Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 3 (19.1.1917)
- Date
- 1917-01-19
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 der entgeengesetztesten Richtungen seine« Aufsätzen. Zuletzt in den. Berliner „Neuen Jüdischen Monatsheften“. Wir sind überzeugt, dab die vielfach widersprechenden Argumente in den verschiedenen Blättern sich schließlich zur Klärung durchringen werden, und daß dann auch Herr Prof. Kosch, der unstreitig ein politisches Talent ist, noch sehr Wertvolle Arbeiten auf diesem Gebiete uns bringen wird. Daß er in der Frage der Bukowinaer Juden wenig Sachkenntnis bekundet hat, dürfen wir ihm nicht übelnehmen. Es ist nicht seine Schuld, wenn jüdische Blätter in letzter Zeit partout um nichtjüdische Autoren sich bemühen, anstatt zunächst von mit den Landesverhältnissen vertrauten jüdischen Persönlichkeiten den Westen informieren zu lassen. Gewiß sollen alle Richtungen, auch nicht jüdische Autoren, zu Worte kommen. Zunächst aber ist eine zuverlässige Information von beteiligter eigener Seite erforderlich. Dann sollten die Stimmen der Anderen folgen. Wenn in der allgemeinen Presse für jüdische Fragen ein besonderer Vorgang beobachtet wird, ist es' begreiflich. Aber in einer jüdischen Zeitschrift ist er unverständlich. Es steht zu erwarten, daß die sonst trefflich redigierten „Neue Jüdischen Monatshefte“ es an einer entsprechenden Information in Zukunft nicht werden fehlen lassen. Wien, im Jänner 1917. D r. S. K a ß n e r.*) Deutsche Minoritätenpolitik im Osten Die von Dr. Adolf Grabowskv herausgegebene Halbmonatsschrift „Das neue Deutschland^ bringt in Heft 7 vom 1. Januar 1917 (Verlag A. F. Perthes, A.-G. in Gotha) einen überaus informativen Beitrag von Herrn Dr. Adolf Friedemann über die deutsche Minoritätspolitik im Osten Nach einer Darlegung der politischen Ziele im Osten befaßt sich der Verfasser mit der Frage, wie die 'Minoritätenfrage technisch zu regeln ist. Der Aufsatz schließt mit folgenden praktischen Vorschlägen: „Praktisch würden wir vor allem wünschen, daß schon jetzt Vertrauensmänner der verschiedenen Minoritäten in die Verwaltung Polens berufen würden, und zwar nicht nur nach Warschau, sondern auch zu den Kreischefs oder an die Polizeipräsidien der größeren Städte. Natürlich dürfte bei ihrer Ernennung nicht lediglich die verwaltungstechnische Ausbildung maßgebend sein, sondern sie müßten als wirkliche politische Beiräte fungieren. Sie hätten. die besondere Aufgabe in enger Fühlungnahme mit den in Frage kommenden Pevölkerungss’chichten zu stehen, deren Wünsche entffegenzunehmen und andererseits die getroffenen Verwaltungsmaßnahmen zu popularisieren. Später sollte den einzelnen Minoritäten das Recht auf die eigene Schule durch die Errichtung einer Schulautonomie verbürgt werden . . . Danach werden in den Gemeinden auf Grund freiwilliger Erklärung jeden Bürgers Matriken angelegt, die üher seine sprachliche und kulturelle Zugehörigkeit entscheiden. Den so entstandenen Sprachtind Kulturgemeinschaften steht die Einrichtung eigener Schulen nach Maßgabe der Landesgesetzc zu. Da es 'sich nicht urn eine Zwangsgemeinschaft handelt, kann die Zugehörigkeit zur Matrike in Zwischenräumen von einigen Jahren beliebig gewechselt werden, so daß veränderten Verhältnisse) Rechnung getragen werden kann. Aus- ■ führendes Organ der Gemeinschaft ist der aus Connationalen zusammengesetzte Ortsschu'rat, in dem ein staatlicher Funktionär den Vorsitz führt. Aus den Ortsschulräteu eines größeren politischen Bezirks wird