Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 2 (12.1.1917)
- Date
- 1917-01-12
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nh 2 JÜDISCHE ZEITUNG Ein sonderbarer“ Seelenhirt Folgendes Schreiben ist uns zugesendet worden: „Geehrte Redaktioni Die Klage darüber, dab bei der Auswahl der jüdischen Militiirsorger mancher Verstoß unterlaufen ist, findet im Nachstehenden traurige Bestätigung. Herr Josef Orünstetd, k. ü. k- Feldrabbiner, Leiter . der isr. Militärseelsorge in Poszony (Preßburg), versendet an die jüdischen Soldaten im Felde gedruckte Feldpostbriefe. Einer derselben (Jahrgang 1, Nr. 2, vom 1. Juli 1916) ist mir in die Hände geraten. Ich bringe dieses auch in stilistischer Hinsicht greuliche Machwerk in wortgetreuer Uebersetzung aus dem Ungarischen: „Göttliche Rache! Frohlocke im Uebermaß des Jubels, es schwelle Dein Herz im süßen Gefühle der Rache, wenn es Dir gelungen ist, Deinen Feind zu vernichten. Ja, jubele an dem Zunichtewerden Deines Feindes. Eine Herzenserfrischung seine höllische Pein. Sein Todesröcheln sei Musik für Dich. Oh, wie süß ist die Rache. Ich bedauere es, dab ich nicht unter Euch seii kann, weil ich .zu keiner Waffe greifen kann. Aber in dem Maße, als ich.es zu erhoffen vermag, möge sieden Euer Haß, weil Ihr damit nicht' nur dem Vaterlande, sondern auch Gott dienet. Die Rache, ja die Rache soll Euch beleben. Nicht Ihr sollt den Feind bekriegen, sondern die göttliche Rache. Tretet sie nieder, Euere Feinde, und lächelt-, wenn sie sich winden wie Würmer, jauchzet beim Anblick des dampfenden Blutes Euerer Feinde. Schreitet über -ihre Leiber hinweg, denn süß ist die Rache.“ Die Entfernung des offenbar geistesgestörten Verfassers, dessen krankhafte Auslassungen die Ehre des Judentums und - der österreich-ungarischen Armee ernst'ich gefährden, sollte so rasch als möglich erfo'gen.“ Aus der jüdischen Welt Die Schäden, die die deutschen Juden durch den Krieg erlitten haben, stellte Dr. Blau-Berlin in einem Vortrag in der Frankfurter Ortsgruppe des Vereins für jüd. Statistik und Demographie dar. Der Geburtenrückgang und die Abnahme der Eheschließungen sind bei der jüdischen Bevölkerung in höherem Prozentsätze zu verzeichnen als bei den nichfjüdischeii. Diese besorgniserregenden! "Erscheinungen beschäftigten bereits vor derp Kriege die jüdische Oeffehtlichkeit. Der Krieg hat, hier jedoch katastrophal gewirkt. Während Gm Jahre 1913 in Berlin 588 Trauungen stättfanden, gab es im. Jahre J916 bis Ende ‘No- ,vember .nicht .mehr als. 138. , Wenn maii -äireh noch. den.. Alonat Dezember mit dem Durchschnitt von 12 heranzieht, so sind es immer noph erst 150. Das bedeutet also ein (Sinken von 588 auf 150 jährlich. Eine (Vermehrung haben nur die Mischehen zu verzeichnen. Dagegen ist die Zahl der Austritte aus dem Judentum von 182 im _ Jahre" 1913 auf 91 im' Jahre 1916 gesunken,'was der Referent eben nur auf die Abwesenheit der vielen Männer zurückführt und keineswegs als Zeichen der Besserung ansieht. Das Kapitel der Judenzählung betreffend, erwähnte Dr. Blau, daß dem bei Kriegsausbruch von Seiten der vereinigten jüdischen Organisationen an die jüdischen Gemeinden ergangenen Aufruf zur Einsendung von Material, das sich aut die Beteiligung der Juden am Kriege bezieht, , nicht in vollem Maße entsprochen werde. Von -1800 ' Gemeinden haben bloß 1500 dem Wunsche Rechnung getragen. Genauere Daten sind .vorläufig noch nicht bekannt, man ist jedoch an den kompetenten Stellen der Ansicht, daß die Zählung ein günstiges Resultat haben wird. ' Der Staatssekretär Dr. Zimmermann hat sich »über die Juden in Polen der „Nat. Ztg.