Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 5 (2.2.1917)
- Date
- 1917-02-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZElfÜNÖ Nr. 5 nur zu getrennt marschierten. Die vieljährigen Bemühungen des AEC., alle Institutionen unter eine Leitung zu bringen, sind bis heute nicht von Erfolg gekrönt gewesen. Ein solcher kann nur eintreten, wenn die einzelnen Faktoren für ein gemeinsames Werk vereinigt werden, zur Durchführung eines Plans, bei dem, wie ich mich einmal ausdrückte, jeder Institution ihre bestimmt umschriebene Rolle zugewiesen werden wird. Solch ein Plan liegt uns jetzt vor. Und er ist so gefaßt, daß mit einiger Anstrengung bald nach dem Kriege die ersten ausführenden Arbeiten getan werden könnten. Oettinger denkt, wie er es schon in einer früheren Arbeit ausgeführt hat, zunächst daran, daß in den nächsten 12 Jahren 30 Kolonien zu je 100 Familien (500 Köpfe) gegründet werden, und zwar im ersten Triennium je eine, im zweiten je zwei, im dritten je drei, im vierten je vier per Jahr. Gesamtkosten 771/a Millionen Francs. Hievon hätten die Kolonisten 21.9°/o, die Arbeiter 1.6°.'o, der JNF. 34.2"/«, die national kulturellen Institutionen 91/«°,o und die Kreditgeber 32.8°,'0 beizusteuern. Die Kosten steigen natürlich mit der Zahl der gegründeten Kolonien. Doch ist es ganz sidier, daß, wenn einmal die erste Kolonie tatsächlich mit Erfolg gegründet seffii wird, die nötigen Mittel reichlich fließen werden. Vor der Höhe der Ziffern braucht niemand zu erschrecken. ln den ersten drei Jahren werden benötigt: Vom JNF. 2.67 Millionen Francs, d. s. pro Jahr etwa 900.000 Francs. Hätte der JNF. nicht laufende hohe Ausgaben für seine bestehenden Betriebe zu tragen, so könnte man sagen: Diese Ziffer ist eigentlich schon -erreicht. Oesterreich allein, ohne Ungarn, wird 1917 i/4 Million Kronen bringen. Der „Kulturfonds“ hätte im ersten Jahr 160.000 -Francs autzubringen, die kreditgebenden Faktoren 870.000 Francs. Wäre es angesichts der gewaltigen Leistungen, zu denen Amerika im Kriege autgestiegen ist, nicht ein Leichtes, dort allein 180.000 Dollar in einem Jahr für eine Ansiedlungsgesellschaft aufzutreiben? Wie man sieht, bewegen sich die Vorschläge und Ziffern Oettingers. durchaus im Bereich dessen, was schon heute leicht erreichbar ist. Wird aber einmal an eine planmäßige Kolonisation im Ernste geschritten, dann wird jede neue Kolonie von selbst soviel Erwerbskraft haben, daß die nötige Progression der Einnahmen ohne Zweifel zu erreichen sein wird. , Oettinger weist uns daher einen gangbaren Weg, der fern von allen utopischen Plänen, dabei aber von entscheidender Bedeutung für unser Ansiedlungswerk ist. Gelänge es uns, auch nur den anscheinend bescheidenen Anfang, den er vorschlägt, zu machen und. der bei nur einigem guten Willen leicht erreichbar ist, in den nächsten .12 Jahren 15.000 Köpfe in 30 neuen Kolonien anzusiedeln, dann wäre das mehr als eine Verdoppelung unserer landwirtschaftlichen Basis, was natürlich eine noch viel größere Vermehrung der gewerblichen und intellektuellen Kräfte nach sich ziehen würde. Somit eröffnet sich uns endlich die Perspektive aut eine systematische und progressive Ansiedlungstätigkeit. Unsere Leitung und unsere Institutionen haben die Pflicht, sich mit den Oettingerschen Vorschlägen zu befassen und die geeigneten Schritte zu tun. Die Zionisten allerorten werden gewiß mit Freude all ihre Kräfte in den Dienst dieser wichtigsten Arbeit stellen. Jugendproblem 11. Wenn wir uns in unserem ersten Artikel*) vornehmlich in abstraktem