Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 4 (26.1.1917)
- Date
- 1917-01-26
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZElfUNG■ Nr. 4 Der Krieg hat eine wichtige Vorbedingung für das rasche Umsichgreifen des Nationalgedankens geschaffen: Er ‘hat den Juden jüdischer gemacht. Das jüdische Zuge-* höri-keitsgefühl und der jüdische Stolz sind tiefer und mächtiger geworden. Die Lehren der Assimilation, welche das Heil des Judentums in seinem völligen Verschwinden erblicken lassen, welche vom jüdischen Individuum die Verleugnung seiner Eigenart und die willenlose, demütigende Unterordnung unter fremdnationale Führung fordern, werden in Hinkunft wenig Anklang finden. Insbesondere, dessen sind wir sicher, werden die aus dem Felde heimkehrenden Juden diese Lehren mit Entrüstung von sich weisen und sich dem jüdischnationalen Programme zuwenden, weil es ihnen nicht nur gestattet, sondern gebietet, freie Menschen und freie Juden zu sein. Der „Jüdische Nationalverein in Österreich“ hat sich die Veitretung der politischen und sozialen Interessen zum Ziele gesetzt Frei von allen konfessionellen Tendenzen und frei von der Beschränkung auf bestimmte Kiassen, will er alle Juden Österreichs vereinen, welcher religiösen und sozialen Schicht sie auch angehören, wenn sie nur gewillt sind, als ehrliche und ihres, jüdischen Volkstums bewußte Demokraten für die Rechte und die freie Entwicklung der österreichischen Judenschaft zu wirken. In den Jahren seines Bestandes hat der Verein viel Ersprießliches geleistet. Während des Krieges hat er sich insbesondere dem Rechtsschutz der hart betroffenen Brüder im Osten gewidmet und in ihrem Interesse viel Aufklärungsarbeit geleistet. Soweit es die engen Vereins- und preßpolizeilichen Schranken gestattet haben, hat er seine Pflicht getan. Wenn er aber "den großen Aufgaben, die nach dem Kriege ferner harren, auch nur annähernd gewachsen sein soll, ist es nötig, daß sein Ausbau schon jetzt und mit Aufwand aller Kräfte betrieben wird. Dessen mögen alle eingedenk sein, denen die Zukunft der österreichischen Juden am Herzen liegt! Juden Österreichs! Tretet dem Jüdischen Nationalerem bei! Der deutsche Delegiertentag (Eine Antwort vön Dr. W i 1 h e 1 m S t e i n.) In der letzten Nummer der „Jüd. Zeitung“ unterzieht Herr Dr. Otto A b e 1 e s den Verlauf und die Beschlüsse der Berliner Tagung .der deutschen Zionisten einer scharfen Kritik. Er sieht die Verdrängung des politischen Kongreß- Zionismus durch den Kulturzionismus Ächad Haams in gefahrdrohende Nähe gerückt und ruft darum zur Zurückweisung einer „Art geistigen Junkertums“ auf, das die persönliche Judenfrage des gutsituierten Juden zum Ausgangspunkt nimmt und als Ziel das „zentripetale Leben im Galuth“ hinstellt, sich aber gar nicht um die wichtigsten Fragen zionistischer Arbeit kümmert, ja seine Herrschaft sogar auf das haltlose, energischer Beeinflussung leicht zugängliche E. A. C. ausgedehnt hat. ‘ Wer seine Informationen über die Vorgänge aut dem deutschen Delegiertentag selbst nur aus den Auszügen der „Jüd. Zeitung“ in Nr. 1 und 2 d..J. zieht, wird überrascht sein von der einseitigen Auswahl, die Herr Dr. - Abeies aus dem reichen Verhandlungsstoff getroffen hat. Er wird im Grunde alle dort he ührten Themen gänzlich vermissen, mit Ausnahme eines einzigen, eben der Kulturfrage, die darum