Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 6 (9.2.1917)
- Date
- 1917-02-09
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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$eite £ joPISCHE ZEITUNG wahres yolksfcewußtsein bei einem und demselben Individuum in einem reziproken Verhältnis zu einander stehen: wer sich seines Wertes bewußt ist, ist nicht darauf angewiesen, durch Dreistheit seine Nebenmenschen zu belästigen und Umgekehrt (Man könnte dies auf eine mathemalische Formel bringen: axb=Konstante, wobei a das Wertbewußtsein, b die Frechheit symbolisieren würde.) Dies in eine andere volkspsychische Ebene projiziert, ergab bei den außergewöhnlichen Geschidits- und Lebensumständen unserer Nation, daß das überall getretene und geschmähte, das .von den anderen allerniedrigst geachtete AToIk sich als das allerhöchste ansehen mußte: Die Idee der Auserwählttiei't trat in die Erscheinung. Wir waren uns das Volk des „Ata b(e)diartanu“, weil wir die heilig-hohen Lehren der Thora von Gott empfangen haben, zu einer Zeit, wo noch alle jetzt großen Völker niedriger als „wilde Menschen“ waren. Darum hielten wir uns über alle Schmähung der Welt erhaben. Dies wurde uns von den Feinden als unendlicher Hochmut verübelt, der Hab und“ die Erniedrigung wuchsen — aber auch das Bewußtsein der Auserwähltheit mußte wachsen, aut dab das innere Gleichgewicht, die Konstante, erhalten U'erde. Das ist einer der Zusammenhänge zwischen Judenhaß und Juden- Auserwähltheit Und jetzt, da die Deutschen vom allu-eltltchen Hab verfolgt werden, sagt Friedrich Lienhard: „Deutschland tritt jetzt seinen europäischen Beruf an: Das Herz Europas zu sein ... geistig und sittlich berufen sein, den Völkern eine nährende und wärmende Sonne zu werden .... Die Völker werden zu und kommen wie in einen heiligen. Hain der Selbstbesinnung.“ Und Werner Sombart schreibt: „Nun begreifen wir aber auch, warum uns die anderen Völker mit ihrem Haß verfolgenr -sie verstehen uns nicht, aber -.sie empfinden unsere ungeheure geistige L eberlegen heit. So wurden die Juden im Altertum gehaßt, weil sie die Statthalter Gottes aut Erden waren, solange nur sie die abstrakte Gottesidee in ihren Geist aufgenommen hatten. Und sie gingen hocherhobenen Hauptes, mit einem verächtlichen Lächeln auf den Lippen, durch das Völkergew'itnmel ihrer Zeit, auf das sie von ihrer stolzen Höhe geringschätzig herabsahen. So sollen auch wir Deutsche in unserer Zeit durch die Welt gehen, stolz, erhobenen Hauptes, in dem sicheren Gefühl, das Gott-esvoik zu sein.“ Dä!s Gottesvolk! Jetzt ist dieses Bewußtsein von ihrer Nation — schon vor 100 Jahren einmal von Fichte erweckt — 'bei vielen, gerade großen Deutschen zu einer tiefen, wirkenden Ueberzeugung geworden und der alte Spruch: „Am deutschen Wesen mag die ganze Welt genesen“ erhält in vielen deutschen Herzen ernsten, realsten Sinn und Glauben. — Wie hat aber jeder jüdische aufgeklärte Erkenntnisprotz sich darob bitter zu schämen beteuert, dab es bei uns eine Idee, das ausenvählte Volk zu sein, gab! Wohl muß auch heute nicht jedem die Idee einer Auserwähltheit an sich und bei w'em immer genehm sein. Auch mag die Ansicht berechtigt sein, daß ein Volk diese Idee erst in sich tragen darf, wenn es, wie die Deutschen, nebst dem Geiste auch die Kraft