Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 11 (1917)
- Issue
- 2 (12.1.1917)
- Date
- 1917-01-12
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 zu Grunde geht, dann geht der Zionismus auch zu Grunde. Die sektiererische Richtung entstand mangels eines Programms der Tat. Der Redner spricht sodann über das Komitee des Ostens. Das Komitee hat, das jüdische Dezernat in Warschau geschaffen, hat .Lebensmittelzüge nach Polen organisiert, kurz, praktische nationale. Arbeiten geleistet. Das war nur möglich aut Grund eines Mindestprogramms, durch das man die Unterstützung der anderen erwarb. Der Grundcharakter der Partei muß ein politischer bleiben. Jakob W o 1 f f - Frankfurt a./M. spricht gegen die mangelnde Beobachtung der religiösen Gebote durch Unsere Lehrer in Palästina und fordert Abstellung durch - das A.-C. Julius B e r g e r bestreitet, daß es die eigentliche Pflicht der Leitung im Kriege gewesen sei, eine Rettungsaktion zu Gunsten der Ostjuden vorzunehmen. Schon auf dem ersten Kongreß wurde eine angeregte Aktion zu Gunsten der Bergarbeiter von Boryslaw unter Herzls Führung abgelehnt. Aehnlich war es zur Zeit der Progrome, wo gerade Wolffsohn es ablehnte, Gelder des JCT. für eine Rettungsaktion herzugeben. Außerdem ist ja die Not im Osten kern Kriegsprodukt, sie war schon vor dem Krieg furchtbar und ist , nur verschärft worden. Wer dachte vor dem^ Kriege an Rettungsaktion? Wo aber hat je ein Ostjude von uns eine Rettungsaktion, verlangt? Was wollte Rosenbaum von uns für Wilna trotz allen Elends? Geld fürs hebräische Gymnasium in Wilna. Jetzt müssen wir karg sein und an unseren Juden festhalten, auch in diesen schweren Zeiten. Es kann nicht Unsere Aufgabe sein, Geld zu sammeln, Küchen zu gründen und ähnliche Hilfsarbeit zu leisten. Das A.-C. hat seine Aufgaben in Polen unter denselben Grundsätzen durchgeführt wie seine sonstigen Aufgaben. Das A.-C. hat 'sich die Z.-V, f.D. als Organ gewählt, um seine Aufgaben durchzuführen. Das Wichtigste war auch hier die Erhaltung der zionistischen Organisation. Wir haben ,/j lir Grundlage unserer Arbeit die Zusammenarbeit mit den östlichen Zionisten gemacht, die unsere Stellung restlos gebilligt haben. Wir hielten es für falsch, von Berlin aus Direktiven zu geben, ohne mit unseren Freunden uns zu beraten und uns' schlüssig 'zu werden. Ich halbe es auf der geheimen Sitzung vermieden, das Komitee für den Osten anzugreifen oder auch nur zu nennen. Jetzt aber muh ich Herrn Dr. Friedemann erwidern. Es ist nicht möglich, das polnische Judentum von außen her zu organisieren. Wir haben von den Zionisten angefangen und ein großer Erfolg war der polnische Delegiertentag in Warschau. In dieser Richtung wird die Arbeit fortgesetzt. Als ich nach Polen ,kam, verlangte ich die Organisierung des Hilfswerkes, denn das bisher Bestehende war schlecht und ist noch schlecht. Es war unmöglich, weil das deutsche Judentum nicht national genug ist und weil deshalb das deutsche Judentum nicht die geeignete Potenz für diese. Hilfs-, arbeit ist. Das Hilfswerk des Hilfsvereins hat mit seinen 10 Millionen, die er im Rachmonuswege verteilt hot, so gut wie nichts 'erreicht. Diese Prinzipien will man jetzt in unsere Bewegung hineint.