natürlicherweise in umso grelleres Licht gerückt wird. Allerdings Herr Dr. Abeies will „zum deutschen Zionistentag“ das Wort ergreifen und hat das volle Recht, diese Materie allein zu behandeln, aber er darf dann auch nicht den Vorwurf erheben, es seien alle anderen Dinge nicht angeschnitten oder bagatellisiert worden. Freilich, die äußeren Bedingungen, unter welchen die Tagung stattfand, mußten gar manches urrerörtert lassen, was wir mit tiefem Interesse angehört hätten. Aber wir vertrauen unserer Berliner Leitung auch darin voll und ganz, daß sie diese Zurückhaltung nur unter dem Zwange äußerster Not geübt hat, da sie sich' und die zionistische Bewegung in Deutschland argwöhnisch von der übrigen deutschen Judenheit beobachtet weiß, die ihrerseits wieder ihre gesamte Stellung von einem ins Maßlose gesteigerten deutschen Nationalbewußtsem unterwühlt sieht. Dazu müssen die Vertreter der zionistischen Parteileitung nichts so sehr fürchten, als die Erweckung von hochfliegenden Erwartungen, die aus weltpolitischen und innerpolitischen jüdischen Gründen auch in weiter absehbarer Zeit nicht erfüllt werden können, seihst wenn diese Hoffnungen auch einem Elend entspringen, das das Mitleid eines Einzelnen nicht zu ertragen vermag. Die zionistische Bewegung aber darf sich durch keine augenblickliche Notlage von ihrem ewigen Ziele der Erneuerung des gesamten jüdischen Volkes auch nur um Haaresbreite abziehen lassen. Und das haben ja die von der Katastrophe im Osten Betroffenen in Wort und Tat selbst verlangt; auch ihnen ist die Erhaltung der Grundlagen der jüdischen Existenz, wie sie vom zionistischen Gedanken allein gewährleistet wird, wichtiger und dringlicher als jede materielle Unterstützung bietende Hilfsaktion. Aut diese Zustimmung der Ostjuden muß schon darum besonderes Gewicht gelegt werden, weil die Vorwürfe des Herrn Dr. Abeies als Anklagen gegen das bourgeoise, sichere und gesättigte deutsche Judentum gedeutet werden können. Aber das sei Herrn Dr. Abeies ohne weiteres zugestanden, daß im Mittelpunkte der Verhandlungen die Kulturfrage steht. Doch warum diese irreführende Bezeichnung? Es werden dann zu viele meinen, es solle da!u-ch Programm- Kultiy geschaffen werden. In Wirklichkeit aber soh man lediglich von einer Nationalisierung des gesamten Volkes sprechen, wobei Erziehung, Sprachen, Ostjuden- und religiöse Frage bloß Teilprobleme sind. Und aut diesem Boden werden wir uns alle besser verstehen. Der erste ungestüme und wichtige Ansturm Herzls mißlang, weil der einzelne Jude seine Stellung zum Judentum und seine bin'iendc Verantwortlichkeit verkannte. Dem Juden bedeutete sein Judentum schon nichts mehr; es war ein vom übrigen Leben losgelöstes' Moment, das höchstens von Pietät umrankt und verschönert wu-de. Daher bekannte er sich bestenfalls rein äuße Kch zur zionistischen Partei, einzig aus Ehrgefühl, um nicht fahnenflüchtig oder zudringlich genannt zu werden. Welch dauernde, schöpfrisehen Kräfte können aber aus einem so gearteten Zusammenhang entspringen? Dazu kommt noch, dab bei der Ueberzahl der Juden nicht einmal dieses Ehrgefühl zu wecken war. Und doch hat schon der Mut des Bekenntnisses die Wirkung der zionistischen und nationalen Idee in immer weitere Kreise getragen. Aber man kann doch nicht hei einem Zionismus stehen bleiben, der auf negativen Elementen begründet ist. Man