gezeigt hat, einer Welt von Feinden siegreich zu trotzen. Aber vielleicht mögen sich jetzt die vielen schämen, die dem Judenvolke das Vorhandensein dieser Idee in ihm so gehässig zum Vorwurf gemacht haben. Achad Haam wieder, der, schmerzlich mit der Frage des Hasses una der Verachtung aller Zeiten und aller Welten gegen uns beschäftigt, in der Tatsache des Fortlebens der Blutlüge, trotz des Mangels einer jeden Spur von Berechtigung, einen „halben Trost“ gefunden hat, kann jetzt vielleicht den ganzen finden. ' Zu befürchten aber ist, daß, W'as stärkender Trost sein soll, süßes, einsch äfemdes Gift werden kann. Ist doch schon dieser unser alter, rüttelnder, treibender Ausenvähltheits-Gedanke in der Form der modernen, assimilatorischen Missionsidee zu selbstverschmeichelnder, mästender Beruhigung verschlammt. Nr. 6 \ Glauben Sie ia nicht daß es gerade auf Ihre drei Kronen nicht ankäme. Bedenken Sie doch, daß bei dem allgemeinen Tiefstand des Inseratengeschäftes die Existenz unseres Blattes auf der Summe der einzelnen kleinen Beträge beruht — Fördern Sie Ihre eigene Presse □3 □ Aus demselben Becher trinkt ein Volk den „Ssam hachajim“1) und den „Ssam hamaweth“.2) Nur wenn w'ir die Auserwähltheit als ein immer Weckendes, Wirkendes im Sinne einer groben, weltgeschichtlichen Beauftragung und. Verantwortung erfassen, nur dann kann uns die Idee der Auserwähltheit zum Leitmotiv der Erneuerung werden. < Und was heute noch wuchtiger ist: vor adem P.robIem atis i ere n und vor jeder Bezugnahme auf die Welt und unsere Weltaufgabeji dem.Ttäger dieser geschichtlichen Eeauftragu-g, der jüdischen Nation, gesunde Lebensbedingungen zu schaffeneigenes Land und eigene Sprache. Dab jeder Einzelne von uns das Leben in unserer jetzigen Erniedrigung als nicht lebenswert empfinde, das ist der primärste und kräftigste Impuls zur Arbeit für diese Erneuerung. Abraham Schwadron. Kulti rarbeit — Palästinaarbeit Von Hugo S ch a ch t e I - Breslau. In Nr. 3 der ^„Jüdischen Zeitung“ findet sich ein Artikel voin Dr. Otto A b e 1 e s „Zum deutschen Zio istentag“, der scharfe Kritik übt an den Verhandeln jen und Beschlüssen des außerordentli chen Delegiertenta;es der deutschen ' Zionisten. Abeies ist „unzufrieden, verwun;ert, jaunwillig,“ daß man sich in Ber in aussch'ießhch mit Fragen jüdischer Kultur, mit der Frage der „Verinnerlichung des zionistischen Indivi!uums“ befaßt habe und alle wichtigen zionistischen Fragen unerörtert gelassen halbe, als da si d: Ostju le: frage, Kultu gemei.tdejioli.ik, körperliche und wirtschaf.liehe Re e era.io.n, Emigratioisp oblem, großzü iges Ko'.o iralionswe.k in Palästina. Er führt" zu seiner Un.erstützung Stimmen an, die beim Delegiertentage selbst sich dahin ausgesprochen hätten, „dab die Kulturarbeit nicht das einzige Wirkungsgebiet des politischen Zionismus sein könne, i isberondere anno 1917 nicht,“ Trietsch, Mar Julies uni mich. Von mir zitiert er als „bezeichnend“ die Worte, mit de e.i ich mein Referat über die Landspen-Je begann: „Was ich Ihnen heute hier zu sagen habe, fällt ja aus dem Rahmen dieses — man kann w-ohl sagen — in jeder Beziehung „außerordentlichen“ Delegiertentages heraus.