Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 5 (2.2.1917)
- Date
- 1917-02-02
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 jüdische zeitung Nh 5 ihnen Leute, die überhaupt von keiner Judenordnung, sei es auf staatlichem oder religiösem Gebiet, etwas wissen wollen. Sie dünken sich himmelhoch erhaben über den orthodoxen Juden im langen Rock, und sind im Grunde doch von dem Ghetto, von dem sie sich meilenweit entfernt glauben, insofern innerlich abhängig, als sie gänzlich durch die Furcht vor dem Ghetto beherrscht werden und jede jüdische Erinnerung, demgemäß auch jede jüdische Organisation als peinlichen Ueberrest verwerfen. Sie ziehen den jetzigen Zustand der Anarchie und der Verwilderung auch der verständigsten und tole'rantesten Ordnung vor. Aber diese würdelosen, von aller Geschichte losgerisse'nen Menschen sind auch unter den polnischen' Assimilanten bei weitem nicht der herrschende Typus, und auch von ihnen wird hoffentlich mancher durch eine freundlichere Entwicklung eines besseren belehrt werden und sich dann in Reih und Glied stellen. Eine ähnliche Erscheinung zeigt sich begreiflicherweise, aus entgegengesetzten Gründen, bei einem Teile der Orthodoxie. Er wünscht, daß der gegenwärtige Zustand bleibe und fürchtet eine Störung seiner Zirkel. Auch das ist aber eine vereinzelte Erscheinung, und sie findet sich namentlich nicht bei der führenden Warschauer Orthodoxie. Die Mehrheit aller Parteien ist verständig und erkennt die Refonnbedürftigkeit des gegenwärtigen Zustandes an. Man fnußte in der Verordnung auf die Orthodoxie Rücksicht nehmen und hat dies getan. Denn man durfte nicht im Wege staatlichen Zwanges in die religiöse ' Entwicklung als solche eiigreifen, auch nicht im Sinne einer Liberalisierung: man hätte hiermit auch keinen Erfolg oder höchstens den entgegengesetzten erzielt. SO Prozent der polnischen luden sind orthodox und haben ihre idealen Werte bisher ausschließlich im orthodoxen Glauben und Herkommen ihrer Väter gefunden: sie allein haben sie im Elend aufrecht erhalten und ihr Menschentum gerettet. Diese Werte zu vernichten, ohne gleichzeitig neue Kulturwerte zu schaffen, ist keine Auftrabe der Staatsverwaltung. Das wäre nicht Liberalismus gewesen, sondern ein nur sich selbst aufgeklärt dünken der Absolutismus. Aufgabe der Staatsverwaltung kann es nur sein, freie Bahn zu schaffen für eine von innen herauskommen de Entwicklung und die Schaffung eines Gemeiiidefriedens für alle Richtungen. Aut diesen Gedanken beruht sichtlich auch die den Rabbinern in der neuen Ordnung eingeräumte bedeutsame Stellung. Den neuen Selbstverwaltungskörpern hätte bei der orthodoxen Mehrheit die erforderliche ' Autorität gefehlt bei Ausschaltungihrer religiösen Führer, der Rabbiner. Innere Hebung de' Rabbiner, aber nicht ihre Ausschaltung war hiernach geboten. Der Rabbiner muh ein Or^an und Hauptträger der Entwicklung bleiben. Diese muß sich m i t ihm und nicht gegen ihn vollziehen. — Ob die neue Gemeindeordnung die Erwartungen erfüllen wird, die sich an sie knüpfen, hängt von sehr vielen noch ungewissen Faktoren ab; vor allem von dem Gebrauch, den die Juden selbst von ihren neuen Rechten machen werden, von ihrer Fähigkeit zur Toleranz und zur Verträglichkeit. Richtig und weise genutzt kann die heue Gcmeindeo'dnung — bei aller Kritik, die gegen Einzelheiten am Platze, für die hier aber nicht der Raum ist — ein Werkzeug sein, nicht nur für die kulturelle Entwicklung der polnischen Juden, sondern namentlich für eine Hebung ihrer Stellung im Rahmen des Gesamtstaates und damit fC"- die Entwickelung des Staates selbst. Auch für die Polen und den polnischen Staat als solchen ist es ein formeller und materieller Vorteil, daß edurch die