die territoriale Einheit des Landes bestehen und gibt doch allen Nationen Raum zur Entwicklung. Sie stellt da- •her die einzige Lösung der Nationalitätenfrage für Völker dar, die neben und durcheinander dasselbe Territorium bewohnen, sich deshalb mit einander abfinden und vertragen müssen und doch ihre eigene nationale Entwicklung haben wollen und sollen. — Der Grundsatz nationalkultureller Autonomie besagt, daß auch die kleinen Nationen berufen sind, durch eigene Leistungen an der Entwickelung der Menschheit mitzuarbeiten. Soweit die Pflege der geistigen Kultur reicht, soll die Autonomie möglichst unbeschränkt sein. In wirtschaftlichen und militärischen An- , gelegenheiten müssen sich die kleinen Nationen jedoch dem größeren Staatsganzen einfügen, dem eine übernationale Eigenschaft zuzuerkennen ist. Alle Fragen nationaler Kultur können sehr gut aut dem Boden nationalkultureller Autonomie ge-' löst werden, ohne daß die Einheit des. Landes durch die Schaffung von Kleinstaaten eine Einbuße erleidet. Von größter Wichtigkeit für die gemischtnationalen Gebiete ist ferner, daß der politische Kampf nicht zum Nationalitätenkampf ausartet. Vermeiden läßt sich dies nur durch Bildung nationaler Wahlkörperschaften Wenn daS Wahlrecht zum Parlament für die gemischtsprachigen Bezirke in dem Sinne gestaltet wird, daß zum Beispiel im Ostenauf je 30.000 polnische, ruthenische und jüdische Wahlberechtigte je 1 polnischer, ruthenischer und jüdischer Abgeordneter entfällt, so kann, wenn zum Zweck der Wahl besondere nationale Wählerlisten und besondere nationale Wahlorgariisationen geschaffen werden, was sich ohne erhebliche Schwierigkeiten ausführen läßt, verhindert werden, daß der politische Kampf zum Nationalitätenkampf wird. Jeder Nationalität sind dann von vornherein eine ihrer Bevölkerüngsziffer entsprechende Anzahl von Abgeordneten gesichert Die Aufstellung nationaler Sammelkandidaturen verliert bei einem nationalen Kuriensystem jeden Sinn. Der Wahlkampf in den gemischtsprachigen Bezirken kann dann' weder von den Behörden noch von den Parteien nationalistisch vergiftet werden, und er wird'werden,-was er sein soll: zu einem politischen Kämpf sozialer Gruppen einer und derselben Nationalität. Die Lösung des Nationalitätenproblems aut Idem Eoden nationalkultureller Autonomie, soweit das geistige Leben in Frage kommt, und aut der Basis des nationalen Kuriensystems, soweit die wirtschaftlichen und allgemeinpolitischen Fragen reichen, gibt auch in den großen übernationalen Staatsgemeinschaften den Nationen ihr volles Recht: Das ist auch diejenige Lösung, die der Entwickelung der Produktivkräfte am meisten dienlich ist und die einen wirklichen Ausgleich zu schaffen vermag.“ Ueber „nationale Autonomie“ schreibt Franz Oppenheimer im Februarheft der „Neuen Rundschau“. Nachdem das soziale Problem in Staaten höherer Kultur Jahrzehnte lang die dringendste Aufgabe geschienen und ihre Lösung, begonnen habe, erhebe sich als' nächste Frage für Europa die der Nationalität. Gelinge nicht die Beantwortung derselben, dann werde Europa dem für die Welt ins Zentrum politischer und wirtschaftlicher wie kultureller Macht gerückten Amerika künftig so erscheinen, wie uns bisher der Balkan galt: „als ein Haufe interessanter Nationalitäten, die sich gegenseitig für verblaßte Ideen die Hälse abschneiden.“ Nach einem kurzen historischen Abriß der inneren Politik Oesterreichs stellt Oppenheimer Test, daß die Kämpfenden mitten im bitteren Kampf immer mehr dahin gedrängt. wurden, halb unbewußt den Boden mehr und mehr, zu verlassen; auf dem der Austrag des Streites ganz und gar unmöglich ist, den der territorialen Ordnung; und den Boden zu betreten, auf dem wenigstens ein modüs vivendi gefunden werden kann, den der „personalen Ordnung, der nationalen Autonomie.“ Die Erörterung der Doppelsinnigkeit, die in dem Gebrauch der Wörter Nation, Nationalität und Volksstamm liegt, und der Unbrauchbarkeit, die diese Begriffe in der politischen Praxis haben, .führt den Verfasser zu dem- Ergebnis, daß „der freie, unbeeinflußte Wille eines jeden großjährigen, verfügungsberechtigten Bürgers“ maßgebend sein müsse (das subjektive anstatt der objektiven Kennzeichen: Rasse .und. .Sprache), .wenn die Nation zu .Trägem, von Rechten und Pflichten würde. Er weist darauf hin; daß man. sich Schon allgemein , zu dem1 Grundsatz bekenne,1 daß der freie Wille* zurückgehend auf die Kulturgemeinschaft, der mananzugehören glaube, allein (was' Sehr anfechtbar ist, weil Oppenheimer das komplizierte Problem simplifiziert indem1 er ins andere Extrem verfällt) maßgebend sei für die Bestimmung der Nationalität, wofür er mit Beispielen dient. Im übrigen stützt er sich auf Lukas, GumplovicS, Bernatzik und insbesondere auf Renners Schriften, um darzutun, daß das personale Prinzip die einzige Rettung für die befriedigende Lösung des Nationalitätenkampfes sei. . Ueber die drtte Phase 'des Zionismus Schreibt Max B r o d in der „Zukunft“ vom 20. Januar. Wir kommen in' der nächsten Nummer auf diesen groß angelegten Aufsatz zurück. Die jüdischen Flüchtlinge aus Ostgalizien und der Bukowina in West Schlesien. Die jüdischen Flüchtlinge, 5die ib'ei der Russen? invasion Ostgalizien und die Bukowina verließen und ins Innere des Landes flohen, waren zumeist in ungarischen und mährischen Barackenlagern untergebracht. Die Baracken waren jedoch bald überfüllt und die unzulänglichen Ein-' richtungen brachten die größte Unzufriedenheit unter den Flüchtlingen mit sich. 1 Seit Oktober 1916 wurde nun ein ansehnlicher Teil zunächst in die Landgemeinden des Troppauer Bezirkes, dann aber auch der Bezirke Jägerndorf, Frei- " waldau und Freudenthal abgeschoben. Derzeit sind ungefähr 18.000 jüdische Flüchtlinge in ca. 160 Landgemeinden Westschlesiens untergebracht. Die Bezirkshauptmannschaft Troppau hatte in richtiger Erkenntnis der Sachlage vorher xdie Hilfe der Kultusgemeinde ängerufen und es kann dem Kultusvorsteher Hern Dr. Sonnenschein nicht genug dafür gedankt werden, daß er sofort in großzügiger Weise im Vertrauen auf die Hilfe der eingeborenen Judenschaft die ganze Instradierung aut sich nahm und die Troppauer Kultusgemeinde als Vermittlungsinstanz zwischen die Flüchtlinge und die Staatsbehörde schob! Es