“ Dies veranlaßt mich zunächst, jetzt hier das Wort zu nehmen. Abeies hat in meine Worte etwas hineingelegt, wras in ihnen nicht enthalten ist: , Ironie. Ich habe in Wirklichkeit die Tagung als ei e „außerordentliche“ emp'unden und a’s solche hi stel en wro’.Ien. Nicht b ob der äu Heren Umstä de halber, daß dar DeleTerteitag in Kriegszeiten unter Kriegsrecht und Kriegsgesetzen stand, w'ar er mir ein außerordentlicher, sondern gerade wreil er sich in den 2 Tagen fast ausschließlich mit einem Thema befaßte, das unter anderen Verhältnissen immer zu kurz kam: mit den Fragen der geistigen Arbeit, der Kultur, der Verinnerlichung, der Intensivierung. Ich habe also durchaus keinen Tadel aussprechen wol en, sondern sah einen Vorzug in dieser Beschrä kung, Einheitlichkeit und Geschlossenheit der offiziellen und ö fent-” liehen Tagung, von der Abeies das Protokoll las und w'onach er den Delegierten rag fälschlich beurteilte. Denn das, was er vom Delegiertentag w'eiß, ist eben nur das im Protokoll Niedergelegte. Kriegsgesetze verbieten es, politische Referate zu halten und politische Themen zu erörtern. Dadurch gewinnt die zu Tage getretene Einseitigkeit w'ohl ein etwas anderes Aussehen. Aber ich kann Dr. Abeies verraten, daß wir alle, die w'ir nach Berlin kamen, Gelegenheit genug fanden, uns davon zu überzeugen, daß unsere Leitu lg, sowohl die der deutschen Landsmannschaft wie die mit ihr ja zum Teil identischeder Gesamtbewegung, sich durchaus nicht l) Lebenssaft. B) Todestrank. blos mit Kulturfragen beläßt habe, sondern ganz im Gegenteil die Hauptarbeit de.i politischen Problemen u :serer .Organisation zugew-andt hat. Jedem, der orientiert .sein wollte, war Gelegenheit dazu gegeben.' Ich gebe, zu, dab ma ehern das, w'as erüber die Tätigkeit im Osten erfuhr, nicht genügte. Zu einem Teil kam dies jedoch daher, wreii auch hier der Kriegszustand u td sei e Folgen übersehen wurden: wieviel mehr hätte ge’eistet werden können, W'en-t nicht so viele Kräfte durch den Heerecdie st in / n p'ueh ge -.ominen wären. Viel weniger, fast gar nichts auszusetzen hatte man an dem, w'as man über die Tätigkeit im Hinbück aut das po irische E dziei erfahren konnte. Somit war der Delegiertntag auch darum ei i außerorde lt'icher, weil mar. ihn unmöglich nach dem Protokoll allein beurtei’en kann, ohne Berücksichtigung der Neben- und Eegleitumstä ide, die im Proto'-oll niederzulegen nicht gut möglich ist. Dies zur Entschuldigung für Dr. Abeies u ld andere, die durch ihre Nichtteilrahme zu ei em schiefen Urteil ge'cngten. (Unverzeih'ich ist aber, wenn jemand, der zugegen war, ii einem nirhtzio islischen Blatte ei re solche Kritik veröffe t'icht, wie es von ei em geschehe i ist, der seinen .Namen zu rennen sich offenbar scheut uni sich /hinter dem Pseudo lym „Elbmarr-n“ ve. s eCkt.) ei al cn Kongressei kam mai zur Kul.u-f-a e ii einem Mome it, da man den Kopf mit andern Diu;eu voll hatte, Venn man schon müde uil abgespannt wrar von allem, w'as vo ränge gangen, wenn im Perma e-z-7 ussriiuß die letz.en Kämpfe au-geforhte.n wmrde t. Nie kam es zu einer grünllichen Erörte rn lg. Aut deutschen Dele'jierten.a- . gen kannte man sie gar nicht. Sie gehörte aber doch zu den -zio istischen Grund 'ca gen, über die min sich zumi idest e i n Mal in Ruhe und mit freiem Kopfe in größerer Gemei srhaft aussprerhe.i mußte. Ich kann''wohl sagen, daß sie für manche uiter uns immer mehr an- Wichtigkeit gewa in, je älter wir