organisatorische Zusammenfassung der Judenschaft, wenn sie auch nur unter religiösen Gesichtspunkten erfolgt ist, die Möglichkeit gewinnt, auf -sie als Ganzes einzuwirken und mit ihr sich in geordnete Beziehu ’gen zu setzen. Denn der neue aut weltlicher Kul .ur aufgebaute Po’enstaat wird nur als ein Rechtsstaat bestehen können. Ser nicht nur verfassungsmäßig, sondern auch in der täglichen Uebung der Verwaltung die Gleichberechtigung der Konfessionen anerkennt und übt. Hoffen wir, daß das Ergebnis des Krieges die Hoffnungen der christlichen wie der jüdischen Polen gleichmäßig erfüllt: sie sind vom gleichen Schicksale abhängig. Eine Replik Gustav Schmoller» Auf die Entgegnungen, die Schmoller wegen der Ausführungen in seinem „Jahrbuch“ gemacht wurden, antwortet c r in der „Täglichen Rundschau“ mit d er- Uebersdhrift „Die heutige deutsche Judenfrage“. In diesem Artikel mischt sich Wahres und Unlogisches, wie wir cs immer bei gefühlsmäßigen Antisemiten zu bemerken gewohnt sind. Weder Gelehrsamkeit noch beste Freundschaft mit „Juden und Halbiuden“ können das je verhindern. Methodische Schärfe finden wir nur in einem Abschnitt, der lautet: ,;Die Grund- . lägeeines gerechten Urteils -äbeTdie . politische, und gesellsthaftliche J u J e 'b eh and ün g - im modernen, Staate wie in den- Staaten'der Vergangenheit' 'muß . stets - die ..Beantwortung •'‘derFrahfe bilden: -wie groß ist die Zahl der Juden im he treffenden Staate gegenüber den germanisch ■ christlichen Elementen, wie groß ist die- Zahl der.„höher gebildeten Juden ggd die des -jüdischen' Mittelstandes und der jüdischen Arbeiter, wie ist die räumliche Verteilung der Juden, wohnen sie kompakt für sich oder ganz zerstreut unter den Christen? Endlich: wie hoch ist das politische und kulturelle Niveau des Volkes, unter dem die Juden leben, wie ist die religiös-kirchliche Entwickelung des betreffenden Volkes und der unter ihm lebenden Juden.“ Schmoller beteuert, er habe sich niemals als Philo- oder Antisemit gefühlt und habe „immer gesucht, sich ein objektives, historisches Urteil über die einschlägigen Fragen zu bilden -und zu bewahren.“ Mag. •sein, aber dieses Urteil ist wesentlich durch den Standpunkt getrübt, den Schmoller der ganzen Frage gegenüber einnimmt. Für ihn sind die Juden keine Individuen, keine Gesamtheit, welche als solche eine Existenzberechtigung haben (fühlt man aus jedem Satz heraus), sondern ein Ferment, für das es nur eine Frage gibt: wie behandelt man sie, wie bedient m^n sich ihrer mit Gewalt, Duldung oder Fö-derung am zweckmäßigsten für die Majorität. WasWunder, daß Schmoller für die Assimilierung des Juden eintritt. Natürlich bekennt er, dab hüben und drüben gesündigt wird, aber in „hundert Jahren“' dürfte wohl alles so sein, meint er, daß „das meiste, was die besten Männer auf beiden Seiten heute beklagen, beseitigt oder so gemildert ist, wie wir es wünschen müssen.“ Ist es nicht klar, daß wir nach einem so glorreichen Zukunftsbild Ungerechtigkeiten, schiefe Urteile, Mißdeutungen, Beleidio'UnP'en mit tiefgefühlfem Danke einstecken sollten-?, Unter solchen Umständen ist es ohne Belang, noch zu bemerken, daß Schmoller Licht und Schatten auf Juden und Christen etwras sehr ungleich verteilt. Ist doch die Lösung jedes Teilproblems, das er bespricht, grundsätzlich am ' falschen Ende aufgerollt, da das bestimmende Moment bei SchmoMer doch eine unausrottbare Antipathie gegen die Juden als Juden ist, mag er auch wirklich ehrlich um Objektivität bemüht seh. Es ist nur bedauerlich, daß solche Männer wie Schmoller die Zahl der toleranten Antisemiten, die uns wreit zuwiderer sind als die u-bedingten, so sehr vermehrt. Denn diese können sich niemals zu einer Klarheit in der Judenfrage durchringen