-agen. Dennoch sind wir in das allgemeine Hilfskomitee eingetreten, und 'hoffen dort etwas zu erreichen. Aber jetzt nach der Gründung des Königreichs Polen handelt es sich um die nationalen Rechte der po'nischen Juden. Jetzt muß diese Arbeit in Angriff genommen werden, die höhere Arbeit des Komitees für den Osten war ohne jeden Erfolg. Jetzt zur geeigneten Zeit haben wir diese Arbeit begonnen und haben schon manchen Schritt getan, der wirkliche Erfolge verspricht. Es ist nicht richtig, daß das jüdische Referat durch das Komitee für den Osten eingerichtet wurde und ähnlich liegt es mit der Hilfsgesellschaft und anderen Erfolgen. Lebensmittel aber haben wir eben so gut nach "Polen gebracht, wie das Komitee für den Osten. Wir haben es verstanden, alle Gegner, die mitarbeiten wollten, heranzuziehen, wie Herren Ko'lenscher und Herrn Nahum Goldmann, die mit unserer Arbeit heute durchaus einverstanden sind. Die Hecha uz-Bewegung ist der tiefste Ausfluß der Not im Osten, Schulen, Kultur, Pa'ästina, Zionismus sind die Forderungen, die der Osten aufstellt: Der rächste Redper ist Herr Calvary als Berichterstatter der KuLurkommiss:o\ Wir schlagen Ihnen vor, daß für die taktische und politische Gegenwartsarbeit nicht so sehr Herrn Schockens Vorschläge in Frage kommen, und daß es sich in der Hauptsache um die Schaffung eines kulturellen Ausschusses handelt. Dieser muh in seinen Mitteln unabhängig sein, muß ein Büro haben und muß seine Mittel selbst aufbringen. Er muß Zunächst sich um die hebräische Arbeit kümmern (Organisierung von Kursen, Schaffung von Lehrstoff usw.), ferner soll ein literarischer Ratgeber herausgegeben werden. Wir schlagen folgende Resolutionen vor: Der Delegierten'tag beschließt die Einrichtung von zionistischen 'Arbeitskreisen. Die Organisierung ■ von Arbeitskreisen, für Wirtschaft-, liehe und politische Arbeit übernimmt das Zen¬ Wer möchte sich noch der Wichtigkeit verschließen! die eine erschöpfende Statistik der jüdischen Ausgezeichneten und Gefallenen des Weltkrieges für das jüdische Interesse hat? Darum mache es sich jeder wohlgesinnte Jude zur Pflicht, dem , ft as II I If I 1 ■ Wien II., Praterstraße 43 (Telephon 43319) die Daten über alle Ausgezeichneten und Gefallenen, von denen er Kenntnis erhält, bekanntzugeben. (Anzugeben sind: Vorunef Zuname, Truppenkörper, Rang, Zivilberuf,. Geburtsjahr- und Tag, Geburtsort- und Land, genaue Bezeichnung der Dekoration, Anlaß der Dekoration, Ort und Datum des Todes oder der tödtlichen Verwundung auf dem Schlachtfelde). tralkomitee. Die kulturelle Arbeit (Hebräisch, nationale Erziehung) wird von einem Hauptausschub geleistet, der aus den Herren Hugo Bergmann, Blum e n feld, brod, Buber, Caivary, Schocken, besteht. Darauf geht Herr Calvary auf die eigentliche Debatte eia und 'setzt die Notwendigkeit jüdischer Kulturarbeit im Golus auseinander. Herr Herrmann spricht nach einigen Bemerkungen über die sich ausgezeichnet entwickelnde Zeitschrift „Der Jude“, über die ,,Jüdische Rundschau“, die ein politisches Blatt geworden sei. Herr IC a r e s k i kritisiert die Polcnpolitik der Leitung im Sinne von Dr. Friedemanns Ausführungen. Nach den Reden der Herren Reich und Margulies erhält Herr Dr. Buber das Schlußwort. Dr. Friedemann nannte die Politik die Kunst des Möglichen. Das mag für große Völker richtig sein, aber nicht für kleine. Für sic ist Politik gerade die Kunst, das Unmöglichste zu ermöglichen1. B'urrenfelds' heutige Ausführungen sind als etwas ganz Neues, als ein Sprung ohne Uebergang