Sinne, in großen Zügen, in Form': einer Rückschau mit diesem Problem befaßten, so wollen wir uns heute der konkreten Durchführung, resp. Ausführung dieser wichtigen Frage zuwenden. Wir stehen unter dem Eindrücke zweier b edeutender Ereignisse der jüdischen Renaissance. In Amerika ist im großjüdischen Kongreß-Komitee der jüdisch-nationale Gedanke als Sieger hervorgegangen. In Berlin war die Tagung der .Zionisten von einem Geiste getragen, der zu den größten Hoffnungen Anlab gibt. Der jüdische Wille zu jüdischem Leben ist die Quintessenz aus allen bedeutsamen Reden, Beschlüssen und Reso’u lionen, Wir sind ein großes Stück auf dem Wege zum freien jüdischen . Volk' vorwärts gekommen. Diese Konstatierung der beiden jüngsten Ereignisse diene unseren heutigen Ausführungen als leitender Grundgedanke. Wir wollen heute ganz konkret sein. Das Jugendproblem sei in drei Hauptgruppen geteilt: Erziehung der Kinder vor dem schulpflichtigen Alter/ im schulpflichtigen Alter und der schulentlassenen Jugend. Zum ersten: Mit a.len zur Verfügung stehenden Mitteln sei die Schaffung von j ü d ischen Kindergärten zu bewerkstelligen. *). S. Jüd. Ztg. Nr. 50 v. 27. Kislev 5677. Der Besuch soll den Kindern als selbstverständlich und nicht als etwas Besonderes gezeigt werden. Die Leitung dieser Gärten wird unschwer ausgebildeten weiblichen Kräften überlassen werden. Zumindest eine Kraft muß hebräisch können. Die übrigen verpflichten sich, nach einer gewissen Zeit das Hebräische zu erlernen. Wichtig ist ständiger Kontakt der Lehrkräfte mit dem Elternhause. Die Kindergärten werden eirem nationalen Komitee unterstellt. Zum zweiten: Die Schuljugend wird in den Wanderbünden „Bl au-Weiß“ organisiert und dort jüdisch-na'ional erzogen. Wir betonen jü d i s ch - n a t i on a 1. Uei er die Tä-.. tigkeit dieser Bünde erübrigt sich weiteres zu zu sagen, da der Umfang von heute vollends, genügt. Es müßten da einze'ne besonders gut funktionierende Blau-Weiß-Bünde als richtunggebend wirken. Wo die Schaffung von jüd ischen Turnvereinen möglich ist, die sich auch dem Sporte widmen, ist auch dieser Zweig jüdischrnationaler Jugendarbeit zu fördern. Endlich sei die Gründung j üd i s ch - I i.t e r a r i sch e r Zirkel, nur zu begrüßen und auch zu unterstützen. — Diese Ju- . gend-Organisationen unterstehen einem Komitee, das aus jüdisch-nationalen Hochschülern und einig.cn Bü rg e r n besteht. Zum d r i 11 e n: ~ Hier ist ei. e Zweiteilung notwendig, a) die studierende Jugend, b) die in; kaufmännischen oder ähnlichen Berufe stehenden jungen Juden. Die ersten haben bereits ihr Betätigungsfeld — die jüdisch-nationalen Hochschü’ervereinigungen. Bei Aufrechterhaltung ihrer studentischen Traditionen werfen sie sich der bereits oben angedeuteten Ueberwachungsarbeit der Jugend, einer intensiveren jüdisch-kulturellen Arbeit widme 1 müssen. — Die jungen Kaufleute usw. werden neben ihren ßerufsinteressen sich jüdisch bilden (durch Kurse, Bibliotheken etc.), denn ihre Propaganda geht mitten ins Volk, Kameradschaftlichkeit pflegen und den politisch-mate: iel en-pro .a a ’dis i den Un er e' mungen der Leitung als wertvolle Stütze z,ur Seite stehen. — Zwischen die-en beiden Gruppen mub unbedingt ein enger Konnex geschaffen werden. Mit den Konklusionen aus diesem Jugend-Programm wollen wir uns' im nächsten — Schlußartikel befassen. R. Die Jahresversammlung 4 der Warschauer Zionisten Trotzdem der" Eintritt nur gegen Vorlegung des Schekels erfolgte, nahmen an der Jahresversammlung der Warschauer Zionisten, die am 11. Januar im Gebäude