und werden niemals einen ehrlichen Ausgleich, der beiden Teilen in gleicher Weise gerecht wird, als notwendig und als glückliche Lösung begreifen lernen. Ukrainische Führer wegen, der Sonderstellung Galiziens. Unter dieser Ueberschrift schreibt das „Lemberger Tagblatt' vom 17.?Js. Mts.: Der Obmann des ukrainischen Abgeordneteoverbar,des in der .Bukowina, Niko'ai R. v. W a s s i 1 k o, hat sich über das- Kabinett Clam-Martinitz hinsichtlich der ukrainischen Frage wie folgt geäußert: War schon Spitzmüller an Stel'e Dr. v. Koerbers für die Ukrainer eine glückliche Wendung, so erfüllt rdieselben die Berufung. des Grafen Czernin an Stelle des Baron Burian und das Kabinett Clam-Martinitz mit hoffnungsvoller Befriedigung. Barm Burian wrar ein Schüler der Diplomatie des Grafen Gohichowski. Graf Czernin hingegen ist ein Vertrauensmann des verewigten Thronfolgers Franz Fe'dinand gewesen. Schon deswegen ist es verständlich, warum die Ukrainer an die Ernennung des Grafen Czernin solche Hoffnungen knüpften. Graf Clam-Martinitz wieder hat w'ährend des ganzen Krieges an Seite der ukrainischen Le<rion gekämpft und gegenüber den ukrainischen Führen seiner Meir nung über dieselbe Ausdruck verliehen. Graf Clam-Martinitz wird daraus sicheriich die Konsequenzen ziehen, daß Oesterreich die Ukrainer aus der österreichischen Völkeriamilie nicht ausschließen darf. Außerdem hat der neue Ministerpräsident das Präsidium der ukrainischen parlamentarischen Vertretung von Galizien empfangen. Das genannte Präsidium hat den Aeußerungen des Ministerpräsidenten entnommen, daß er nicht die Absicht habe, ohne die Ukrainer in Galizien oder gar gegen sie zu regieren. Daran fügt das „Lemberger Tagblatt' noch die Mitteilung, daß der Obmann des Bukowinaer ukrainischen Abgeordnetenverbandes, Nikolaj v. Wassilko, in den letzten Tagen von dem Minister des Aeußern, Grafen Czernin, empfangen wrorden ist und daß die Audienz eine Stünde gedauert habe. Die Czernowitzer Universität Wie der Erwiderung unseres Blattes auf den Artikel des' Czernowitzer Universitätsprofessors Dr. Wilhelm Koscli, „Juden und Deutsche in der Bukowina“, in den Berliner „Neuen Jüd. Monatsheften“ bereits zu entnehmen w'ar, wird für die Verlegung der Czernowitzer Universität nach dem Westen Propaganda gemacht. In der „Grazer Tagespost“ setzt Prof. Kosch die Agitation, für die hur er mit Namenszeichnung sichaussprichtr fort. Prof. Kosch-behauptet u. al, ilgß die' Lage, der Deutschen in der.-Bukojvina sich zu'.-deren -Urt-runsten verschoben'riiabgy. „sobald das La,;d 'selbst hinlänglich kultiviert* wrär- und die an der Universdät ausgebildeten Rumä neu, Ruthenen, Polen und einheimischer.' Ju.den ihre eigene Intelligenz besaßen.“' Oeip.gerC.das Projekt der Verlegung spricht sichre in. Artikel unter der Ueberschrift „Die Antwort der Czernowitzer“ von Dr. S. Kaßner im „Neuen Wiener Tagblätt“ vom 24. d. M. aus und weist die Haltlosigkeit der Behauptungen von der Beeinträchtigungdes Deutschtums in der Bukowina nach. Es w-ird in diesem Aufsatz hervorgehoben, daß die Universität in Czernowitz auch den nichtdeutschen Völkern heilig und als Bollwerk österreichischer Gesinnung unantastbar sei. Gegen die in einigen Blättern rufgestellte Behauptung, daß au der Universität Czernowitz „bei den Prüfungen ein erheblich geringe-es Maß von Wissen als das an anderen Universitäten übliche“ verlangt wrerde, tritt im „Bukow'iner Bote“ (Beiblatt der Prager „Bohemia“) der Professor an der Bonner Universität Dr. Hahn auf und bezeichnet sie als eine völlige U n w a h r h e i t. Ueber diese Abfertigung freuen wir uns umsomehr, als die Czerrowitzer Universität bekanntlich viele jüdische Hörer hat. Eine Reihe ehemaliger Czernowitzer Unive'sitätspro'essoren, die