sucht nach dem Sinne seines Judentums, das nicht wie bei allen anderen Völkern in der Sp-ache, den‘ Lebensformen und dem gemeinsamen Boden gegeben ist und findet diesen in dem rein geistigen Moment der jüdischen Wesensart. Sie also ist das eigentlich Verbindende, sie muß bereichert und erweitert werden.' Aus dieser Quelle also stammt die vielverhöhnte „Verinnerlichung“, die nichts Anderes als die Pflege des tief in unsruhenden Jüdischen ist. Aber ein so Abstraktes, dem bisher keinerlei lebendige äußere Lebensformen entsprechen, strebt Werte aufzunehmen und greift nach dem Heb-äischen, nach der Geschichte, nach dem Anschluß an den noch jü'ischen Osten; also ein Verankern in der Welt des Konkreten. Damit wird das Jüdische in uns immer stärker, aber auch der Zwiespalt dieser Innerlichkeit mit der nichtjüdischen Umwelt immer schmerzhafter, bis er zur Tat der Harmonisierung von Persönlichkeit und Lrmwelt führt, wie sie nur auf dem jüdischen Boden von Erez Israel inmitten einer jüdischen Gemeinschaft getan werden kann. Vor dieser Verwirklichung aber, die Hunderttausenden und Millionen versagi ist, liegt die jüdische Gemeinschaft im Galuth, die von jüdischen Menschen im steten Hinblick aut Palästina gebildet — also doch zentripetal — eine unendlich höhere Stufe des jüdischen Daseins bildet, als es ihres Inhaltes beraubte religiöse Formen zu schaffen -vermögen. Sicherlich ist diese Umformung des gesam-- ten Lebens eine schwere Forderung an den Einzelnen, verlangt sie doch eine Erneuerung Von innen .heraus, indem das Jüdische, das bisher nur Beiwerk war, in den Mittelpunkt gerückt wird und alles, was ringsum geschieht, unter dem Aspekt des Judentums betrachtet Wird. Aber wir müssen hbffen, daß die Menschen, die den Mut des Bekennens gezeigt haben, oder, wie die heutige Jugend, die Selbstverstäid'ichkeit des zionistischen Ideals besitzen, dieser strengen Forderung gerecht werden wollen. Solche Zionisten werden aber dann nicht mehr ih'es lauten und doch hohlen Lärmens wegen mißachtet werden können, sie werden vielmehr dadurch, daß sie in jedem Augenblick ihres Daseins, in jedem Schritt und jedem Tun ihr zionistisches Ideal schon in den Beschränkungen des Galuth ernsthaft verwirklichen wollen, eine ganz andere Wirkung auf die übrige Judenheit ausüben, als es die bloß äußerliche, mit Argumenten arbeitende Propaganda vermochte. Vor dem wi klichen Ernste müssen die Widerstände eines bereits inhaltslosen Assimilitio sdaseins mit all seinen unhistorischen Institutionen zerschmelzen und . die Kultusgemeinden, die wir nun seit Jahren ziemlich erfolglos beieden, müssen in die Hcnl eines nationalisierten Judentums fallen, das seinerseits die Umgestaltung zu wahren jüdischen Voiksgemei .den auch wirklich durehzu ühren ve.mag. Einem solchen Gallith aber ist Palästina nicht eine Art zu betätigender Wohltätigkeit, sondern heißestes Ziel des gesamten jüdischen Sehnens, das doch eine ganz andere Macht darstellt, ate selbst die energischeste Arbeit Einzelner, hinter denen das Volk nicht ein mal der Zahl nach steht. Der Weg zu solchem Hochziele ist dorniger als die ausgetretene Bahn des äußerlichen, von den anderen Völkern erbo-gten Nationalismus, er ist auch langwieriger u id es bedarf daher nicht ausschließlicher Betätigung in dieser Richtung, so viel Kräfte er für sich auch in Anspruch nimmt; alles, was