bezeichnet worden. Das ist falsch.' Schon als Wir nach Uganda erkannt hatten, daß die diplomatische, aut die Genialität eines einzelnen zugeschnittene Methode nicht zum Ziele führe, haben wir „Kulturpolitik“ gefordert, weil wir einsahen, dab das Volk auf das Land vorbereitet werden müsse. Dann wird der Antrag der Kulturkommission auf die Wahl des sechsgliederigen Hauptausschusscs für Kulturarbeit angenommen und der Delegiertcntag geschlossen. Der vorstehende gedrängte Bericht wird die außerordentliche Bedeutung dieser Tagung erwiesen haben. Sie hat zuerst ein System nationaler Erziehung aufgestellt, und' in den angenommenen Anträgen der Kulturkommission, die im wesentlichen auf Herrn Schockens Anregungen zurückgingen, den organisatorischen Weg zur Durchführung dieser Nationalisierung gefunden. Der Delegiertentag brachte weiterhin die theo-etische Firdietn.ig nationaler Golusarbeit als ei~er im engsten Zusammenhang mit Pn!"'-:ii :> stehenden Arbeit zu dem Zwecke, ein Diasporajudentum zu schaffen, das fähig wäre, mit dem jüdisch mächtig fortschreitende.’. Palästina Schritt zu halten, und die von dor4 kommenden Anregungen fruchtbar zu verwerten. Insbesondere war auch die Pa.'ästinadebatte .reich an Anregungen. | Dr. Zwi Bickels I B Wir haben einen schweren Verlust zu beklagen. In jungen Jahren ist der Redakteur des „Lemberger Tagblattes“, Dr. Zwi Bickels, nach langem und schwerem Leiden, vorige Woche gestorben. Er war ein vielversprechendes, publizistisches Talent. Er vereinigte umfassendes jüdisches und europäisches Wissen mit einer starken literarischen Begabung. Bis zum Ausbruch des Krieges betätigte er sich mehr künstlerisch; von diesem Zeitpunkte an widmete er sich unserer Publizistik, in der er ip. den ’etzten 2 Jahren einen ehrenvollen Platz einnahm. Bickels blieb während der russischen Invasion in Lemberg, hatte dort vieles zu erdulden und harrte, wie viele unserer jungen, starken Talente, ungeduldig des Augenblicks, in dem die Russen die Stadt verlassen würden, um sich, ganz unserer Sache zu widmen. Gleich nach dem 22. Juni 1015 bemühte er sich, das „Lemberger Tagblatt“, das in den Septembertagen 191-1 zu existieren aufgehört hatte, wieder herauszugeben. Einen Tag nach der Befreiung Lembergs erschien unser Tagblatt unter seiner Redaktion und teilte der Judenschaft Galiziens, die sich im Lande oder außerhalb desselben befand, die freudige Botschaft mit, daß die Hauptstadt Lemberg vom Feinde gesäubert sei. Vielen war auch die Nachricht lieb, dab unser Tagblatt wieder erschien. Der junge, bisher ziemlich unbekannte, unerfahrene, aber von den besten Absichten geleitete Mann stellte 'sich pui idie Spitze des Blattes, dessen Redakteur er bis zum letzten Atemzuge blieb. Er führte das Blatt nicht nur auf diese Weise, Das Blatt fristete nicht bloß sein Dasein — was unter den exzeptionellen Umständen auch ein Verdienst gewesen wäre sondern er gab ihm auch eine Tendenz, eine Richtung. An der Spitze des Blattes stand ein Schriftsteller, der dem Leser etwas gab, der häufig Recht hatte, manchmal auch irrte, der neue Bahnen einschlagcn wollte, richtige und unrichtige, mit einem Worte, eine' Persönlichkeit. Wie stark entwickelte sich bickels! Der junge, unreife, in Kunst und Politik diliettierende Literat wurde nach Kriegsausb;uch zu einem ernsten, reifen Manne. Bickels war Jiddischist. Er war es, trotzdem