“ zufolge, unlängst Mr. Lionel Markus, dem Vertreter der Jüdischen Armenhaus-Gesellschaft in Newyotk, geäußert. Die deutsche 'Regierung betrachtet die Juden genau in demselben Lichte wie die Angehörigen irgend einer anderen, unter ihrer Jurisdiktion stehenden Rasse., Dies hat sie immer getan, im Kriege wie im -Friedem. Und bei. der Reorganisierung Polens könne man versichert sein, dab keinerlei Unterschied in der Behandlung von Personen jüdischer Abstammung und solcher anderer Rasse gemacht werden wird, und dab ihnen alle Rechte und Privilegien eingeräumt Werden sollen, welche den Gesetzen der Menschlichkeit und der Unparteilichkeit entsprechen. ~ Mit der Organisierung der Bezirksbüros versucht die Warschauer jüdische Gemeinde das" jüdische Wohltätigkeitswesen der Stadt zweckmäßig .zu zentralisieren. Damit Soll ein gewisses System in.ldie philant'OPische Arbeit hineingetragen werden. ‘ Es sind acht Büros, die unter einem Zentralbüro arbeiten. Bis jetzt befaßt' man sich lediglich mit der Registrierung der Unterstützungsbedürftigen; es ergaben die Listen aller acht Anstalten 23.088 Familien, was gleichbedeutend ist mit etwa 140.000 Personen, 40“'o der gesamten jüdischen Bevölkerung. Auf dieser Grundlage soll nun das ganze Unterstützungswesen neu aufgebaut und von den einzelnen Büros geleitet werden. Protopopows erster Regierungsakt liegt nun ln der Form eines Gesetzentwurfs über die Re- : form der städtischen Selbstverwaltung vor. Dieser_ Entwurf des russischen Ministers des Innern, der. durch seine. Erklärungen zu Gunsten der judenemanzipation von sich reden machte, •enthält einen Zusatz, wie ihn seit dem Bestehen der Duma noch keiiF Gesetzentwurf in solch deutlicher Unmittelbarkeit enthielt : Die "Beschränkungen für die Jude/i bleiben in Kraft bis zur allgemeinen Revision der . Gesetzesvorschriften über die Juden. Die erste Zu ammenkunft der jüdischen Turn- und Sportvereine fandam 26. Dezember in Lodz statt. 42 Delegierte aus verschiedenen polnischen Städten und 150 Gäste wohnten der ersten Sitzung bei. Die Debatte behandelte ein allgemeines Programm für sämtliche jüdischen Turn- und Sportvereine Polens. Berits wu-der, folgen ic B.Schlüsse gefaßt: 1. Die jüdischen Turn- und Sportvereine in Polen stehen auf nationalem Boden; 2. Ihre Ko'mmandosprache ist hebräisch. Ein bulgarisch-jüdisches Hospital haben die Juden von Sofia im Atittelpunkt der Stadt errichtet, das. sie selbständig erhalten. Die Regierung hat der Gemeinde ihren Dank für ihre Opierbereitschaft ausgesprochen. Das Interesse nichtjüdischer Kreise in Italien für die Juden ist im Zunehmen begriffen- Der (nichtjüdische) Parlamentarier C a p p a sprach in Mailand zu Gunsten des Roten Kreuzes über '.‘Die jüdische Frage nach dem- Kriege“. Er schilderte ihre traurige Lage, in Rußland und in Rumänien und hob hervor, wie notwendig es sei, den Juden alle Rechte zu verleihen. Zum. Präsidenten der Liga „Pro I s r a e 1 e“ wurde Prof. Pietro Bonfante erwählt. Weizen für Jerusalem schenkte der kommandierende General einer Armee, Djem'al Pascha, der am 19. November 1916 Jerusalem besuchte und von den Vertretern aller Gemeinden dpr Stadt feierlich begrüßt wurde. Die jüdische Gemeinde erhielt davon 76 Tausend Kilo Weizen zur unentgeltlichen Verwendung für die Armen. Außerdem erhielten die Juden von der Stadtverwaltung 50 Tausend Kilo Weizen, die unter allen jüdischen Zweiggemeinden der Stadt verteilt werden sollen. Der Rektor der Newyorker Universität, Professor Brown, hat ein Schreiben an die amerikanisch-jüdische Studentenvereinigung „Menorah“ gerichtet, in dem er den