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Jüdische Zeitung · 1917-02-09 · 6 (9.2.1917) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
11 (1917)
Issue
6 (9.2.1917)
Date
1917-02-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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XI. Jahrgang — Nr. 6 Erscheint wöchentlich einmal Redaktion: Wien II. Zirkusgasse Nr. 33 Sprechstunden: Montag bis Freitag von 4—7 Uhr, Sonntag von 11 — 12 Uhr Manuskripte werden,wenn unverlangt, ohne Rückporto nicht zurückge^andt Redaktionsschluß Dienstag um 7 Uhr Fernsprech'Nummer 45-3*25 I Nalional'jüdifches Organ Mit der Beilage: Der Jüdifche Nationalfonds Wien, Freitag, 9. Februar 1917 / 17. Schewat 5677 Einzelnummer 24Heller Geschäftsstelle: Wien II/,, Zirkusg. 33 Geschäftssrunden: Montag bis Freitag von 9—12 u. 3—7, Sonntag von 9—12 Bezugspreise: Ganzjänrig K10.—, halbjährig K 5.—, vierteljährig K 3.— Anzeigen und Beilagen nach Tarif Postsparkassen-Konto 133.404;a Inhalt* Dn A1,r* chwadron, Nebengedanken lllllctll. zum Thema: Der Weltkrieg und die Juden. — Hugo Schachtel, Kulturaibeit — Palästinaarbeit. — Angebliche Rücki eförderung der galizischen Flüchtlinge und Evakuierten. — Staatssekretär Zimmermann über das neue Judengesetz in Polen. — Aus der jüdischen Welt u. a. m. Nebengedanken zum Thema: Der Weltkrieg und die Juden i. Was ist die Judenfrage? Was ihr Wesen und in welcher Form tut sie sich kund? Darüber si.id bekanntlich viele Theorien gemacht worden; viele u.id große Antworten gibt es auf diese kleine Frage. Als ich, noch ganz jung, von all derlei nichts wußte, da erschien mir diese Frage in der einfachsten Form: warum werde ich, warum werden wir Juden wie kein anderes.Volk gehaßt und verachtet? . Und ich glaube jedem jungen, auch nur halbwegs de-kfrohe.n JuJen erscheint die Frage seines Volkes zuerst in dieser Form. Sie löst bei ihm in erster Reihe ein erstauntes Nichtverstehen aus: Warum? Bald -hört er iu der Schule und aut der Gasse, oft von den Lehrern und immer von den Mitschülern einen indirekten Kommentar zu dieser Erscheinung; er hört Erniedrigendes, Verächtliches über sein Volk, dessen sittliche und körperliche Art, und liest in der Geographie die Beieinanderstellung von „Tartaren, Zigeunern und Juden.“ Da entsteht eine Krise in seiner 'jungen Seele. Ich weiß es, es gab eine Zeit, da mir in bitterer Pein . alles Jüdische minderwertig erschien, alles Nichtjüdische aber schön, rein und hehr. Wir spüren im allgemeinen nicht, wie vielfältig und tief wir in allen unseren Bewertungen von der Meinung der Welt beeinflußt, dirigiert, majorisiert werden. Uns scheint, das oder jenes empfinden wir" aus eigenem als schön oder häßlich, schlecht oder edel, und wissen nicht, daß wir dabei vom allmächtigen Tyrannen „Man“ beherrscht sind; er befiehlt so geschickt, daß wir unserer Sklaverei unter ihm nicht gewahr werden: von dem Kleinlichen der Krawatte ' bis zu den höchsten Lebensformen. So auch bezüglich der Bewertung, von Juden und Jüdischem. „Die Welt ist ja doch nicht auf den Kopf gefallen,“ denken wir uns bewußt oder unbewußt; wenn alle Welt unisono übereinstimmt, wir sind schlecht, so sind Wir es wohl. Dabei wirkt bei jedem die Selbstliebe ur.d Selbstüberschätzung als-modifizierendes Moment: „Ich selbst kann ja nicht der schlechte sein, ich bin ja wirklich tadel'os; wären alle Juden so wie ich, so wäre wahrlich keine Judenfeindschaft. Folglich muß sich das herabsetzende Urteil der Welt aut andere Juden beziehen; meine Brüder eben sind inferior.