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Jüdische Zeitung · 1917-01-26 · 4 (26.1.1917) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
11 (1917)
Issue
4 (26.1.1917)
Date
1917-01-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Erscheint wöchentlich einmal Redaktion: Wien II, Zirkusgasse Nr.33 Sprechstunden: Montag bis Freitag von 4—7 Uhr, Sonntag von 11 — 12 Uhr Manuskripte werden, wenn unverlangt, ohne Rückporto nicht zuruckgesandt Redaktionsschluß Dienstag um 7 Uhr Fernsprech-Nummer 4S-3-25 National-jfidifches Organ Mit der Beilage: Der Jüdische Nationalfonds Wien, Freitag, 26. Januar 1917 / 3. Schewat 5677 Einzelnummer 24 Heller Geschäftsstelle: Wien 11/,. Zirkusg. 33 Geschäftsstunden: Montag bis Freitag von 9—12 u. 3—7, Sonntag von 9—12 Bezugspreise: Ganzjährig K10.—, halbjährig K 5.—, vierteljährig K 3.— Anzeigen und Beilagennach Tarif Postsparkassen-Konto 133.404 itiVialt- Jüdischer National verein in Öster- * reich. — Dr. Wilhelm Stein, Der deutsche Delegiertentag. — Dr. Marek Scherlag, Im Walde. — Dr. Oskar Rosenfeld, „Das jüdische Frag“. — Aus der allgemeinen Presse. — Aus der 'jüdischen Welt. — Aus der Zionistischen Bewegung u. a. m. Beschluß der Generalversamin’UTg des „Jüdischen Natio:.alvereir.s in Oesterreich“ vom 17. Okt. 1916: „Die Generalversammlung des Jüdischen Nationalvereins in Oesterreich* erklärt, an dem Programme der Erhaltung und Erneuerung Oesterreichs unerschütterlich festzuhalten. Sie erklärt weiters, unter Festhaltung der Forderung nach Anerkennung der Juden als gleichberechtigter Nation, alle Bestrebungen zu unterstützen, welche auf Herstellung des Völkerfriedens m Oesterreich und die Einleitung einer großzügigen Wirtschaftspolitik gerichtet sind.“ Für den Ausschuß: Ingenieur Robert Stricker (Wien) Obmann Dr. S. Kaßrer (Czernowitz) M. Hen'sch (Stanislau) Obmannstellvertreter Schriftführer * * Auszug aus dem Vereinsstatut des „Jüdischen Nationalvereins in Oesterreich“. § 1. Der Verein führt den Namen „Jüdischer Nationalverein in Oesterreich“. § 2. Der Verein hat seinen Sitz in Wien und erstreckt seine Tätigkeit auf alle im Reichsrate vertretenen Königreiche und Länder. § 3- Der Verein ist ein politischer. Sein Zweck ist die Stärkung des jüdischen Stammesbewußtseins, die Wahrung und Förderung jüdisch-nationaler Bestrebungen und Einrichtungen, siowie die Geltendmachung der Interessen der Juden in Oesterreich auf politischem, kulturellem und wirtschaftlichem Gebiete. § 4. Die Mittet zur Erreichung dieses Zweckes sind: a) die Abhaltung von Versammlungen (auch Wanderversammlungen); b) die Veranstaltung von Vorträgen und geselligen Zusammenkünften; c) Aufstellung und Unterstützung gesinnungstüchtiger Kandidaten für die verschiedenen öffentlichen Vertretungskörper in Oesterreich; d) Herausgabe und Verbreitung von Flugschriften, Zeitungen, Broschüren und anderen Druckschriften gemäß den Vorschriften des Preßgesetzes; e) Abfassung und Kundgebung von Petitionen, Adressen, Denkschriften und Aufrufen; f; Gewährung von Rechtsschutz an eines solchen bedürftige Juden. § 5. Mitglied des Vereines kann jeder großjährige, eigenberechtigte jüdische Mann sein, der das Staatsbürgerrecht in den im Reichsrate vertretenen Königreichen und Ländern besitzt und nicht durch die Bestimmungen des Vereinsgesetzes von der Mitgliedschaft bei politischen Vereinen ausgeschlossen ist. •# # . Der Jahresbeitrag ibeträjgt 2 Krcnen. Beitrittserklärungen sind unter genauer Angabe von Charakter und Adresse mündlich oder schriftlich an das Sekretariat des Vereines, Wien, H., Zirkusgasse 33, zu richten. Jüdischer Nationalverein in Österreich jüdische Mitbürger! Wir haben schon im Frieden den Ruf nach Zusammenfassung aller Kräfte zum Wohle und Schutze der österreichischen Judenschaft erhoben. Wir erachten uns in diesem Zeitpunkte — mehr denn je — dazu verpflichtet, neuerlich an Euch heranzutreten und von Euch zu fordern, durch den Eintritt in den Jüdischen Nationalverein an dem Ausbau einer mächtigen politischen jüdischen Organisation mitzuvvirken. Nie war die österreichische Judenschaft einer einheitlichen, zielbewußten Führung, einer starken und mutigen Vertretung gegenüber dem Staate und der Gesellschaft so bedürftig, wie heute. Nie war diese Judenschaft härter bedroht von außen her und innen, nie winkten ihr aber auch günstigere Möglichkeiten für eine freie, gesunde Entwicklung. Der schöne