des Volkstheaters stattfand, mehr als 1000 Personen teil. Auch aus der Provinz kamen Delegierte. Schon lange vor der Tagung wurden die zu behandelnden Fragen in den Einzelvereinen eifrig debattiert. Im Mitteipunkt der Debatte stand die Frage des Verhaltens der Zionisten während der Wahlen zum Stadtrat und die Politik der zionistischen Ratsmänner. — Der Vorsitzende aer Warschauer Zionisten, Herr H. Farbstein, begrüßte in seiner Eröffnungsrede die Gäste Dr. Arthur Hantke, Berlin, und Dr. Kollenscher aus Posen und-gedachte der großen Toten des Jahres, der Dichter Schalom Aleichem und Simon Frug, des'Gründers der jüdischen Schulen in Warschau M. Kr i n sk i, des jungen Zionisten M a c h 1 i s und des Philantropen Chajim K a h a n. Er erinnerte auch an die gefallenen jüdischen Helden und an die dahingeschiedenen Opfer des neuen Jischuw in Palästina. Das Publikum erhob sich zu ihren Ehren von den Plätzen. Zum Vorsitzenden wurde Herr M. J. Freud erwählt. Das Präsidium bestand aus den Vorsitzenden der einzelnen Vereine und den beiden Gästen. Den Bericht über die Tätigkeit des Waad erstattete Herr Izchak Nissenbaum, der ungefähr folgendes ausführte: Die Arbeit des „Waad haironi“ wurde in fünf Arbeitskommissionen besorgt. Diese Kommissionen bestanden für Agitations-, für Kultur-, für Hilfstätigkeit, - für zionistische Arbeit und für die Arbeiten in. der Provinz. Vor 10 Monaten, zurzeit der letzten allgemeinen Versammlung, war die Zahl der Schekelzahler in Warschau 1264, jetzt beträgt sie 2400.- Für den Jüdischen Nationalfond würden im Verlauf von 15 Monaten vor der vorigen Versammlung 1000 Rubei und im Verlauf der letzten 10 Monate 3667 Rubel gesammelt. Unter der Aufsicht des zionistischen Schul-Kuratpriums stehen 10 Volks¬ und FröbelsChulefi,-2 Arbeitsschulen und 1 Talmudthora, die zusammen ungefähr 3300 Schüler und 110 Lehrer umfassen. Die jüdischen Lehrgegenstände werden . in all diesen Schulen in der hebräischen Sprache unterrichtet. Die allgemeinen Lehrgegenstände werden in den verschiedenen Schulen verschieden unterrichtet f in der hebräischen, jüdischen und auch in der polnischen Sprache. Zumeist mußte das Kuratorium auch selbst für die Kleidung und Beschuhung der Schüler Sorge tragen. Das Budget dieser Schulen macht 8000 Rubel monatlich aus. Die nationalisierende inni zioni. ierende Be-Jeu u lg dieser Schulen ist außerordentlich. Besonders erwähnenswert an öffentlicher zionistischer Tätigkeit sihd noch die grandiose Demonstration, die am Lag-Beomer in den Straßen Warschaus ven den zionistischen Tu. nvereinen veranstaltet wurde, und die großen Volksversammlungen am 20. Thammus. Der Berichterstatter entwarf ferner ein ausführliches Bild der zionistischen Hilfstätigkeit. Das zionistische Lureau vermittelte die Geldüberweisung der amerikanischen Juden an ihre Verwandten in Polen. Vom 23. Mai 1916 bis 1. Januar 1917 wurden durch das Bureau ca. 700.000 M. und 25,000 Briefe füfc 7000 Personen versendet. Das zionistische Bureau hat auch ei re Abteilung für Kohlenversorgung eröffnet. Von den 45.000 Mark, die die Zionisten aus Argentinien schickten, wurden 30.000 M. in bar und 15.000 M. in Kohlen zu billigen Preisen verteilt. Der Waad stand auch auch in reger Verbindung mit den Zionisten der polnischen Provinz, Gegenwärtig besteht eine Verbindung mit 45 Lokal vereinen. Für den Nationalfond wurden in der Provinz 4523 M. und für das Hilfswerk in Palästina 2263 M. gesammelt. Auch das Schulkuratorium dehnte sein Tätigkeitsgebiet auch außerhalb Warschaus aus, gründete und unterstützte