Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 5 (2.2.1917)
- Date
- 1917-02-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 dem mit den Assimilanten vereinigt wir, und niemand wird es begrei'ei können, warum man jetzt selbständig u nd nicht zu rammen mit c’er „Volkspartei“ gehen wolle. Die Po'itik des Waad sei So weit gegangen, daß ein zionistischer Ratsmann im Stadtrat einmal sogar zusammen mit Ilski gestimmt habe. Eine eindrucksvolle Rede zur Verteidigung des Waad hielt'Dr. Gott lieb. Es ist keine leichte Aufgabe meinte der Redner —, die Wahlpolitik des Waad und die Taktik der zionistischen Rätsmänner zu verstehen. Aber Klarheit tut not. Wir kannten alle seit jeher das Verhältnis der Polen zu uns. Es war ater Grund zu hoffen, daß jetzt, nachdem Po'en den Weg der politischen Pe reiu ig betreten hat, auch seine Stellung zu uns eine neue werde. Unter der Zauberwirkung des euanbrcchenden Epoche mußten wir daran glauben — und das allein war unser Fehler. Wir mußte t dabei Komp omisse schließen, auf einige Mandate verzichten, in weitherzige Bündnisse eintreten. Wenn dies alles als verfehlt sich he auss'eHt, ist dies nicht unsere Schuld, sondern die Schuld der ande-en. Die zionistischen Ratsniä ner wo'Len Realpo i i’c treiben, was auch ganz natürlich ist. 'Vielleicht wäre es besser gewesen, die Schritte der Polen abzuwarten. Aber bald darauf, als die politische Situation eine klarere wurde, nahmen unsere Ratsmänner eine ausgesprochen oppositionelle' Stelling zum Magistrat ein. Opposition wird nicht bloß in lärmen 'en Re et und starken Worten ausgedrückt, sondern vo a''e n in Jcn Abstimmungen gegen das Budget, wie sie die zionistischen Ratmärner vorgenornme 1 haben. Es fana keine „Vereinigung“ mit den Assimilanten statt. Es gab bloß eilige Zuiammenkänf e unter einem Dach. Die Aufgabe der Zionisten ist, führte der Red' e weiter aus, eine würdige nationaljüdische Repräsentanz im Stadtrat zu schaffen. Um eine Ve reinigung mit der „Volkspartei“ herzustellen, unternahm der Waad ve schiedene Schritte., Wir taten alles, um eine Vereinigung zu ermöglichen. Programmatische Be te ken liegen nicht vor. Unser P'rog-amm im Stadtrat und das Programm der Volkspa tei deC e l sich miteinander. Die Volksgrup-e stellte aber unter anderem ei e Forderung, die die Eh-e der zionistischen Organisation vedetzt. Auf Fe eidigungen können wir nicht eingehei. Die Schuld daran, falls die Vereinigungsve -suche scheitern sollen, wird nicht auf unserer Sei’e sein. Leider sind wir durch ein Ehrenwort gebun'en— erklärte der Redner —, diese Strcitf age bis zur nächsten Konferenz vorzubehalien. Sie können aber sicher sein, daß die Politik der Zionisten der. von Ihnen gewünschten Charakter zeigen wird. Das Wort erhielt hierauf der Vorsitzende des Waads, Herr H. Färbst ein. Als das Abkommen mit den Polen zustan’e kam-, wurde keine einzige Stimme dagegen laut. Sogar diejenigen Kreise, dre später dagegen eifrig auftraten, begrüßten urspr.üng'ich dieses Abkommen. Unser Hauptversehen bestand darin, daß wir keine genaue Uebe_sicht über die Zahl der jüdischen Stimmen hatten. Wir dachten, daß die Juden im besten Falle nur 16 Mandate im Stadtrat erhalten können. Ver essen Sie aber auch nicht, meine Herren, daß wir hinter uns eine Epoche des Boykotts hatten, daß wir uns alle nach einer Verständigung sehnten. Dazu ging das Land einem neuen Leben entgegen und wir glaubten aufrichtig, daß das freie Polen uns besser verstehen wird. Leir'er hat uns die Wirklichkeit unsere Hoffnungen zerstört und wir erklären hier öffentlich: Wir haben uns getäuscht, wir stoßen cut