die Partei bisher geschaffen, muß selbstverständlich weiter geführt werden und das mit allen möglichen Anstrengungen, die ja doch nicht durchwegs in den Dienst dei* Nationalisierung gestellt werden können, da Palästina an sich, schon wie es heute ist und immer mehr wird, der wichtigste äußere fördernde Faktor bleibt. Einen Ausgleich und die richtige Verwendungsmöglichkeit der vorhandenen Kräfte zu finJen, muß Aufgabe des E. A. G. sein. Der letzte deutsche Delegiertentag aber hat das Verdienst, die Arbeit der Nationaiisie.ung zunächst der Zionisten und in weiterer Ferne des gesamten Judentums in ein System gebracht und nicht mehr in der Dämmerung eines bereits zum Ende neigenden Verhandlungstagcs rasch durchgepeitscht, sondern diese Frage in das volle Licht frischer Aufmerksamkeit gestellt zu haben. Auch dort können nur Worte gesp ochen worden sein, die wirkungslos ins Nichts fallen, wenn der Ernst zur Verwirklichung fehlt. Aber ein Unterschied besteht gege über allen Programmen, die sonst aut Tagungen ausgearbeitet worden sind: die Realisierung liegt ganz in unserer Hand, in jedes Einzelnen Hand. Jakobus H. Kann über die Lage im Zionismus Kann, der früher einmal Mitglied des EAC. war, ließ sich am 27. November 1916 interviewen. Nach dem „Israelitischen Wochenblatt für die Schweiz“ sleien aus dem Gespräch folgende Stellen wiedergegeben: Ben Mose Zwi: Wie beurteilen Sie die Bestrebung der Kongreßbewegung, eine Vertretung des jüdischen Volkes auf der Friedenskonferenz zu pchaffen? Kann: Ich glaube nicht daran, daß man einer jüdischen Vertretung Sitz und Stimme auf dem Friedenskongreß einräumen wird. Ben Mose Zwi: Sind Sie der Ansicht, daß die Friedenskonferenz c'ie .Judenfrage vollständig ignorieren wird? So bedeutsam die Zulassung einer jüdischen Vertreterschaft als die erste offizielle Anerkennung dei Juden als eines Volkes durch die Mächte wäre, so unerheblich ist sie für das Resultat der Erörterungen des Friedenskongresses. Kann: Ich glaube sehr daran, daß die jüdische Frage zur Besprechung auf dem Friedenskongreß kommen und (man eine jüdische Deputation zulassen wird. Ben Mose Zwi: Das E. A. C. erachtet die Aufrollung der Prl.bstinafrage auf dem Friedenskongreß, ja selbst in der jüdischen Kongreßbewegung Amerikas nicht für geboten. Neigen Sie der gleichen Ansicht zu? Kann: Ich bin ganz entschieden der Meinung, dab aut dem jüdischen Kongreß sehr energisch die Palästinaforderungen gestellt werden. Das ist ja das Wichtigste. Wofür sollten wir denn eintreten, wenn nicht gerade für ein jüdisches Palästina. Desgleichen bin ich überzeugt, daß es im Bereiche der Möglichkeit liegt, daß auf der Friedenskonferenz, wenn auch nicht ein jüdischer Staat, so doch eine jüdische Autonomie in der oder jener Form sich wird durchsetzen lassen Ben Mose Zwi: Wohl für den Fall, daß die Entente siegt? Kann: Nein, auch dann, wenn ein Kompromiß zustande kommen sollte, glaube ich an die Beachtung unserer Forderungen. Ben Mose Zwi: Die Frage der Neutralisierung der Leitung ist noch immer nicht gelöst. Ich hörte, Siewaren worwenigen Monaten in England.. Hatten Sie Gelegenheit, mit unseren Gesinnungsgenossen dort Fühluig zu nehmen? Kann: Ich war im August in England, im Frühjahr war ich auch in Deutschland, allerdings nicht in Berlin. Ich habe mit verschiede- Gesinnungsgenossen! Denket an Eure Presse!