Mitgliedern, empfiehlt, hebräische Literatur und jüdische Geschichte zu studieren, um sich so die spezifisch jüdischen Tugenden zu erhalten, Er spricht die Aleiniing aus,' dal), die Juden für Amerika von großer Bedetttung sein können., Zionistische Bewegung Eine Aktion zu Gunsten des Hygienischen Instituts in Jerusalem ei* Elberfeld ergab die Summe von 2122.70 A4:; sie soll zur Beschaffung wichtiger Medikamente, besonders von Chinin und Impfstofien, verwandt werden. Eine zionistische Volksversammlung in Zürich, zu Gunsten des Nationalfonds und der Palästina-Hilfsaktion, veranstaltete der „Makkabi“ am 10. Dez. 1916. Die Herren Kuk und Dr. Brannstein-Mrb'aschan aus Jaffa erzählten von den Kriegsjahren in Palästina. Darauf •sprach Herr Dr. Klatzkin von den Leiden der Ostjuden, ihrer Not im Kriege und ihren Aussichten nach dem Kriege. Er richtete einen warmen Appell an die Versammlung, das Märchen von der Kluft zwischen Westjuden und Ostjuden verschwinden zu lassen und mit voller- Kraft zu helfen, sowohl den Juden in Palästina wie denen im Golus. Eine unter dem Publikum veranstaltete Sammlung zu Gunsten der Palästina-Hilfsaktion ergab. 500 Fr. — Am 13. Dez. veranstaltete der zionistische Studentenverein „Hechawer“, Zürich, eine öffentliche Versammlung, bei der Dr. Klatzkin über „Die Aufgaben der jüdischen akademischen Jugend“ sprach. An den ausführlichen, vom Publikum mit großem Beifall aufgenom'menen Vorfrag, schloß sich eine Diskussion. — Der „H ec h a w e r“ hat seit anfangs Dezember, gut besuchte Sprachkurse wiedereröffnet. Cie zionistische Propaganda in Italien wird in letzter Zeit recht intensiv betrieben und sucht : vor allem die Jugend für den Zionismus zu gewinnen. Hehräische Sprachkurse, jüdische Geschichtskurse, Vorträge über biblische und modern-jüdische. Fragen tragen dazu bei, die Juden Italiens enger mit dein Judentum zu verknüpfen und sie allmählich für den Zionismus zu gewinnen. Besonders in Rom hat sich unter der Leitung des bewährten zionistischen Mitarbeiters, Herrn Dr. J. Bluwstein, ein reges zionistisches Leben entwickelt. Die hebräischen Sprachkurse werden dort rein wissenschaftlich organisiert und durchgeführt und erfreuen 'sich großer Popularität. Herr Dr. Bluwstein selbst hat zwölf Vorlesungen über jüdische und zionistische Geschichte .angekündigt. Der italienische Finanznrnister Luzzatti wurde von einem der Organisatoren der „Massachussets Credit-Union“, Herr Max Mitchell, durch das State Departement in Washington im Namen des Direktoriums aufgefordert, nach den Vereinigten Staaten zu kommen, um Pläne für die Aufbringung der großen Anleihen zuin Zwecke wirksamer Hilfeleistung für die Juden in den Kriegszonen auszuarbeiten. Herr Mitchell hält die Ver wirklichung der großen finanziellen jüdisch-amerikanischen Projekte nur dann für realisierbar, wenn nach den bewährten Prinzipien verfahren wird, die Signor Luzzatti in der „Banca Popolare von Milano“, der bestorganisierten Volksbank, angewandt hat. Das jüdische Hilfswerk in - Rumänien. In Galatz hat sich unter dem Vorsitz des Präsidenten der rumänischen Zionisten, Herrn M. Heinrich Schein, ein Hilfskomitee gebildet, das mit dem provisorischen Exekutiv - Komitee in Newyork in Verbindung stellt. Seine Tätigkeit besteht in der Verteilung der allgemeinen Hilfsspenden und der Weitersendung von Geldern und Briefen an Privatpersonen, die von ihren amerikanischen Verwandten Nachrichten und Unterstützungen empfangen. Auf diese Weise hat das Transfer-Departement des PEC zu all den übrigen kriegsführenden Ländern nun auch die Sorge für Rumänien übernommen. Der bekannte jüdische