keine Geneigtheit zur Verständigung und wir ändern jetzt unse.e Taktik. (Beifall.) Es ist aber nicht richtig, daß wir im Stadtrat eine opportunistische Politik geführt haben. Wir bl.'eben unseren Prinzipien treu. Schon am ersten Tage gaben wir unserer Uebe zeu jung Ausdruck, daß das freie Polen uns die Rechte der nationalen Minderheit gewäh:en wird. Hier wurde vergeschlagen — sagte Herr Farbs'.ein ferner , den Ratsmann Seidemann aus der Zionistischen Organisation auszuschließen. Dagegen muß ich energisch Verwahrung einlegen. Wenn der Waad — setzte der Redner fort — eine nicht genügend rege Tätigkeit auf c’en reinzionistischen Gebiete entfaltet habe, ist e; lediglich die Schuld der zionistischen Jugend, die der Arbeit fernblieb. Bezüglich der Hazefira tat das Komitee alles, was es tun konnte. Der Redner schloß seine Rede mit einer ku'zen Uebersicht der Hilfstätigkeit ' des Waad. Die Debatte wurde hie-auf fortge'ührt. He r Rusch ani zieh den Waad eines extremen Hebräismus, der in Verachtung der jidischen Sprache entartet re;. Eine 'eingehende Erklä ung über seine Haltung im Stadtrate gab Herr Seidemann. Er sei auf Vo'würfe gefaßt gewesen, hätte aber nicht glaü en können, daß sie in solcher Form ausgesprochen würden. In der Tat habe er nicht zuianmen mit Ilski gestimmt, sondern mjt dem linken Ratmnnn Markowski, dem sjrfc später Ilski angeschlos et habe. Für uns meint der Red'er — gibt es im Stadt- Tat kei’e -echtss ehende und linksstehende Parteien. E§ide sind uns keine Freunde. Zum Schluß der Debatte wurde die folgende Mitteilung der Geschäftstelle Es diene unseren Gesinnungsgenossen und Freunden zur Kenntnis, daß im Monat Januar 300 ständige Bezieher den Aboimementspreis eingesandt haben. Die Zahl der Personen, denen auf Grund früherer Bestellungen die Jüdische Zeitung zugeht, beträgt ein Vielfaches davon. Wir sind zwar nach früheren E fahrungen sicher, daß in den beiden folgenden Monaten des ersten Vierteljahrs noch beträchtliche Summen eln- Iaufen werden, veröffentlichen aber die obige Zahl, damit die säumigen Abonnenten e'nehen, daß es auf jeden einzelnen ankommt, sollen wir unseren Aufgaben nach allen Seiten gerecht werden. Wer von den „Ve geßlichen * seinen Betrag im Laufe des Februar nicht entrichtet, , wird im März auf die Zustellung unseres Blattes verzichten Gedenket Eurer Presse! von Herrn Dr. H u r w i t z beantragte Resoution einstimmig angenommen: „ln Kenntnisnahme des Berichts des „Waad hairoai“ und der ge- - übten Kritik und in der Anerkennung, daß das Komitee trotz mancher tak isc. e- Fehler bezüglich seiner poitischen Tätigkeit immer fest auf dein Boden des Zionismus gestanden ist, drückt die Versamm'ung dem „Waad“ ihr Vertrauen aus, anerkennt seine gegenwärtigen Bemühungen, eine ve einigte nationale Vertretung zu schaffen, und wünscht, das neu gewählte Komitee möge auf diesem Gebiete eine verstärkte Tätigkeit entfalten und d e Pa'ä;tinna-beit erweitern.“ Außerdem wu-de i noch folgene Anträge der Herren Schalko witsch, D\ Portner, Dr. Klumel und Dr. Gott lieb unter rauschendem Beifall ange ominen: 1. die reinzionistische Tätigkeit zu erwe'tern und zu befestigen; 2. die jüdischen bürgerlichen, nationalen und religiösen Rechte mit Mut und gebührender nationaler Würde zu verteidigen; 3. mit der größten Energie aut dem Gebiete der Volksnationalisierung und der Vereinigung aller jüdischen natiora’en G-uppen und Richtungen zur gemeinsamer^. nationalen Arbeit zu wirken; 4. einen entschlossenen Kampf re;e'n die Assimilation auf allen Gebie'en des jüdischen Lebens zu führen; 5. dafür zu sorgen, daß die .orthodoxen