ein Bezirksschulrat gebildet, der über die Mittelschule entscheidet, und die Spitze des ganzen Gebäudes bildet, der von den Bezirksschulräten gewählte Oberste Kulturrat, der die höchsten gemeinschaftlichen Kulturangelegenheiten seiner Connationalen, z. B. die der Universität, eiries^Museums u. dgl., ordnet, Steuerumlagerecht für Kulturzwecke besitzt und die Gemeinschaft gegenüber der Regierung repräsentiert. Demzufolge sitzt im Schulministcriuin für jede nationale Gemeinschaft ein von ihr präsentierter Abteilungschef, der die Verwaltungssachen nach den vom ‘Obersten Kulturrat aufgestellten Grundsätzen bearbeitet und die Kulturangelegenheiten der Gemeinschaft vor dem Landtag verteilt. Eine solche Regelung würde' die Minoritäten wenigstens im wesentlichsten Punkte zu- ♦riedensteilen, sie vor Zwang bewahren und den inneren Frieden durch Ausschaltung einer Hauptstreitfrage festigen. So würde Kraft und Zeit für die nur allzu drängende Lösung der Wirtschaftsfragen gespart werden, besonders wenn beim Friedensschhi!) die Minoritätenrechte, nicht *) Kleinere Schilderungen über „Die Juden in der Bukowina“ sind im Oktoberheft des „Jüdischen Kriegsarchivs“ und in der Dezcmbernummer [der „Neuen Illustrierten Zeitung“ vom selben Verfasser erschienen. Eine ausführlichere Darstellung soll demnächst von ihm veröffentlicht werden. Die Red. Jeder Zionist in Oesterreich liest die Jüdische Zeitung. Jeder organisierte Zionist hält die Jüdische Zeitung, das offizielle Blatt der Partei, das Organ des Zionistischen Zentralkomitees für Westösterreich nnd des Innerösterreichischen Distriktskomitees. Jeder verständige und eifrige Zionist bezieht sie nicht nur selbst, sondern wirbt auch in seinem Verein und seiner Gesellschaft Abonnenten für die Jüdische Zeitung, weil er weiß, daß eines der besten und wichtigsten Mittel zur Vertiefung und Verbreitung des zionistischen Gedankens dieLektüre der zionistischen Presseist nur in der Verfassung, sondern auch in der Landesgesetzgebung testgelegt und so einer späteren-, vielleicht [nicht wohlwollenden Verwaltungspraxis entzogen würden,“ i! »j J Aus der jüdischen Welt Der neueste Pogrom. Die „Nationalzeitung“ meldet aus Stockholm, daß rumänische Flüchtlinge in Kischinew in die Häuser wohlhabender Juden eingedrungen seien, um zu rauben und zu plündern. Dabei seien 20 Juden ermordet worden. Eine neue Volkszählung "in Warschau soll nach dem Beschlüsse des Magistrats durchgeführt werden. Die Fragebogen verlangen Auskunft u. a. über die Konfession, jedoch \nicht — wie. die vor einigen Monaten geplante Volkszählung — über kulturell-nationale Verhältnisse und über die Sprache des Hauses und der Schule. Die Gesellschaft zur Unterstützung kriegsbeschädigter Juden eröffnete am 9. Jänner in Warschau ihre Beratungen über die Abschätzung des Kriegsschadens und über Hilfstätigkeit. In der zweiten Sitzung des Lubliner Stadtrats verlas Ratsmann- Dr. Seidenmann im Namen der jüdischen Ratsmänner eine Zustimmung zu einer allgemeinen Deklaration, in der er erklärte, daß die Gleichheit der. Pflichten und der Rechte aller Bürger des polnischen Reiches, ohne Unterschied des! Glaubens, die notwendige Grundlage der demokratischen Verfassung sei, die allein Polen zwischen den europäischen Mächten halten könne. Eine Rede Dr. Tschlenows in einer großen jüdischen Volksversammlung in Moskau über den „Amerikanisch-Jüdischen Kongreß“, schilderte die Entstehung und Entwicklung der Kongreßidee, die mit ihr verbundenen großen Kämpfe in der amerikanischen