“ So denkt der einzelne. Und ein Niederschlag einer derartigen Gesinnung liegt in den jidischen Wendungen: „Mit a Jiden west dl. nischt auskimmen“ (Mit einem Juden wirst du nicht auskommen), oder: „Mit einem jiden is nar git Kügel zu essen“ (Mit (Erschienen im Januarheft der „Moriah“ in polnischer Uebersetzung.) einem Juden ist nur gut den „Sabbatkugel“ zu esse«), und viele andere dergleichen. Diese Art völkischer Selbstgeringschätzu’.g ist im höchsten Sinne gefährlich. Sie lähmt uns, .sie entfremdet uns emanier, sie führt Barrikaden auf zwischen dem Einzelnen und dem Volkstänzen. Sie führt dahin, daß wir zu den Fehlern, die wir wirklich haben — und welches Volk hat nicht spezifische Eigenfehler? — noch abgestumpft werden gegen die Fehler, die die anderen uns andichten. Aus Selbstliebe stellt der Einzelne fest, daß zwar nicht er selber, jedoch seine Brüder jener Fehler voll sind, die uns von. der ganzen Welt zum Vorwurf gemacht werden — und aus Eigennutz betätigt mancher gerade dieselben Fehler zu seinem Vorteil, da das moralische Schamgefühl in dieser Hinsicht in ihm verdunkelt ist, weil — zum Beispiel — „A Jid inis sein a Schwindler,“ sagt ein jidisches Sprichwort. So ist die Erscheinung nicht selten, daß gerade bei einem unnachsichtigen jüdischen Ankläger der Juden die sogenannten jüdischen Fehler besonders ausgeprägt sich finden. (Von den aus sittlicher Subtiiität Uebereifrigen, die aus tiefster Liebe zum Volkes und aus Pflichtgefühl ihm gegenüber „ideale Forderungen“ an dasselbe stellen, soll hier nicht die Rede sein.) Nun "Kam der Krieg — und welches Schimpiliche ist in diesen zwei JahVen auch von führenden, erleuchteten Geistern der verschiedenen höchsten Kulturnationen über den Wert der feindlichen Völker nicht gesagt worden! Die Ursachen und Folgen dieser Erscheinung mögen da unerörtert bleiben. Nur konstatiert sei: Die Montenegriner, Serben und Rumänen behaupten bekanntlich den .Kampf zu führen, um die Welt vom Drucke der deutschen Barbarei zu befreien und Maeteriiak, Rostand, Ramsay und Dutzende anderer dergleichen stimmen: mit jenen in der Bewertung des deutschen Volkes überein oder gehen noch über sie in der Mißwertung hinaus. „Die Deutschen sollen für immer aus der Gesellschaft der kultivierten Menschheit ausgeschieden sein.“ Daß man ihnen sogar Zivilisation nbspricht, die doch bis jetzt für exakt meßbar und zählbar gehalten wurde! Alle physischen Mängel tr.ad Gebrechen, wie ■ auch die üblen Eigenschaften des Charakters, die den Juden von ih er Gegnern nachgetagt zu werden pfege ’, sind jetzt vom feindlichen Auslande als besonders hervorragende Eigenschaften der Deutschen verkündet worden. Ihr Geschäftsgeb a h r e n sei im höchsten Grade unanständig, sie seien sittenlos und lüstern; ja, der große belgische Dichter Verhaeren läßt sogar den, wenn auch nicht rituellen, so doch perversen K i ndesmord als deutsches Gewohnheilsverbrechen andeuten. Auch gebe es keine unreinere und schmutzigere Nation als die deutsche. Ein französischer Arzt, Dr. Berillon, hat sogar einen „spezifischen stinkenden Schweiß der Deutschen“ entdeckt und gibt in der „Gazette medical de Paris“, die die ersten wissenschaftlichen Koryphäen Frankreichs zu Mitarbeitern hat, nähere Aufschlüsse über die von ihm gemachte Entdeckung: „Es ist dies ein eigenartiger Rassengestank, der sich jedesmal zeigt, sobald ihre. Eitelkeit und Reizbarkeit eine Demütigung oder auch nur eine einfache Verletzung erfahren haben, ähnlich wie bei manchen Tieren Furcht und Zorn eine verstärkte Tätigkeit der Stinkdrüsen auslösen. Nach den Erfahrungen der Hotelwirte sind nicht nur die Zimmer, sondern die gesamten Möbel, nachdem ein Deutscher sie nur kurze Zeit benutzt hat, für Reisende anderer Nationalitäten unbrauchbar.