Traum, daß der Krieg den Antisemitismus geschwächt hat, ist vor der häßlichen Wirklichkeit zerronnen. Die judenfeindliche Tätigkeit, welche durch die ersten, ungeheuren Erschütterungen unterbrochen wurde, hat längst wieder eingesetzt und ihre Mittel sind, entsprechend dem Charakter der Zeit, weit brutaler und gefährlicher als im Frieden. Die antisemitische Agitation ist praktischer und unmittelbarer geworden Wer antisemitische Zeitungen liest, wer das Gespräch der Gasse belauscht, muß das bestätigen. Die Ausbrüche des Judenhasses, auf die man hier trotz Burgfriedens und trotz Zensor — stößt, übertreffen alle Friedensleistungen auf diesem Gebiete. Ungemein charakteristisch sind die Sätze, welche ein Wiener Abgeordneter in der „Reichspost“, dem Hauptorgan des Kampfes wider uns schreibt: „Eine Hochflut des Antisemitismus steht nicht nur bevor, sie ist schon da. Der Antisemitismus lebt inhaliert Kreisen und Schichten der Bevölkerung. Wünscht aber jemand die Ursachen dieser starken antisemitischen Strömung zu erfahren, so braucht er sich lediglich an den nächstbesten Passanten auf der Straße zu wenden; es kann ihm jeder die notwendige Auskunft geben.“ Es ist so. Der nächstbeste Passant ist gut gedrillt und leiert das Sprüchlein ab, daß an allem Unglück der Jude die Schuld trägt, daß er den Millionen von Menschen verschlingenden Weltbrand entzündet hat, um lachend seine Suppe dran zu wärmen, daß aber nach dem Kriege der Zahltag für die Juden kommt. Nur Leichtsinnige und Schwärmer können darüber hinwegsehen, daß diese weit vorgeschrittene Vergiftung der Volksseele den österreichischen Juden zum Verhängnis werden kann. Wenn der Frieden ein wehrloses Judentum antritft, dann wird er es zerschmettern! Weder ein Appell an die Gemüter unserer Gegner, noch der Nachweis der Opfer, welche wir in diesem Kriege gebracht haben, noch auch die Fürsprache irgend einer Gruppe einflußreicher Juden bei irgend einer Stelle der Regieiung weid.-n uns schützen! Diese Mittel des gebückten und onnmächtigen Schutzjudentums werden kläglich versagen. Wir müssen ein Zentrum schaffen, um welches wir uns scharen können, wenn es gilt, um unser Recht im österreichischen Vaterlande zu kämpfen, zg kämpfen, nicht aber zu betteln. Und wir werden dieses Recht erkämpfen, denn unser jüd.isches Volk birgt eine Fülle von ethischen, geistigen und wirtschaftlichen Kräften in sich, die nur zusammengefaßt werden müssen, um dem ärgsten Ansturm erfolgreich zu trotzen. Wir müssen eine mächtige Organisation schaffen. Und wäre es nur, um unserer jüdischen Brüder im Felde, um der jüdischen Soldaten willen! Wir müssen dafür sorgen, daß sie bei ihrer Heimkehr eine Stelle finden, wo ihr hart und blutig erkämpftes Recht an diesem Staate geschützt, wo ihre Ehre und das Andenken ihrer gefallenen Kameraden vor Verunglimpfung gewahrt wird. Sie, die für Österreichs Freiheit gekämpft haben, werden dankbar und freudig in unsere Reihen treten, wenn es gilt, weiter zu streiten für die Freiheit des jüdischen Volkes in diesem befreiten Österreich. Zur äußeren Gefahr, welche das österreichische Judentum bedroht, gesellt sich die innere, vielleicht größere. Die unheilvollen Einflüsse des Krieges haben auch auf die Verhältnisse innerhalb der jüdischen Gesellschaft verderblich eingewirkt. Der Jude als Individuum ist durch den Krieg nicht besser und die jüdische Gesellschaft nicht harmonischer geworden. Der Krieg hat unter den Juden ärger gewütet als unter irgend einem anderen Volke. Er hat hunderttausende Existenzen entwurzelt, er hat die Juden hin und her geworfen, er hat sie hier auseinandergejagt und dort zusammengepfercht. Viele sind herabgesunken, wenige sind emporgestiegen. Unter den Emporgestiegenen bilden — wie dies ja auch in nichtjüdischen Kreisen der Fall ist — nicht die guten Elemente die Mehrzahl. Die Entwirrung all dieser Zustände wird viele Opfer erfordern. Das jüdische Leben wird sich eine geraume Zeit unter dem Zeichen des Massenelends und des schwersten Konkurrenzkampfes abspielen, die Individuen und Gruppen werden hart und rücksichtslos aneinander stoßen. Es muß eine Stelle geschaffen werden, von weicher aus hilfreich und ausgleichend in die inneren Kämpfe eingegriffen werden kann. Es muß diejenige Vereinigung ausgebaut werden, welche imstande ist, alle Gruppen zu umfassen: Die jiidischnationale Organisation.

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