jetzt in Prag und Graz wirken, treten in ähnlicher Weise gegen die Verlegung der Czenor witzer Universität auf. Die Huldigungsdeputation des Verbandes der Türkischen Israeliten beim Kaiser Die Deputation der sephardischen Gemeinde wurde neben andern Deputafionen am 29. d. M. vom Kaiser empfangen. Der Gemeinderabbiner Michael Papo hielt eine Ansprache, in welcher er erwähnte, daß die unter der Regierung Maria Theresias in Wien angesiedelten Spanio’en die erste staatlich anerkannte Israelitenzemeindc Oesterreichs bildeten. Oesterreich sei den spaniolischen Juden zur zw-eiten Heimat geworden, der sie wie dem habsburgischen Herrscherhause. mit unerschütterlicher Anhänglichkeit zugetan seien. Der Kaiser erwiderte: „Mit herzlichem Danke nehmen die Kaiserin und Ich die Begrüßung des Verbandes der tü'kisrhen Israeliten und die Uns in so w-armer Weise zum Ausdruck gebrachten Segenswünsche entgegen. Es gereicht Mir zur lebhaften Befriedigung. Sie als Angehörige des in unerschütterlicher Waffenbrüderschaft mit uns verbündeten Ottomanischen Reiches empfangen zu können und in Ihrer Kundgebung eine Bestätigung der Liebe und Anhänglichkeit zu erblicken, mit wre’cher die Mitglieder des Verbandes Sephardim für ihre zweite Heimat erfüllt sind. Gerührt, daß Sie, für Ihren Mir innig befreundeten Herrscher, Se. Majestät den Sultan, betend, auch Meiner gedenken, hege Ich die besten Wünsche für das Gedeihen Ihrer Gemeinde und versichere Sie gern Meiner sieten Wohlgeneigtheit.“ Aus der jüdischen Welt Daß die Zählung der Juden im deutschen Heere zu den merkwürdigsten Resultaten füh'en muß, sei an der Hand eines bei einem Infanterieregiment vorgekommenen Falles erläutert. In einer Kompagnie dieses Regiments befanden sich zur Zeit der Zählung sechs Juden. Diese w-urden gezählt als im Heimatland befind'ich. Eine Erläuterung des Grundes, aus dem sie sich zur Zeit der Zählung in der Heimat befanden, ist nicht beigefügt worden. Von diesen sechs waren aber vier schon im Felde gewesen. Der eine davon ist derart verwendet, daß er wohl einen dauernden Schaden fürs Leben davontranen wird. Hier werden also vier luden, die sich im Felde befunden haben und die zur Zeit der Zählung infolge Verwundung usw\ dem Vaterlande nirht mehr in der Front dienen können, als in der Heimat befindlich angeführt und damit im Sinne unserer Gegner als „Drückeberger“ gestempelt. Wenn man berücksichtigt, daß es sich hier um eine einzelne Kompagnie handelt und daß sich derartige Fälle beliebig vervielfältigen lassen, so kann man nur wünschen, daß diese Statistik dorthin kommt, wrohin sie gehört — in den Papierkorb. Ein jüdischer Kongreß in Stockholm, zum großen Teil besucht von Flüchtlingen aus den kriegführenden Ländern, ist am 23. .Januar eröffnet worden. Vertreter aus Kopenhagen, Christiania, Bergen, Trondjem, Stockholm,- 'Gotenburg .und Malmö sind erschienen.. Der Stockholmer jüdische Rabbiner hielt die Begrüßungsrede. Der Kongreß soll über die Mittel zur Linderung der Not delr Juden in den kriegführenden Ländern verhandeln und für die Lösung der jüdischen Probleme nach Friedensschluß arbeiten. Er findet auf Initiative des skandinavischen Zentralkomitees für die Hilfe für Juden, die durch Üen Krieg Not leiden, statt. Die Sonntags'uhe im WarSrii-uer Mag!strat. Nun hat der Magistrat den ersten Schritt, in; Sachcn-der Sonntagsruhe getan. Es wmrde eine gemischte Kommission eingesetzt, und damit be* traut, -genaue Vorschriften übe' die. Sonntagsruhe und die gebotenen Attsnah mee s t i m inu rr* e u-atrszüarheitEn.- Die Kommission setzt sich zusammen sys Vier Delegierten des Magistrate;, je zwei Vertretern des polnischen- und jüdischen Kaufmann nischen.vVefetnes, sowie, je zavei- Delcgiertcri -der