Judenheit, die schließlich zu einem Ausgleich geführt haben, und die Bedeutung des geplanten Kongresses. Nach einer interessanten Diskussion, in der Redner aller jüdischer Parteien ihre Zustimmung zum Kongreßplan ausdrückten, wurde eine Sympathie-Reso-' lution angenommen. Ein „Hilfscomite für die jüdischen Kriegsopfer“ hat sich vor einiger Zeit in Holland gebildet, dem die angesehensten Juden des Landes beigetreten sind. Vorsitzender ist der Oberrabbiner L. Wagenaar in Arnhem, Schriftführer Herr Alfred Polak in Tilburg, ln fast alten jüdischen Gemeinden des Landes haben sich Sub-Koinitees gebildet, welche die Einsammlungen betreiben. Diese Sammlungen haben bis jetzt zirka 65.000 Gulden holl. Währung erbracht und sind noch nicht abgeschlossen. Die einkommenden Beträge sollen an die notleidende jüdische Bevölkerung in allen vom Kriege betroffenen Ländern verteilt werden. Die Schaffung einer freiwilligen jüdischen Legion wird von dem Komitee für die jüdische Zukunft, an dessen Spitze W. S c h a b o t i n s k y, M. Großmann u. a. stehen, aufgegeben; das Komitee erklärt sich für aufgelöst. Amerikanisch-Jüdischer Kongreß. Unter den 70 Mitgliedern, die von "der „Konferenz der Amerikanisch-Jüdischen Organisation“ gewählt wurden, um mitden 70 Mitgliedern des Exekutiv-Komitees des Amerikanisch-Jüdischen Kongreb-Komitees die neue Körperschaft, das „Comite füc die Organisierung des Amerikanisch- Jüdischen Kongresses“ zu "bilden, befinden sich u .a.: die Herren Henry Morgcnthau, Oscar S. Straus, Jacob H. Schiff, Louis Mars hä 11, Rev. Dr. H. Pereira M e n d c s, Kongreßmanu Meyer London, Sholom Ash und Hermann Bernstein. Zum Kapitel der neuen amerikanisch-jüdischen Hilfs-Aktionen schreibt der „American Jewish Chronicle“ in seiner Nummer vom 24. November: „Im Januar 1915 formulierte Dr. Schmarja L e v i n, der geistige Führer des Zionismus in Amerika, als erster die Pläne für weltumfassende jüdische Anleihen, die zum Wiederaufbau für die Ostjuden verwandt, werden sollten. Er war der erste, der daraut hinwies, dal) Hilfs-Aktionen, wiegroßzügig sie auch sein mögen, doch nicht den Millionen Juden in Osteuropa, die durch den Krieg völlig ruiniert werden, Hilfe bringen können. Dr. Levin skizzierte seinen Plan in einer Broschüre, die vor ungefähr IS Monaten erschien, und in einer Artikelserie in der „Jüdischen Presse“. Die „New York Times“ herichtete über diese Pläne anläßlich einer Rede, die Dr. Levin in Philadelphia vor anderthalb Jahren gehalten hat, und der „American Jewish Chronicle“ brachte in seiner Nummer vom 28. Juli einen Artikel von Dr. Lcvin, betitelt: „Eine Jüdisch-Nationale Anleihe“. Nach Dr. Levin’s Plan sollten hundert wohlhabende Jüdische Gemeinden und Organisationen sich an dieser Anleihe beteiligen, jeder sollte 200.000 S. beisteuern, und andere weniger begüterte Jüdische Gemeinden sollten zusammen weitere 10,000.000 S. aufbringen. Dr. Magnes hat diesen Plan Dr. Levins gelesen und mit ihm persönlich sogar besprochen. Wir sind daher nicht imstande zu begreifen, wie angesichts dieser Tatsachen, Dr. Magnes zufolge einer Newyorker Tageszeitung behaupten kann, dab die Tdee der Anleihe ihm von einem Bankier in Wall-Street vorgeschlagen wurde. Nichtsdestoweniger sind wir erfreut zu sehen, daß f)r. Magnes sich mit seinen früheren zionistischen Freunden in dem Bestreben vereint, dem Jüdischen Volke in wirksamer und würdiger Weise zu helfen. Wir hoffen zuversichtlich, daß die Idee der Anleihe in nächster Zukunft definitivere Formen annehmen wird.