wurden' und je mehr uns Ki tder heranwuchsen. Ein nicht geringer Teil von uns, denen das Glück zuteil w-urde, Kinder zu besitzet, r,ah sich gegenüber dem Problem: Wie erziehe ich meine Kinder zu guten, national e.mpfin len 'en Juden, die für ihr Volk zu lebe t u :d zu wir en für ih e natürliche Pflicht e. achtet, die ei ist unser' -Werk fortsetzen? Es würde zu weit führet, W'ollte ich hier erörtern, warum diese Frage für viele von uts so besonders bedeutsam wurde. Nur strei'en möchte ich den Ge änken daß die meisten uisecer Kinder unter ai lerei Verhä f i.s-cn u td anderen Ein'-üssen au-twa hsen, als . die .waren, die aut uts einmal ein.virkte t. So kam es, dab a.i ma tchen Orten, wo Zionistei nicht b'oß du -ch c’as po i.isehe T ri zin zu a mengelialten werde t, so idem si:h ih a'leri Leben Beziehungen r-äher traten, neue Gemeinschaften bi’deteu, sie sich spoitai dieren .Fra'en zu.vanltei. Solchen war es etw-as duxhau; Erfreüiches, daß (wenn auch aus durchaus unerfreüichen ’etzten Gründet) jetzt einmal eine zio is.itche Ta ung stattfand,- aut der man -ungestört duxh n ere Sorgen diese Frage gründlich erörtern kennte, dab man von Männern, die sich mach dieser Richtu g redlichst strebe td bemüht hatten, das Ergeb. is ihrer Gedanken zu hören bekam. Die andern Sorgen und rraget des Zionisten blieben darum bestehen, das ist selbstverständlich. Aber vielleicht sind auch sie damit etwas gefördert. Denn ums geschah, nachdem, man sich ei i germaßen über diese Dinge ausgesproch n (und dabei selbstverslä tdlich ares, aber auch alles andere — w'ie das nun ein nal so üblich — mehr w-e iger „gestreift“ hatte)? Man übergab die Frage einer — .man kann wohl sagen — wi ldich sachverstä digen Kommission, und entlastete, wie schon* einer der Opponenten (ich glaube: Margu ies). hen-o-hob, da u-ch andere Insta zen von der Jehindu tg mit -’iesem Kapilek Mit a dem Worten: an er-e K äfte wurde t für andere Dinge frei. Uni'so sehe ich in dieser Ko.nmissio s-Ei Setzung den ßegin t ei' er Neuordnung der Dinge im Zionismus, wie ihn ir.sbeco dere Trietsch schon immer angeregt, aber nie erreicht hat: det Beginn einer S ktiorrieru tg. Nach dieser Sektion für die Kulturfragen wird die" Bilduig anierer Sektionen oder Arbeitskreise im Zioricmus ri ht mehr ausbleiben können. Ich sage absichtlich „im Zionismus“ und mei :e damit die Gesamtorganisation, also nicht bloß die deutsche ' La d rmarrn chaft. Denn das neue Komitee für die Kulturarbeit enthält ja auch schon Leute, die außerhalb Deutschlandswohnen ... Doch zunächst zurück zu den Ausführungen von Abeies. Abeies scheint mir danach zu glauben, dab das Kulturprogramm „al’es“ ist, was die „Berliner“ als ihr Arbeitsgebiet betrachten und dab sie darüber vergessen hätten, wozu sie eigentlich vom Kotgresse bestellt wurden. Daß er sich darin täuscht, deutete ich oben schon an, als ich von dem sprach, worüber wir noch in Berlin orientiert wurden. In der Tat beweist ih-e Arbeit, daß sie. sich der ihnen Überträ ge en Pfirhten voll bewußt sinf und dana h ha dein, hoffen t ich wirdin nicht zu ferner Zeit auf ei rem Konjre'J mehr daven gesagt werden können oder vorher schot durch die Macht der Tatsachen erwiesen sein. Un.er denen, die sich so mit Geschick betätigen, möchte i.h an dieser Stelle B1 u m e n f e t d nennen, weil er