er auch ein guter Hebräer war. Er war es mit ganzer Seele und mit starker Ueberzcugung. Man spürte es im Tagblatt. Die Tendenz dieses Blattes wurde in stärkerem Maße jiddischistisch als sie es unter der früheren Redaktion war. Wie überhaupt das Blatt unter Bickels eine andere Richtung einnahm. Sein Vorgänger Moses Frostig, der sich seit zwei Jahren in englischer Kriegsgefangenschaft auf der Insel Man befindet, war unstreitig das stärkere Talent. Frostig war trotz junger Jahre ein Mann von großer Reife des Urteils, von weitem Blicke, voi einer unverwüstlichen Energie und starkem Arbeitswillen. ' Bickels, deir diese Vorzüge nicht hatte, oder sie mindestens nicht in dem Maße wie sein Vorgänger, bewährte sich aber als Redakteur besser. Das Blatt bekam eine Richtung — nicht immer die entsprechende, aber doch eine Richtung. Der Redakteur wollte etwas, und wenn auch das, was er wollte, nicht ganz meiner Ueberzeugung entspricht, so freut es mich, konstatieren zu können, daß ein Mensch mit starkem Wollen an der Spitze des Blattes stand. Einige Male in der Woche schrieb Bickels Leitartikel im Tagblatt — flotte, leichte, publizistische Arbeiten. Bickel? war nicht nur Redakteur, sondern auch ein guter Administrator des Blattes. Er sorgte für tüchtige Mitarbeit, es gelang ihm, im, Königreich Polen einen bewährten Publizisten, Feinkind, und in den Hauptstädten befreundeter und neutraler Staaten einen Stab tüchtiger Korrespondenten für das Blatt anzuwerben. Auch in der Verwaltung leistete er viel Tüchtiges. Wenn wir das alles hervorheben, müssen wir init um so größerem Lobe uns über seine Leistungen äußern, da sie unter außergewöhnlichen Umständen zustande kamen. Nicht unter ruhigen Verhältnissen, sondern mitten im Weltkriege, auf einem exponierten Posten, den der Feind soeben verließ und der monatelang immer bedroht war, arbeitete Bickels bei Tag und bei Nacht emsig, fleißig, unermüdlich, mit geringen Kräften, mit noch geringeren finanziellen Mitteln. Diese Arbeit schwächte auch natürlich den von Natur aus nicht besonders starken Organismus des jungen Redakteurs. Er sehnte sich nach Ruhe. Im Herbste vorige i Jahres nahm er einen kurzen Urlaub und fuhr zur Erholung seiner Gesundheit zuerst nach Teplitz, daun kam er Für eine Woche nach Wien. Urlaub war bei Bickels laicht identisch >iit Erholung. Urlaub war eigentlich nur ein P atzwechsel. Statt in Lemberg, arbeitete er" i > Teplitz und dann in Wien. Hier besuchte er micji gleich nach seiner Ankunft, wir besprachen gemeinschaftlich die Pläne für die nächste Tätigkeit der Organisation und des Blattes. Er besuchte eine Reihe von Persönlichkeiten und interviewte sie für das Blatt. In den Momenten der Arbeit verschwand sein Leiden, die Spuren seiner Krankheit merkte man nicht; wenn er ah Bei e uni unsere Arbeit dachte, fühlte er sich stark, kräitig, freudig. Mit frischen, neuen Plänen fahr Bickels nach Lemberg zurück. Er begann sie auch alle auszuführen. Mitten in der Erfüllung dieser Pläne und im Entstehen neuer Gedanken erraffte ihn der unerbittliche Tod. Zum Schmerze seiner ihn vergötternden .Familie, zum Leide seiner Partei lind zur Trauer Tausender einer Leser. Mit ihm begruben wir eine Hoffnung. Adolf Stau d. Tretet dem Jüdischen Nationalverein bei! Jahresbeitrag 2 Kronen Anmeldungen: Zirkusgasse Nr. 33 Gesinnungsgenossen! Denket an Eure Presse! 71 987163