“ Louis Marshall billigt int- Namen des „Joint Distribution-Committee“ die vorgeschlnge^e große Anleihe. In amerikanisch-jüdischen Kreisen betrachtet man die Verwirklichung des von Dr. Magnes in einer großen Volksversammlung näher ausgeführten Projektes der Millionen-An'eihe mit Optimismus, nachdem auch das „Joint Distribution-Committee“ sich für die Anleihe ausgesprochen hat. Der Präsident, Herr Louis Marshall, äußerte folgendes: „Dr. Magnes’ Plan für die endgültige Lösung des Problemes betreffs der Zukunft der leidenden Juden in den Kriegszonen hat meine vollkommene Billiguw. Im gegebenen Zeitpunkte werden wir uns den Details des Planes widmen. Heute jedoch müssen alle vor allem der Hunderttausend denken, die ohne Kleider sind, die hungern, unu die von uns erwarten, daß wir ihnen sofort Hilfe bringen sollen. Das „Joint Distribution-Committee“ will daher während des Fahres 1917 fiir augenblickliche Hilfeleistung 10,000.000 Dollars aufbringen. Dieser Aktion werden wir alle unsere Energie widmen müssen, aber ich bin überzeugt, daß das Indische Volk in Amerika seinen Brüdern nicht nur in der bitteren Not-des Augenblicks'helfen wird, sondern auch dazu beitragen wird, dab sich die Juden der Kriegszonen, wenn der Krieg vorüber ist, wieder ihre eigene Existenz aufbauen können.“ Fast 3 Millionen Do'Iars, das ist*ein Drittel der Gesamtsumme, wurden einer Kabelmeldung aus Newyork zufolge, aut einem großen Meeting in Newyork, mit dem die neue Aktion des Amerikanisch-Jüdischen Hilfskonitees zur Aufbringung von 10 Millionen Dollars eingeleitet wurde, gezeichnet. Eine Genossenschaft zur Versorgung der jüdischen Arbeiterschaft Palästinas mit Lebensmitteln wurde unter dem Namen „Hamaschbir“ von der Arbeiterschaft Galiläas gegründet, deren Aufgabe es sein soll, in der Zeit des „Goren“, wenn das Getreide noch auf 4e- Tenne liegt, Brotweizen und andere wichtige Produkte in größeren Mengen aufzukaufen um sie während des Jahres zu normalen Preisen au ihre Mitglieder abzugeben. Zionistische Bewegung Einen eindringlichen Aufrur „Zur Arbeit“ hat im Anschluß au den Delegiertentag der pohiischen Zionisten, der vor einigen Wochen in Warschau stattfand, die Leitung der polnischen Zionisten, das „Zionistische Büro“ in Warschau, erlassen. Nicht einseitige Fiirsorgearbeit, allen Zweigen der zionistischen lind jüdischen Tätigkeit sollen die polnischen Zionisten gerecht werden! Die Nationalfonds- und Sdiekelsamni'imgen, die Sammlungen zu Gunsten der palästinensischen Pioniere, die Arbeit für die Neueinrichtung von jüdischen Schulen, all das soll im Arbeitsprogramm der Zionisten stehen. Doch vor allem die Pflichten gegen die Zionistische Organisation, de m „von der inneren Stärke und weitesten Verbreitung und Verzweigung unserer Organisation ist die Zukunft des jüdischen Volkes abhängig. Im Chore der nach Freiheit und Selbständigkeit strebenden Nationen muß auch die Stimme unseres Volkes erklingen. Nur in einem reinen, echt zionistischen Herzen kann der Gedanke der jüdischen Freiheit seinen würdigen Platz finden. Dean es gibt keine jüdische Freiheit ohne die Verwirklichung des zionistischen Ideals.“ Man muß die Verhältnisse kennen, unter denen die polnischen Juden leben, die Schwierigkeiten, unter denen die polnischen Zionisten arbeiteil, um den Ernst der Arbeitswilligkeit, der aus diesem Aufrufe spricht, voh zu würdigen. Die Ben-Awigdor-Feier in Warschau. An der anläßlich der 25-jährigen literarischen Tätigkeit B e n - A w i g d o r s (A. L. Schalkowitsch) ver-