und unparteiischen Volksschichten für die jüdische nationale Arbeit gewonnen werden; 6. die zionistische und nationale Arbeit im Geiste der Demok a ie zu führen und sich üm die Gewinnung de" Sympathien der weiten jüdischen Volksma;sen zu bemühen, und 7. die e tergische, positive Arbeit für die Förderung der hebräischen Sprache und der nationalen Kultur fortsetzend, habe sich das Komitee vor jer’er Stellungnahme zu hüten, die bezüglich der jidischen Sprache und jidischen Schule als negative betrachtet werden könnte. An den Wahlen beteiligten sich .735 Personen. Mit ungefähr 500 Stimmen w'urden in den „Waad haironi“ die Herren: J. Dzialoschinski, M. E 1 e n b e r g, H. F a r b s t e i it, ,M. J. Freud, Dr. J. Gottlieb, Stud. M. Gordon, Dr. Klumel, L. L e wr i n - Eps te i n, Dr. A. Portner, Stud. G. A. S o k o I k a, A. L. Schalkowi tsch (Ben Awngdor) utd Izchak Schweiger gewühlt. Herr Farbstein erklärte, er ziehe sei~e Kandidatur zurück. Der Vorsitzende, Herr Freud, teilte mit, daß Herr Farbstein bereits der Wahlkommission diese Erklärung gemacht habe, die aber trotzdem beschlossen habe, die Kandidatur des Herrn Fa bstein aufzustellen. Herr Farbstein als disziplinierter Zionist we'de sich sicherlich dem Eeschluß unterwarfen und seine Stellung in der Leitung der Warschauer Zionisten behalten. Unter Gesang der Hatikwah wurde die Jahresversammlung geschlossen. Der jüdische Wahlsieg in Lodz Man nutzte in Lodz die Erfahrung aus, die man bei den Warschauer Stautratswahlen hatte machen können... Es wurdenkeinerlei Bündnisse und Kompromisse mit Polen und Assifni’anten geschlossen. Die nationalen und zionistischen Wähler der Lodzer Judenschaft bildeten das „Zentrale jüdische Wahlkomitee“ mit seinem tes‘.umrisse~en nationalen Programm. Ein besonderes Wahlkomitee bildeten die Neo- As:imilanten, die sogenannten Juden-Pölen. Die extremen Assimilanten führten keine selbständige Wahlkampagne und ließen sich von den nichtjüdischen Parteien wühlen, denen sie angehören-. Die Handwerker, die ein unabhängiges Komitee hatten, waren in ihren nationalen Förderungen fnit dem .„Zentra’en jüdischen ’Wihikcmltee“ s<slidarisck und schlossen sjch ihm kürz vor tjen Wahlen an. Unabhängig von diesen Komitees wurde die Wahlkampagne in. der 6. Kurie geführt, der die Arbeiter angehören. Hier standen sich jüdischerseits die proletarisch-zionistische Partei Poale-Zion und der „Bund“, die besondere Listen aufgestellt hatten, gegenüber. Dieser wochenlang dauernde jüdische Wahlkampf, der in unzähligen Versammlungen und Publikationen ausgefochten wurde, verwandelte sich in einen deutlichen Zweikampf zwischen der Assimilation aller Schattierungen und den o'rganisierten nationalen Kräften. Diese natürliche Gruppierung gewührte der Lodzer Judenheit den Polen gegenüber und innerhalb der Lodzer Judenheit der nationalen Richtung den Sieg. Von den 50 Ratmännern, die in den ersten 5 Kurien gewählt wurden, sind 0 Deutsche, 13 Polen und 2S Juden. Von den extremen Assimilanten wurden nur zwei (Miaceslaw blerz und Maurici Poznansky) als Kandidaten der polnischen „Nationaldemokraten.