“ Anderseits schreibt man in Deutschland über die höchst kultivierten unter den Feinden: „Der Durchschr.ittsengländer hat überhaupt keine seelischen Bedürfnisse. Er hat eine Beafsteakpsyche: roh, rot und blutsaftig. Die Franzosen wieder sind allzu oberflächlich“ (J. Spier), ^„Die Grundlage alles Engländertums ist die unermeßliche geistige Beschränktheit dieses Volkes. Die Unfähigkeit, sich auch nur um eine Handbreite über die greifbare und alltägliche Wirklichkeit zu erheben. Der liebe Gott ist in den allgemeinen Geschäftsbetrieb ganz vortrefflich geschickt eingeordnet.“ (Werner Sombart.) „In England kein breiter, gütiger Humor, keine Heiterkeit: alles — soweit das öffentliche Leben in Betracht kommt — ist Hast, Geld, Lärm, Pomp, Protzentum, Vulgarität, Arroganz, Mißmut, Neid . . . Französische Mordtücke, englische Grausamkeiten und viehische Greuel der Belgier . . .“ (H. St. Chamberlain.). Gerade aber bei jenem Zitat aus Sombart drängt sich die Erinnerung an seine Bewertung und Charakterisierung der Juden in dem bekannten Buche: „Die Juden und das Wirtschafts- -leber.“ besonders auf. Ebenso denkt man gleich an die uferlose Mißwertung der Juden in den „Grundlagen des 19. Jahrhunderts“ v. Chamberlain, wenn man dessen jetzigen Urteile über die Engländer liest. (Dazu ist er selber von Geburt Engländer, somit ein Gegenstück zu manchem unserer Renegaten.) Der Jude, der über diese Bücher seinerzeit Aerger empfand, der tröstet sich vielleicht jetzt ein wenig; einem Engländer, der vielleicht damals Schadenfreude empfand, ward sie jetzt vergällt und vergolten. So wird uns Juden im Weltkriege in dieser Beziehung eine schmerzliche Genugtuung zuteil. Und sagt ei rer: im Anormalen des Krieges ist alles möglich — recht, aber w i r leben in einem gewissen Sinne in der ganzen Galuthzeit unter anormalen Verhältnissen, uns gegenüber ist fast immer Krieg. Doch wäre es falsch und im höchsten Maße schädlich, von einem Extrem ins andere zu verfallen : von der völkischen Selbstverachtung in die völkische Selbstverhimme'ung; sich darum über unsere Fehler keine Gedanken machen zu wollen, weil der Feind uns zuerst auf sie aufmerksam macht. „Das Urteil über ein Volk — werden u;sere Gewohnheifsbeschwichtiger sagen — ist Mache. Also ärgern wir uns darüber nicht!" Nichts wäre verderblicher! Der Haß der anderen muß uns vielmehr Stachel und Antrieb - sein, immer uns selbst zu untersuchen, immer höhere Forderungen an uns selbst zu stellen. Auch korrigieren eben die Deutschen und die anderen Nationen das fremde Urteil über sich nicht durch Klügelei und fau e Ignorierung, sondern durch kräftigen, heiligen Kampf, durch höchste Leistung und höchste Opfer für das eigene Land und eigene Volk. — — — Und wir? II. Jedes Einzelindividuum und jedes Volksindividuum muß ein gewisses Maß von innerem Ehrbewußtsein haben, um sich irgendwie noch achten, um noch leben zu können. So kann man fast immer feststellen, daß Frechheit und

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