in der Provinz Volksschulen, Kindergärten usw. Von der politischen Tätigkeit des \Vaad berichtete Herr Nissenbaum folgendes: Schon vor Ausbruch des Krieges befaßten sich die Zionisten mit der politischen Arbeit. Es wurde ein politischer Klub ins Leben gerufen, an dem auch nationale Nichtzio.iisten teilnahmen. Die Grundlagen dieser Politik waren: Kampf gegen die Assimilation, Verständigung mit den Polen und Verteidigung unserer nationalen Interessen. Diese Prinzipien — erklärte der Redner blieben dem Waad bis jetzt unerSchüttert. Die Situation verlangte später die Vereinigung aller jüdischen Parteien, und der Waad hat diese Pflii.äit der Stunde erfüllt- Die jüdische Oeffentlichkeit begrüßte diese Vereinigung. Das war durchaus keine „Verquickung mit den Assimilanten“ und kein „Verzicht auf unsere nationalen Forderungen“, wie es dem Waad vorgewo.fen wird. Als die polnischen, bürgerlichen Pä.teien sicii in einem block zusammenschlossen, konnte keine jüdische bürgerliche Partei es wagen, sich der Bildung dieses Blockes entgegenzüstellen. Die zionistischen Kandidaten blieben dem erwähnten 'zionistisch-politischen Programm treu. In ihrem letzten Stadium nahmen aber die Wahlen eine vollständig chaotische Form an. Es muß aber konstatiert werden, daß auch weiterhin die zionistischen Ratsmänner ihre Prinzipien nicht vergaßen und die nationalen Forderungen formulierten. Im Zusammenhang mit der neugeschaffenen politischen Lage beschlossen die Zionisten zu verlangen: 1. eine würdige Repräsentanz der Juden in allen' kommunalen und Staatseinr i ch tun gen und 2. eine selbständige Verwaltung für alle inneren jüdischen Angelegenheiten. Unter langanhaltendem Beifall erklärte zum Schluß der Berichterstatter, daß die zionistischen'Ratsmänner aus der sog. „Vereinigung“ ausgetreten sind und eine selbständige zionistische Fraktion im Stadtrat gebildet haben, die sich die Verteidigung der erwähnten Forde.ungen zur Aufgabe machen wird* Die Debatte über den Bericht des Waad eröffnete der Vertreter der Jugendorganisation „Merkas“, Herr S o k o I k a. Die Hauptarbeiten, von denen der Bericht spricht, sind — der Meinung des Redners nach — nicht vom „Waad haironi“, sondern von den Einzetvereinen, insbesondere von den Jugendorganisationen ausgegangen, für die übrigens der ,fWaad“ .wenig Interesse .an den Tag gelegt hatte. Diese Unlätigkeit des Waad trug dazu bei, daß die politische Initiative die nicht-zionistischen Elemente übernommen haben. Der Redner sprach von der Unordnung im Schulkuratorium, dem nicht kollegialen Verhältnis der Kuratoren zu den Lehrern und kritisierte die Wahlpolitik des Waad. Mit den Assimilar.ten sei es unmöglich, eine Verci-.igung herbeizuführen. Eine solche „Vereinigung“ bleibe eine Fiktion, die die öffentliche Meinung täuscht. Diese unrichtige Politik des Waad, dieses Streben nach Einigung um jeden Preis, führte zur Bildung der „Volksgrupp e“, die übrigens auch u:oß eine Fiktion ist. Der Redner versicherte aber, daß trotz aller dieser Fehler die zionistische Jugend noch immer bereit ist, die Leitung zu verteidigen, falls sie mir eine klare, ausgesprochen zionistische und würdige Politik führen wird. Eineleidenschaftliche Stimmung brachte in die Debatte Herr Milner, der aus der.Provinz kam. Sei,.er Beobachtung nach herrschte unter den '.Zionisten Ce: Provinz Unzüf iedenheit mit der politischen Tätigkeit der Warschauer 'Zionisten. Dort könne man nicht verstehen; warum man nicht mit der „Volksgruppe“, son- Gesinnungsgenosse! Haben Sie schon Ihren Bezugspreis bezahlt?