Schriftsteller L. Katzeneisohn, dessen Schriften unter dem Pseudonym Buki ben ’Jogli in alle jüdischen Kreisen gedrungen sind, feiert in Petersburg seinen 70iährigen Geburtstag. Der Jubilar, kündigt die baldige Veröffentlichung einer Autobiographie an, die mit großer Spannung erwartet wird. Amerikanisch-jüdischer Kongreß. Durch die Wahl von 70 Mitgliedern seitens der „Konferenz amerikanisch-jüdischer prganisätionen“ in das allgemeine Exekutiv-Komitee von 140 Vertretern, die den Kongreß zu organisieren und einzuberuten haben, ist . der Streit um den .-amerikanisch-jüdischen Kongreß endgültig beigelegt. Definitive Beschlüsse sind in den nächsten Wochen zu erwarten. Zur Konvention des „People’s Relief Committee“, (Volkshilfskomitee), die Ende November in Boston stattgefunden hatte, waren ungefähr 200 Delegierte erschienen, die 100 Vereine in den Vereinigten Staaten und Kanada repräsentierten. „People’s Relief Committee“ ist ein Jahr.-später als die zwei anderen Komitees, das „Amerikanisch-Jüdische“ und das „Central-Hilfs-Comite“, begründet worden. Das Komitee hat' in 1(4 Jahren 700.000, also mehr als 10»-o der ganzen Summe, die von Amerika für die vom Kriege' betroffenen Juden überhaupt überwiesen wurde, aufgebracht. Das „People’s Relief-Committee“ wendet sich an alle Schichten der Bevölkerung und läßt jeden -an dem Volkswerke mitarbeiten. Die Konferenz ist eiiibertifen worden, um ' die - bisherige Hilfs'arbeit aller amerikanisch-jüdischen Hilfsvereine zu diskutieren, Propaganda besonders unter den arbeitenden Klassen amerikanischer Juden zu machen und neue Mittel aufzubringen, um die Kriegsnot in Rußland, Polen und Galizien zu lindern. Die Sitzung dauerte drei Tage und schloß mit einer öffentlichen Volksversammlung, zu der 5000 Menschen erschienen waren. Dr. Schmarja L e v i n, Abraham C a hä n, Korgreßmann Meyer-London, Louis L i p s k y, Leo Atotzkin u. a. m„ hielten Ansprachen, und 50.000 Dollars wurden -auf diesem Meeting gezeichnet. Die Zionistische Föderation in Argentinien hat dem Provisional Exekutiv-Komitee bisher 107.000 Dollars für Hilfsaktionen überwiesen. ^0 Prozent dieser Summe sind für Palästina bestimmt. Auch organisatorisch leistet die-Föderation sehr viel, sodaß sowohl die NationalrFonds- Eingänge wie auch die Schekelgelder einen erheblichen Aufschwung genommen haben. Die hebräischen Schulen in Jerusalem, die infolge der herrschenden Kinderkrankheiten eine Zeitlang geschlossen waren, wurden zu Anfang des Monats Heswan wieder - eröffnet. Gleichzeitig begannen auch die Abend-Kurse für Erwachsene wieder, die die Schüler des hebräischen Lehrerseminars unentgeltlich leiten. / Zionisten im Felde Ohit. Dr, A 1 b e r t S e h ö n h o f, A. H. der I.-A. Verb. Ivria in Wien, unser hervorragender Gg., seit Kriegsbeginn 4 mal im Felde, mit der silb. Tapferkeitsmedaille, dem bronz. u. si!b. Signum .laudis ausgezeichnet, fiel am. 16. Dez. 19.16 an der Spitze seiner Komp, am nördl. Kriegsschauplatz. E.-Fr. Korp. Max Brad v aus- Wien, Mitglied der Neu re Je hu da,’ wird seit dem 15. Juni 1916 vermißt. Nach Aussage seines Leutnants ist er bei Kozin (Wolhynien) .in russische Gefangenschaft geraten. Gg., Lt. des Feldkanonenreg. 54, David Erdtrachf, hat bereits die vierte Auszeichnung für hervorragend tapferes Verhalten vor dem Feinde erhalten: die silberne Tapferkeitsmedaille I. u. II. Klasse, den türkischen Eisernen Halbmond und nun auch das Signum laudis. Flir. in der Reserve, Sigfried Vogel, Bursch der jiid.-akadem. Vbilg. Massadah, wurde für tapferes Verhalten vor dem Feinde mit-der silb, Tapferkeitsinedaille II, Klasse ausgezeichnet.