“ und zwei fing. Klozmann und Ing. Dilion) als Kandidaten der polnischen , ,Radika'en Demokraten“ gewählt. Die Neo-Assimilanten brachten in der 2. Kurie nur zw'ei Ratmänner durch: die Herren Josef Sachs und St. Jarozinski. Das „Zentrale Jüdische Wahlkomitee“, das die Zionisten-, "Nationalisten und gemäßigten Orthodoxen vereinigte und die Forderung der nationalen Rechte aufstellte, brachte 22 Ratmänner durch, und zwar die Herren: Dr. J. Rosenblatt, Dr. Asriel L e v i n, Dr. David R a b i n o w i t s ch, S. H o f f m a n n, A. D o b r a n i z k i, Ing. Gerschon Praschker, Ing. Alex. R u s s a k, J. Urissohn, Michael J a h r b I u m, S. Samet, Sch. b u r d z i n e r,■ M. K a r p f, Redakteur J. U g e r, Moses H e I m a n n, M. N. Russ, Wolf Markus f e 1 d, Jakob Ganz, L. Weiß, J. M. G 1 ü c k s m a n n, J. J. Be r mann, Chajim Engel Und Schuldirektor A. Schweizer. Die Ratmänner des „Zentralen Jüdischen Wahlkomitees“ beschlossen, eine besondere jüdische Fraktion im Stadtrat zu bilden, die die bürgerlichen, nationalen, religösen und wirtschaftlichen Interessen der Juden wahren - will. Besonders heftig war der Wahlkampf in der 6. Kurie, die die Arbeiterbevölkerung der Stadt umfaßt. Hier konzentrierten sich 17.651 Wähler, d. h. 53°•• der gesamten Wähler, darunter 9500 Polen, 7156 Juden und 1000 Deutsche. Die Kurie hatte nur 10 Kandidaten zu wählen und unter den Wählern kursierten S verschiedene Listen. Unter den jüdischen Arbeitern spielte sich der Kampf zwischen den proletarisch-zionistischen Poale-Zion, die außer den Arbeiterforderungen auch ‘fein ausgesprochenes national-politisches Programm Erstellten, und dem „Bund“ ab. Einer telegraphischen Mitteilung zufolge, endete auch in dieser Kurie der Wahlkampf mit einem Sieg der Nationalen. Unter den 3 gewühlten jüdischen Ratmännern sind '2 Poale-Zion (Dr. David Rosenzweig und Arje Leo Holonderski) und ein Bundist (L i c h t e n s t e i n). Aus der allgemeinen Presse Zur Organisierung der Kultusgemeinden in Polen. Im ersten Morgervblatt der „Frank'urter Zeitung“ vom 5. Jänner 1917 finden wir einen sehr sympathischen Aufsatz des Reichs- und Landtagsabgeordneten Justizrat Waldstein. Er entwickelt darin die Prinzipien, nach welchen die jüdische Religionsgesellschaft in Polen organisiert wurde. Die folgende Darstellung mag herausgehoben werden: „Von zionistischer und jüdisch-nationaler Seite ist eingewendet worden, man hätte statt einer jüdischen Religionsgemeinschaft eine nationale jüdische Kulturgemeinschaft mit ausreichender Autonomie schaffen sollen. Wir wollen hier auf die Streitfrage der jüdischen Nationalität in Polen und ihrer gesonderten autonomen Gestaltung innerhalb des Staatsganzen nicht eingehen; sie gehört nicht hierher. Denn sie ist eine Frage der Gesamt-- Verfassung des Landes und kann nur gemeinsam mit dieser gelöst werden. Wichtig und erfreulich bleibt es unter allen Umständen, daß die deutsche Regierung offensichtlich bemüht ist, auch dem jüdischen Volkstei! in Polen zu helfen und gerecht zu werden in bewußter Abkehr von den barbarischen Methoden der russischen Regierung; das beweist die vorliegende Ordnung. Es ist daher zu erwarten, daß das gleiche Bestreben sie auch bei der Regelung der staatlichen Verhältnisse und der Verfassung leiten w'ird. Dab auf diesem Gebiete große Schwierigkeiten und Streitfragen zu überwinden sind, entgeht niemandem, und es kommt vielleicht weniger darauf an, ob sie in dieser oder jener Form gelöst werden, als auf den Geist der Verwaltung, auf den Geist, in welchem die Gesetze ausgeführt werden. Diese Schwierigkeiten sind in der Schichtung der jüdischen Bevölkerung und m ihrem unerfreulichen Verhältnis zu der christlichen Mehrheit der Bevölkerung begründet, ferner auch in dem primitiven wirtschaftlichen Zustande der Juden," Uebelständc, an tTenen die Juden selbst höchstens einen teil der Schuld tragen und sicher.ich nicht den größten. Auch die Assimilanten stehen der der neuen Verordnung jm allgemeinen nicht unfreundlich gegenüber. Allerdings gibt es unter Die Jüdische Zeitung;wir4 in Zukuftft nur an „zahlende“ Abonnenten verschickt!